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Poesie => Nachdenkliches


Endstation - von Pedro, 01.10.2010
Endstation

I

Nach mehreren Wochen besuchte ihn sein Sohn Ralf eines Abends.
„Hallo, Papa, wie geht’s?"
„Ich habe immer gewartet, dass du mich endlich hier herausholst.“
„Ich konnte nicht eher kommen, zur Zeit haben wir wahnsinnig viel Arbeit in der Firma. Wie gefällt es dir denn hier, hast du dich eingewöhnt?“

Sein Vater antwortete nicht gleich, dann keuchte er:
„Wann holst du mich endlich hier raus?"
"Ich will etwaswa Wichtiges mit dir besprechen, habe gedacht...."
"Seit zwei Monaten bin ich hier. Lange halte ich das nicht mehr aus!"
"Warum das denn?"
"Alles ist hier geregelt, alles festgelegt, die Zeit zum Aufstehen, die Zeit zum Waschen, die Zeit, um aufs Klo zu gehen, die Zeit zum Essen und zum Schlafen, wenn man denn schlafen kann. Ab 21:00 Uhr wird das Licht ausgemacht. Du weißt doch
vielleicht noch, dass ich abends immer noch sehr lange gelesen habe.“
Er sah seinen Sohn nicht an. Immer wieder nahm er seine Brille ab und setzte sie dann gleich wieder auf.
„Aber hier bist du doch gut aufgehoben, hast ein schönes Zimmer, kannst dich unterhalten und musst nicht kochen.“
„Ja, ich bin sehr gut hier aufgehoben, du hast ja keine Ahnung! Unterhalten kann ich mich mit niemandem.“
Er strich sich sein weißes Haar aus der Stirn.
„Beim Mittagessen sitze ich mit anderen zusammen am Tisch. Mir gegenüber die Frau Wotleb, sie kann alleine essen. Ihre Gesichtszüge sind verzerrt, sie schreit manchmal."
"Das sind halt alte Leute, mit der Zeit..."
"Neben mir Frau Stubinski, sie muss meistens gefüttert werden. Ab und zu spuckt sie das Essen wieder aus. Auf der anderen Seite Herr Gutmann, er murmelt ununterbrochen vor sich hin, man versteht aber kein Wort.
Etwas abseits vom Tisch sitzt Frau Koch in einem Rollstuhl, sie isst nicht, lässt sich auch oft nicht füttern, spricht kein Wort. Sie schaut aus dem Fenster und schüttelt öfter den Kopf. Ihr Mann besucht sie fast täglich, sie kennt ihn nicht mehr.

„Das verstehe ich nicht ganz, du wohnst doch hier wie in einem Hotel. Du bist nicht alleine und wirst gut betreut. So schön hättest du es bei uns nicht. Ich arbeite den ganzen Tag, komme spät heim, bin auch oft tagelang unterwegs, Geschäftsreisen. Ute muss die Kinder versorgen, hat noch ihren Fitness-Kurs, hat also auch wenig Zeit, sich um dich zu kümmern.“

„Sag mal, hörst du mir eigentlich zu? Willst du nicht verstehen, was hier passiert? Hier hat keiner Zeit. Einmal hat mir eine Pflegerin einen Rollstuhl gebracht, ich könnte mich dann schneller bewegen, meinte sie. Warum schneller, fragte ich sie, ich habe doch Zeit. Sie aber nicht, hat sie gesagt.“
„Na ja, die Leute stehen bei euch wie überall unter Zeitdruck.“
„Ich habe Patienten gesehen, die Windeln tragen, sie brauchen nicht mehr zur Toilette gebracht werden. Menschen, die noch alleine laufen können, sind später nicht mehr dazu in der Lage, man hat sie im Bett gelassen. Es ist zu wenig Personal da, um sie anzuziehen."
"Siehst du das richtig? Ich glaube..."
"Aggressive Heimbewohner werden mit Medikamenten „ruhig gestellt“. Auf den Gängen sitzen alte Menschen im Rollstuhl, werden morgens dahin geschoben und starren die Wand an.
Irgendwann habe ich einen Mann im Rollstuhl gesehen, seine Hose war herunter gelassen, durchnässt, sein Gebiss lag auf der Armlehne. Eines Tages werde ich auch da so sitzen!“
„Aber du weißt doch, dass du allein nicht mehr in deinem Haus leben kannst. Wie willst du die Treppe aus dem zweiten Stock runterkommen?“
„Ab und zu kommt eine Beschäftigungstherapeutin. Da ziehen wir Perlen auf eine Schnur, schneiden irgendwelchen Unsinn aus Papier aus, malen irgendwelche Figuren an.
Viele jammern laut, schimpfen oder schreien, beschmieren Wände mit ihren Exkrementen. Den Gestank kannst du dir kaum vorstellen, fast musste ich brechen, als ich das zum ersten Mal sah.
Nicht selten rufen sie: „Schwester, helfen Sie mir, ich kann nicht mehr, ich möchte sterben.“
Immer lauter hatte er geredet, zuletzt fast geschrieen. Seine Hände zitterten. Er schluckte und blickte seinen Sohn lange an, so als hätte er ihn vorher nie gesehen.

„Ich will schauen, was ich da machen kann“, sagte Ralf, „vielleicht könntest du in ein paar Wochen bei uns wohnen.“
Georg machte seine Aktentasche auf.
„Hier habe ich einige Papiere dabei, die müsstest du unterschreiben.“
„Um was handelt es sich?“
„Wir haben gedacht, dass du zunächst in diesem Heim bleiben wirst. Das Haus könnten wir dann verkaufen, das steht nur rum. Es müsste auch renoviert werden. Ich könnte einen guten Preis dafür erzielen, die Gelegenheit ist gerade günstig. Da sollte man auch nicht zu lange warten, die Preise für Immobilien könnten wieder sinken.“
Ralf hatte immer schneller gesprochen, seine Hände geknetet, war aufgestanden und hatte sich wieder hingesetzt. Fast sah es so aus, als ob er sich selber mit seinen Argumenten überzeugen wollte. Nicht ein einziges Mal hatte er seinen Vater angeschaut.

Das Haus verkaufen, dachte Paul Höfer, das Haus in dem er und seine Frau so viele Jahre gewohnt hatten, das sie beide geplant und eingerichtet hatten, wo seine Kinder aufgewachsen waren.
Er hatte immer gehofft, eines Tages wieder zurückkehren zu können. Plötzlich wurde ihm klar, dass sein Sohn ihn niemals hier rausholen würde.
„Ja, du hast schon Recht“, sagte er leise.
Er nahm den Kugelschreiber und unterschrieb den Verkauf.
„Ich bin heute ziemlich müde, werde mich gleich hinlegen.“
Er starrte auf den Tisch und klammerte sich daran fest.

„Ja, ich muss auch gleich wieder los, muss noch einmal ins Geschäft.“
Sein Sohn konnte wohl nicht schnell genug wegkommen, dachte er. Er schaute ihm hinterher, als er hinausging. Ralf drehte sich nicht noch ein Mal um.


II

Es war soweit, er würde gehen. Sein Zimmernachbar schlief und schnarchte. Er schlief jetzt fast immer, auch am Tag, belästigte das Personal nicht. Die Klingel hatten sie ihm abgebaut.
Der Mond schien ins Zimmer.
Er richtete sich im Bett auf und rutschte hinaus. Nun stand er neben dem Bett, hielt sich am Nachttisch fest.
Kleine Schritte zum Schrank. Er holte Unterhose, ein Hemd und eine Hose raus. Socken brauchte er nicht. Er konnte sie sich nicht alleine anziehen.
Er bewegte sich mühsam zum Bett zurück, stützte sich ab und zog sich an. Alles ging sehr langsam, immer wieder musste er sich ausruhen.
Die Schuhe standen neben dem Bett, er schlüpfte hinein, sie zuzubinden versuchte er erst gar nicht.
Es regnete leicht, nieselte, die Tropfen rannen an der Fensterscheibe herunter wie Tränen.
Der Vogel, der oft vor dem Fenster gesessen hatte, war nicht da, schaute ihn nicht an, niemand schaute ihn an. Er war allein.
Auf den Stuhl vor dem Fenster stieg er mühsam und hielt sich an der Lehne fest.
Es gelang ihm, ein Knie auf den Stuhl zu bringen. Er musste erst eine Pause machen, brachte dann auch das zweite Knie hoch.
Er schwitzte, etwas schwindlig war ihm. Alle restlichen Kräfte nahm er zusammen und zog sich an der Lehne hoch. Dann stand er schwankend auf dem Stuhl und öffnete das Fenster, Regen lief über sein Gesicht.

Alles ging plötzlich so leicht.







>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)



©2010 by Pedro. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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