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Jeden Tag ein Stück von dir - von Pedro, 12.06.2010

Jeden Tag ein Stück von dir


Es fing langsam an. Ich nahm das zunächst gar nicht wahr. Das ist normal, ich werde eben älter, bin jetzt sechzig.
Namen konnte ich noch nie gut behalten. Irgendetwas suchte ich schon immer, dachte dann, meine Frau hätte es weggeräumt. Kein Grund sich aufzuregen, vermutete ich damals. Beim Joggen wusste ich letzthin nicht, wo ich war, fand mich dann aber doch noch zurecht. Ich ging in den Keller, wollte etwas holen und wusste nicht mehr was, suchte einen Schlüssel und hatte ihn in der Hand.

Montag, erste Unterrichtsstunde nach sechs Wochen. Die Kinder erzählen von ihren Ferienerlebnissen, viele waren im Ausland mit ihren Eltern. Als ich noch zur Schule ging, war das anders - wir hatten kein Geld für teuere Reisen.
Ich merke, dass mir einige Namen von Schülern entfallen sind, schaue in der Schülerliste unauffällig nach, erinnere mich wieder. Das ist mir in den letzten Jahren schon öfter passiert.
In der Pause begrüße ich alle Lehrkräfte. Ich will ihnen eine neue Kollegin vorstellen. Sie war am Anfang der Ferien bei mir. Ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern.

„Hast du die Milch mitgebracht?“, fragt mich meine Frau Susanne.
„Welche Milch?“
„Na ich hatte dich doch gebeten, auf dem Rückweg von der Schule Milch einzukaufen.“
„Davon weiß ich nichts.“
„Du hörst eben nie zu.“

Ich glaube, er vergisst immer mehr, bin besorgt. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber sie passieren immer öfter. Er sucht dauernd etwas, seine Brille, seinen Geldbeutel, letzthin lagen seine Autoschlüssel im Kühlschrank!
Er kommt müde und abgespannt aus der Schule, schläft dann am Nachmittag recht lange, ist manchmal sehr gereizt.
Wenn wir miteinander diskutieren, kann er sich immer häufiger nicht an Namen von Bekannten erinnern.
Er ist ruhiger geworden, nachdenklicher, spricht weniger. Vielleicht sollte er mal zum Arzt gehen.

Heute Nachmittag habe ich Sprechstunde in der Schule. Eine Frau kommt in mein Büro. Ich habe sie schon mal gesehen, erinnere mich aber nicht an ihren Namen.
„Ich glaube ich muss mal mit Ihnen über meinen Sohn sprechen, sein Zeugnis war ja nicht umwerfend. Ich brauche ihren Rat, was kann man da machen?“
Ich weiß noch immer nicht, wer die Frau ist, weiß nicht, wer ihr Sohn ist. Ich versuche mich zu konzentrieren. Ich muss herausfinden, wer sie ist.
„Ja, ihr Sohn ist in letzter Zeit ziemlich unkonzentriert, das merkt man besonders in Mathematik.“
„In Mathematik? Da hat er doch gut abgeschnitten.“
„Ja, aber bei den Textaufgaben hat er Schwierigkeiten, manchmal scheint er sie nicht zu verstehen. Vielleicht wegen seiner Schwierigkeiten in Deutsch.“
„Das habe ich auch bemerkt, wenn er etwas lesen soll, versteht er die Arbeitsanweisungen nicht richtig. Seine Rechtschreibung ist auch grauenhaft.“
Jetzt komme ich der Sache schon näher, der Junge hat Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung, die haben nur drei Jungen.
„Er müsste mehr lesen. Er hat auch Schwierigkeiten, wenn er dann etwas aus dem erzählen soll.“
„Meinen Sie, ich sollte mit Adrian Diktate üben?“
Jetzt weiß ich es, der Junge heißt Adrian. Ich schaue in meinen Unterlagen nach, Adrian Wernet, heißt er, sie ist also Claudia Wernet.
„Diktate üben, ich glaube ja, täglich ein kleines Diktat, er sollte es dann selber berichtigen.“
„Das werde ich dann mal machen“, sagt Frau Wernet und verabschiedet sich.
Eine andere Mutter wartet schon draußen, ich sage das Gespräch ab.

Als ich nach Hause komme, bin ich geschafft. Meine Frau ist nicht da. Gott sei Dank, denke ich, lege mich gleich ins Bett.

Als ich abends nach Hause komme, finde ich meinen Mann zunächst nicht, er ist schon im Schlafzimmer, liegt im Bett, aber er schläft nicht. Er starrt gegen die Decke, sieht abgespannt aus.
Brot hat er natürlich auch nicht eingekauft.
Ich erzähle ihm, dass ich bei Carmen war, am Samstag würde sie mit ihrem Mann zum Abendessen kommen. Vielleicht zusammen mit Beate und Rolf.
Paul ist wenig begeistert, als er das hört. Er sei krank, sagt er, müsse zum Arzt. Er könne sich nicht konzentrieren, habe manchmal Schwierigkeiten, sich an etwas zu erinnern. Bei den Elterngesprächen heute habe er deswegen Probleme gehabt.
Es ist Samstagabend, Carmen und Jürgen, Beate und Rolf sind gekommen. Paul hat gekocht, wurde dabei immer unzufriedener mit sich, erinnerte sich nicht an Rezepte von Mahlzeiten, die er schon oft zubereitet hatte.
Zuerst stoßen wir mit Sekt an.
Wir sprechen von unserer Arbeit und über Reisen. Paul redet wenig, geht dann nach draußen. Als er wieder rein kommt, sagt er:
„Also lasst uns jetzt endlich mal anstoßen.“
Alle schauen sich an, Paul merkt, dass irgendetwas falsch gelaufen ist und lacht etwas verkrampft. Ich helfe ihm:
„Doppelt genäht hält besser“, sage ich.
Die Stimmung wird beim Essen gelöster. Paul erzählt von seinem Aufenthalt in Kolumbien vor zwanzig Jahren, viele Einzelheiten, es wird viel gelacht.
Als ihn dann Jürgen fragt, ob er schon alles vorbereitet habe für das nächste Wochenende, schaut Paul ihn etwas hilflos an.
„Nächstes Wochenende?“
„Ja, nächstes Wochenende. Wir wollen doch zusammen zum Angeln fahren.“
„Ach ja, klar, alles vorbereitet.“

Ich bin froh, dass jetzt alle wieder weg sind, bin irritiert, habe gemerkt, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich zu erinnern.
Auch das Sprechen ist mir schwer gefallen, die andern haben hoffentlich gedacht, dass ich zu viel getrunken habe.
Ich bin müde.

Wir gehen bald ins Bett, Paul schläft sofort ein. In letzter Zeit dauert sein Schlaf nur wenige Stunden, dann geistert er unruhig im Haus herum.
Ich kann nicht gleich einschlafen, in meinem Kopf läuft alles durcheinander. Paul konnte sich nicht erinnern, dass er mit Jürgen zum Angeln fahren wollte, dass wir schon mit Sekt angestoßen hatten.
Endlich schlafe ich ein.

Ich bin gegen 2:00 Uhr in der Nacht wieder aufgewacht, stehe leise auf, um Susanne nicht zu wecken. Auf der Terrasse rauche ich eine Zigarette. Alles ist ruhig. Ich schaue die Sterne an, erinnere mich an eine Nacht mit meinem Vater. Ich war damals wohl acht Jahre alt. Er erzählte mir, dass sie sehr weit weg seien, so weit weg, dass möglicherweise einige gar nicht mehr existierten, der letzte Lichtstrahl von ihnen sei noch nicht bei uns angekommen.

Meine Frau begleitet mich in die Praxis von Dr. Horstmann. Wir haben unseren Besuch vereinbart, müssen nicht warten. „Gut sehen Sie aus“, sagt er zu Susanne, „was für Probleme haben sie?“
„Ich habe keine, aber mein Mann hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, er vergisst Sachen, sucht dauernd irgendetwas, glaubt dann, ich hätte die Sachen weggeräumt, reagiert dann öfter ziemlich aggressiv.
Wenn er von der Schule nach Hause kommt, ist er müde, abgespannt. Er hat auch kein Interesse mehr, dass Freunde und Bekannte uns besuchen kommen.
Er hat immer viel gelesen, war an allem interessiert, diskutierte gerne, jetzt nicht mehr.
Manchmal glaube ich, dass er Depressionen hat.“

Ich lasse meine Frau reden, schüttele manchmal den Kopf, im Grunde hat sie aber Recht.
Dr. Horstmann schaut mich nachdenklich an, nimmt mir Blut ab und schickt mich zu einem Spezialisten. Eine Gehirntomografie soll gemacht werden.. Er sagt, ich solle morgen noch einmal kommen. Er habe dann mehr Zeit. Er schreibt mich für eine Woche krank.

Ich bin wieder beim Arzt. Er fragt mich, ob ich denn auch merke, dass mir gewisse Dinge schwer fallen. Ja, sage ich, ich glaube, ich hätte Schwierigkeiten, mit mir und auch mit anderen.
Er meint, einen Gehirntumor könne er ausschließen, er würde jetzt einen Test mit mir machen, einige Fragen seien zwar etwas komisch, aber die gehörten dazu.
Er fragt mich nach dem heutigen Wochentag und wo wir uns gerade befänden.
Ich muss Wörter wiederholen, sie rückwärts buchstabieren, einfache Rechenaufgaben im Kopf lösen.
Dann will er wissen, ob ich mich noch an einige Wörter erinnere, die ich gerade wiederholt habe.
Ich kann mich nicht erinnern.
Ich muss Pflanzen und Musikinstrumente aufzählen, ein Blatt Papier falten, beliebige Sätze sagen und eine Figur nachzeichnen.
Zuletzt fragt er mich noch, ob ich gemerkt hätte, dass mein Geruchssinn nachgelassen habe, ob ich Schwierigkeiten beim Autofahren bemerkt hätte, nachts gut schlafen könne.
„Nachts wache ich immer wieder auf, habe dann Schwierigkeiten wieder einzuschlafen“, sage ich.
Er schaut sich die Ergebnisse auf seinem Testbogen noch einmal an, sagt dann zögernd, dass ich möglicherweise die Alzheimer-Krankheit hätte. Ich könne längere Zeit nicht mehr in der Schule arbeiten, bräuchte viel Ruhe und Bewegung an der frischen Luft, keinerlei Stress.

Ich komme von der Arbeit nach Hause, halte im Hof und steige aus. Die Haustür ist offen, Paul kann ich nicht finden. Ich gehe wieder nach draußen, schaue im Garten umher, rufe nach ihm.
Dann sehe ich ihn. Er steht vor der Eingangstür des Nachbarhauses, es ist ein Reihenhaus, sieht so ähnlich aus wie unseres.
Er scheint froh zu sein, mich zu sehen, kommt zu mir und begrüßt mich. Er hätte sich bei den Nachbarn etwas angeguckt, die Haustür, wir sollten unsere langsam mal erneuern.
Er müsse auch mal wieder seine Mutter anrufen, wir sollten sie einladen, sie sei immer so allein, am Wochenende.
Seine Mutter ist schon lange tot.

Ich habe dann Dr. Horstmann um ein Gespräch gebeten.
Er setzt sich neben mich, hält meine Hand fest. Er sagt, dass ich eine starke Frau sei, er würde mir reinen Wein einschenken.
„Ihr Mann hat Alzheimer. Bei dieser Krankheit treten Orientierungsprobleme, Sprachschwierigkeiten und Konzentrationsstörungen auf. Langsam aber unaufhaltsam verlieren die Betroffenen ihr Gedächtnis. Häufig entwickelt sich eine Depression. Sie spüren das durchaus selbst und reagieren mit Unruhe, Angst und Aggression. Im Laufe der Krankheit geschieht etwas, was man als „Abschied vom Ich“ bezeichnen kann, das Verhalten ändert sich völlig. Die Patienten erkennen ihre Umgebung und selbst ihren Partner nicht mehr, mit dem sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht haben. Sich selbst werden sie fremd, erkennen sich nicht im Spiegel. Schließlich werden sie dauernd pflegebedürftig, inkontinent und können nicht mehr alleine essen und nichts mehr alleine machen. Ihr Mann wird alles vergessen, kann nicht mehr zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden, wird Fähigkeiten und Fertigkeiten verlieren, die er im Laufe seines Lebens erworben hat. Er wird die Bedeutung von Gegenständen nicht mehr einordnen können, wird nicht mehr wissen, was der Zweck von Messer oder Gabel ist.
Bis heute gibt es kein Mittel gegen diese Krankheit, durch Einweißablagerungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn wird eine Signalübertragung verhindert. Durch Medikamente kann der Krankheitsverlauf aber verzögert werden.“
„Und wie lange dauert das alles?“
„Meistens sieben Jahre, es kann aber auch viel kürzer oder viel länger dauern. Es tut mir Leid, dass ich Ihnen nichts anderes sagen kann.“
Ich verlasse die Praxis, setze mich in ein Café und trinke ein Glas Wein. Jetzt ist nichts, wie es einmal war. Es gilt Abschied zu nehmen von Paul, von all unseren Zukunftsplänen. Ich bin verzweifelt. Jeden Tag werde ich ein Stück von ihm verlieren.
Eigentlich hätte ich längst etwas merken müssen, habe es wohl verdrängt.
Ich werde meine Arbeit aufgeben, damit ich immer bei ihm sein kann, ihn so lange zu Hause pflegen, wie das möglich ist.
Ich fahre nach Hause, klingele, habe den Hausschlüssel vergessen. Mir geht es schon wie Paul, denke ich.

Ich laufe allein in der Wohnung umher, die Möbel sind wieder umgestellt worden, alles sieht ganz anders aus. Auch neue Bilder hängen an den Wänden.
Ich gehe ins Bad, will mich rasieren, schaue in den Spiegel.
Habe ich mich so verändert? Bin das tatsächlich ich?
Ich fange an mich mit dem neuen Elektrorasierer zu rasieren. Früher habe ich Rasierklingen benutzt, aber Susanne meint, ich könnte mich schneiden.
Es klingelt an der Haustür. Ich gehe zum Eingang, schaue aus dem Flurfenster. Da steht eine Frau draußen, die ich noch nie gesehen habe, sicherlich will die was verkaufen, denke ich.
Ich öffne die Tür und sage:
„Wir haben alles, wir kaufen nichts.“

Ich schließe die Tür.






©2010 by Pedro. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von Pedro
Am 18.07.2010 um 16:30 Uhr

Nicht nur manchmal!

Gruß

Pedro


Von Steirerbua
Am 18.07.2010 um 12:49 Uhr

Dein Text hat mich sehr berührt und mir vor Augen geführt, wie machtlos wir manchmal sind.

Gruß Steirerbua





Nur der Geduldige, wird ernten, was auch reif ist.
www.steirerbua.at


Von Pedro
Am 16.06.2010 um 03:53 Uhr

Morgen MicRaith,

freut mich, dass der Text bei dir angekommen ist.

Gruß

Pedro


Von MicRaith
Am 15.06.2010 um 13:35 Uhr

Heikles Thema... Doch wunderbar verarbeitet. Hut ab.
Außerdem gefällt mir dieser Sprung zwischen den beiden Charaktären. Gut gelungen.

5 Sterne.


Von Pedro
Am 13.06.2010 um 17:21 Uhr

Danke, lieber Jan, ich habe mal mit solchen Menschen gearbeitet.

Gruß

Pedro


Von JanNietsch
Am 12.06.2010 um 20:03 Uhr

Solche Themen zu verarbeiten gelingt dir wirklich sehr gut :D
Wieder die volle Sternzahl von mir!!!

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Es gibt 6 Kommentare


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