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Prosa => Krimi


Lasst die Vergangenheit ruhen Kapitel 1 bis 3 - von Andrea, 24.08.2018
Lasst die Vergangenheit ruhen


Von Texas bis Weimar

Die Straßen von Laredo lagen im Dunkeln. Nur im Saloon brannte noch Licht. Lautes grölen, schief gesungene Lieder und Gelächter drangen hinaus. Der Mann am Klavier klimperte seine Melodien.
Die blau lackierten Schwingarme der Eingangstür pendelten auf und zu, als zwei junge Männer ineinander verkeilt durch die Tür auf die Straße fielen. Staub wirbelte auf.
Der Saloon leerte sich, denn jeder wollte sehen, wie dieser Kampf endete. Die Zuschauer reihten sich auf dem Stepwalk auf. Sie jubelten und feuerten die Kämpfer an, die sich nun schwankend gegenüber standen.
Bill Johnson, groß, kräftig und stets eine vorlaute Klappe wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er war harte Arbeit gewohnt, stand täglich am Amboss und schmiedete außer Hufeisen alles, was der Kunde sich nur wünschte. Die Schlösser der Gefängnistüren waren sein Werk und noch Niemandem ist es gelungen sie zu brechen oder gar auf zu sprengen.
Schnaubend beobachtete er seinen Gegner. Das Hemd hing in Fetzen an seinem Körper, was bei den Frauen unter den Zuschauern für Erregung sorgte. Schweißglänzend stach seine Brust hervor und die Bizepse an beiden Armen hatten die Größe von Melonen.
Er fuhr sich mit den Fingern durch sein blondes Haar und legte eine Strähne von rechts nach links über den Schädel.
Mit geballten Fäusten tänzelte er vor seinem Rivalen.
„ Na komm schon, schlag ihm die Zähne aus!“ rief ein Mann aus der Menge, der ebenfalls die Fäuste durch die Luft wirbelte. Nur dieser Mann war halb so groß und trug einen schicken grauen Anzug. Mit der Brille auf der Nasenspitze sahen seine Bewegungen eher komisch aus.
„ Na was ist! Machst du dir schon in die Hose?“ knirschte Bill siegessicher durch die Zähne.
Ihm gegenüber stand Francis Neumann. Ein Rancher, ein Cowboy, der liebend gerne Wildpferde zuritt. Er war ein Mann für alle Aufgaben die auf einer große Ranch täglich anfielen.
Nur ein halber Kopf kleiner, etwas schmächtiger aber sehr flink.
Auch an seinem Hemd fehlte ein Arm und die Nähte am Rücken waren aufgeplatzt.
Über seinem linken Auge lief ein dünner Blutfaden zum Jochbein herunter.
Bill hatte eine starke Rechte, darauf musste er besonders achten, denn ein Treffer war nicht so leicht einzustecken.
Francis konzentrierte sich auf seine Deckung und postierte die Arme so, dass besonders die linke Seite abgedeckt war. Die Sehnen seiner Beine standen unter Spannung, jede Sekunde zum Sprung bereit. Er hatte schon zuviel einstecken müssen in diesem Gefecht. Sein Kopf schmerzte, die Konzentration ließ nach. Wenn er den Kampf nicht bald für sich entschied, war er der Verlierer.
Dieser Angeber, dieser Schmied, der glaubte er wäre der Einzige, der mit Hammer und Amboss umzugehen verstand brauchte hier und jetzt eine Abreibung. Francis konnte ihn auf den Tod nicht leiden. Das er ihm sein Mädchen genommen hatte, war noch nicht mal das schlimmste. Wenn sie ihn beim ersten Flirt mit einem Anderen gleich vergisst, dann ist sie es nicht wert ihr nachzulaufen.
Was ihn wirklich ärgerte, waren die Lügen, die Bill dem Mädchen über ihn erzählte.
Sie trug alles ihren Freundinnen weiter und Francis stand plötzlich in einem schlechten Ruf.
Von heute auf Morgen sahen die jungen Damen weg, wenn er ihnen entgegen kam. Sie wichen ihm aus und kicherten.
An diesem Abend wollte er seine Ehre wieder herstellen. An diesem Abend sollte Bill Johnson im Staub der Straße liegen und um Verzeihung bitten.
Während Bill herum tänzelte, blieb Francis ruhig stehen, die Deckung hoch, die Knöchel seiner Fäuste weiß vor Anspannung.
„ Was ist los, Francis? Geht dem kleinen Rancherboy langsam die Puste aus?“ Bill fühlte sich Siegessicher. Er spürte die Schwäche seines Gegners, er war Kampf erfahren.
„ Ich glaube, ich bringe die Sache jetzt besser zu Ende.“ Grinsend schielte Bill zu dem jungen Mädchen, welches am Straßenrand stand und ihn anhimmelte.
Auf so einen Fehler hatte Francis gehofft. Es war nur ein Bruchteil einer Sekunde. Eine winzige Auszeit, die Bill sich nahm um bei seiner Geliebten Eindruck zu schinden.
Wie ein Pfeil schoss Francis vor. Bills Kopf war leicht nach rechts gedreht, so dass links die Deckung offen stand. Die Faust traf mit voller Wucht das Jochbein. Wie ein Blitzschlag fuhr ein stechender Schmerz durch die Nackenwirbel. Noch bevor Bill begriff was da passiert war, riss ihm ein weiterer Treffer unter dem Kinn den Kopf zurück und er kippte in Zeitlupe nach hinten über.
Es fiel ihm unendlich schwer die Augen offen zu lassen um nicht in eine Ohnmacht zu fallen. Dieser Blamage wollte er sich nicht hingeben. Schlimm genug hier am Boden zu liegen. Besiegt von diesem Rancher.
Francis trat neben seinen Kopf und grinste ihn von oben herab an.
„ Du wirst hier und jetzt die Lügen über mich zurück nehmen und allen sagen, dass du ein dreckiger Heuchler bist!“
Bill kam mit Mühe auf die Knie. In seinem Kopf schien eine ganze Kesselschmiede zu Hämmern.
„ Was willst du hören?“ frage er. „ Das du noch nie eine Frau im Bett hattest ist doch die volle Wahrheit. Weißt du eigentlich wie man Küsst, oder hab ich da auch untertreiben? Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Du bist eben ein Typ, der sich mit Pferden gut auskennt, und Mädchen mit Stuten vergleicht.“ Trotz seiner verlorenen Position und Kniend im Straßenstaub, feindete Bill ihn an. Seine wahrscheinlich einzige Möglichkeit da raus zu kommen ohne sein Gesicht zu Verlierern.
Francis trat näher zu ihm heran. Abwertend sah er zu ihm hinunter.
„ Was nennst du Anstand und Ehre! Auf die Frau deines Lebens zu warten oder Sie alle im Bett gehabt zu haben um damit zu Prahlen.“
Francis sah zu Bella rüber. Dem Mädchen, dem er sein Herz hingegeben hatte, bevor Bill sie an sich riss.
„ Du bist nicht die Erste, die er…“ Francis zögerte. Wenn er auch sonst ein rauer Typ war und nicht immer eine feine Aussprache hatte, wusste er doch, was er hier nicht offen sagen durfte.
Die Zuschauer am Straßenrand waren längst verstummt. Eine kleine Gruppe Männer ärgerte sich über den Ausgang des Kampfes. Sie hatten Wetten untereinander abgeschlossen und die meisten gaben Francis keine Chance. Mit enttäuschten Gesichtern reichten sie ihre hart verdienten Dollarscheine dem einzigen Gewinner der Runde.
Jeder wusste, was Francis Neumann sagen wollte, was er nicht auszusprechen wagte.
Der Schmied war noch sehr jung. Mitte Zwanzig. Sein hartes, markantes Gesicht konnte so manches Mädchen abschrecken, doch mit seinem perfekten Muskelbau und seinem Charme lagen sie ihm zu Füßen. Bill wusste das und spielte seine Karten aus.
Als er Francis mit Bella zusammen sah überkam ihm eine Eifersucht, die er nicht mehr unter Kontrolle hatte. Was maß sich dieser Bursche an, eines der Stadtmädchen zu verführen.
„ Sie gehören alle mir.“
Francis arbeitete auf der Ranch seiner Eltern. Sie war nicht groß. Für Texanische Verhältnisse eher klein. Pferde und Rinder, Ställe und die weite Prärie waren sein Leben. Die wenigen freien Tage in der Stadt endeten meistens im Saloon. Hier traf er Freunde, hier konnte er mal über den Durst trinken, hier erwartete Niemand Befehle von ihm.
Seit vier Jahren trug er die Verantwortung auf der Ranch. Er war gerade 17 Jahre geworden als sein Vater starb und ihn mit allem zurück ließ. Es waren harte Lehrjahre. Ohne Vorarbeiter Lee Sloter wäre er sicherlich gescheitert. Das Bella ihm die Augen verdrehte und sein Herz erreichte, schien wie ein süßer Traum.
Bis Bill ihm seine Illusionen raubte.
„ Es gibt nichts mehr zu gaffen!“ raunte er der Menge zu, die sich immer noch nicht aufgelöst hatte.
Bella ging einen Schritt auf die Beiden zu. Unschlüssig zu wem sie nun halten sollte, schaute sie von einem zum anderen. Bis ihr Blick auf Francis haften blieb.
„ Es tut mir Leid. Ich…“ sie schluckte und suchte nach den richtigen Worten doch er ignorierte sie, drehte sich weg und ging mit schleppenden Schritten zu seinem Pferd.
Der Prachtvolle Hengst spürte, dass es gleich losgeht und scharrte nervös mit den Vorderhufen im Sand.
Er nahm die Zügel in die Hand und schwang sich in den Sattel. Obwohl es kürzer gewesen wäre südlich die Stadt zu verlassen zog er es vor, Richtung Norden zu Reiten um im weiten Bogen wieder auf den Weg zu kommen.
Hoch zu Ross an Bill vorbei, der immer noch Kniete, war ihm zu wider.
Er hatte seine Abreibung bekommen.
Ein gutes Gefühl.

Kapitel 2

Die Nacht war warm, der Himmel ließ den Blick frei auf sämtliche Sterne, die das bloße Auge sehen konnte.
Texas war ein so schönes Land, voller Wälder und frischer Luft.
Francis verspürte keinen drang nach Hause zu Reiten. Seine Arbeit begann erst Morgen früh. Auf der Ranch waren sowieso längst alle Schlafen gegangen.
Er konnte förmlich hören, wie Vorarbeiter Lee Sloter schnarchte als würde er die Baracke zersägen.
Was für ein Glück, dass er Vormann war. Er bezog einen kleinen Anbau, ein Zimmer für sich allein. Das stand seinem Rang zu.
Die anderen Cowboys teilten sich einen Gruppenraum. Sie hatten die Tür zum Vormann mit Schafwolle verkleidet um die lauten Nachtgeräusche zu dämmen.
Francis schlief im Haupthaus. Sein Zimmer lag neben seiner Mutter, die seit einigen Wochen mit einer Erkältung zu kämpften hatte. Der Arzt versuchte sein Bestes. Kam jeden Tag raus gefahren und sah nach ihr. Sie hielt sich den Umständen entsprechend gut und kämpfte dagegen an, doch das Alter und Jahrelange harte Körperliche Arbeit zollten nun Tribut.
Der Hengst schnaubte leise, als Francis seine Decke ausbreitete und sich unter freiem Himmel nieder legte. Langsam kehrte Ruhe und Entspannung in seinen Körper. Das Adrenalin in den Muskeln war so gut wie abgebaut. Erst jetzt pürte er die Schmerzen. Die Fingerknöchel waren aufgeraut, die Augenbraue über dem linken Auge brannte. Sein Kiefer tat weh mit jeder Bewegung und in den Rippen zog es stechend beim Einatmen.
Aber dennoch war es ein gutes Gefühl. Bill Johnson vor ihm kniend im Straßenstaub.
Mühsam öffnete er die Feldflasche, nahm einen Schluck Wasser daraus und benässte sein Halstuch damit. Das Kühle Tuch auf der Stirn tat gut. Er kippte den Rest Wasser auf sein Hemd um auch die Rippen zu Kühlen und schlummerte ein.

Erst das Scharren und Schnauben seines Pferdes weckte ihn am frühen Morgen. Die Sonne zeigte ihre ersten Strahlen. Ein wunderschöner Anblick. Die ganze Prärie in orange-rot.
Langsam trat er den Ritt nach Hause an. Es war so friedlich und ruhig an diesem Morgen, dass Francis am liebsten den Tag hier draußen verbringen wollte.
Aber er hatte Pflichten.
Auf der Ranch sah alles anders aus, als er erwartet hatte. Keine Cowboys, kein Vormann, alles Still.
Francis ließ sein Pferd vor dem Haus stehen.
Was war hier los?
Die große Eingangstür lehnte nur an und ließ sich leicht mit der Stiefelspitze aufdrücken.
Er hielt eine Hand am Holster, umklammerte den Revolvergriff, fest entschlossen zu ziehen und zu Schießen, sollte sich hier ein Fremder ungewollten Eintritt verschafft haben.
Das Wohnzimmer war leer. Nur die Wanduhr tickte. Francis warf einen Blick darauf.
5.30 Uhr. Normalerweise war Mutter hier, die Cowboys hatten ihr Frühstück schon fertig und Arbeiteten. Aber jetzt tickte nur die Uhr.
Lauter als sonst.
Plötzlich waren Schritte zu hören. Schnelle Schritte die immer näher kamen und Stufen hinunter liefen.
Gebannt starrte Francis auf die Treppe. Angst hatte er keine. Zu oft schon musste er die Ranch vor Dieben schützen, mit den Fäusten wie auch mit dem Revolver. Dass er ein guter Schütze war, wusste er und diese Tatsache verhalf ihm ruhig zu bleiben. Nicht die Nerven zu verlieren oder unüberlegt zu Handeln.
Er atmete tief ein und war erleichtert, als er Lee Sloter erkannte. Lee blieb auf der letzten Stufe stehen und starrte ihn überacht an.
„ Mensch, Junge, wo warst du? Wir suchen alle nach dir. Bob, Taylor und George sind in der Nacht losgeritten nachdem ich von der Stadt kam und von deinem Kampf gehört habe.“
Francis war fast Sprachlos. Er öffnete die Lippen, aber es kam kein Ton heraus.
Erst nachdem er ein paar Mal geschluckt hatte erklang seine Stimme wieder.
„ Ich bin doch kein Kind mehr. Ich werde ja wohl meine Freizeit für mich gestallten dürfen. Die Nacht war so herrlich, da habe ich draußen am Fluss geschlafen.“
Der sorgenvolle Blick seines Vorarbeiters machte ihm jetzt doch etwas angst.
„ Was ist hier eigentlich los? Wo ist Mutter?“
Lee trat näher heran und umfasste Francis Schulter.
„ Deine Mutter…Miss Neumann liegt im Sterben. Es fing Gestern Abend an. Sie bekam einen Hustenanfall und spuckte Blut. Ich habe den Doc. geholt, doch auch er kann nichts mehr tun. Sie ist zu schwach.“
Francis ließ den Kopf hängen. Seine ganze Kraft schien auf einmal aus allen Gliedern zu schwinden. Am liebsten hätte er sich hin gesetzt, aber er musste erst nach seiner Mutter sehen. Mühevoll schritt er Stufe für Stufe hinauf. Seine Beine waren schwer wie Blei. Die Knie zitterten.

„ Sie will dich unbedingt sehen. Ich glaube, dieser Wille hat sie die Nacht am Leben erhalten. Der Arzt gab ihr nur noch ein paar Stunden, “ rief Lee ihm hinterher.
Im Schlafzimmer der Mutter war es dämmrig. Die Vorhänge ließen nur wenige Sonnenstrahlen durch, die in breiten Streifen durch den Raum schienen.
Leise nahm Francis auf einem Stuhl neben dem Bett Platz und strich vorsichtig über ihre Hand. Die Haut war ergraut und faltig. Er spürte wie wenig kraft nur noch in ihr steckte. Sanft schlossen sich die Finger der Frau um die seine.
Sie drehte ihren Kopf zu ihm und öffnete die Augen. Er erschrak, als er die leere darin sah. Sie waren sonst so lebhaft und strahlend blau.
„ Francis, bist du das? Mein Junge!“
„ Ja, Mutter.“ Er hatte mühe beim Sprechen, wollte nicht dass sie hörte wie er die Tränen zurück hielt.
„ Es tut mir so Leid, dass ich Gestern nicht da war.“
Sie schaffte es noch ein lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Ein zaghaftes Lächeln, das viel Kraft kostete.
„ Ich bin froh, wenn du deine Freizeit für dich nutzt. Nur Arbeiten macht krank, wie du siehst.“ Ihre Stimme brach ab und ein weiterer Hustenanfall schüttelte den geschwächten Körper.
Francis konnte nichts tun. Konnte ihr nicht helfen. Hielt sie nur fest im Arm, während sie sich verkrampfte.
Kraftlos sank sie zurück ins Kissen. Ihr Atem ging schwer.
„ Ich muss dir unbedingt noch etwas sagen, “ hauchte sie.
„ Nein, Mutter. Du musst jetzt etwas schlafen und Kraft sammeln.“
„ Bitte unterbrich mich nicht. Ich habe nicht mehr lang zu Leben.“ Ihre Hand berührte sein stoppeliges Kinn.
„ Du bist ein großer, starker Mann geworden. Ich bin stolz auf dich.“ Sie senkte ihre Augen. Konnte ihm nicht ins Gesicht sehen als sie weiter sprach.
„ Ich war jung und so verliebt in Christian. Wie du weißt, sind wir aus Deutschland hier er gezogen. Unser großer Traum von Amerika! Ein Jahr vor der Reise bekam ich einen Blutsturz. Ich war Schwanger, im dritten Monat. Der Arzt konnte das Baby nicht retten. Ich verlor es und ich verlor die Möglichkeit, je wieder schwanger zu werden. Es gab Komplikationen. Für Christian und mich war es ein Schock. Wir wollten immer Kinder haben.“ Sie stockte und holte tief Luft. Francis hörte das leise Pfeifen in ihrer Lunge.
Sie hatte ihm Befohlen zu zuhören und nichts zu sagen. Was Mutter sagte wurde gemacht, auch wenn es ihm jetzt sehr schwer fiel zu Sehen wie sie sich um jedes Wort Quälte. Ganz egal was sie getan hatte, es lag weit in der Vergangenheit und es sollte nicht mehr erwähnt werden. Es machte ihm Angst, doch er blieb Stumm auf dem Stuhl sitzen und hörte zu. Seiner Mutter lag etwas schwer auf der Seele und sie wollte es vor ihrem Tode beichten. Das musste er respektieren.
„ Ich glaube es war ein Zeichen von Gott, dass ich an jenem Abend in der Stadt Weimar unter der Brücke die Frau fand.“ Sie machte wieder eine Pause.
„ Sie war so schwach und Kraftlos. In ihren Armen lagen zwei neu geborene Babys, die Nabelschnüre waren noch nicht einmal abgeschnitten. Es waren zwei Jungen. Eins sah aus wie das Andere. Eineiige Zwillinge. Ich nahm eins auf, wickelte es in mein Kopftuch…du sahst mich an und lächeltest. Ich beugte mich zu ihr, wollte helfen, aber das Blut strömte zwischen ihren Beinen heraus, ich konnte nichts tun. Ich konnte unmöglich zwei Kinder groß ziehen. So viel Geld besaßen wir doch nicht. Und dann noch die weite Reise die bevor stand. Plötzlich hörte ich Schritte. Stimmen.“ Sie schluchzte. „Ich rannte weg. Es kam ja Hilfe für den anderen kleinen Säugling. Wir versteckten dich eine Zeit lang in unserem Heim. Dann traten wir die große Reise an. An Bord fragte Niemand mehr wieso ich ein Baby habe. Du warst mein Baby. Wir gaben vor, die Papiere wären uns gestohlen worden. Die arme Frau…deine wahre Mutter hatte entbunden und ein Baby lag bei ihr. Da gab es keine Fragen. Wir nannten dich Francis, weil es so gut zu dir und Amerika passte. Ob dein Bruder noch lebt, weiß ich nicht, aber er hat den Namen Peter bekommen und lebte vor 18 Jahren noch in Weimar. Dein Ebenbild.“ Sie machte eine kurze Pause, schloss die Augen und atmete mit all ihrer verbliebenen Kraft tief ein. „Du warst immer mein Sohn, bitte vergiss das nie. Auch Christian hat dich wie ein Vater geliebt, aber das weißt du ja sicher am Besten. Ihr habt euch immer so gut verstanden.“
Sein Herz schlug ihm fast bis zum Hals. Mit einer solchen Nachricht hatte er nicht gerechnet. Er konnte das alles noch nicht verarbeiten. Es klang wie eines der Märchen, die seine Mutter ihm im Kindesalter jeden Abend vorlas. Sie las sie in Deutsch, damit er nie seine Herkunft vergessen sollte.
Langsam schwand das Leben aus ihrem Körper. Sie lag flach auf dem Rücken. Das schweißnasse Gesicht starrte die Decke an.
„ Woher weißt du das? Das mit diesem Peter.“
„ Ein Brief klebt unter der Schublade in meiner Kommode.“ Ihre Pupillen verdrehten sich in seine Richtung.
„ Ich liebe dich von ganzem Herzen, mein Sohn Francis!“ mit diesen Worten erlosch das Licht in ihren Augen. Der Brustkorb sank und blieb flach.
Francis saß auf dem Stuhl, hielt immer noch ihre Hand und konnte den Blick nicht von ihr nehmen. In seinem Kopf schwirrten hunderte Gedanken wirr durcheinander.
Er wusste nicht genau wie lange er da saß. Auf dem Flur war es Still. Die Tür stand einen Spalt offen, im Haus schien Niemand zu sein. Auch von draußen her war nichts zu hören, außer das leise schnauben der Pferde die auf der Koppel dösten, denn das Fenster stand hinter dem Vorhang offen.
Ein Gefühl der Einsamkeit.
Francis beugte sich über sie, betrachtete noch einmal ihr Gesicht. Das Gesicht seiner Mutter. Sie war es immer und sie wird es immer bleiben. Vielleicht war sie ja verwirrt und hat das alles erfunden. Nein, tief in seiner Brust stach es. Ein stechen, dass ihm verriet, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Es tat weh. Und er wusste es würde noch lange weh tun.
Das ganze einfach vergessen, verdrängen und in den Alltag zurückkehren, wie sollte das möglich sein. Es wird immer wieder stechen.
Er schloss ihre Augenlider und flüsterte, „ Ich liebe dich auch, Mutter!“

Im Wohnzimmer saßen sie. Still ohne ein Wort zu sagen. Die Cowboys der Ranch, Bob, Taylor und George. Lee Sloter schaute nach oben als Francis, langsam Schritt vor Schritt die Stufen hinunter kam.
„ Sie ist friedlich eingeschlafen.“ Sagte Francis und ging mit gesenktem Kopf an den Männern vorbei nach Draußen.
Er blieb auf der Veranda stehen und stützte sich auf das Geländer.
Eine schwere Hand legte sich von hinten auf seine Schuler. Es war Lee.
„ Mein Beileid, Junge“, sagte er nur und hielt sich ebenfalls am Handlauf des Geländers fest.
„ Auch wir wollen dir unser Beileid kundtun. Mach dir um die Ranch keine Sorgen. Wir regeln hier schon alles. Sorge dich erst mal um die Beerdigung und nimm dir Zeit zu Trauern.“ Bob sprach im Namen aller Cowboys auf der Ranch.
„ Danke, Boys. Ich brauche tatsächlich etwas Zeit für mich.“ Er sah zu seinem Vorarbeiter.
„ Ich weiß dass ich mich auf dich verlassen kann. Ich muss das alles erst verarbeiten…“
„ Sicher!“ Lee sah ihn hinterher. Sein Boss schwang sich in den Sattel und verließ die Ranch. Nicht stolz und aufrecht wie er sonst auf dem Pferd saß, eher eingesackt, nach vorne gebeugt mit hängendem Kopf. So hatte Sloter ihn noch nie reiten sehen. Der Tot seiner Mutter muss ihn wohl sehr mitgenommen haben. Es brach ihm das Herz, doch außer Francis jetzt Zeit zu geben, konnte er nichts für ihn tun.
„ Also an die Arbeit! Es ist viel liegen geblieben. Taylor, komm her!“ ohne zögern rannte der Cowboy zu ihm.
„ Du hilfst mir das Grab zu schaufeln, am besten rechts neben ihrem Mann Christian.“
Taylor zögerte, sah Lee von der Seite an und sagte zaghaft, „ glaubst du, er wird die Ranch verkaufen?“
Sloter zog die buschigen Augebrauen hoch.
„ Wie kommst du auf so was?“
„ Hast du nicht seinen Blick gesehen? Ich denke, er ist noch zu jung für so eine Verantwortung. Er hat seine Hörner noch nicht abgestoßen.“
„ Ich denke, du denkst zu viel! Mach dich an die Arbeit.“ Also auch Taylor ist nicht entgangen, wie niedergeschlagen Francis war. Sicher war der Tot seiner Mutter erst mal ein Schock, aber sie war alt und schon länger schwer krank. Es kam nicht überraschend. Sie wollte ihn unbedingt noch vor ihrem Tot sehen. Wollte ihm etwas sagen, was sie Niemandem sonst anvertraut hätte. Nicht einmal ihm. Der schon so lange auf dieser Ranch arbeitete und immer für sie da war. Was war so wichtig! Was hat Miss Neumann am Leben gehalten bis sie ihren Sohn sah. Er würde Francis erst mal trauern lassen, aber später, vielleicht bei einem Bier auf der Veranda würde er mit ihm Reden. Ihm fragen was das Geheimnis seiner Mutter war. Was hatte ihn so geschockt?


Kapitel 3

Er ritt gute fünf Meilen. Trieb seinen Hengst zur Höchstleistung an. Im vollen Galopp preschte er über Wiesen, nahm keine Rücksicht auf eine Gruppe Rinder, die friedlich grasten. Er steuerte direkt auf sie zu, hielt seine Bahn ein und riss die Herde damit auseinander.
In alle Himmelsrichtungen flüchteten die Kühe. Ein Kalb hatte noch nicht begriffen, was da geschah. Es rief nach der Mutter und drehte sich verwirrt um die eigene Achse.
Erst am little sea verlagerte Francis sein Gewicht im Sattel nach hinten. Sein Hengst war sehr gut trainiert und stieß sofort die Hufe in den sandigen Boden. Dabei berührte seine Hinterbacke den Boden, während er abrupt stoppte. Francis war ein erfahrener Reiter. Er gehörte zu den Besten. Seit sechs Jahren hatte ihn niemand im Rodeo geschlagen. Weder auf dem Pferd noch auf dem Stier.
Lässig sprang er aus dem Sattel und landete sicher im Stand. Die Zügel ließ er einfach fallen. Sobald sie den Boden berührten, blieb sein Pferd an Ort und Stelle stehen. Diese Eigenschaft ist beim Rindertreiben sehr wichtig. Das Pferd darf nicht einfach weglaufen, wenn der Reiter abspringt.
Die fünf Meilen im Galopp hatten den Hengst kaum entkräftet. Er war jung und muskulös. War solche rennen gewöhnt und liebte es sich auszutoben. Zufrieden schnaubte er, scharrte mit einem Vorderhuf im lockeren Sandboden herum.
Sein Herr stand am Ufer. Er starrte einfach nur ins Wasser. Beobachtete sein Spiegelbild, wie es sich immer wieder leicht verzerrte, wenn ein Fisch für Wellen sorgte.
Doch lange konnte er nicht stehen bleiben. Die Beine fingen an zu zittern, die Knie wurden weich wie Butter. Er seufzte und ließ sich auf einen Felsstein nieder.
Langsam kam sein Pferd neben ihm, senkte den Kopf ins Wasser und sog schmatzend das kühle Nass.
„ Glaub mir, Ladigo. Ich würde jetzt gerne mit dir tauschen. Du hast doch ein sorgloses Leben. Fressen, ausreiten, schlafen. Beneidenswert.“
Er tätschelte die Beine des Tieres.
„ Ich weiß nicht, was ich tun soll. Sag ich es den Anderen, oder behalte ich es für mich. Soll ich wütend sein auf meine Eltern, oder…darf ich überhaupt Eltern sagen. Ich bin unter einer Brücke zur Welt gekommen. Stell dir das mal vor. Keine Ahnung wer meine Mutter war, ganz zu Schweigen vom Vater.“ Francis ließ den Kopf hängen. Seine Finger spielten unbewusst mit dem Hut. Er wurde gedreht, geknautscht, sogar aufgerollt. Verlor völlig seine ursprüngliche Form.
Plötzlich fing er an zu Lachen. Lachte laut bis die Tränen kamen und die Gefühle ihn übermannten.
„ Stell dir vor…“, sagte er zu seinem treuen Tier. „ Ich habe sogar einen Bruder. Irgendwo in Deutschland gibt es mich noch mal. Jemand, der genauso aussieht wie ich.“ Kopfschüttelnd schaute er wieder auf den Wasserspiegel.
„ Hey, du da. Wer bist du? Was hat sie gesagt…Peter heißt er.“
Francis blieb noch lange am Ufer sitzen. Führte Gespräche mit sich selbst und dem Pferd.
Normalerweise würde er um die Zeit durch die Küche schleichen und in alle Kessel schauen. Er konnte gut essen. Wer den ganzen Tag hart Arbeitet, der hat immer Hunger. Besonders, wenn er so groß war und seine Muskeln verlangten nach Energie.
Diesmal verspürte er keinen Appetit.
Warum sollte er in die Küche stürmen. Niemand würde am Herd stehen. Keine Kessel, keine Düfte von knusprigen Braten oder warmen Apfelkuchen nach Mutters Rezept.
Er hatte ein wenig Angst, nach Hause zu reiten und alles leer vor zu finden.
Kein Naschen mehr. Keine Klatscher auf die Hand, wenn er beim naschen erwischt wurde.
Nur noch eine leere, kalte Küche.
Er musste zurück reiten. Schließlich war er der Boss. Ihm gehörte nun die Ranch ganz allein und seine Mutter wäre sehr enttäuscht, wenn er seine Aufgaben vernachlässigen würde und die Ranch verkommen ließe.
Er brauchte fast die doppelte Zeit zurück. Ließ sich absichtlich Zeit. Lee Sloter war ein guter Mann. Ein hervorragender Arbeiter. Er hatte den Rang des Vorarbeiters verdient. Sicher trieb er jetzt die Cowboys an. Verteilte die Aufgaben und trug alles in sein großes rotes Buch ein. Ja er war ein gründlicher Mann. Alles wurde aufgeschrieben. Er konnte jeden seiner Befehle nachweisen, die Ein und Ausgaben, die er tätigte und die Freizeit wurden aufs Genaueste Notiert. Nie sprach er über seine Vergangenheit. Francis war sich sicher, dass er mal ordentlich Beschissen wurde und deshalb so genau alles Notierte.
Je näher er der Ranch kam, umso langsamer wurde er. Das Herz schlug immer heftiger.
Er konnte es im Rhythmus mit dem klang der Hufen hören, die gleichmäßig auf den felsigen Boden klackerten.
Vor ihm tauchte das große Schild auf mit der Aufschrift, C and A Ranch. Es prangerte unübersehbar in drei Meter Höhe.
Francis hielt sein Pferd an und starrte auf die Buchstaben.
„ C and A Ranch. Christian und Anna. Die anderen Farmer in der Nachbarschaft hatten ihre Ranch nach Familiennamen benannt. Nur sechs Meilen Westwärts fing das Land der Johnson Ranch an. Im Süden stieß man auf die Walker Ranch, dessen Rinder und Pferde ein großes W im Fell eingebrannt hatten.
C and A Ranch. Mum und Dad waren ein stolzes Paar. Hergezogen aus Deutschland, mit Deutschen Sitten und Gebräuchen, aber auch offen für alles Amerikanische. Neumann Ranch hatte keinen Klang, fand sein Vater und entschied sich für ihre Anfangsbuchstaben der Vornamen. Francis überlegte, ob er sie nun umbenennen sollte. Aber F- Ranch hörte sich noch schlimmer an. Außerdem trugen seine Pferde CA Brandzeichen. Vielleicht, wenn er einmal eine Frau findet, dessen Buchstabe zu F passt…
In Gedanken ging er das Alphabet durch, aber irgendwie passte nichts so Richtig.
Was man für Blödsinnige Gedanken hat, wenn man der Realität entfliehen möchte.
Aber leider holt sie einen immer wieder ein, egal wie weit man sich von Träumen tragen lässt.
Sein Pferd hielt von ganz alleine an, als es den Brunnen erreichte.
Gewohnheit.
Denn hier sprang er immer aus dem Sattel, ließ das Tier aus der Tränke daneben Wasser saufen bevor er es in den Stall oder auf die Koppel brachte.
Die Tür des Haupthauses öffnete sich. Heraus trat Lee Sloter. Er blieb breitbeinig stehen und betrachtete den jungen Rancher. Hinter ihm kam ein weiterer Mann heraus. Er trug schwarze Kleidung. Im Halskragen war ein weißes Rechteck zu sehen, etwa so breit wie der Adamsapfel im Hals, der auf und ab ging als er sprach.
„ Mein Beileid, Junge. Deine Mutter ist nun in den Händen Gottes, an der Seite ihres Gatten.“ Nach einer kurzen Pause sprach Lee, „Wir haben auf dich gewartet. Reverend Birds ist gekommen um Misses Neumann im Namen Gottes zu Beerdigen. Es ist alles vorbereitet.“
Ohne weitere Worte verließen sie die Veranda und schritten um das Haus herum.
Reverend Birds hielt die ganze Zeit sein Gebetbuch mit beiden Händen fest an seinem Körper, wie eine Mutter ihr Neugeborenes. Es war wohl so was wie ein eigenes Kind für ihn.
Er war schon sehr alt und so lange Francis sich erinnern konnte, war er der Reverend hier. Ohne Familie, ohne Kinder. Er hatte auch nie über Verwandte gesprochen. Vielleicht hatte er niemals Eltern.
Vielleicht hatte Gott ihn auf diese Welt gesetzt um genau diesen Job zu tun.

Neben dem Grab seines Vaters war das Loch schon gegraben. Tief und dunkel starrte es Francis an. Ein Schauer lief seinen Rücken hinunter. Heftiger und beängstigender als beim Tod Christians. Da war Mutter noch an seiner Seite. Sie trösteten sich gegenseitig. Nun ist Niemand mehr neben ihm, der seinen Kummer teilt. Sicher waren Lee Sloter und die anderen Cowboys immer für ihn da. Aber es sind nur Angestellte. Das war nicht das Selbe. Sie ersetzten keine Eltern. Wobei er bei dem Wort; Eltern; immer erschauerte.
Wie sich alles doch so plötzlich ändern konnte im Leben. Erst liebst du sie, dann zweifelst du an ihre Liebe. Nein…geliebt haben sie mich. Und ich sie! Scheiß einen doch drauf! Blutsverwandt oder nicht!
Francis war völlig in Gedanken versunken. Er bekam gar nicht mit, dass sich so viele Leute um das Grab versammelt hatten. Alle Arbeiter standen hinter ihm und einige Nachbarn waren dazu gekommen. Sie mussten wohl alle im Haus gewesen sein und hatten auf ihn gewartet.
Reverend Birds fing mit einem Gebet an. Anschließend stellte Lee Sloter sich ans Kopfende des Grabes. Während man den Sarg an Seilen in das Loch hinab gleiten ließ, hielt er eine ergreifende Rede. Misses Walker kramte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich Tränen von den Wangen. Sie war eine treue Nachbarin und gute Freundin.
Selbst schon unsicher auf den Beinen, kam sich in den letzten Wochen regelmäßig zu Besuch.
Extra für sie hatte Lee einen Stuhl bereit gestellt auf den sie nun sank.
„ Ich gebe nun das Wort an den Sohn Francis Neumann weiter.“ Lee senkte den Kopf, verließ seinen Platz schritt auf Francis zu.
„ Du musst etwas sagen. Sie war deine Mutter!“ er klopfte tröstend mit der schweren Arbeiterhand auf die Schulter des jungen Ranchers.
Francis atmete tief ein und ging um das Grab herum bis zum Kopfende.
Er blieb eine Weile stumm dort stehen. Niemand wurde ungeduldig. Sie warteten in stiller Trauer auf den Beginn seine Rede.
Francis schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter und räusperte sich.
„ Anna Neumann war eine gute, liebevolle Frau. Sie wollte immer nur das Beste für mich. Das war wohl auch ein Grund warum sie und Dad Deutschland verlassen haben um hier eine Zukunft auf zu Bauen. Ich bin zwar in Deutschland geboren, in einer Stadt die sich Weimar nennt, aber ich war noch ein Baby, als wir sie verließen. Meine…“ er machte eine kleine Pause bevor er weiter sprach, „ Meine Eltern…legten Wert darauf, dass ich die Heimatsprache erlerne und meine Wurzeln nie vergesse.“
Bei dem Wort Wurzel stockte er erneut. Welche hatte er denn?
„ Nun ja, die deutsche Sprache kann ich. Vater hat mir viel von Weimar erzählt. Gedichte von einem Mann namens Goethe vorgesagt. Er erzählte von einem Willhelm Tell den der Dichter Schiller schrieb. Von einem Theater mitten in der Stadt. Ich glaube er hatte manchmal doch Heimweh. Mum war hier glücklich. Wir haben eine Ranch mit vier Cowboys. Sie hinterlässt mir ein kleines Vermögen, das ich mit all meinen Kräften erhalten werde. Danke, Mum und Dad für dieses Glück auf Erden. Ihr habt immer gesagt, in Deutschland war das Leben unmöglich geworden. Nur Armut und Unterdrückung. Hier sind wir Frei. Ruhet in Frieden!“
Er nahm eine Handvoll Erde und warf sie auf den Sarg. Prasselnd verteilten sich die Sandkörner auf dem Holzdeckel. Er musste sich zusammen reißen um nicht zu schwanken, beim Anblick des Sarges und dem Qualvollem Gefühl des Abschieds für immer.
Während er zurück an seinen Platz ging dachte er, „ Warum hast du mir das gesagt. Warum hast du nicht alles so gelassen wie es war. Ich hätte die Wahrheit nie heraus gefunden. Nie gezweifelt was ich jetzt tun soll, was ich jetzt denken soll. Wie ich jetzt handeln soll! Einfach so weiter machen wie bisher, geht das?“
„Was frisst dich auf, Junge“ Lee gesellte sich neben ihm und beobachtete seine Gesichtszüge aus dem Augenwinkel. „Dir brennt doch was auf der Seele. Ich verstehe das du trauerst, aber das ist es doch nicht alleine!“ Francis schloss die Augen. Er musste mit jemandem darüber reden und Lee war wohl so was wie ein Ersatz Vater. Verständnisvoll, verschwiegen und ein Mensch, der seit seiner Kindheit immer für ihn da war. Egal wie schwerwiegend auch manche Streiche von Francis waren, Lee stand immer hinter ihm und verteidigte ihn bei seinen Eltern.
„ Hast du heute Abend zeit?“ fragte Francis leise mit gedrungener Stimme.
„ Für dich immer. Das weißt du doch.“
Es war ein ergreifendes Begräbnis. Auch die Nachbarn hielten eine Rede und versprachen ihm jede Hilfe die er benötigte. Man verabschiedete sich mit einem Lied, während die Cowboys Bob und Taylor das Grab zu schaufelten. Misses Johnson stimmte ein Solo an. Es ging allen unter die Haut. Sie hatte eine wunderbare klare Stimme und brachte so viel Gefühl in den Text hinein, dass Francis mit den Tränen zu kämpfen hatte.


Er saß auf der Veranda. Die Sonne sank langsam und hüllte den Himmel in ein wunderschönes Farbenspiel aus orange, rot und lila.
Francis schaukelte mit dem Stuhl auf und ab. Er lächelte bei dem Gedanken, dass seine Mutter immer mit ihm geschimpft hatte, wenn er mit dem Stuhl schaukelte. Sie machte ihm klar das sie sich dabei mehr um den Stuhl sorgte, als um ihn, der sich bei einem Sturz verletzen könnte. Francis wusste genau, dass das nicht stimmte.
Aus der Dämmerung heraus erschien Lee Sloter. Wie ein Geist formte sich seine Gestalt gegen die letzten Sonnenstrahlen, bis er vor Francis stand. Er lehnte sich gegen das Geländer und verdeckte mit seinem Körper das Restlicht am Himmel. Francis sah auf. Seine Augen gewöhnten sich langsam an den verdunkelten Hintergrund.
Mit verschränkten Armen stand Lee vor ihm und wartete auf eine Erklärung.
„ Also, Junge. Was ist los?“
„ Ich weiß nicht wie ich anfangen soll.“
„ Dann helfe ich dir mal. Du kamst aus der Stadt, beziehungsweise aus dem Wald und bist zu deiner Mutter ins Zimmer gegangen. Sie lebte noch. Sie hatte auf dich gewartet. Sie wollte dir unbedingt noch etwas sagen. Nicht mal mir vertraute sie es an, obwohl wir nicht wussten, wann du heimkamst.“
Francis biss auf seiner Unterlippe herum, ließ den Stuhl nach vorne kippen bis er wieder auf allen vier Füßen stand und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.
„ Sie ist…war nicht meine Mutter!“ brach es kurz und knapp aus ihm heraus.
„ Was sagst du da?“ Lee stieß sich vom Geländer ab. Er zog die Augenbrauen zusammen. Sein Blick haftete auf Francis. Stockend wiederholte er die Worte der Sterbenden, bis sie den letzten Atemzug tat.
Gebannt hörte Lee zu. Brachte kein Wort heraus. Erst als Francis aufschaute, sagte er, „ Das ist wirklich unglaublich.“ Francis presste die Lippen aufeinander. Wusste nicht ob er wütend oder traurig war und unterdrückte den drang etwas zu Sagen. Es könnten die falschen Worte aus ihm sprudeln, die er später bereuen würde.
Also übernahm Lee wieder das Reden.
„Nun ja, sieh es mall so, sie hat dich geliebt wie ein eigenes Kind. Sie und auch dein Vater. Wer dich zur Welt gebracht hat, ist doch letzten endlich egal. Wir beide behalten das für uns und der Rest der Welt dreht sich wie immer weiter.“
„ So einfach ist das nicht!“ Francis schrie es aus.
„ Ich habe einen Zwillingsbruder. Was würdest du denken, wenn du plötzlich erfährst, dass du nicht allein auf dieser Welt existierst.“
„ Also zu nächst mal gibt es dich, so wie du bist, nur einmal. Und ob da ein Bruder irgendwo auf der Welt noch herumläuft, verdammt die Welt ist groß. Ihr werdet euch wahrscheinlich nie begegnen. Also wozu Gedanken daran verschwenden.“
„ Du kannst leicht reden. Du hast keine Geschwister. Hast du dir niemals einen Bruder gewünscht? Was würdest du sagen, wenn du plötzlich erfährst, dass da noch ein Bruder existiert. Das deine ganze Familie eine Lüge war!“
„ Ich verstehe deine Wut, aber du musst damit lernen zu Leben. Erinnere dich an die schönen Jahre mit deinen Eltern. Du hast hier jetzt eine Aufgabe. Eine Ranch. Du bist Francis Neumann und nicht irgendein Frank aus Deutschland.“
„ Ein Mann muss doch seine wahren Wurzeln kennen“, murmelte Francis.
„ Das ist nur Gerede. Ich kenne einige Männer, die nichts über ihre Vergangenheit wissen. Was ist mit all den Waisenkindern? Sollen die ein ganzes Leben lang um ihre verlorene Zeit trauern? Francis, du lebst jetzt und hier. Sieh in die Zukunft. Bau deine eigene Familie auf mit Frau und Kinder.“ Er schmunzelte und fügte hinzu, „ Ich wäre ein guter Großvater für deine Nachkommen.“
„ Du verstehest es wirklich einen aufzumuntern“, sagte Francis und schmunzelte zurück.
„ Es ist schon spät. Geh schlafen. Morgen sieht alles anders aus. Ein neuer Tag mit viel Arbeit wartet auf uns.“
„ Du hast recht, Vormann. Also, dass bleibt unter uns, okay?“
Lee nickte nur und Francis wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte.



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Kommentare


Von Andrea
Am 21.03.2020 um 12:06 Uhr

Liebe Leser,
Wie Francis nach Weimar reist und dort seinen Bruder sucht, ist als Taschenbuch bei Amazon erhältlich.
Unter " Lasst die Vergangenheit ruhen, Andrea" findet ihr es sofort.

Schöne Grüße aus Weimar
Andrea Rongen

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