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Prosa => Krimi


Die Begegnung - von HERBERT, 02.04.2013
Die Begegnung

Kurt Eggisberger stand seit mehreren Minuten in der Warteschlange der Migros – Einkaufsfiliale. Der Laden beim Bahnhof Brig war gut besucht. Es gab in der erzkatholischen Kleinstadt keinen anderen Shop mit Sonntagsöffnungszeiten, deshalb musste Kurt das Warten in Kauf nehmen, obwohl im das erzwungene Zusammensein mit Fremden unangenehm war. Er starrte auf den beladenen Warenkorb des Vordermanns und dachte, dass eine Fahrt zum Kiosk bei der nahen Autobahntankstelle womöglich die kürzere Variante gewesen wäre. Doch die Fahrt schien ihm trotz besseren Wissens unnatürlich weit. Sie riss seine Psyche immer aus der Geborgenheit ihrer Umgebung und verlangte von ihm einen Einsatz, den er nicht gerne erbringen wollte. Er brauchte Ruhe und Abgeschiedenheit. Vor allem verlangte er nach der Sicherheit von Gewohntem. Darum zog er die überfüllte Migros – Filiale einem Ausflug zur Autobahnraststätte vor.

Kurt drehte eine Flasche Wein in den Händen und las noch einmal die Beschriftung. Zigaretten würde er auch kaufen, überlegte er. Alkohol und Zigaretten; er murmelte unverständliche Worte während seiner Betrachtung. Dann machte er wieder zwei kleine Schritte, die Menschenlinie bewegte sich zäh wie stinkende, flüssige Gummimasse. Das war es. Stinkend und flüssig. Zäh. Schweissperlen traten Kurt auf die Stirn und er zog die Sonnenbrille vom Haaransatz auf den Nasenflügel. Sein Herz schlug schnell. Er atmete tief ein und bewegte sich unruhig von einem Bein auf das andere. Mit der freien Hand tastete er nach der Hemdtasche und entnahm ihr eine kleine Blechdose. Schon das Geräusch der herum geschüttelten Pillen beruhigte ihn. Umständlich öffnete er die Dose und entnahm ihr das ersehnte Beruhigungsmittel. Er schluckte das kleine, farbige Heilsversprechen und überlegte, dass eine Dose Bier genau das Richtige wäre. Mit dem Gerstensaft das Glücksbringer-Barbiturat herunterspülen, das musste er tun.

Kurt fühlte sich miserabel, ihm war sein Zustand zuwider. Er ekelte sich vor seinen Ängsten und Befangenheiten. Aber er konnte sein Lebensgefühl nicht mehr ins Lot bringen. Seit Jahren nicht mehr. Er vermisste die Zeit, als er ein selbstbewusster Journalist war, der seine Meinung Gott oder dem Teufel entgegengehalten hatte. Wieder flüsterte Kurt Eggisberger unverständliche Worte und machte den nächsten Schritt in der Kolonne.

„Kurt Eggisberger. Herr Eggisberger?“
Er blickte überrascht hoch und suchte mit einer ruckartigen Kopfbewegung die Quelle zu der Stimme, welche ihn unerwartet angesprochen hatte. Eine Dame löste sich aus der gegenüberliegenden Menschenlinie und kam auf ihn zu. Sie ging langsam und schien zu zögern. Sie schaute ihn an.
„Herr Eggisberger, sind Sie das?“
Kurt erkannte ihr Gesicht und zuckte zusammen. Das durfte nicht wahr sein. Wie war das möglich?
„Herr Eggisberger? Herr Eggisberger?“
Die Stimme klang wie aus weiter Ferne und Kurt wurde in seiner Erinnerung um Jahre zurückgeschleudert. Zurück in die Dunkelheit.

*

„Herr Eggisberger? Herr Eggisberger, können Sie mich hören?“
Kurt dröhnte der Kopf. Jemand rief ihn, sprach ihn mit seinem Namen an. Er konnte die Stimme kaum lokalisieren. Dann fühlte er leichte Schläge an seiner Wange. Sie brannten höllisch.
„Herr Eggisberger, atmen Sie!“
Kurt röchelte. Er würgte bei jedem Luftholen. Dann schrie er laut auf und versuchte sich aufzurichten. Hände stützten ihn. Er sah Menschen und Rauch. Eine Sirene klang und das Flackern von Blaulicht spielte mit seinem Sehsinn. Er fühlte Panik aufsteigen, bewegte den Kopf zur Seite, dann nahm ihn die Ohnmacht erneut in ihre Gnade auf.
Als Kurt wieder zu sich kam, lag er in einem blütenweissen Bett. An seiner Seite standen zwei Krankenschwestern, am Fussende diskutierte ein Arzt im unverkennbaren Kittel mit einem fremden Mann.
„Er ist noch nicht so weit. Sie können ihn auf gar keinen Fall befragen“, hörte Kurt den Arzt sprechen.
„Herr Doktor, bei allem Respekt. Wir reden hier von einem Mord. Die Tatwaffe lag vor dem Fenster des abgebrannten Hauses. Wir wollen wissen, wie es zu dieser Tat kam. Der Mann liegt bereits zwei Tage bei Ihnen und ist sonst unversehrt.“
Kurt versuchte das Gehörte einzuordnen und schlief wieder ein. Als er das nächste Mal aufwachte, vernahm er sofort wieder Stimmen. Kurt öffnete die Augen. Er fühlte sich im ersten Moment frisch und ausgeruht. Dann knallten in ihm die Versatzstücke der Erinnerung wie Bomben ins Hirn. Der Schreck fuhr ihm in die Knochen. Er richtete sich auf.
„Guten Tag Herr Eggisberger. Schön, dass Sie wieder bei uns sind. Mein Name ist Inspektor Wyss vom Kriminaldienst Brig. Ich habe zwei- drei Fragen an Sie. Können Sie mich verstehen? Können Sie antworten?“
Der Mann stand da wie eine Figur aus einem bösen Traum. Kurt nickte mit dem Kopf.
„Gut, Herr Eggisberger. Wissen Sie wo Sie sind? Wissen Sie was passiert ist?“
Die Fragen klangen alles andere als freundlich.
„Ich kann mich kaum erinnern. In welchem Spital liege ich? Wer sind Sie?“ Kurts Antworten waren Fragen seinerseits. Er empfand den Mann als unhöflich und lästig. Schlussendlich lag er im Spitalbett, nicht der komische Schnüffler.
„Ich bin Inspektor Wyss von der Kriminalabteilung Brig. Sie liegen im Kantonsspital Brig. Sie waren lange bewusstlos. Was ist vor drei Tagen in der Baltschiederhütte geschehen? Können Sie sich erinnern? Wo ist Roman Ullrich?“
Warum fragte der Polizist nach Roman, schoss es Kurt durch den Kopf. Wie wollte er in diesem beschissenen Moment wissen, was sein Freund Roman gerade machte.
„Warum fragen Sie? Was ist mit mir…“, in diesem Moment setzte die Erinnerung ein.
„Mein Gott, Roman…“, entfuhr es Kurt Eggisberger.
„Ja, Roman. Roman Ullrich. Was wollten Sie von ihm?“
Dann war alles wieder da. „ Mein Gott“, flüsterte Kurt noch einmal. Langsam erzählte er dem Polizisten, dass er Roman besuchte, weil dieser ihn angerufen hatte. Sie waren seit Kindheit Freunde und der Herr Ullrich arbeitete als Hüttenwart am Baltschiederhorn. In der SAC- Hütte. Roman tönte besorgt, erzählte Kurt. Und er selbst hätte die Abwechslung gut gebrauchen können. Die Arbeit in der Redaktion wäre stressig gewesen und ein Wochenende in den Bergen hätte verlockend geklungen. Wenn er doch nur nicht gegangen wäre, bemerkte der Verletzte immer wieder.
„Dann sind Sie also nach Ausserberg gefahren, haben den Wagen dort stehen gelassen und sind zur Hütte hochgestiegen? War es so? Den unteren Weg fuhren Sie noch im Postauto, nicht wahr?“
Der Polizist fragte mit einer Erwartung in der Stimme, als ob er sich auf die Antwort freuen würde.
„Ja“, sagte Kurt. „So war es.“
„Gut“, entgegnete der Polizist. „Sehr gut. Und oben haben Sie übernachtet, am nächsten Tag Krach gekriegt und ihren Freund erstochen. Einfach so. Warum?“
„Wie? Machen sie keine blöden Witze. Ich habe niemanden getötet. Sind Sie noch bei Trost? Ich…“
Kurt musste sich zurücklegen. Die Anschuldigung war absurd und die Fragerei erschöpfte ihn so oder so. Er atmete schwer.
„Nein“, sagte er bestimmt. „Ich bin kein Mörder.“
Der Inspektor reagierte nicht.
„Ich bin zurückgekehrt. Wollte mit Roman reden. Da lag er. Ich sah ihn auf dem Boden liegen. Im Zimmer brannte es. Die Vorhänge standen in Flammen. Dann krachte etwas gegen meinen Kopf.“
„So, so, reden wollten Sie? Wir gehen davon aus, dass ihr Gespräch mit einem Mord endete. Sie haben Roman Ullrich erstochen und das Haus in Brand gesetzt. War es nicht so? Die Spurenauswertung auf der Tatwaffe wird es beweisen. Wir haben das Messer gefunden. Schier unversehrt. Dann wollten Sie abhauen. Unglücklicherweise sind Sie gestolpert. Pech muss man sagen, nicht wahr? Darum sind Sie fast verbrannt. Hätte die wandernde Frau nicht Hilfe geholt, Sie wären jetzt tot.“
Kurt starrte den Beamten an. Er rang nach Worten.
„Die Frau? Wandernd? Es war die Frau.“
„Was reden Sie? Ja, die Frau hat Sie gerettet.“
„Sie war es. Wegen ihr hat Roman angerufen. Sie hätten ein wenig übertrieben, sagte er am Telefon. An einem Hüttenfest. Wir haben dann das Mädchen gesucht. Ich konnte doch nichts dafür, Himmelnochmal. Ich war ja nicht einmal da, als es geschah.“
Der Kriminalbeamte unterbrach Kurt mit lauter Stimme.
„Was erzählen Sie, Herr Eggisberger. Roman Ullrich ist tot und Sie sind der Hauptverdächtige. Ist Ihnen das eigentlich bewusst?“
Kurt fuhr unbeirrt weiter.
„Sie sass auf den Suonen, hoch oben im Fels. Wir haben sie zurückgebracht und Roman hat mir alles erzählt. Sie hätten das Mädchen im Suff vergewaltigt. Er und noch einer. Am Abend zuvor. Ich konnte nichts erwidern. Was sollte ich denn zu dieser Scheisse sagen? Wir haben erst einmal geschlafen. Sie müssen mir glauben, Herr Inspektor.“
Der Kriminalbeamte Wyss trat näher an das Bett. Er musterte Kurt scharf.
„So? Und was dann? Wie erklärt das den Toten? Wie soll diese Geschichte plausibel machen, dass Sie neben einem Messer bewusstlos in dieser Hütte lagen? Neben dem Messer, das zweifelsfrei als Tatwaffe für den Mord an Roman Ullrich verwendet worden ist?“
„Wir sprachen am nächsten Tag über das Ganze. Das Mädchen schlief noch. Er erzählte mir von dem anderen Mann und ich wollte abreisen. Soll sich um den Schlamassel kümmern wer will, dachte ich. Das war nicht meine Baustelle. Ich bin losmarschiert. Unterwegs habe ich ein ungutes Gefühl gekriegt und kehrte um. Die Tür der Hütte war offen. Roman lag auf dem Fussboden. Ich sah nicht, ob er noch lebte. Ich sah die brennenden Vorhänge und dann knallte es gegen meinen Kopf.“
Kurt keuchte am Ende seiner Erzählung. Er schloss die Augen. Dann hörte er, wie die Zimmertüre geöffnet wurde.
„Inspektor Wyss“, klang eine Stimme. „Die Auswertung der Fingerabdrücke ist da.“
Papier raschelte, es folgte eine unheimliche Stille. Dann kamen Schritte auf das Bett zu. Kurt öffnete die Augen.
„Das Mädchen, sagen Sie?“, der Inspektor sprach langsam.
„Auf dem Messer sind tatsächlich nicht Ihre Fingerabdrücke, Herr Eggisberger. Wir lassen die junge Frau holen.“
„Wie wollt ihr wissen, wo sie ist?“, in Kurts Stimme klang leiser Hohn.
„Sie ist in der psychiatrischen Klinik, Herr Eggisberger. Nachdem sie vor drei Tagen die Feuerwehr verständigt hatte, floh sie wieder in die Suonentrassen oben im Fels. Sie sass dort und starrte ins Tal. Ein Bergführer hat sie heruntergeholt. Wir dachten, sie stünde wegen dem Brand und dem Toten unter Schock. Sie redet nicht.“
Die kommenden Wochen und Monate waren die Hölle. Die Verhandlungen auch. Kurt Eggisberger wurde während seiner Zeit im Koma von der Presse als Täter beschuldigt. Mord am Freund, hiess es. Danach war er Mittäter bei einer Vergewaltigung. Die Verhandlung zeigte, dass die Anschuldigungen nicht rechtens waren, aber ihm wurde vorgeworfen, dass er seine Helferpflichten grobfahrlässig verletzte. Die Richter befanden, dass er den Mord hätte verhindern können, wenn er sich um das Mädchen in der Hütte gekümmert hätte. Aber als die Gepeinigte aufwachte, war sie mit einem ihrer Vergewaltiger allein und musste in Panik geraten sein. Nachdem sie Roman Ullrich im Affekt erstochen hatte und die Hütte in Brand steckte, betrat Kurt Eggisberger unverhofft den Raum. Sie schlug ihn mit einer Holzstabelle nieder. So lautete die Tatanalyse der Polizeiexperten.
Das Mädchen schwieg meistens während dem Prozess – und weinte. Sie wurde in jener unheilvollen Partynacht geschwängert und die DNS–Analyse am abgetriebenen Fötus bestätigte den Vorwurf, wegen dem Kurt Eggisberger am entscheidenden Morgen lieber abreiste und mit der Sache nichts zu tun haben wollte: der zweite Vergewaltiger war kein Geringerer als Karl Stocker, seines Zeichens Gemeindepräsident von Brig. Der Mann wurde verhaftet und angeklagt. Kurts Karriere als Journalist zerbrach an dieser Affäre. Er wurde von der Weltwoche, seiner Arbeitgeberin, per sofort freigestellt und verlor zusehends Lust und Kraft, für die kleinen Provinzblätter im Wallis zu schreiben. Meistens unter einem Pseudonym, sein richtiger Name wurde allerorts mit üblen Leserbriefen bedacht. Er fing an, im Betrieb seiner Familie die Buchhaltung zu führen und versank langsam im Morast von Alkohol und Beruhigungsmitteln. Wäre er nur nicht gegangen, sagte er sich immer wieder. Wäre er nicht gegangen.

*

„Herr Eggisberger? Erkennen Sie mich?“
Kurt war wie vom Donner gerührt. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Natürlich erkannte er sie. Ruth Moser. Vor ihm stand Ruth Moser. Nicht mehr das hübsche Mädchen von damals, aber eindeutig Ruth Moser. Er schluckte. Sein Mund war plötzlich staubtrocken. Er hatte das Gefühl, als würde sich das ganze Geschehen in dem Einkaufsladen um den Punkt drehen, auf dem sie gerade standen. Der abgestürzte Journalist und die verrückte Rächerin. Er schaute sich um. Niemand schenkte ihnen Beachtung. Ihre Stimme klang scheu und zaghaft:
„Ich bin es. Ruth Moser.“
„Ich weiss, wer Sie sind“, entgegnete er.
Kurt wünschte die Frau weit weg. Sie hatte sein Leben zerstört. Natürlich war sie ein Opfer gewesen, aber das konnte doch kein Grund sein…
„Wie geht es Ihnen?“, sie blickte auf den Boden als sie die Frage stellte. Kurt fühlte sich erbärmlich. Er hasste die Frau.
Es war doch egal, wie es ihm ging. Hauptsache sie hatte ihre Rache gehabt.
„Ich wohne jetzt im offenen Heim hier in Brig“, hörte er sie sagen.
„Warum…“, tönte es endlich aus Kurt heraus. „Warum hast Du die Feuerwehr alarmiert. Warum hast Du mich nicht einfach liegenlassen? Es konnte Dir doch egal sein. Warum?“
Sie blickte ihn an. Ihr Gesicht war aufgedunsen. Die Augen gerötet. Sie tat, als hätte sie ihn gar nicht gehört.
„Ich wohne jetzt im offenen Heim in Brig. Nicht weit weg von hier. Am Donnerstag koche ich für die Gruppe und darf jemanden einladen. Kommen Sie nächsten Donnerstag? Ich würde mich freuen, wenn Sie mit uns essen.“
Etwas in Kurt brach zusammen. Er stand da mit seinem Wein und seinen Zigaretten und war hilflos.
„Du.. ich…ja, ich komme“, stammelte er. „Ich komme, Du musst mir nur den Weg zeigen.“



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