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Die wahre Reise in die Vergangenheit - von Aron, 02.03.2021
Die wahre Reise in die Vergangenheit

Es war ziemlich genau zwei Jahre nach dem Mauerfall. Dokus vom sogenannten „Drüben“, hielten sich immer noch hartnäckig im Fernsehen und erreichten beständig neue Zuschauer.
Eine davon war ich. Mich faszinierte die andere Seite Deutschlands aus zwei verschiedenen Gründen. Erstens konnte ich meinen Wunsch einer Zeitreise erfüllen, da selbst nach zwei Jahren noch vieles wie vor vierzig Jahren aussah und so was durfte ich mir nicht entgehen lassen. Des Weiteren wuchs meine Mutter in Naumburg auf. Sie verließ diese Stadt mit vierzehn Jahren und hatte sie seit dem nie mehr wieder gesehen. Zu groß war die Angst vor der Grenze, obschon sie damals legal in den Westen zog.
Nun waren keine Grenzen mehr vorhanden, keine Kontrollen mehr, alles frei ….
Spontan rief ich meine Mutter an und machte ihr klar, dass wir in drei Tagen ihre alte Heimat ansteuern wollen.
Die Familie meines Mannes hatte Kontakt zu einem Ehepaar aus Eisleben. Dort war der Opa mit dem Vater meines Mannes zu Kriegszeiten evakuiert gewesen.
Wir wurden herzlich eingeladen dort zu übernachten.
Mein Vater gab uns sein Auto. Mit der Begründung, “ Wenn ihr Mama mitnehmt, dann soll es auch ein zuverlässiges Auto sein.“
Die Fahrt kam mir sehr lange vor. Das lag sicher an meiner Ungeduld, endlich die ehemalige Grenze zu sehen. Es dämmerte schon, als plötzlich der Straßenbelag holprig wurde und das Auto über Pflastersteine hüpfte wie ein Pferd welches in Trab übergeht.
„ Jetzt haben wir die ehemalige Grenze passiert!“ sagte mein Mann und hielt das Steuer fest in der Hand. Wir tasteten uns im Schneckentempo die unebene Straße entlang. Mussten immer wieder große Löcher umfahren, weil dort Pflastersteine fehlten und wunderten uns über den ersten Trabbi, den wir sahen, der uns ohne Rücksicht auf den kaputten Straßenzustand überholte. Sichtlich beeindruckt,trotz der geringen Aussicht, die uns im Dunklen noch blieb, erreichten wir das Ziel in Eisleben.
Es war ein so herzlicher Empfang und wir fühlten uns Willkommen.
Am nächsten Morgen besuchten wir Naumburg.
Einen Parkplatz finden war gar nicht schwer. Irgendwie konnte man dort überall sein Auto einfach abstellen.
Wir marschierten zu fuß weiter bis zu einem Platz mit Brunnen.
Mama blieb plötzlich stehen und sah sich um. Die Häuser waren kaum renoviert, nur hier und da fand man ein eingerüstetes Gebäude.
Und dann geschah das schönste, an das ich mich bei dieser reise erinnern kann.
Mama erkannte alles wieder. Nach sechsunddreißig Jahren kamen alle Erinnerungen zurück.
Sie lief ein Stück die Straße hinauf in eine kleine Gasse. Die Jakobsgasse…
Wir fanden das Haus indem sie wohnte. Die Wirtschaft gegenüber und den Bäcker.
Sie erzählte uns Geschichten, wie sie zu Weihnachten den Teig zum Bäcker brachte, damit dieser ihn abbacken konnte. Einen eigenen Backofen hatten sie nicht.
Bei der Wirtschaft lieh Mama sich immer ein Fahrrad aus. Unvorstellbar, wenn ich an meine Kindheit denke.
An der Ecke der Gasse spielte sie immer mit ihrer Freundin und ärgerte die Jungs.
In der nähe befand sich auch das Filmhaus, dessen alter Schriftzug immer noch über dem Steinbogen am Eingang lesbar war.
Wir folgten ihr die Straße entlang an der ehemaligen Kaserne vorbei. Meine Oma wusch die Wäsche der Soldaten und bekam dafür Fleisch und Milch.
Ein Stück weiter befand sich der Friedhof. Hier lag Mamas Bruder begraben. Er starb mit zwei Jahren an einer Blinddarmentzündung.
Wir suchten nach seinem Grab, aber es war unmöglich zu finden. Zu groß war der Friedhof und zu viele Gräber waren zugewachsen. Etliche Zweige bogen wir auseinander und fanden Grabsteine von 1860.
Gleich neben dem Friedhof standen viele Garagen. Dort waren einst keine Häuschen in denen Mama auch ein paar Jahre wohnte.
Auf dem Rückweg zum Auto kamen wir an einem Haus vorbei, indem früher ihr Kindermädchen wohnte. Eine Frau, die oft auf sie aufgepasst hatte.
Wir schauten aus reiner Neugier auf die Klingel und sahen, dass der Name noch drauf stand.
Während meine Mama noch zögerte drückte ich schon den Klingelknopf. Nach kurzer Zeit wurde die Tür geöffnet und eine ältere Dame erschien im Hausflur.
Sie sah uns mit fragendem Blick an.
Mama ging ihr entgegen und sagte, „ Hallo Gertrud, kennst du denn die Helli nicht mehr?“
Erst war die Dame stutzig, dann kam sie näher und unterdrückte einen Freudenschrei.
„ Das gibt’s doch nicht!“
Sie fielen sich in die Arme und ich kämpfte mit meinen Tränen.
Wir hielten uns den ganzen Nachmittag bei ihr auf und hörten uns die Geschichten aus Mamas Kindheit an. Es war so schön an ihrem Leben teil zu nehmen.
Wir besuchten die alte Schule, fanden eine Klassenkameradin und den Weg zur Saale, den sie mit ihren Geschwistern immer ging zum Schwimmen.
Es war ein Tag wie ich ihn noch nie zuvor erlebt hatte.
Allen physikalischen Gesetzten zum Trotz…. ich habe eine Reise in die Vergangenheit erlebt.
Am leben meiner Mama teilhaben zu können, an ihre Kindheit, mit so vielen Eindrücken ist ein Geschenk das ich immer im Herzen behalten werde.



©2021 by Aron. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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