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Prosa => Liebe


Sternbilder - von Touchawx, 04.03.2011
Der Scheinwerfer streift ihr Gesicht. Ein Riss frisst sich berstend durch die Scheibe. Für einen kurzen Moment fliegt sie. Wie ein Engel. Dann reißt sie der Gurt unbarmherzig zurück.

Geschockt reißt Emily die Augen auf und sieht nichts. Pechschwarze Dunkelheit. Kerzengerade sitzt sie im Bett, streicht sich eine Strähne hinter das Ohr, ihre Hand ist nass, schweißnass. Keith murmelt etwas Unverständliches in sein Kissen und streckt liegend seinen Arm nach ihr aus. Ihr Herz hämmert gegen den Brustkorb, ihre Lunge lechzt nach Sauerstoff, sie atmet tief ein, saugt die Luft in ihren bebenden Körper.
„Alles ist gut. Es ist vorbei. Keith ist hier.“
Viele Male hat sie sich selbst beruhigt. Niemand weiß davon. Von ihrer Angst. Von ihrer Angst vor den Bildern, die sie immer wieder einholen. Auf der Reise durch ihre Träume .
Emily legt sich wieder zu Keith, schmiegt sich an ihn, warm legt sich sein Arm um ihre Taille. Beruhigend.
Aber an einschlafen ist nicht zu denken. Bis die Müdigkeit siegt.
Emilys Mutter wendet sich um, sagt etwas zu ihrer Tochter. Ihr Gesicht strahlt, sie lacht, Emily lacht, dann wird aus dem Lächeln wird in Sekundenbruchteilen ein grausam erschrockenes Starren. Das Licht blendet kurz, erhellt den Innenraum, dann Glassplitter überall. Schwebend, alles so langsam. Der Gurt reißt an Emilys kleinem Körper. Der Gurt der Mutter nicht. Sie wird zum Spielball der Fliehkraft. Der Airbag löst mit einem ohrenbetäubenden Knall aus, ihm folgt unerträgliches Piepsen in den Ohren. Die Splitter fallen auf den Stoff der Sitze, ein Geräusch wie das rasende Pochen eines kleinen Herzens. Dann kehrt die Stille zurück. So schnell wie sie verschwunden ist. Qualm umhüllt die Reste des Autos, Blut rinnt Schläfe der Mutter hinunter, viel Blut. Der Körper verrenkt, die Augen weit aufgerissen. Der geschockte Blick der letzten Sekunden starrt leer ins Nichts.
„Mama!“
Panisch schreckt Emily wieder aus dem Schlaf. Die Bilder verblassen. Der Qualm verzieht, Dunkelheit legt sich über die Splitter. Sie atmet schwer. Die leuchtenden Ziffern des Weckers zeigen zwei Uhr. Emily steht vom Bett auf, fährt sich durch die Haare. Nimmt die Wolldecke vom Stuhl und schließt leise die Tür zum Schlafzimmer. Ihre nackten Füße tapsen über den kalten Steinboden der Küche während sie sich einen Tee aufgießt. Mit Tasse und Wolldecke tritt sie in die kalte, sternenklare Nacht und kauert sich in die Ecke der Hollywoodschaukel auf dem Balkon. Der kühle Wind streicht über ihre Wange. Emily zieht die Decke bis zum Kinn und nimmt einen kleinen Schluck aus der Tasse. Viele kleine Herzchen zieren das Porzellan, mit Liebeserklärungen in allen erdenklichen Sprachen. Keith hat ihr die Tasse geschenkt. Der Tee dampft geräuschlos in den Nachthimmel, eine Träne kullert über Emilys Wange. Sie wischt sie sofort weg.
Die Balkontür quietscht, Emily erschrickt. Keith setzt sich neben sie, schaut sie an.

„Oh, tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Schon gut.“

„Als mein Vater gestorben ist war ich zehn. Er hat sich totgesoffen. Sein plötzlicher Tod hat mich damals fertig gemacht, mein Vater war für mich der großartigste Mensch auf der Welt. Ich wusste nichts von seinem Alkoholproblem, woher auch, ich war zehn! Meinem Großvater ging sein trauriger, kleiner Enkel sehr nah, meine Mutter hat mir das viele Jahre später erzählt. Er hat so oft versucht mich zu trösten, mich abzulenken. Wir waren unzählige Male im Zoo, im Kino, im Fußballstadion, sogar zu seinem Stammtisch hat er mich manchmal mitgenommen. Aber der kleine Junge an seiner Hand dachte wieder und wieder an seinen Vater. Das hat natürlich auch Großvater gemerkt, und deshalb hat er mich dann irgendwann einmal mitten in der Nacht aufgeweckt, wir wohnten damals alle in einem Haus, meine Großeltern, meine Mutter und ich, und, von meiner Mutter unbemerkt, sie hätte das niemals erlaubt, mit auf seine Obstwiese genommen. Zwischen den Pflaumen-, und den Birnbäumen hat er mich dann an die Hand genommen und mir den Himmel gezeigt. Den großen Wagen und den Kleinen, den großen Bären und was es da oben alles zu sehen gab. Und er hat mir erklärt dass mein Vater jetzt einer dieser Sterne ist und auf mich herabblickt.“

„Keith, woher weißt Du dass ich… dass meine Mutter…?“
„Von deinem Vater. Und ich weiß wie es sich anfühlt, so im Stich gelassen zu werden.“
Die Stille der Nacht legt sich über die beiden. Dann nimmt Keith sie in den Arm, ihr Kopf ruht auf seiner Schulter.
„Und welcher Stern, welcher ist der meiner Mutter?“
Keith schaut lange in den Himmel.
„Das fühlst nur Du.“

Emily lächelt. Sie küsst ihn auf den Mund und flüstert ihm ins Ohr:
„Ich liebe Dich.“



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