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Prosa => Horror


Am Abrund Buch 1 *** Last *** - von shadow1a, 02.02.2011
Am Abgrund
Buch 1 "Last"

Autor: E. Shadow

Zwei Brüder – durch ein grausames Schicksal dazu verdammt Jagd auf das Übernatürliche zu machen, geraten immer tiefer in einen Strudel aus Angst, Verzweiflung und Selbsthass.

Eine Reise zu vergessenen Mythen und in die unergründlichen Tiefen der menschlichen Seele.



*** Ein Fall zum Frühstück ***

Unzählige zuckende Körper wirkten im diffusen Licht wie ein gigantisches Wesen, das verzweifelt mit dem Tod zu kämpfen schien. Die Luft war heiß und hinterließ auf ihrer blanken Haut einen klebrigen Film. Nebelschleier trugen einen fruchtigen Geruch in den Raum und ihre Schatten wurden durch den flimmernden Boden verzerrt, bevor gleißende Lichter sie endgültig zerfetzten.

Jack löste seinen Blick von der Tanzfläche und starrte in das Glas, welches in seinen Fingern rotierte. Er hatte sich den Abend anders vorgestellt. Sie würde nicht mehr kommen – so viel war klar. Über vier Stunden hatte er nun an dieser Bar gewartet – vergebens. Enttäuscht kippte er sich den letzten Schluck des Mixgetränkes in den Mund. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Das Zeug war laumwarm kaum genießbar.
Suchend sah er hinter den Tresen und veranlasste durch ein Nicken den Barkeeper in seine Richtung zu kommen. „Noch einmal das Gleiche?“
Jack hatte die Worte des Jungen nicht verstanden, konnte sie aber deutlich von seinen schmalen Lippen ablesen. Verschiedene Musikstile, die aus den einzelnen Dancefloors eindrangen, vermischten sich hier mit dem Stimmengewirr zahlloser Menschen zu undefinierbaren, fast rauschähnlichen Klangbildern.
Mit einem Fingerzeig gab Jack dem jungen Mann zu verstehen, dass er zahlen wollte. Über sein blasses Gesicht huschte ein Lächeln. „Sie sollten nicht mehr fahren“, sagte er und hob seine schmalen Augenbrauen. Verlegen fuhr er mit den Fingern durch die dunkelblonden, mit Unmengen von Gel nach oben gestylten, kurzen Haare. Schnell zählte er die Scheine, die ihm der Gast gegeben hatte und seine Augen verrieten, dass er mit dem Trinkgeld zufrieden war.
„Ist okay Cheffe“, sagte Jack. Er griff nach seiner Jacke, die über der Lehne des Barhockers hing, steckte den Geldbeutel in die Gesäßtasche der Jeans und drehte sich in Richtung Ausgang. , dachte er,
Die Jacke über seiner Schulter, kämpfe sich Jack mühsam gegen einen nicht endenden Strom von Neuankömmlingen durch den langen Korridor des Clubs nach außen. Immer wieder wurde er von entgegenkommenden, hungrigen Körpern angestoßen oder gegen die Wand gedrängt.
Als sich die Tür des alten Industriegebäudes endlich hinter ihm schloss holte er tief Luft. Die kühle Nacht tat gut und hatte für den Moment seine Enttäuschung vertrieben. Jack ging die provisorisch betonierte Straße in Richtung Parkplatz. Hinter sich vernahm er immer noch das dumpfe Grollen der Musik. Das riesige Backsteingebäude verschluckte die hohen Töne und ließ nur tiefe Bassschläge nach außen dringen.
Seine Finger suchten in der Hosentasche nach dem Schlüssel, als er vor dem Auto stand. Stirnrunzelnd blickte er auf den zierlichen Gegenstand. , sagte er zu sich selbst. Jack warf den Schlüssel nach oben und fing ihn wieder ein um ihn in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Er zog sich die Jacke über und ging in die Richtung aus der ihm ein frischer, nach gemähtem Rasen, Holz und Wasser duftender Wind entgegen schlug.

Langsam schälten sich die Umrisse knorriger Eichen aus dem Nebel. Das schwache Licht des Mondes tauchte die Umgebung in ein unwirkliches Licht und schien jedem Stein, Strauch oder Baum ein Eigenleben zu geben. Je mehr sich Jack der dunklen Silhouette des alten Parks näherte, umso deutlicher konnte er spüren, dass der Sommer noch nicht gewonnen hatte. Es gab noch kühle, immer schattige Stellen an denen die wärmenden Strahlen der Sonne gescheitert waren. Hinter seinem Rücken verblassten die Lichter des stillgelegten Industriegebietes.
Fröstelnd zog er den Reißverschluss seiner Jacke nach oben und vergrub die Hände in den Taschen. Vielleicht hätte er sich einfach ein Taxi nehmen sollen?

Loser Kies knirschte unter seinen Schuhen als er vom Schatten der Bäume verschlugen wurde und in den Wald eintauchte. Der gewundene Weg schien kein Ende zu nehmen. Unzählige Male war ihn Jack Connor schon entlang gejoggt. Aber heute Nacht war irgendetwas anders. Er wischte sich mit der Hand über das Gesicht, als ob er damit ein ungutes Gefühl, dass sich in seinen Gedanken breit machte, vertreiben könnte. , dachte er.
Und tatsächlich konnte Jack einen Augenblick später die glitzernde Oberfläche des kleinen Sees sehen. Über dem Wasser waberten Dunstschleier. Sie schlichen unaufhaltsam dem Weg entgegen und griffen wie eisige Finger nach ihm. Der leise Schall seiner Schritte war das einzige Geräusch.
Schmerzend verkrampfte sich sein Herz – der Schall … das waren nicht seine Schritte! Schlagartig drehte er sich um und prüfte die Umgebung. Wurde er verfolgt? Jack konnte niemanden sehen. Aber er hatte doch Schritte gehört. Der Alkohol schien ihm die Sinne zu vernebeln. Entschlossen ging er weiter.
„Jack – nimm mich mit“, ungläubig lauschte der Mann. Jemand flüsterte seinen Namen.
Konzentriert beobachtete er ein weiteres Mal das Gelände. Im Zwielicht des Mondes war es unmöglich etwas zu erkennen. Aber plötzlich schien sich die gesamte Umgebung zu bewegen. Im Licht und Schattenspiel verzerrten sich die rissigen Stämme der mächtigen Eichen zu seltsamen Geschöpfen, die zu tanzen anfingen. Verzerrte Gesichter starrten auf ihn herab und die Schatten des Waldes nahmen bedrohliche Ausmaße an.
Jack Conner spürte wie sich seine Kehle langsam zuschnürte. Blankes Entsetzten hatte seinen Körper gepackt. , schoss es ihm durch den Kopf.
Er sah in Richtung Straße, deren Geräusche schon ganz leise zu hören waren und fing an zu laufen. In seinem Nacken spürte er einen eisigen Atem.
Keuchend, rannte er aus dem Wald.
Schon erschienen die erleuchten Fenster der ersten Häuserreihen in der Ferne. Jack konnte bereits vom Asphalt erhitzte Stadtluft riechen. , – Er spürte Erleichterung.
„JACK!“ Der heisere Schrei war ganz dicht an seinem Ohr. Im gleichen Augenblick riss es ihm die Beine weg und Sterne explodierten vor seinen Augen.

Die hektischen Geräusche der Stadt fanden langsam ihren Weg zurück in sein Bewusstsein. Zögernd bewegte Jack Connor die Beine. Seine Gelenke schmerzten von der Kälte, die im feuchten Boden lauerte. Was war passiert? War er gestolpert und hatte sich den Kopf angeschlagen?
Er musste Ohnmächtig gewesen sein. Mit beiden Händen stütze er sich ab. Er hatte das Gefühl Bleiplatten in den Jackentaschen zu haben. Kopfschüttelnd rieb sich Jack winzige Kieselsteinchen aus seinen Handflächen.
Unter der Last seines eigenen Körpers richtete er sich stöhnend auf und warf einen misstrauischen Blick über die Schulter. Der Wald schwieg.
„Jack, Jack, Jack“ keuchte er: „Alter, du stolperst über deine eigenen Beine!“ Er schüttelte grinsend seinen Kopf bevor er den Heimweg vorsetzte.

Müde schleppte sich Jack die letzten Stufen zu seiner Wohnung hinauf. Auf dem blanken Steinboden des renovierungsbedürftigen Korridors hallten seine Schritte. Er griff in seine Tasche und suchte den Schlüssel. Das Schloss klickte leise und öffnete die Tür. Erleichtert lehnte er sich an die Wand, nachdem er eingetreten war und das Sicherheitsschloss eingerastet hatte. „Was für ein Tag“, murmelte er kopfschüttelnd. Er schleppte sich zum Kühlschrank und nahm eine Flasche Bier.
„Morgen früh werde ich sie fragen wie lange sie mich noch verarschen möchte“, dachte er und ließ sich auf das Sofa sinken. Wenige Minuten später schlossen sich seine schwer gewordenen Lider. Jack war nicht mehr in der Lage, die ihn überkommende Müdigkeit abzuwenden.
Stumm flimmerte der Fernseher.

*** *** ***

„Jim! Jetzt beeil dich ich habe Hunger“, fordernd sah Ron in Richtung Bad und hörte wie das Wasser abgestellt wurde. Eine Sekunde später schob sich Jim´s Fransenkopf durch die nur einen Spalt weit geöffnet Tür. Seine nassen Haarsträhnen klebten ihm auf der Stirn und ließen unzählige glitzernde Wassertropfen über sein Gesicht perlen. Ein Tropfen hatte sich an der Nasenspitze festgesetzt und bebte bei jedem Atemzug.
„Alter“, entgegnete Jim, „wenn du nicht den ganzen Morgen das Bad blockiert hättest wäre ich auch schon fertig.“
Ron blickte nur ungeduldig über seine Schulter.
„Also schrei hier nicht rum, sondern pack schon mal die Sachen ein.“ Nachdem Jim gesprochen hatte verschwand sein Kopf wieder hinter der Tür, um in der nächsten Sekunde noch einmal hervor zu schnellen: „Und schmeiß deine stinkenden Socken nicht wieder zwischen meine frischen Hemden!“
Mit einem dumpfen Schlag fiel die Tür ins Schloss. Ron hörte wie das Wasser wieder aufgedreht wurde. Tief Luft holend murmelte er: „Ich habe keine stinkenden Socken.“ Er öffnete zwei große Sporttaschen, die auf einem der Betten lagen und kramte orientierungslos zwischen verstreuten Bekleidungsstücken, um sie in eine der Taschen zu werfen.

Eine halbe Stunde später verließen die Jäger das herunter gekommene Motel. Als Jim die Beifahrertür des nachtschwarzen Ford Mustangs öffnete fragte er beiläufig: „Wo soll es eigentlich hingehen?“
„Zum nächsten Diner der unseren Weg kreuzt – ich habe einen Bärenhunger“, antwortete der Ältere. Ron hatte die Stirn in Falten gezogen. Die Sonne zeigte sich wieder von ihrer besten Seite und blendete ihn.
Jim zog unbeeindruckt seinen Kopf ein und schwang sich in den verstaubten Wagen. Fast synchron schlossen sich die Türen mit einem dumpfen Schlag. Unentschlossen wippte der Ford Mustang einige Male hin und her bevor er mit quietschenden Reifen den kleinen Parkstreifen des Motels verließ.

*** *** ***

Lustlos und müde schleppte sich Jack, sein Gesicht hinter einer Sonnenbrille versteckt, vom nahe gelegen Parkplatz zum kleinen Drive in Restaurant. Er hatte es über das Wochenende kaum geschafft sein Auto zu holen. Den Rest der Zeit hatte er komplett verschlafen. Jeder Schritt verlangte ihm Überwindung ab. Er wurde das Gefühl nicht los, unter dem Gewicht seines eigenen Körpers, zu ersticken. Die Beine wollten ihm nicht mehr gehorchen und drohten mit jedem Schritt ihren Dienst zu verweigern. Mühsam schob er sich durch die Pendeltür in den Laden.
„He Jacky – wo warst du gestern? Du hattest Dienst!“ Lilly`s fröhliche Stimme stach in seinen Ohren.
„Ich war krank“, murmelte Jack. „Wo warst du denn am Freitag? Wir hatten uns doch verabredet?“ Eigentlich interessierte ihn die Antwort der jungen Frau nicht mehr. Er war zu müde um sich aufzuregen.
„Tut mir leid“, schuldbewusst suchte Lilly nach einer Antwort und neigte den Blick.
Als er sich an ihr vorbei schob um in die Küche zu gelangen, hielt sie ihn an der Schulter zurück. „Der Boss ist ziemlich sauer auf dich.“
Unerwartet nahm sie ihm die Sonnenbrille vom Gesicht. „Oh man – du siehst wirklich schrecklich aus“, flüsterte Lilly. Besorgt sah sie Jack an. Seine Augen waren matt und dunkle Ränder zeichneten sich unter ihnen ab.
„Ich muss mir was eingefangen haben“, erwiderte Jack und nahm ihr die Brille aus der Hand. Das helle Neonlicht tat seinen Augen weh. „Lässt du mich jetzt durch?“ Bereitwillig räumte Lilly den Weg.
Als Jack in der Küche verschwunden war, ging Lilly zielstrebig auf den Tisch zu, an dem soeben Gäste Platz genommen hatten.

„Was darf es denn sein?“, ihre fröhliche Art zauberte ein Lächeln auf das Gesicht des Mannes in der braunen Lederjacke.
„Ich hätte gern einen Cheeseburger und einmal Ham and Egg.“ Verzückt musterte Ron die junge Kellnerin. Sie strich eine goldblonde Strähne, die sich heute Morgen geweigert hatte in ihren Zopf gezwängt zu werden, aus ihrer Stirn. Als ein Lächeln um ihre Lippen zuckte, schienen einige blasse Sommersprossen auf ihrer Nase zu hüpfen.
Das Räuspern von der gegenüberliegenden Seite des Tisches schreckte sie auf.
„Entschuldigung?“
Lilly wandte sich an Jim, der nun seine Hand vom Mund nahm, sich ein Grinsen jedoch nicht verkneifen konnte. „Ich hätte gern Eierkuchen mit Ahornsirup und einen Kaffee Latte – Bitte!“ Sagte er und versuchte dabei möglichst ernst zu bleiben.
„Zwei Kaffee - Bitte“, Ron säuselte im charmantesten Ton den er treffen konnte. Lilly nickte verlegen und eilte zum Tresen zurück. Dabei wurde sie verfolgt von Ron`s begeisterten Blicken.
„RON“, flötete Jim mit erhobenen Augenbrauen. Seine Stimme war zwei Oktaven höher als sonst.

*** *** ***

Die Gerüche und Geräusche der Küche trieben Jack heute in den Wahnsinn.
Er stand am Barbecue-Grill und betrachtete angewidert die brutzelnden Hackfleischscheiben.
Das spärliche Frühstück, das er heute Morgen zu sich genommen hatte, drängte plötzlich aus ihm heraus. Mit der Linken winkte er den Küchenjungen zu sich und gab ihm zu verstehen einen Moment auf seine Hamburger aufzupassen. Der Student wischte sich die Hände am Vorbinder trocken. Erfreut über die willkommene Abwechslung nahm der den Platz am Grill ein, während Jack Connor eilig die Küche verließ.
Nach einigen Minuten kam er zurück. Argwöhnisch betrachtete Jeremy den Koch, der leichenblass aus der Toilette kam und überließ ihm wieder den Platz am Grill. Er selbst widmete sich murrend der Arbeit als Tellerwäscher und Kartoffelschäler.

Der stechende Schmerz fuhr unerwartet durch Jacks Lunge. Er schmeckte salzigen Schaum und hatte das Gefühl sein Brustkorb würde sich zu einem engen Schlauch zusammenziehen. Mit einem gurgelnden Schrei rang er nach Luft und versuchte sich abzustützen. Zischend verbrannten seine Handflächen auf den glühenden Gitterrosten des Grills.

Ein greller Schrei …
… hatte Ron und Jim von ihren Sitzen hochgerissen. Erstaunt sahen sie in die Richtung, aus der dieser Schrei gekommen war. Im gleichen Moment flogen die Flügel der Pendeltür auseinander. Mit weit aufgerissenen Augen stürzte Jeremy aus der Küche. Fassungslos klammerte er sich mit einer Hand an den Tresen und versuchte Lilly, wild gestikulierend, irgendetwas zu mitzuteilen. Aber blankes Entsetzten ließ keinen einzigen, verständlichen Laut über seine Lippen kommen. Unerwartet rannte er zum Ausgang, geriet plötzlich ins Stolpern und taumelte mit rudernden Armen direkt auf Jim zu, der ihn in letzter Sekunde auffangen konnte. Die Wucht des Aufpralls riss den jüngeren Barker fast um. Mit irrem Blick sah der Gestützte Jim an, befreite sich aus seinem Griff und verschwand wortlos aus der Tür. Überrascht blickten ihm die Brüder nach.

Zögernd trat Lilly an die große Pendeltür zur Küche.
„Jack?“, rief sie nach dem Koch. „He, Jacky ist alles in Ordnung?“ Nur widerwillig drückte sie die Tür auf und warf einen ängstlichen Blick in den weiß gefliesten Raum.
Ihr Verstand weigerte sich augenblicklich die Bilder, die ihre Augen sahen, zu akzeptieren. Lautlos glitt ihr der Colabecher aus der Hand. Die Welt verschwamm und ohnmächtig folgte ihr Körper mit einem dumpfen Schlag dem Plastikbecher, der bereits auf dem Boden kreiste. Eiswürfel klirrten über Fliesen und ein beißender Geruch wehte den Jägern aus der Küche entgegen.



*** Zu Spät ***

Es dauerte nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde und das jahrelange, harte Training, sowie der angeborene Instinkt eines Jägers übernahmen die Kontrolle über das Handeln der Barkerbrüder.

Nur ein einziger, kurzer Blick war nötig um sich zu verständigen. Während Jim um die Theke rannte, entschied sich Ron für den direkten Weg. Mit einem Satz schwang er sich, geschmeidig wie eine Raubkatze, über den Tresen und landete auf der anderen Seite sicher auf den Beinen.
Jim ergriff ein Küchenmesser, das er aus dem Augenwinkel erspäht hatte und stand bereits vor der immer noch schwingenden Tür. Der plötzliche Adrenalin-Schub stand ihm im Gesicht geschrieben. Seine Lunge trieb den Brustkorb sichtbar auf und ab. Das Herz pumpte auf Hochtouren um Jim´s Körper, der sich auf einen Kampf vorbereitete, mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Das Messer in der Hand sah er zu Ron herunter. Dieser hatte sich über Lilly gebeugt, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht verletzt hatte. Durch ein Nicken signalisierte ihm Ron, dass die junge Frau zwar bewusstlos aber in Ordnung war.

Die Jäger standen, jeder mit dem Rücken an einem der Pendeltürflügel. Ihre Gesichter waren konzentriert. Wieder übernahm Ron das Kommando. Mit einem explosiven Tritt bahnten sie sich einen Weg durch die Tür um die Küche zu stürmen. Unter der Wucht rissen die Scharniere aus den Angeln und beiden Türhälften stürzten zu Boden.

Beißender, Qualm erfüllte sofort ihre Lungen. Jeder Atemzug wurde zur Tortur. Die Arme schützend vor ihre Gesichter gelegt, setzten die Jäger vorsichtig erste Schritte in den Raum. Dichte Rauchschwaden brannten in ihren Augen. Ron eilte mit wenigen Schritten zu einem kleinen Fenster. Mit dem rechten Ellenbogen schlug er die Scheibe ein.

Nach wenigen Minuten wurde die Luft erträglicher und die Sicht klar. Ron`s Blick wanderte vorbei an Regalen, die überquollen mit Töpfen, Pfannen und Plastikdosen auf den Grill. Ein kurzes Stöhnen entwich seinen Lippen. Angeekelt wandte er sich ab.
„Was ist Ron? – Bist du ok?“ Jim konnte das Szenario nicht sehen. In seinem Flüstern bebte Unsicherheit.
„Wie Schrecklich …“, die mühsam hervor gepressten Worte des Bruder veranlassten Jim sich zu drehen. Ein kurzer Blick über seine Schulter – und auch Jim schob bestürzt den Handrücken vor seine Lippen. Er schloss die Augen und schnaufte leise.
Sekunden später, nachdem der Schreck verflogen war, studierte er mit gewohnter Akribie die Situation.

Ein verdorrter Körper lag auf dem Grill. Die rechte Gesichtshälfte brutzelte auf den kleinen blauen Flammen und verursachte den beißenden, nach angebranntem Fleisch stinkenden Qualm. Die Beine des Mannes waren weggeknickt. Verkrampft umschlossen die Hände des Toten die glühenden Gitterstäbe. Das Feuer hatte bereits ihr Fleisch abgesenkt und legte blanke Knochen frei. Die Kochjacke des Mannes war verrußt und teilweise verbrannt. Am mehreren Stellen entblößte sie einen bräunlich verfärbten Körper der mit violetten Flecken übersät war.

„Gott …“, flüsterte Jim. Er wagte einen zaghaften Schritt in Richtung des Tatortes. Immer wieder musste er würgen.
„Hast du so was schon mal gesehen?“, wollte Ron wissen.
Jim schüttelte den Kopf. „Vielleicht ein Arbeitsunfall“, keuchte er hinter vorgehaltener Hand.
„Sieht nicht danach aus“, stellte Ron fest. Er trat ebenfalls einen Schritt näher und betrachtete den Toten. Ron`s Brauen zogen sich in die Höhe. „Kann ein Körper so schnell verbrennen das er nach wenigen Minuten wie ein Stück Dörrfleisch aussieht?“, fragte er zweifelnd.
Jim stieß mit dem Messer gegen die Leiche. Wie eine Feder glitt sie lautlos zu Boden.
„Als wäre er schon Jahre tot.“ Jim sah Ron fragend an. Dieser hob ratlos seine Schultern.
Nach wenigen Sekunden entspannten sich Gesichter der Jäger. Die Erfahrung lehrte ihnen, dass sie zu spät waren. Wer oder was auch hier getobt hatte, es war weg.
„Wir können hier nichts mehr tun. Lass uns wenigstens dem Mädchen helfen“, sagte Ron und warf einen besorgten Blick auf Lilly, die immer noch bewusstlos am Boden lag. Er ging zu ihr zurück und sank auf seine Knie um vorsichtig ihren Kopf anzuheben. Ihr Gesicht war völlig entspannt. Vorsichtig strich er die widerspenstige Haarsträhne aus ihrer Stirn. , dachte er und spürte wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Ihr Anblick verzauberte ihn. Behutsam, als hätte der Jäger Angst das Mädchen zu zerbrechen, nahm er sie in die Arme.
„Was hast du vor?“, frage Jim. Er beobachtete fasziniert seinen Bruder.
„Ich werde sie auf die Bank legen“, antwortete Ron. Mit einem Ruck war er auf den Beinen. „Auf dem Steinboden holt sie sich noch den Tod!“
Verwirrt nickte Jim. Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des Notrufes.

*** *** ***

Jeremy rannte wie ein gehetztes Tier. Die Menschen auf der Straße sausten wie Schatten an ihm vorbei. Einige von ihnen hatte er bei seiner panischen Flucht angerempelt. Aber der Küchenjunge nahm es nicht wahr. Sämtliches Leben, das an diesem Morgen in den Straßen wimmelte, verwandelte sich in ein Gemisch aus pulsierenden Klecksen und unwirklichen Lauten. Jeremy konnte nicht schnell genug laufen um den schrecklichen Bildern in seinem Kopf zu entkommen.
Irgendwann sackte er in einer unbelebten Gasse zusammen. Sein Herz raste und er rang keuchend nach Luft. Jeremy fühlte stechende Schmerzen. Sein Hals brannte von der staubigen Stadtluft. Mit aufgerissen Augen starrte er ins Leere und fuhr sich verzweifelt durch die Haare, um diese Angst zu vertreiben. Das Erlebte erdrückte seinen Verstand.
Mit einem gequälten Schrei versuchte sich sein Körper von der Erinnerung zu befreien, bevor der junge Mann, apathisch hin und her pendelnd, den Zugang zur Realität verlor

*** *** ***

Angezogen durch die blitzenden Lichter des Krankenwagens und die Anwesenheit der Polizei hatten sich Schaulustigen vor dem kleinen Drive in Restaurant versammelt. Polizisten sperrten mit gelbem Signalband den Tatort ab.

Die Barker´s standen abseits vom Treiben und beantworteten die Fragen eines Officers.
„Nein – leider haben wir nicht gesehen wie es passiert ist“, berichtete Jim. Seine Stirn zog sich in Falten als er auf den Polizisten herab blickte. „Wir haben nur den Schrei gehört und dann kam dieser Junge aus der Küche gestürzt“, fügte er hinzu.
„Welcher Junge?“ fragte der Beamte interessiert.
„Wir kennen ihn nicht. Aber er war sehr jung und sehr zierlich“, übernahm Ron das Gespräch. „Er kam aus der Küche und hat meinen kleinen Bruder fast über den Haufen gerannt.“ Die Ironie in seinen Worten war unüberhörbar. Ron sah spöttisch zu Jim herauf. Dieser biss sich auf die Unterlippe und seufzte leise.
Der Police Officer konnte sich angesichts von Jim´s Größe ein Grinsen ebenfalls nicht verkneifen. „Nun meine Herren, bitte bleiben Sie in der Stadt und wenn Ihnen noch etwas einfällt dann rufen Sie mich an.“ Er schob Ron seine Visitenkarte zu, bevor er sich umdrehte und zum Tatort ging.
„Machen wir“, rief der Ältere dem Officer nach und schielte auf das Visitenkärtchen in seiner Hand: „Officer Miller.“
Kaum hatte sich der Beamte entfernt, verpasste Ron seinem Bruder einen Seitenhieb. „Bist ein bisschen aus der Form was?“, kicherte er und sah er zu Boden.
„Alter“, Jim holte tief Luft. Das konnte er unmöglich auf sich sitzen lassen. „Der Typ war schwerer als er aussah und als er stolperte, hat er noch mal ordentlich einen Zahn zugelegt!“ Vorwurfsvoll hoben sich seine schmalen Augenbrauen.

Die Sanitäter fuhren Lilly auf einer Trage vorbei. Sie war wieder bei Bewusstsein. Ihr Gesicht schimmerte blass in der Sonne. Ron trat einen Schritt näher „Wie geht es ihr?“, fragte er einen Sanitäter.
„Sie hat einen leichten Schock ist aber in Ordnung. Wir werden sie eine Nacht zur Beobachtung in der Klinik behalten.“
Ron nickte erleichtert. Er beugte sich etwas herunter zu Lilly: „Ist wirklich alles Okay?“ Die Frau lächelte nickend und Ron konnte auf ihren Lippen das Wort Danke ablesen. Als sie in den Wagen gehoben wurde, hob er seine Hand um ihr zum Abschied kurz zu winken.
Jim stand im Hintergrund, beide Hände in den Hosentaschen vergraben, beobachtete er fasziniert seinen älteren Bruder. Ein verklärtes Lächeln umspielte seine Lippen. „Sie heißt übrigens Lilly“, rief er scheinheilig.
Mit einem Räuspern sagte Ron: „Ich glaube wir sollten das checken – das könnte was sein.“
Jim`s schmale Finger fuhren durch die langen Haare auf seiner Stirn. „Wenn es dir wirklich um den Fall geht!“ grinste er.
Die Jäger schritten auf ihren Wagen zu. Am Ford Mustang angelangt, konnte Ron die bohrenden Blicke seines Bruders nicht mehr ertragen.
„Was ist?“ Er schlug mit den Händen auf das Wagendach und schaute Jim an.
„Das frage ich dich!“ Jim hatte ebenfalls die Hände auf das Dach gelegt und musterte Ron. Als er keine Antwort bekam, griff er nach der Klinke und schwang sich in das Auto.
Nachdem sich die Türen des Ford Mustangs geschlossen hatten, konnte sich Jim einfach nicht mehr zurück halten. „Du magst sie“, platzte es aus ihm heraus. Sein Rücken presste sich gegen den Ledersitz als er Ron mit herausfordernden Augen ansah.
Dieser kramte im Handschuhfach nach einer Kassette und murmelte vor sich hin. überlegte Ron und spürte wie eine leichte Hitze in ihm aufstieg. „Wen?“, fragte er knapp.
„Lilly …! – Komm schon Ron… Ich sehe doch wie du sie ansiehst.“ Ein Grinsen breitete sich erneut in Jim´s Gesicht aus als den großen Bruder musterte.
Ron holte Luft. Dann schob er eine Kassette in den Schlitz des Radios. Er drehte mit einem Hüsteln den Zündschlüssel und trat das Gaspedal durch. Im Auto dröhnte AC/DC, als er das Lenkrad scharf einschlug und den Rückwärtsgang einlegte. „Ich kann dich leider nicht verstehen, Jimmy die Musik ist zu laut“, schrie er seinem Bruder entgegen.
Jim sah lachend auf die Straße. Er schüttelte den Kopf und beobachtete die Menschen.
Mit quietschenden Reifen schoss der Ford Mustang aus der Parklücke, blies ein paar blaugraue Wölkchen in die Luft und bog in die nächstgelegene Straße ein.

*** *** ***

Die Luft im Motelzimmer war stickig heiß. Obwohl die Klimaanlage seit Stunden unüberhörbar laut summte, gelang es ihr nicht die Temperatur auf erträgliche Werte zu senken. Die zugezogenen, zerschlissenen Vorhänge ließen Licht nur spärlich in den Raum. Eine vergilbte Blumentapete kräuselte sich an einigen Stellen von den Wänden und hinterließ kahle, unansehnliche Stellen auf grauem Putz. Man hatte versucht mit zusammen gewürfelten Möbelstücken jene Stellen zu verstecken. Dieses Motel hatte seine besten Tage schon lange hinter sich.
Jim saß in leicht gekrümmter Haltung seit Stunden an einem Tisch und starrte auf den flimmernden Laptop. Seine Finger flogen über die Tastatur und erzeugten ein leises Klicken. Es war das einzige Geräusch neben dem nervenden Rauschen der Klimaanlage.
Schwüle Hitze hatte Jim`s Shirt zu einer feuchten Kompresse werden lassen. Die Konturen seiner Muskeln zeichneten sich bei jeder Bewegung unter dem blaugrauen Stoff ab. Jim kniff die Augen zusammen und legte den Kopf in seine Hände. Das unbequeme Sitzen hatte seine Rückenmuskulatur verkrampft und Jim`s Körper ermahnte schmerzend eine Auszeit.
Mit einem offenen Gähnen streckte sich Jim, hob die Arme und verschränkte seine Hände hinter dem Kopf. Als er sich wieder nach von beugte, strich er sich braune Haarsträhnen aus der Stirn. Aber die widerspenstigen Fransen weigerten sich gegen den Versuch gebändigt zu werden und fielen augenblicklich in ihr geordnetes Chaos zurück.
Entmutigt und müde schlug Jim das Cover seines Laptops zu. Er hatte jedes Archiv durchforstet, war jedem noch so vagen Hinweis nachgegangen. Alles ohne Erfolg. Es gab Nichts, das Vergleichbar war mit dem was die Brüder heute Morgen erlebt hatten. Kein einziger, ähnlich verwirrender Arbeitsunfall hatte sich weiter in dieser Stadt ereignet.
Ein Anruf bei Bill hatte auch nichts gebracht, außer der freudigen Gewissheit, dass es dem alten Jäger gut ging und der Hoffnung, er würde sich melden, sobald er bei seinen Recherchen etwas herausgefunden hatte.
Ruckartig schnellte Jim in die Höhe und schlug zornig auf die Tischplatte.
Er ging in die Mitte der Zimmers. Seine Silhouette zeichnete sich im schwachen Licht der Fenster ab. Gegen die alten, kleinen Möbel wirkte Jim wie ein Riese.
, dachte Jim und ging zum Kühlschrank.
Nachdem er eine Pappschachtel mit seltsam anmutendem Inhalt bei Seite geschoben hatte, ergriff er eine der Flaschen, die als einziges Innenraum ausfüllten.
Seufzend ließ er sich auf sein Bett fallen und wurde im gleichen Moment von der Kuhle die sich in der Matratze bildete, aus seiner Balance gerissen. Mit rudernden Armen und Beinen fing er sein Gewicht wieder auf und öffnete kopfschüttelnd die Flasche. Der Schluck tat ihm gut, vermochte aber nicht das Pochen hinter seinen Augen zu mildern. , überlegte er und stellte die Flasche neben den durchgetretenen Bettläufer.

Ein stechender Schmerz zwang Jim augenblicklich mit beiden Händen seinen Kopf zu stützen. Flammen schienen ihm die Augen aus den Höhlen zu brennen. Stöhnend beugte er sich nach vorn, verzweifelt bemüht eine Körperhaltung zu finden, die diese Schmerzen aufhob. Das Stechen kehrte zurück und schwoll periodisch zu kaum noch ertragbarer Intensität an. Völlig seine Kontrolle verlierend, rutschte Jim vom Bettrand zu Boden. Den tobenden Kopf immer noch in seinen Händen vergraben, kniff er stöhnend die Augen zu und schlug mit der Stirn auf den Boden. In seinem Kopf erschienen Bilder. Sie wurden abwechselnd zerrissen von Dunkelheit und grellen, schmerzenden Lichtern. Klagende Laute erfüllten seine Ohren und ein Gefühl ohnmächtiger Angst griff nach seinem wild schlagenden Herzen. Mit zusammengepressten Lippen riss Jim seinen Kopf in den Nacken. Als er mit einem dumpfen Schlag auf dem Rücken landete, irrten seine Augen weit geöffnet durch das Zimmer.
Aber die Bilder die Jim sah kamen nicht aus diesem Raum.


*** Von Intensivstationen
und Leichenhäusern ***

Leise klickte das Schloss als Ron den Schlüssel drehte und sich in das Motelzimmer schob.
„He Jim – es gibt Neuigkeiten“, rief er mit erfreutem Gesicht. Mit einer schnellen Bewegung schleuderte er den Autoschlüssel auf eine kleine Kommode neben der Tür und sah sich suchend um.
„Jim? – wo steckst du?“ Rasch stellte er eine Papiertüte mit dem soeben eingekauften Fastfood neben dem Schlüssel ab. Ron konnte Jim nirgends sehen, vernahm aber unvermittelt ein schwerfälliges Keuchen. Mit einigen Schritten hatte er das Bett umrundet.

„Gott was ist denn passiert?“ Sofort packte er Jim am Ausschnitt seines Shirts und zog ihn zu sich heran.
Noch halb benommen durch die Tortur der Vision schwankte Jim´s Kopf unsicher auf seinen Schultern. Er hatte die Augen geschlossen und durch seine zusammengepressten Lippen quetsche sich ein leises Stöhnen. Seine Finger krallten sich in Ron`s Lederjacke.
Suchend wanderten Ron`s Blicke über den Körper seines Bruders. Als er sicher war, dass der Jüngere keine Verletzungen hatte, schüttelte er ihn kräftig. „Jim – he Kleiner! … Komm zu dir!“ Jim schien allmählich klarer zu werden.
„Ron?“, fragte er mit schmerzverzerrtem Mund.
Ein Lächeln huschte über Ron`s Gesicht: „He Jimmy – ja ich bin’s.“ Er schnippte mit seinen Fingern vor Jim´s Gesicht herum. „Bist du OK?“, wollte er wissen und rüttelte ihn abermals heftig.
„Hör auf mich so zu schütteln“ wehrte sich Jim knurrend. „Mir platzt gleich der Kopf.“
„Komm Kleiner – steh auf.“ Mit einem beherzten Ruck zerrte Ron seinen Bruder in die Höhe. Immer noch zittrig folgte Jim Ron`s Bemühungen. Als er schließlich erschöpft auf dem Bett Platz gefunden hatte, rieb er sich die Schleier aus den Augen und blinzelte Ron an.
„Meine Güte“, raunte dieser vorwurfsvoll. „Kann man dich denn nicht mal ein paar Stunden allein lassen?“ Er blickte besorgt in die Augen seines Bruders. „Hattest du wieder eine dieser … Visionen?“
Jim nickte betroffen und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Das Pochen hinter seinen Schläfen wurde allmählich schwächer.
„Was hast du gesehen?“ bohrte Ron nach. Er hatte sich neben Jim aufs Bett gesetzt und sah ihn erwartungsvoll an.
„Keine Ahnung“, keuchte Jim immer noch atemlos. „Einen Mann – er kniete vor einem leblosen Körper.“
„Kanntest du ihn?“, fragt Ron. Er hatte die Hände auf dem Schoß verschränkt. Seine Daumen kreisten ungeduldig um sich selbst.
„Ich weiß nicht“, presste Jim hervor. „Es war irgendwie … anders! … Anders als sonst.“
Sein Gesicht verbarg er immer noch in den Händen, die jetzt zudrückten als versuchte er die letzten Erinnerungen aus seinem Gedächtnis zu quetschen.
„Er hat schrecklich gelitten“ flüsterte Jim.
Ron sah ihn erstaunt an. „Gelitten? – War er verletzt?“
Jim schüttelte seinen Kopf „Nein – ich glaube nicht.“
„Wie kommst du dann darauf?“ Völlig verwundert hob der Ältere seine Brauen.
Langsam füllten sich Jim`s Augenwinkel mit Tränen: „Ich konnte seine Schmerzen fühlen. Ron - ich kannte sie!“
Verwirrt schüttelte dieser seinen Kopf. „Was soll das denn jetzt heißen?“
„Was weiß ich“, zischte Jim wütend über sein Unvermögen, die Bilder und Empfindungen, die er durchlebt hatte, zu interpretieren.
Er erhob sich und wanderte zornig im Zimmer auf und ab. „Es hat Blüten geschneit…“, hauchte er.
Ron`s Gesicht wurde immer erstaunter. Er war auf dem Bett sitzen geblieben und musterte Jim, der kurz davor war zu explodieren.
Immer wieder raufte sich der junge Jäger die Haare und blickte verzweifelt an die Decke, als erhoffe er sich dort eine Antwort. Entnervt sah er schließlich über seine Schulter auf Ron: „Alter, ich habe keine Ahnung - Ich gehe erst mal duschen – ich brauch einen klaren Kopf.“ Jim zog sein Shirt aus und schleuderte es in den Raum. Dann verschwand er, die Tür hinter sich zuschmetternd, im Bad.

*** *** ***

„Iss was“, mit einer Hand schob Ron eine Pappschale in Jim´s Richtung. Mit der Anderen puhlte er genüsslich kauend in der undefinierbaren Masse der zweiten Schachtel und stopfte sich das Essen in den Mund.
Angewidert zuckte Jim vor der entgegenkommenden Schachtel zurück. „Ron! … das kann man doch nicht essen! Weißt du überhaupt was das ist?“ Er zog seine Stirn in Falten, beugte sich etwas nach vorn und beobachtete misstrauisch den bunten Inhalt, als hätte er Angst ihm könnte daraus etwas entgegen springen.
„Du hast also was herausgefunden?“, fragte Jim schließlich und lehnte sich mit verschränkten Arme zurück.
„Ja, stell dir vor – ich war noch mal auf der Polizeistation.“ Während Ron sprach, drohte ihm die Malzeit wieder aus dem Mund zu fallen.
„Inspektor Miller sagte mir, dass sie in einer Nebenstraße einen verwirrten Jungen aufgriffen haben. Seine Beschreibung passt auf unseren vermissten Küchenboy.“
Jim beobachtete angeekelt und fasziniert zugleich, wie einige Nudeln zwischen Ron`s Lippen lebendig zu werden schienen.
„Was starrst du mich denn so an?“ wollte Ron wissen und riss Jim aus seinen Gedanken.
Räuspernd deutet dieser auf seine Lippen: „Du hast da was.“
Ron wischte sich den Mund ab und berichtete weiter: „Er ist in der hiesigen Nervenklinik. Ich denke wir sollten ihn dort morgen mal besuchen.“ Fragend sah er Jim an: „Magst du nicht?“ Sein Blick glitt gierig auf die zweite Schachtel. Jim schüttelte den Kopf.
Sofort angelte sich Ron auch die zweite Pappschachtel und machte sich über den Inhalt her.
„Ja das sollten wir.“ Jim sah nach oben. „Wie geht es Lilly?“, fragte er leise.
„Alles bestens, sie wird morgen entlassen“, platzte Ron heraus, noch bevor ihm überhaupt bewusst geworden war, dass Jim ihn überrumpelt hatte.
Jim lachte: „Du hast sie also im Krankenhaus besucht. Weißt du denn schon wo sie wohnt?“
Geschlagen sah Ron von seinem Essen auf: „Ja – ich habe sie besucht. Und – Ja ich weiß wo sie wohnt.“
Versöhnlich neigte er den Kopf. „Und bevor du mich noch weiter nervst, Jimmy – Ja, ich mag sie.“
Der Jüngere holte tief Luft. Ein triumphierendes Lächeln eroberte sein Gesicht. Es war ihm schon immer leicht gefallen seinen älteren Bruder zu überlisten.
„Mann, du bist echt fies“, bemerkte Ron zerknirscht.
Plötzlich erfüllte ein dumpfes Knurren den Raum. Erstaunt sah sich Ron um. „Was war denn das?“, flüsterte er mit erhobener Braue.
„Das - war mein Magen, Alter!“, antwortete Jim mit einem tiefen Seufzer und sah hungrig auf die leeren Pappschachteln.
„Zu spät…!“ bemerkte Ron und stieß die leeren Kartons vom Tisch.

*** *** ***

Kaum waren sie durch die große Drehtür des historisch anmutenden Gebäudes nach innen gelang, wehte ihnen der intensive Geruch von Desinfektionsmitteln entgegen. Weiches Linoleum dämpfte ihre Schritte und ein reger Menschenstrom verriet, dass Besuchszeit war. Schwestern in raschelnden Kitteln begleiteten Patienten in den sonnenüberfluteten Park. Eine Angestellte rollte einen Serviertisch mit diversen Tellern und Tassen in eine kleine Küche.
Ron und Jim gingen ohne Umweg direkt auf den Empfang zu.

„Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“, fragte die Schwester an der Rezeption ohne den Blick von einem Formular zu wenden, dass sie gerade ausfüllte.
Ron setzte ein strahlendes Lächeln auf: „Guten Tag, FBI mein Name ist Marlowe und mein Partner hier heißt Mason. Wir ermitteln im Fall des gestern aufgefundenen verwirrten, jungen Mannes.“ Er schob einen Ausweis mit seinem Foto über den Tresen und forderte Jim auf, es ihm gleich zu tun.
Die Schwester erhob ihren Kopf und schielte über den Rand einer Brille, die über ihrer Nase zu schweben schien. „Hat er was angestellt?“, fragte sie. „Woher haben Sie überhaupt die Information, dass wir einen solchen Patienten haben?“
Sie legte ihren Kugelschreiber beiseite und stützte sich mit beiden Händen auf den Schreibtisch um sich zu erheben.
„Nun“, entgegnete Ron, „wir sprachen gestern mit Detektiv Miller. Er hat gesagt, dass unsere gesuchte Person möglicherweise einer Ihrer Patienten ist.“
Misstrauisch beäugte die Schwester zunächst die Ausweise der Männer, bevor sie anschließend die Krawattenträger selbst in Augenschein nahm. Nachdem sie sich von der Richtigkeit ihres Beamten-Status überzeugt hatte, sank sie zurück auf den Stuhl und begann etwas in ihren Computer zu tippen.
Sekunden später antworte sie „Station 4, Zimmer 63. Aber glauben Sie mir Detektivs, Sie werden nicht viel in Erfahrung bringen. Der arme Junge ist völlig weggetreten.“
Die Jäger bedankten sich lächelnd und schlenderten durch den langen Korridor in Richtung Fahrstuhl. „Melden sie sich bitte bei der Stationsschwester“, rief ihnen die Schwester zu. Ihr Lockenkopf erschien abermals über den Tresen, um ihnen nachzusehen.

Leise klingelnd kündigte der Fahrstuhl die gewünschte Station an, als sich Tür auch schon öffnete. Hier oben war nichts mehr spürbar vom hektischen Treiben im Empfangsbereich. Jim´s Blick schweifte suchend über Türschilder. Er wies mit dem Finger in die Richtung, in der Zimmer 63 zu erwarten war.
Rasch schritten Ron und Jim durch den menschenleeren Korridor. Die Stille war beängstigend. Fast am Ende des Ganges schien eine Tür offen zu stehen. Die Jäger sahen sich nickend an. Ihr Instinkt riet zu äußerster Vorsicht. Ron griff unter sein Jackett. Langsam glitt der Schaft einer Betretta in seine Hand. Er betrat als erster den Raum. Sofort sah er die Krankenschwester mit ihrem Gesicht nach unten am Boden liegen. Der Medizinwagen war anscheinend umgerissen worden und verschiedene Medikamente lagen verstreut am Boden. Einzelne Tabletten knirschten unter Ron`s Schuhen als er darüber hinweg lief. Das Krankenbett im sonst kahlen Zimmer stand verborgen hinter einem weißen Leinenvorhang.
Jim war nur einen Augenblick später seinem Bruder gefolgt und sofort der Schwester zu Hilfe geeilt. Sie bewegte sich leise stöhnend. Er half ihr auf die Beine während Ron sich, mit entsicherter Waffe, entschlossen dem Bett näherte.
Verdutzt und sprachlos blickte das Mädchen zu Jim hinauf.
„Was ist passiert? Haben sie sich verletzt?“ Fragte der Jäger und musterte besorgt die junge Frau. Sie schüttelte ihren Kopf. „Ich muss gestolpert sein“, murmelte sie. Hastig versuchte sie ihren zerzausten Zopf zu ordnen und strich sich das Schwesternkleid glatt. Als sie aufstehen wollte, verzog sich ihr Gesicht.
„Ist wirklich alles OK?“ Jim hatte sie vorsichtshalber am Arm fest gehalten um zu verhindern das sie erneut ins straucheln geriet.
„Ist OK – danke“, hauchte sie mit errötenden Wangen. „Ich habe mir wohl an der Schulter wehgetan!“
„Wie heißen Sie?“ Jim`s Stimme war gesengt.
„Mein Name ist Amelia.“ Sie rieb sich an der linken Schulter und drehte sich zu Ron um. „Wer sind Sie und was machen Sie beide eigentlich hier?“
Die blaugrauen Augen des jüngeren Jägers hefteten sich auf das Gesicht des Mädchens: „Amelia – Mein Name ist Jim“, antwortete er ruhig.
Mit einem Räuspern unterbrach ihn Ron. Er zückte erneut den gefälschten Ausweis. „Wir wollten eigentlich ein paar Worte mit ihren Patienten reden“, sagte er und nickte in Richtung Bett. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich dem zugezogenen Vorhang.
Erstaunt hoben sich Amelia`s Augenbrauen. „Warum so geheimnisvoll?“, flüsterte sie.
Ron hob die Schultern – „Nur so ein Gefühl.“ Er nickte Jim kurz zu.
Langsam griffen Ron`s Finger nach dem Saum des Vorhanges. Ein Ruck – und klirrend sausten die Führungsringe über die Aluminiumstange.

Entsetzt weiteten sich Amelia´s Augen. Ihr Schrei war kurz und schrill, denn Jim riss sie augenblicklich herum und presste ihr Gesicht gegen seine Brust. Seine Arme umschlangen sie fest um zu verhindern, dass sie sich nochmals umdrehte und so den Anblick ein zweites Mal ertragen müsste.
Ein Laut des Entsetzten ausstoßend, wandte sich Ron vom Jeremy ab. Er beugte sich nach vorn und hielt sich die Hand vor den Mund um sein Würgen zu unterdrücken.
Vorwurfsvoll schaute Jim Ron an. In seinen Armen wimmerte Amelia. Jim konnte spüren wie ihr Körper zitterte. Sie drohte jede Sekunde zusammenzubrechen. Mit erhobenen Brauen gab er Ron durch ein Kopfnicken zu verstehen, dass es an der Zeit war das Zimmer zu verlassen.

*** *** ***

Knarrend bewegte sich der rostige Fenstergriff und löste so die Verriegelung. Durch einen leichten Stoß sprang das Fenster auf. Ein großer Schatten huschte geschmeidig durch die Fensteröffnung und glitt lautlos zu Boden. Ihm folgte ein zweiter Schatten … und ein Fluchen.

„Ron! Pass doch auf wo du hintrittst“, fauchte Jim und rieb sich den Fuß.
Zwei Lichtkegel irrten durch den Raum. „Kleiner - Mach mal das Licht an“, flüsterte Ron.
„Klar gern – wenn du mir sagst wo der Schalter ist“, konterte Jim.

Nach wenigen Sekunden flimmerten die Lichter der Leuchtstoffröhren auf, um den Raum in ein kaltes Licht zu tauchen. Weiße Fliesen auf dem Boden und an den Wänden verstärkten die Wirkung erheblich. Auf dem Boden standen einige gelbe Plastikbehälter unterschiedlicher Größe mit der Aufschrift Pathologie.
Die Jäger blinzelten gegen das Licht und orientierten sich. Es war kühl. In der Luft schwebte der Geruch von Thymol und Phenol.
„Auf in den Kampf!“ Ron ging entschlossen auf eine Wand aus Kühlschränken zu. Beherzt zog er am Klappgriff der ersten Luke.
„Ron…!“ Jim hatte sich neben den einzigen Obduktionstisch gestellt und machte sich an einer großen 12-äugigen OP-Lampe zu schaffen, um sie über einem verdeckten Körper zu positionieren. „Vielleicht sollten wir es hier zuerst versuchen“, flötete er seinem großen Bruder entgegen.
„Ah!“ Ron drehte sich spontan um und ging auf Jim zu. „Frauen und Kinder zuerst.“, raunte er. Er sah Jim fordernd an.
„Wieso ich?“ fragte Jim. Falten bewegten sich auf seiner Stirn.
„Weil ich heute schon gekotzt habe“, entgegnete Ron und wies mit dem Zeigefinger auf den Körper. „Los mach schon Jimmy.“
Jim ergriff zögernd das weiße Tuch und schlug es zurück. Ein Ton des Ekels quetschte sich über seine Lippen. Er schluckte heftig. „Der sieht ja auch wieder so aus als wäre er längst überfällig.“
„Ja“, erwiderte Ron aus sicherer Entfernung auf den Toten schielend. „Nur, dass dieser hier nicht auf einem Grill lag und folglich auch nicht hätte verbrennen oder vertrocknen können!“
„Was meinst du könnte das hier verursacht haben?“ Er sah Jim fragend an.
Ratlos schob Jim seine Hände in die Hosentaschen. „Spontane Selbstverbrennung vielleicht?“
„Glaub ich nicht“, entgegnete Ron. „Dazu ist er zu gut erhalten. Da bleibt immer nur ein wenig Asche übrig.“
„Eine extrem hungrige Shtriga* vielleicht?“ Jim hob seine Augenbrauen.
Die Jäger sahen ratlos auf den verdorrten Körper. Er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem Küchenjungen und wirkte wie eine Wüstenmumie. Das Fleisch schien komplett verschwunden, nur die Haut spannte noch über den Knochen. Im eingefallenen Gesicht lagen geschrumpelte Augen, wie Rosinen in tiefen Höhlen. Der Mund war aufgerissen, als hätte er nach dem letzten verzweifelten Schrei, nicht mehr genug Zeit gehabt sich zu schließen.
„Was ist denn das?“ Ron zeigte auf kleine, violette Punkte an der Schulter des Toten. „So was hatte doch der Andere auch!“ Seine Augen erfassten Jim, dessen Fältchen sich grübelnd auf der Stirn bewegten.
„Mh … sieht fast aus wie der Abdruck von Fingern“, antworte Jim und kratzte sich am Hinterkopf. „Dreh ihn mal um“, forderte er Ron auf.
Dieser sah ungläubig zurück. „Was? – Ich fass den doch nicht an!“ Ron schüttelte heftig den Kopf.
„Na mach schon Ron - ich habe schließlich die Decke weggezogen.“ Jim`s Blick duldete keinen Widerspruch.
Schnaufend nahm sich der Ältere ein Paar Gummihandschuhe aus einem Plastikbehälter. Mit angehaltenem Atem packte er den Körper und drehte ihn vorsichtig zur Seite.
Jim hatte sich herunter gebeugt um den Rücken genauer betrachten zu können. Fast stieß er mit seiner Nase gegen die Leiche. Über seine Lippen kamen Laute des Erstaunens.
„Jetzt mach schon“, ächzte Ron. „Der zerbröselt mir zwischen den Fingern!“
Jim richtete sich auf und nickte Ron zu. Sofort ließ der Ältere den Körper los, der sich knirschend in seine Ausgangsposition zurück bewegte.
„Na? – mein kleiner Hobbypathologe? Was hast du herausgefunden“, keuchte Ron. Er zog angewidert seine Handschuhe aus.
Jim machte eine abwertende Handbewegung als er feststellte: „Jeweils rechts und links auf den Schultern Hämatome die nach Fingerabdrücken aussehen und auf dem Rücken an beiden Seiten der Wirbelsäule zwei kleine Eintrittswunden. Sieht aber nicht nach Einschusslöchern aus.“
Ron hob beeindruckt eine Braue. „Nicht schlecht Herr Oberstudienrat!“ Er sah zurück auf den Toten „Was sagt uns das?“
„Wahrscheinlich gar nichts“, seufzte Jim. Er zeigte noch einmal auf den Torso: „Das deutet auf Rippenbrüche hin.“
„Hatte der erste Tote nicht auch gebrochene Rippen?“, murmelte Ron.
Jim nickte und legte seine Hand auf Ron`s Schulter. „Komm lass uns gehen. Ich brauche frische Luft.“

*** *** ***

Amelia nahm sich nach dem schrecklichen Vorfall in der Klinik den Rest des Tages frei. Der furchtbare Anblick hatte ihr mehr zugesetzt als sie sich eingestehen wollte. Nachdem sie die Tür zu ihrer kleinen Wohnung hinter sich geschlossen hatte, fiel sie erschöpft auf die Couch.
Sie war froh den beiden Männern begegnet zu sein. Auch wenn sie nicht glauben mochte, dass sie vom FBI waren. Im Grunde genommen war es ihr aber egal. Es war gut dass sie da gewesen waren, denn allein hätte sie die Situation völlig überfordert.
Müde schloss sie die Augen. Die Sonne, die freundlich durch ihre Fenster flutet war nicht im Stande, das erdrückende Gefühl auf ihrer Brust zu vertreiben.
Von Unruhe getrieben stand sie auf und ging zur Garderobe um nach ihrer Handtasche zu suchen. Zurück im Wohnzimmer kramte sie im endlosen Durcheinander des Tascheninhaltes. Mit einem Lächeln hielt sie die Visitenkarte von Jim zwischen den Fingern und legte sie neben ihr Telefon.
Der Typ war echt süß gestand sie sich ein und schielte wieder auf die Handynummer. , dachte sie und nickte ein.

Als Amelia aufwachte war es bereits abends. Sie hatte den ganzen Nachmittag verschlafen und trotzdem das Gefühl einen Marathon hinter sich zu haben. Ihr Nacken war verspannt und hinter ihren Augen schienen Presslufthämmer zu dröhnen. Mit einem Seufzer erhob sie sich um in der Küche einen Tee aufzugießen.
Während der Wasserkessel leise vor sich hin summte, ging sie ins Schlafzimmer. Ein Blick in den Spiegel erschreckte sie. „Gott Amelia, du siehst heute wieder aus wie 30“, dachte sie. Seufzend begann sie das Schwesternkleid zu öffnen. Raschelnd glitt es über ihre schmalen Hüften nach unten. Amelia öffnete ihren Kleiderschrank, griff nach einem Longshirt und schlüpfte hinein.
Barfuß schlich sie über das kühle Parkett zurück zur Küche. Der Wasserkessel wies jetzt kreischend darauf hin, dass Tee gebrüht werden konnte. Amelia fühlte sich unwohl und beobachtet, als sie sprudelndes Wasser in eine Tasse goss.
Ihr Domizil war ihr plötzlich unheimlich. Verängstigt stand Amelia in der Tür zum Wohnzimmer und blickte, die warme Tasse fest umklammert, auf eine Umgebung, die sich im Nebel auflöste.
Das Schlimmste aber war eine Stimme, die beständig in ihr Ohr flüsterte: „Amelia – nimm mich mit …“


*** Ein Notruf ***

Viel zu selten durfte er sich entspannen und seiner Seele den Wunsch erfüllen, längst aufgegebenen Träumen nachzuhängen.
Ausgerechnet jetzt ertönte dieses Summen - das lästige Geräusch eines auf dem Nachttisch vibrierenden Handys!
Nur widerwillig befreite sich sein Bewusstsein aus der Umarmung des Schlafes und weckte Erinnerungen an die reale Welt. Eine Welt, die für die meisten Menschen unvorstellbar war. -Und immer wieder zischte dieses Handy, das von all dem unbeeindruckt darauf bestand, angehört zu werden.
Schwerfällig suchte Jim nach dem Schalter der Lampe oder dem Handy. Dieses schien sich einen Spaß daraus zu machen immer wieder seinen Fingern zu entgleiten. Jim richtete sich auf und bekam das widerspenstige Gerät zu fassen. Ein kurzer Blick auf die Nummer der Anzeige sagte ihm nichts. Er ließ sich wieder auf den Rücken fallen und hielt das Handy an sein Ohr.
„Hallo wer ist da“, fragte er mürrisch.
Seine Augen weiten sich schlagartig. Der heftige Adrenalinstoß, der durch seine Venen peitschte, spannte seine Muskeln an und ließ seinen Körper blitzschnell in die Höhe schnellen. Sein Herzschlag beschleunigte sich und pumpte Blut bis in die letzten Winkel.
„Bleib wo du bist – bleib ruhig wir sind gleich bei dir!“
Jim´s Lungen schienen mehr Luft zu benötigen als sie aufnehmen konnten. Unter heftigen Atemzügen weitete sich sein Brustkorb bis zum Zerbersten.
„Ron!“, unterbrach Jim das leise, gleichmäßige Atmen seines Bruders.
„Ron – steh auf … wir müssen los!“ Er war aus dem Bett gesprungen und rüttelte seinen Bruder unsanft.
„Was ist denn? Wie spät ist es?“ Ron`s zerzauster Kopf tauchte unter der Bettdecke auf. Murrend öffnete er die Augen und blinzelte Jim an. Dieser ließ nicht locker, was bedeutete, dass sein Anliegen keinen Aufschub duldete. Noch immer weich in den Knien rieb sich Ron den Schlaf aus den Augen, richtete sich auf und sah Jim fragend an. „Was ist denn passiert?“
„Es ist Amelia! Sie ist in Gefahr“, keuchte Jim.
Der Satz wirkte wie eine kalte Dusche. „Wo ist sie?“ Noch während der Frage sprang Ron aus dem Bett und eilte zur Tasche, um hastig Bekleidungsstücke herauszuzerren.
„Sie ist zuhause. Sie sagt sie werde bedrängt“, antwortete Jim aufgeregt. Nachdem er hastig in seine Jeans gestiegen war, suchte er in der Reisetasche nach einem Hemd.
„Bedrängt? Was meint sie damit.“ Ron sah Jim verwirrt an. Er zog sich ein Shirt über den Kopf und schlüpfte, auf einem Bein hüpfend, ebenfalls in seine Jeans.
„Ich weiß nicht – aber es klang ernst – sehr ernst!“ Jim schloss die Knöpfe seines Hemdes und fuhr sich mit den Fingern durch seine ungeordneten Haare. Für einen Abstecher ins Bad fehlte ihm die Zeit.
Als Ron seine Lederjacke ergriff fragte er: „Was nehmen wir für Waffen mit?“
Jim hastete an Ron vorbei zur Tür. „Alle!“, antworte er.

*** *** ***

„Geht das nicht schneller?“ Jim´s Finger trommelten wild auf seinen Oberschenkeln. Er starrte immer wieder auf die Uhr und hatte das Gefühl die Zeit würde rückwärts laufen.
„Tut mir leid Jim, aber das hier ist kein Rettungswagen. Ich muss mich wenigstens etwas an die Verkehrsregeln halten“, erwiderte Ron, den Blick nervös auf die Fahrbahn gerichtet. Krampfhaft hielt er das Lenkrad fest, während er das Gaspedal des Ford Mustangs bis zum Anschlag durchtrat.
Grollend bewegte sich der schwarze Wagen durch die nächtlichen Straßen. Leuchtende Reklameschilder an den Geschäften wurden, durch die Geschwindigkeit, zu langen sich ineinander verschlingen Fäden eines vorbei rauschenden Regenbogens.
„Rechts, rechts … rechts“, schrie Jim mit hoher Stimme und zeigte zum Straßenrand. Ron riss das Lenkrad hart herum. Der Wagen hüpfte noch einmal über die Bordsteinkante, um dann ruckartig stehen zu bleiben.
Schon öffneten sich seine Türen. Während Ron die Waffentasche mit allen erdenklichen Hilfsmitteln aus dem Kofferraum bestückte, eilte Jim ohne zu Zögern auf eine der weißen Eingangstüren des Backsteinreihenhauses zu. Im unteren Fenster brannte noch Licht.
Jim lehnte, mit dem Rücken an der Wand und lauschte. Seine Hand lag an der abgesägten Schrotflinte, verborgen unter seiner Jacke. Als Ron neben ihm auftauchte, nickte ihm Jim zu und griff nach der Klinke.
Geräuschlos öffnete sich die Tür. Sie gab die Sicht auf einen kleinen Korridor frei. Durch eine geöffnete Tür fiel Licht auf den Boden.

„Amelia“, flüsterte Jim, als er sich durch die Eingangstür schob. „Amelia – wo stecken Sie?“ Er musterte aufmerksam den Raum und erschrak, als plötzlich das summende Geräusch des Infrarot-Scanners hinter ihm ertönte. Ron hatte ihn eingeschaltet, nachdem auch er den Korridor betreten hatte. Rote Lichtfäden zerteilten die Dunkelheit. Aufmerksam folgten Ron`s Blicke den bunten Streifen. Mit einem Kopfschütteln sah er zu Jim: „Nichts!“
Langsam schlichen die Jäger voran und vernahmen plötzlich einen gequälten Laut. Er kam aus dem Nebenzimmer.

*** *** ***

„Nein, nein, nein, nein …“, schrie Jim. Als er Amelia erblickte, schien ihm die Luft wegzubleiben. Ein Gefühl aus Angst, Wut und Hilflosigkeit machte sich in seinem Körper breit. „Wir sind zu spät!“
Amelia lag zusammengekrümmt am Boden. Die Beine hatte sie angezogen und die Hände abschirmend um ihren Kopf geschlagen. Ihren geöffneten Lippen, entwich der Atem gehetzt.
Sofort war Jim bei ihr. Er hockte am Boden und hob behutsam ihren Kopf an. Mit der Hand strich er behutsam braune Haarsträhnen aus ihrem Gesicht. „Was ist passiert?“, fragte er mit leiser Stimme.
„Es …. bringt …. mich ….um“, röchelte Amelia. Ihre Lungen füllten sich allmählich mit Blut.
„Was?“, seine Stimme wurde lauter.
Jim hatte Mühe das hübsche Mädchen von gestern Morgen wieder zu erkennen. Amelias Gesicht war eingefallen, die Augen glanzlos, die Haut grau und kalt. Sie schien um Jahre gealtert zu sein.
Mit einem Blick, der fähig war zu töten, sah Jim zu Ron und seine Kopfbewegung schickte den Älteren los, das Haus zu durchsuchen. Wortlos verschwand Ron, bewaffnet mit einem Gewehr aus der Tür.
Ratlos irrten Jim´s Blicke durch das Wohnzimmer. Er konnte weder etwas sehen noch hören. Wieder sah er auf Amelia und drückte sie an sich. Mit den Armen umschlag er das Mädchen in dem verzweifelten Versuch sie vor etwas zu schützen, das er selbst nicht einmal wahrnehmen konnte. Er spürte ihren fliegenden Atem an seiner Schulter und ihre gequälten Laute schlugen wie Hiebe auf sein Herz ein.
Außer Atem erschien Ron wieder im Zimmer. „Es ist niemand hier“, keuchte er. „Ich habe alles überprüft Jim!“ Er hob die Schultern. „Hier sind nur wir.“
„Das kann nicht sein“, donnerte ihm Jim entgegen. „Irgendetwas tötet sie!“ Tränen überfluteten seine Augen. „Wir müssen was tun Ron!“
Mit erstarrtem Gesicht sah Ron auf Jim, der auf den Knien liegend das Mädchen hielt – fest entschlossen sie um keinen Preis der Welt zu opfern.
– Ron schloss die Augen -
Diese Hilflosigkeit lähmte ihn. Langsam ging er tiefer in den Raum und beobachtete bei jedem Schritt die Umgebung. „Was meint sie nur?“, flüsterte er.
Plötzlich schreckte ein Piepsen die Jäger auf. Sofort warf sich Ron auf den Boden und wühlte im Inhalt ihrer Waffentasche, bis er den EMF – Messer in der Hand hielt. Die Anzeige schlug leicht aus. Mit ausgestrecktem Arm folgte Ron der Spur des EMF´s durch das Zimmer. Sorgfältig ließ er das kleine Gerät an den Fenstern, Möbeln und Wänden entlang gleiten.
Die winzige Spur der Hoffnung in Jim`s Augen erlosch, als Ron den EMF-Messer in seine Richtung drehte und ihn entsetzt ansah.
„Was ist?“ flüsterte Jim. Panik legte sich auf sein Gesicht.
Ron schüttelte den Kopf. Er glaubte seinen Sinnen nicht mehr. „Der Geist … ist … sie …!“, brachte er erschüttert hervor.
„Das kann nicht sein“, keuchte Jim. Kritisch fixierte er seinen Bruder. Nach kurzem Zögern ließ er Amelia langsam in seinen Armen herunter gleiten und sah in ihr Gesicht.
Ron hatte sich ebenfalls in die Hocke begeben und schaute auf das Mädchen. Als er mit dem Messgerät über ihren Körper fuhr, verstärkte sich der Ton zur eindringlichen Warnung.
Amelia´s Brustkorb begann sich hektisch zu heben und zu senken. Jim spürte die Vibration ihres schmalen Körpers. Sie veränderte sich. Immer schneller wurde sie von einem unsichtbaren Etwas verzehrt, bis die Knochen blass unter ihrer Haut schimmerten.
Flehend nagelten sich ihre Blicke auf Jim´s Gesicht, als sie mit letzter Kraft hauchte: „Amelia … nimm … mich …mit!“
Jim nagte an seiner Lippe. Seine Tränen tropften auf ihr Gesicht bis er seinen Kopf in den Nacken riss und schrie: „Wer … bist … du?“
Stöhnend bäumte sich Amelia in seinen Armen auf und Jim spürte wie ihre Rippen zersplitterten. Amelias Wimmern verstummte und ihr Kopf sank zur Seite. Ein Faden blutiger Speichel glitt über ihre Lippen.
Unfähig den eigenen Körper zu beherrschen ließ Jim seine Arme sinken und das Mädchen glitt, leicht wie eine Feder zu Boden. Sein eisiger Blick traf Ron.
Dieser hatte sich abwendet und kämpfte seinerseits mit vorgehaltener Hand gegen das Entsetzten das sich aus seinem Magen wühlte.

*** *** ***

Schweigend knieten die Brüder nebeneinander und sahen auf einen leblosen Körper, der ihnen spottend verdeutlichte, wie aussichtslos ihr Bemühen gewesen war. Jim hatte den Kopf gesenkt. Er fühlte sich leer und ausgebrannt wie der Rest des Mädchens, das vor ihm lag. Ihr Leben war ihm wie Sand durch die Finger geglitten und er hatte, wie zu oft, nicht verhindern können, dass ein Mensch starb. Dieser Kampf war so sinnlos. Tief im Inneren fühlte er sich genau so tot wie Amelia.
Erst nach einigen Minuten bemerkte Jim die Kälte in seinem Nacken. Das Rauschen in den Ohren kam nicht vom Schmerz den sein Gewissen eben ertragen musste. Dieses Rauschen war ein Atmen – und es flüsterte seinen Namen.
„Jim … nimm … mich … mit!“
Er spürte die schwere Kälte langsam und unbeirrbar seinen linken Arm entlang gleiten. Seine Sinne konzentrierten sich. Er hielt den Atem an, zwang sich zur Ruhe bis sein Herz fast aufhörte zu schlagen. Den Körper aufs Äußerste angespannt bewegte Jim nur die Augen und suchte mit der rechten Hand nach der Schrotflinte - irgendwo am Boden.

Als Jim die Waffe entsicherte, sah Ron überrascht herüber. Jim gab ihn mit einem Nicken zu verstehen, dass er gleich schießen würde.
Erstaunt weiteten sich die Augen des Älteren. Ron inspizierte den Raum erneut und obwohl er nichts sehen oder hören konnte, war er sicher, dass Jim einen guten Grund für sein Verhalten haben musste.
Jim war sein Bruder – und sein Partner. Es gab niemanden auf der Welt den er mehr vertraute.
Ein lauter Knall zerriss die Stille nachdem Jim die Waffe mit einem überraschenden Ruck über seine Schulter geschwungen hatte. Es folgte das Fauchen eines Tieres - diesmal konnten es die Jäger deutlich hören.
Nachdem der beißende Qualm verzogen war, sah Ron dass einige der scharfen Steinsalzkristalle Jim´s linke Schulter gestreift hatte. Aus mehreren Schnittwunden quoll Blut durch sein zerrissenes Hemd.
Doch Jim spürte den Schmerz nicht. Zu sehr blockierte Adrenalin die Warnsignale seines Körpers.

Die Brüder standen längst auf ihren Beinen und lauschten. Suchende Blicke eilten durch das Zimmer, jeder Faser ihres Körpers war bereit zum Gegenschlag.
Ein unsichtbarer Stoß erwischte Jim unerwartet im Kniegelenk. Mit einem kurzen Schrei stürzte er nach vorn, rollte sich über seiner Schultern ab und blieb rücklings auf dem Boden liegen. Er konnte augenblicklich einen dumpfen Druck auf seinem Oberkörper spüren. Sein Gesicht verzog sich schmerzverzerrt und der luftraubenden Last.
„Ron! – den Camcorder … hol den Camcorder“, keuchte Jim während er mit einem gezielten Hieb seines Ellenbogens versuchte, sich von dem zu befreien, das seine Rippen zerbersten lassen wollte. Mit einem Satz war er wieder auf den Beinen und drehte sich um die eigene Achse. Seine Augen formten sich zu Schlitzen als sie die Umgebung fixierten.
Einige Male gelang es Jim den Angreifer mit gezielten Faustschlägen und geschickten Ausweichmanövern von sich fern zu halten. In Sekundenschnelle hatte er begriffen, dass ihm seine Augen hier nichts nützten. Er reagierte auf den Windzug, den das Geschöpf mit seiner Geschwindigkeit verursachte.
Verdutzt hatte Ron einen Moment lang dem seltsamen Kampf seines Bruders beobachtet, bevor er das Gerät holte. Hecktisch klappe der das Verdeck auf und schaltete den Camcorder ein. Dann ergriff er die Schrotflinte.
In einem sanften Blau gab das elektronische Auge die Umgebung wieder. Mit einem kurzen Schrei stürze Jim zu Boden. Er hatte das Gefühl den Hieb einer Eisenstange in seine linke Kniekehle bekommen zu haben. Am Boden liegend hielt er sich ächzend das Bein.
Durch die Kamera sah Ron einen Schatten über Jim erscheinen. Ohne zu Zögern drückte er ab und durch die Luft pfeifende Salzkristalle zerrissen das Gebilde.
Einen Augenblick später spürte Ron einen brennenden Schmerz an seiner rechten Seite. Er kam mit solcher Wucht dass es ihn von den Beinen riss. Hart schlug er auf und spürte wie sich eine Reihe scharfer Zähne in sein Fleisch bissen. Überwältigt entwich ihm ein Schrei. Ein enormes Gewicht legte sich auf seine Brust. Stöhnend schloss er die Augen und stemmte sich gegen den Angreifer. Aber die Last ließ sich nicht abschütteln und seiner Lunge fehlte bald der Platz zum atmen.
Jim hatte sich aufgerappelt. Er zielte mit der Waffe kurz oberhalb von Ron`s Körper in den Raum. Die Salzladung fegte das erdrückende Gewicht weg. Stöhnend richtete sich Ron auf und betastete die schmerzende Stell, aber nur eine Sekunde lang.
Wieder hörten die Jäger das Fauchen und sie formatierten sich in der Mitte des Raumes.

Dann war es still.
Angespannt harrten sie aus – aber alles was sie hörten war das helle Läuten der Glocke eines Milchwagens, der soeben vor dem



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