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Prosa => Humor & Satire


Zwei Ohren sind eines zu viel - von ScharkaliScharri, 06.07.2010
Zwei Ohren sind eines zu viel

Zwei Ohren sind eines zu viel.

Würde meine Freundin diesen Satz lesen, würde sie mir zustimmen, denn sie ist auf einem Ohr taub. Zwar ist es oft schwer für sie, sich bspw. mit mehreren Leuten zu unterhalten. Doch es hat auch seine Vorteile, nur mono zu hören. Ehrlich, heute morgen wäre ich gerne auf einem Ohr taub gewesen.

Kaum, dass ich ins Büro des Drei-Mann-Verlages trete, klingelt das Telefon. Der Verlagsleiter ist tief in seine Arbeit versunken, seine rechte Hand, die Cheflektorin, schon auf dem Sprung, die Fenster aufzureißen und Tee zu kochen.

„Herr Hinterhuber und ich sind sehr beschäftigt, gehen Sie ans Telefon und sagen Sie, dass wir beide einen Termin haben und erst gegen Mittag wiederkommen“, flötet sie.

Ich lasse mich, noch in meinen Mantel gekleidet, auf den Sitz fallen und greife mir den Hörer.

„Guten Morgen. Ja bitte?“

Eine Männerstimme, nuschelnd, redet ohne Punkt und Komma mit leicht slawischem Akzent.

„Wer spricht? ... Nein, Herr Hinterhuber und Frau Österreicher sind nicht zu sprechen. Worum geht es?“, leiere ich meinen Standartsatz herunter.

„Wer ist es denn?“

Die Teekanne schwenkend steht Madame Cheflektorin plötzlich neben mir. Ein Blick genügt, um zu wissen, dass sie wirklich sehr beschäftigt ist.

„Wie bitte?“, rufe ich in den Hörer.

Wieder nuschelt es aus der Muschel in mein Ohr.

„Was ist denn nun?“

Die Teekanne beginnt hastig vor meiner Nase zu kreisen.

„Was möchten Sie, Herr ...?“, rufe ich in den Hörer.

„Herr? Welcher Herr?“, echot die Teekanne.

Ich zucke mit den Schultern.

„Na hören Sie mal. Habe ich Ihnen nicht gesagt, immer den Namen des Anrufers zu wiederholen, damit Herr Hinterhuber und ich wissen, wer in der Leitung ist?“, zischt die Teekanne.

„Ja“, werfe ich ihr entgegen. „Aber ich habe ihn nicht verstanden.“

Ein Kopfschütteln.

„Und bedecken Sie die Sprechmuschel mit der Hand, sonst hört der Andere doch alles mit.“

Ich nicke nur.

„Gut, Herr … Nein, Herr Hinterhuber und Frau Österreicher sind beide gerade außer Haus. Darf ich ihnen etwas ausrichten? Ja? … Gut …“

Ich höre meine eigene Stimme kaum, noch weniger den Namen des Herrn. Pole ist er, lebt in Deutschland. Seine Telefonnummer. Ich erhebe mich, angle nach einem Schmierblatt. Die Teekanne folgt mir auf Schritt und Tritt. Wie ein Schatten.

„Was möchte der Herr? Was …?“

Ich blicke auf. Schüttle den Kopf – reine Hilflosigkeit – notiere mir die Rufnummer.

„Das kann ja niemand lesen“, flötet die Teekanne und zieht mir, kaum dass ich meine Notizen beendet habe, den Zettel weg und trippelt damit zum Chef.

„Wichtig, ganz wichtig.“

„Wie?“, wende ich mich wieder dem Hörer zu. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß leider nicht, wann die beiden wiederkommen, Herr ...“

„WAS?“

Die Teekanne schießt wieder auf mich zu.

„ Aber das müssen sie doch wissen, das ist wichtig.“

Ich zucke mit den Schultern. Die Teekanne schwebt genau vor meiner Nase.

„Sie wissen aber auch gar nichts. Geben Sie mir mal sofort das Telefon ...“

Ich schlucke, werfe Herrn Hinterhuber einen Blick zu. Dieser, noch immer beschäftigt, hackt auf seiner Tastatur herum und aus dem Telefon dringt nur ein „Tut tut tut“ an mein Ohr.

„Aufgelegt“, presse ich hervor.

„Na hören Sie mal, so geht das aber nicht. Wenn ich Ihnen sage, dass ich das Telefon haben möchte, dann … Was wollte denn nun eigentlich der Anrufer?“

„Ein polnischer Herr, seinen Namen konnte ich nicht verstehen, wohnt hier in Deutschland und ist Chef einer Druckerei. Er lässt ausrichten, dass er an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert ist und um Rückruf bittet“, stammle ich.

„Aber das ist doch total wichtig. Das hätten Sie doch sofort an Herrn Hinterhuber weitergeben müssen“, echauffiert sie sich.

Ich beiße mir auf die Unterlippe. Herr Hinterhuber sieht nicht einmal auf, brummt nur: „Unwichtig. Werbeanruf.“

Er zerknüllt den Zettel, wirft ihn weg.

„Was? Wie?“

Die Teekanne zittert, dann holt sie tief Luft, pumpt sich auf.

„Hören Sie, Sie müssen lernen, mir besser zuzuhören, statt unsere kostbare Zeit zu stehlen.“

„Ja“, erwidere ich, nicht wissend, ob ich lachen oder weinen soll. „Aber ich habe telefoniert.“

„Na und? Sie können mir doch trotzdem zuhören. Sie haben schließlich noch ein zweites Ohr. Oder?“

Ich nicke.

„Und sagen Sie das nächste Mal nicht einfach nur, dass Herr Hinterhuber und ich außer Haus sind, sondern dass wir einen wichtigen Termin haben. ... Ach und ehe ich's vergesse, möchten Sie einen Tee mittrinken?“



©2010 by ScharkaliScharri. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von Satellit
Am 14.01.2011 um 15:08 Uhr

Das ist so schön lebhaft gschrieben! Ich konnte mir diese hektische Büroszene bildlich genau vorstellen! Dickes Lob!


zuletzt geändert am 14.01.2011 um 15:09 Uhr.

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Es gibt 1 Kommentar


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