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Fliegen - von Pedro, 19.05.2010
Fliegen...

Fliegen müsste man können, wegfliegen, wohin auch immer, frei sein, wovon und für was auch immer. Dieser Gedanke hat mich schon immer fasziniert.
Aus dem alltäglichen Trott rauskommen, etwas anderes machen, nicht alles so wichtig nehmen.

Es ist Mittag, mein Unterricht ist zu Ende. Kein schlechter Tag heute. Ich gehe die Treppe aus dem zweiten Stock hinunter. Gedränge, Schüler überholen mich. Frau Willauer will wissen, ob ich sie morgen in der ersten Stunde vertreten kann, sie müsse zum Arzt.
Ich gehe etwas langsamer, bin müde. Ich habe Schmerzen in den Beinen. Nachwirkungen der Grippe.
Im Urlaub waren meine Frau und ich in unserem Ferienhaus am Meer. Lange Wanderungen, gutes Essen, Wein, Diskussionen. In der letzten Woche hatte mich dann eine Grippe erwischt, Hals- und Kopfschmerzen. Joggen konnte ich auch nicht mehr.

Ich komme von der Arbeit, stressiger Tag heute, alle glauben, dass wir vom Sozialamt ihre Probleme lösen können.
Die Küche hat er nicht aufgeräumt, die Wäsche ist immer noch in der Maschine, er wollte sie doch zum Trocknen aufhängen. Nun liegt er auf dem Sofa und schläft, obwohl es schon 17.00 Uhr ist.
In letzter Zeit ist er immer müde, wahrscheinlich Nachwirkungen seiner Grippe. Ich schaue ihn an, er ist erst fünfzig, sieht jetzt aber älter aus, abgespannt und müde. Ich mag seine Art, er ist intelligent, feinfühlig, hat Humor. Ich liebe ihn immer noch, obwohl wir jetzt über zwanzig Jahre verheiratet sind.
Ich wecke ihn mit einem Kuss auf, dann arbeiten wir zusammen im Haus.
Wir essen zu Abend, erzählen von unserem Arbeitstag, immer die gleichen Probleme.
Beim Fernsehen trinken wir zusammen Wein, ihm fällt sein Glas aus der Hand. Früh gehen wir ins Bett, habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir.

Nach der zweiten Unterrichtsstunde gehe ich zum Arzt. Die Schmerzen in meinen Beinen sind stärker geworden. Ich konnte nachts kaum schlafen. Fast wäre ich hingefallen, als ich in der Schule die Treppe runterging. Musste mich am Geländer festhalten.
Da sitzen ein paar Leute im Wartezimmer, eine Frau ist schwanger. Warum haben wir eigentlich keine Kinder? Ella wollte immer noch ein bisschen warten, wollte ihren Beruf nicht aufgeben. So wurde es „später“ und „später“, die Zeit ist uns davon gelaufen.
Dr. Lauer untersucht mich gründlich, erkundigt sich nach Beschwerden, schaut mich merkwürdig an. Er schreibt mich eine Woche krank und überweist mich ins Krankenhaus. Da müsste eine Reihe von Untersuchungen stattfinden, sagt er. In einer Woche sollte ich wiederkommen, dann hätte er genaue Ergebnisse.
Der ganze Vormittag vergeht mit allen möglichen neurologischen Untersuchungen, Rückenmarkflüssigkeit wird entnommen. Die probieren wohl alles an mir aus, bin ja Privatpatient, denke ich.

Er liegt wieder auf dem Sofa, stiert vor sich hin. Wir bereiten zusammen das Abendessen vor, kleinste körperliche Anstrengungen scheinen ihm Mühe zu bereiten. Er sagt, dass er morgen erst ab der dritten Stunde Unterricht habe.

Meiner Frau habe ich nichts von Arztbesuchen erzählt, auch nicht, dass ich krank- geschrieben wurde.
Sie geht früh aus dem Haus.
Mir schmerzen fast alle Glieder, auch der Rücken. Ich werde trotzdem heute joggen gehen. Unser Haus liegt direkt am Wald.
Vielleicht kann mir das helfen. Ich erinnere mich, dass Joggen mir bei allen möglichen Problemen immer geholfen hat. Glücksgefühle werden dabei freigesetzt, die kann ich jetzt dringend gebrauchen. Ich ziehe mein Sportzeug an und verlasse das Haus.
Ich fange am Waldrand an zu rennen und falle hin. Mühsam rappele ich mich auf, humple zum Haus zurück.
Als ich mir die Schuhe ausziehe, merke ich, dass es in meinen Händen kribbelt, dass ich kaum etwas fühle. Gehen kann ich nur mühsam, meine Beine knicken weg.
Im Keller haben wir ein Paar Krücken, Ella hatte sich im letzten Winter beim Skifahren ein Bein gebrochen. Ich taste mich die Kellertreppe hinunter und hole sie. Ich werde ihr erzählen, dass ich mir beim Joggen den Fuß verstaucht habe.

Als ich nach Hause komme, liegt er im Bett, den Fuß hat er sich beim Joggen verstaucht, wie er sagt. Er sieht nicht gut aus, scheint Fieber zu haben, redet wenig und ist heiser.
Später kommt sein Freund und Kollege Theo vorbei. Er fragt, wie es ihm gehe, die Vertretung in seiner Klasse sei geregelt.
Wir sitzen zusammen am Tisch, essen und trinken Wein, Rainer trinkt wenig, isst wenig, redet wenig. Die Krücken stehen neben ihm.
Ich fange an, mir Gedanken zu machen, wusste nicht, dass er krank geschrieben wurde.

Ich sitze am Fenster und schaue auf die Straße. Leute hasten vorüber. Die alte Frau Michaelis aus dem Nebenhaus humpelt mühsam mit ihrem Gehwagen die Straße entlang. Über achtzig ist sie schon. Kinder rennen vorbei, Autos fahren vorbei, mein Leben läuft vorbei.
Es wird Herbst, die ersten Blätter fallen vom Ahornbaum vor dem Fenster, ich werde wohl im nächsten Frühjahr keine Bäume mehr blühen sehen.
Unser alter Kater wälzt sich am Boden umher, kommt in letzter Zeit nicht mehr zu mir. Vielleicht rieche ich anders.
Bis hierher ist es eigentlich nicht schlecht gelaufen, aber öfter habe ich mich wie in einer Falle gefühlt: Duschen, Frühstück, Schule, Mittagessen, Arbeit im Haus und für die Schule, Schlafen. Jeden Tag fast der gleiche Rhythmus, der gleiche Ablauf. Soll das alles gewesen sein, habe ich öfter gedacht.
Jetzt ist die Falle endgültig zugeschnappt. Da sitzt ein Krüppel am Fenster und schaut auf eine Welt, die er einmal verändern wollte.

Ich sehe ihn am Fenster sitzen, er sieht nachdenklich hinaus, irgendwie unbeteiligt. Wo ist seine Fröhlichkeit geblieben und sein Humor?
Ich werde wohl bald aufhören müssen zu arbeiten, er kommt alleine nicht mehr zurecht.

Seit Tagen liege ich nun im Bett, habe Gefühlstörungen in den Beinen, auch in den Armen, Schmerzen im Rücken und in allen Gliedern. Ich versuche meiner Frau zu erklären, dass das alles Nachwirkungen der Grippe seien. Mein Fuß sei immer noch verstaucht, vielleicht sei es auch eine Muskelzerrung. Deshalb hätte ich Schwierigkeiten beim Gehen.
Bei meinem letzten Arztbesuch erklärte mir Dr. Lauer, dass ich wahrscheinlich eine sehr seltene Krankheit hätte. Es sei eine schwere Lähmungserkrankung des peripheren Nervensystems.
Ich müsse ins Krankenhaus, der Aufenthalt auf einer neurologischen Intensivstation sei notwendig, da auch Störungen der Atem- und Herzkreislauffunktion zu erwarten seien. Ständige Kontrollen der Kreislaufwerte sowie Verhinderung von Thrombosen und Lungenentzündungen seien erforderlich.
Ich hörte nicht mehr weiter zu, stand auf, nahm meine Krücken und verließ die Praxis. Mit einem Taxi fuhr ich nach Hause.

Wenn ich meinen Mann ansehe, werde ich mutlos, überfällt mich Verzweiflung und Traurigkeit. Ich weiß inzwischen von seiner Krankheit, habe mit Dr. Lauer lange gesprochen, weiß, was auf Rainer zukommt und auch auf mich.
Bisher hatte ich nur von solchen Situationen gelesen, konnte mitfühlen, aber habe sie nicht verstanden.
Alles hat sich bei uns geändert, Rainer arbeitet nicht mehr und ich auch nicht. Ich will bei ihm sein, auch wenn ich kaum helfen kann, keine Minute verlieren von der Zeit, die uns noch gemeinsam bleibt.

Ich liege da und denke, denke an vieles, was ich getan habe, was ich hätte tun sollen, was ich noch tun wollte.
Ich kann kaum noch laufen, eine Gesichtshälfte ist gelähmt. Ich kann nicht mehr schreiben und kaum noch lesen. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren.
Besuch kommt kaum noch. Was sollten Menschen auch mit einem Mann wie mich anfangen, der nur dasitzt, trübsinnig, öfter kaum noch verständlich reden kann.
Ella versucht Zuversicht vorzutäuschen, zeigt sich fröhlich, alles wird wieder gut sein. Aber ich sehe, welche Mühe sie das kostet. Sie umsorgt mich wie ein kleines Kind.

Heute ging es Rainer etwas besser, er konnte reden, ich konnte ihn verstehen. Ich habe einen Rollstuhl gekauft, kann nun mit ihm spazieren gehen. Er muss dann nicht immer im Bett liegen, kommt mal aus dem Haus, kann endlich einmal wieder etwas anderes sehen.

Spazieren werde ich jetzt gefahren, sitze in meinem Rollstuhl wie ein Greis. Wir setzen uns manchmal in ein Café und die Leute starren mich an. Sie sehen meine unkontrollierten Bewegungen, Zuckungen , meine Hände, wie sie zittern.
Ich kann mich kaum noch auf etwas konzentrieren, kaum noch atmen, verliere Erinnerungen und manchmal das Bewusstsein.
Gefangen bin ich, gefangen in meinem Körper, allein, fühle fast nur noch wie ein Tier.

Es geht ihm schlechter, Schmerzen. Er kann kaum noch schlucken, kaum noch reden. Es gibt Augenblicke, in denen er mich nicht mehr kennt. Er kann nur noch mühsam atmen, irgendwann wird er ersticken.


Es ist kalt, früh am Morgen, wir verlassen unser Ferienhaus am Meer. Ich schiebe ihn in seinem Rollstuhl.
Vögel fliegen über uns, aber er kann seinen Kopf nicht heben, nicht nach oben schauen. Hören kann er sie vielleicht.

Ich höre Vögel, über mir fliegen sie, ich kann sie nicht sehen. Ich schaue zum Meer hinunter, sehe sie jetzt. Sie schweben über das Wasser, mühelos, sie sind frei.
Fliegen müsste ich können, von allem davonfliegen, zurück fliegen, alles von weit oben sehen, klein und unscheinbar, unwichtig. Dann wäre ich frei.
Ella kniet vor mir, schaut mich an.
Ich will ihr sagen, dass es eine schöne Zeit mit ihr war, dass ich sie immer noch so liebe wie am ersten Tag, vielleicht noch viel mehr, dass sie die vielen guten Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit behalten soll, aber meine Lippen bewegen sich nicht, mein Mund gehorcht nicht mehr.
Ihre Augen sehen mich machtlos an, sehen wie ich in Einsamkeit versinke.

Ich schaue ihn an, knie vor ihm, vor seinem Rollstuhl, umfasse seine Beine. Ich sehe wie er mühsam atmet, mich verzweifelt anschaut, mir etwas sagen will.
Ich stehe auf, streichle sein Gesicht. Ich küsse ihn auf die Stirn, schiebe ihn an den Rand des Felsens und stoße den Rollstuhl vorwärts.

Ich kann fliegen...






©2010 by Pedro. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von Pedro
Am 11.06.2010 um 04:13 Uhr

Morgen elor,

freut mich, dass der Text bei dir angekommen ist. Vielen Dank für deine Rückmeldung.

Gruß

Pedro


Von elor
Am 08.06.2010 um 01:16 Uhr

Wow. Der Text berührt, alle Sterne für dich.


Von Pedro
Am 24.05.2010 um 04:19 Uhr

Morgen, lieber Jan.
Ich danke dir für deine freundliche Rückmeldung.
Gruß

Pedro


Von JanNietsch
Am 23.05.2010 um 00:23 Uhr

Von mir auf jeden Fall die volle Sternzahl :)
Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen

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Es gibt 4 Kommentare


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