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Der Guanchen - Fluch - von HERBERT, 16.01.2010

Der Guanchen – Fluch

„Der Fluch ist ein Schadenzauber, ein so genanter Maleficium. Es ist in der Regel ein Spruch, der auf magische Weise einer Person Unglück bringen soll. Zum Beispiel aus Gründen der Rache. In diesem Sinn ist der Fluch das Gegenteil eines Segens. Der Begriff Fluch bezeichnet in der Religion das Aussprechen einer bös meinenden Formel. Wesentlich für den Fluch ist die Verwendung eines ritualisierten Ausspruchs, manchmal begleitet von
magischen Handlungen.“
Oliver Thorn klappte das Lexikon zu. Seine drei Kinder sassen am Glastisch in dem weissgetünchten Bungalow und starrten nachdenklich auf die Glasplatte. Leila, Lars und Nora wollten unbedingt wissen, was denn genau ein Fluch sei. Und was er in dieser Geschichte zu suchen hatte. Nach der Erklärung aus dem Schülerduden begannen sie zu verstehen.
Oliver und seine Frau Tina machten am frühen Vormittag mit ihren drei Mittelklässlern einen Ausflug nach Teguise, schlussendlich hatten sie dort in einer einheimischen Tapadera spanische Spezialitäten gegessen, besuchten das Castillo de Guanapay und kamen erst am späten Nachmittag nach Puerto Calero zurück, wo ihr Ferienhäuschen in Strandnähe stand. Im Heimatmuseum, beim Castillo de Guanapay, hatten die Kinder dermassen viel über die Insel erfahren, dass sie erst einmal die dringendsten Fragen beantwortet haben wollten. So kam es zu dieser Runde.
Die Familie Thorn besuchte seit sieben Jahren regelmässig Lanzarote. Die Vulkaninsel hatte eine hypnotische Ausstrahlung und Thorns fanden verlässlich die Ruhe und den Frieden, welche sie als Ausgleich zu ihrer Arbeit in Deutschland benötigten. Sie kamen aus Hamburg, wohnten in Quickbornheide und waren Lehrer an dem städtischen Gymnasium. Auf Lanzarote fanden sie die nötige Abwechslung vom Alltagstrott, die eine engagierte Bildungsbürgerfamilie für sich beanspruchen durfte. Hier waren sie weg von der Zivilisation, weg von allem Gewohnten.
Die bizarre Insel an der Westküste Afrikas gehörte zu den Kanaren und bot dem gestressten Lehrerpaar aus Norddeutschland die wohltuende Einsamkeit und Naturverbundenheit.
Lanzarote musste man lieben – oder hassen. So empfand Oliver Thorn. Die Landschaft liess keine andere Möglichkeit. Glühende Hitze auf kilometerbreiten Lavabändern, die sich förmlich über Sand- und Gesteinsformationen stülpten. Kaum Bäume. Wilde Steinstrände mit meterhohen Wellen. Das war eine schwarze, hügelige Wüste, ein Moloch aus Lava, der erst noch „Feuerberg“ genannt wurde; weil der Vulkan noch aktiv war und nur zwei Meter unter der Erdoberfläche jedes trockene Stück Holz von selber Feuer fing. Die Thorns liebten das urwüchsige dieser Insel, das unmittelbare Erleben der Naturgewalten. Noch im 18. und 19. Jahrhundert begruben Vulkanausbrüche weite Teile der Insel unter sich. Die Lavamassen erstarrten in den wildesten Formen und Farben. Sie bildeten den Nährboden für das Weinbaugebiet „la Geria“, wo noch in der Gegenwart jeder Rebstock in seiner kleinen Lavamulde liebevoll gezogen wurde, einzig bewässert von dem Kondenswasser, das sich jeden Tag in der Vertiefung sammelte. Es herrschte ewiger Frühling, auf dieser Insel der Gegensätze. Seit Jahrtausenden – bis zum aktuellen Zustand im einundzwanzigsten Jahrhundert. Thorns fanden rund um die Insel Naturgegebenheiten, die ihnen eine Inselrundfahrt regelmässig als schiere Abenteuerreise erscheinen liess. Kleine Fischernester, blühende Heidefelder und unterirdische Höhlen hatte der Norden zu bieten. Kakteenkulturen und gewaltige Stein- und Sandflächen prägten den östlichen Teil der Insel. Zwischen schwarzen Steinklippen leuchtete blaues Wasser und kleinste, weisse Strände aus zerriebenem Muschelkalk zeichneten die Westküste. Die Insel sei eine wilde und ungezähmte Schönheit, so dachte Oliver Thorn. Und sie bot immer wieder kleine Überraschungen.
Am Tag zuvor hatten sie die Nordklippe Lanzarotes besucht, den Mirador del Rio. Diese Steinformation fiel einige hundert Meter senkrecht in die Gischt des schäumenden Atlantiks. Familie Thorn fuhr mit dem Mietauto über die Schotterpiste nach Bajo de los Sables, einer kleinen, menschenfremden Bucht, an den rauen Gestaden des dröhnenden Meeres. „Vater, schau mal,“ die Kinder
hatten einen grossen Steinkreis von gut fünfzig Meter Durchmesser entdeckt. Hunderte von Gesteinsbrocken waren spiralförmig im Kreis ausgelegt, beim genauen Betrachten konnte man feststellen, dass eine Steinlinie zum Zentrum des Kreises führte, eine andere wieder hinaus. Genau genommen war es deshalb nur eine einzige Linie, aber labyrinthförmig angelegt. Das Gebilde erinnerte ein wenig an die Menhire Nordfrankreichs. An Druiden und Zauberer. An verwunschene Orte und geheimnisvolle Riten. Die Kinder rannten durch die ersten Kreisbogen, übersprangen die Steinlinie kreuz und quer, bis sie von der Mutter geholt wurden. Tina stiess zwei Steine um, richtete sie wieder auf und rätselte mit ihrem Mann, warum dieses Gebilde hier wohl gebaut worden sei. Schlussendlich lief Oliver Thorn die Steinlinie bis zum Zentrum ab und folgte ihr im Gegensinn wieder nach draussen. Dieser Marsch dauerte tatsächlich zwanzig Minuten. Dann hatte er den Steinkreis wieder verlassen.

Am darauf folgenden Tag besuchte die Familie die alte Inselhauptstadt Teguise. Das malerische Städtchen wirkte auf sie wie eine überdimensionale Filmkulisse. Stille Gassen, prächtige Stadtpaläste mit Holzverzierungen und romantische Plätze luden zum Verweilen. Thorns genossen Speis und Trank.
Dann tätigten sie einen Besuch in dem alten Kastell und stöberten in dem angegliederten Heimatmuseum. Dort erfuhren sie die unschöne Geschichte der Guanchenprinzessin. Eine Angestellte des Museums erzählte den Kindern die unheimliche Saga. Sie fing mit der Historie der Guanchen an:
„Die Guanchen waren das Urvolk auf den Kanaren“, erklärte sie. „Sie waren gut organisierte Bauern und Fischer, die mit Hartholzwerkzeugen und Lehmtöpfereien ihre Kultur begründeten. Ein sehr friedliches Volk, das eine eigenartige Pfeif - Sprache entwickelt hatte: „El Silbo“ wie die Ureinwohner sie nannte. Die lauten Pfiffe übertönten den Wellengang in Meeresnähe und
waren weithin zu hören.“ Die Erzählerin stiess einen schrillen Pfiff aus, die Kinder schraken zusammen, kicherten verlegen und hörten aufmerksam die weiteren Ausführungen der Museumshilfe:
„Diese Guanchen wählten zyklisch einen König, den sie jeweils in einem kreisförmig ausgelegten Steinplatz inthronisierten. Das will heissen, sie wählten den Mann dort zum König. Als dann die Spanier und die Portugiesen die kanarischen Inseln eroberten,
stiessen sie bei dem kampfunerprobten Bauernvolk auf wenig Gegenwehr. Die Konquistadoren missbrauchten diesen Umstand gleich doppelt: Nicht nur, dass sie den Inseln mühelos ihre Festungen und Schiffshäfen aufzwangen, sie enteigneten das Urvolk der Guanchen und missbrauchten sie als Leibeigene für den Bau der Burgen. Wer überlebte, wurde in die Sklaverei nach Nordafrika oder Amerika verschifft. Zurück blieb Trauer und
Elend.“ „ Wie so oft in der Zivilisationsgeschichte“, bemerkte Oliver Thorn. Die Eltern hatten sich längst zu ihren gespannt lauschenden Kindern gesellt und hörten der Erzählerin zu. Eine Überlieferung berichtete nun von der wunderschönen Tochter eines Guanchenkönigs, die von einem Seefahrer verschleppt worden war. Der verzweifelte Vater stiess einen fürchterlichen Fluch aus und wurde von einem Soldaten auf der Stelle erstochen. Diese grausame Szene sei auf einem Fassadengemälde in Teguise sehr eindrücklich dargestellt. Man müsse sie sich unbedingt ansehen. Damit beendete die Erzählerin ihre Geschichte und verkaufte ihnen gleich ein kleines Buch über die Legende der entführten Prinzessin. Im Buch waren Bilder und Erklärungen zu der traurigen Sage.

Das war der Grund, dass Oliver Thorn im Bungalow angekommen, seinen Kindern die Definition zum Wort „Fluch“ aus dem mitgebrachten Schülerduden vorlas. Danach erklärte er ihnen, dass es diese Art von Drohungen nur bei abergläubischen und nicht aufgeklärten Völkern gab, dass diese Flüche aber meistens auf einen Misstand aufmerksam machen sollten. Er erklärte den unfassbaren Schmerz des Vaters und erläuterte die kolonialistischen Ungerechtigkeiten der Spanier.
Er sagte aber auch, dass es diese Art von Verwünschungen heute nicht mehr gab. Dass sie lediglich auf Erzählungen und Wunschdenken beruhen würden. Dann entliess er die Kinder und untersuchte einen seltsamen Speerspitz aus Hartholz, den er in der Nähe des geheimnisvollen Steinkreises am Strand gefunden hatte.
„Vater, Vater, sieh mal...“, Oliver Thorn hörte die Stimme von Lars. Sie kam aus einer Art Brunnenschacht, der im Hinterhof ihres kleinen Kanarenhauses im Boden eingelassen war. Gut versteckt unter einem Holzverschlag, lediglich durch einen alten Eisendeckel mit verrosteten Scharnieren geschützt. Der Schacht war scheinbar trocken, die Kinder mussten deshalb hinab gestiegen sein.
„Kinder, Kinder, kommt da sofort raus“, halb besorgt, halb neugierig stieg Vater Thorn selber die paar Steintritte hinab. Unten war ein langer, sehr enger Gang, der offensichtlich in Richtung Strand führte. Die Steinwände des Tunnels waren zum Teil mit Brettern abgestützt und schienen alt, aber solide. Es roch nach Stein, Feuchtigkeit und Salz. Vor sich sah er die Lichtkegel der Taschenlampen seiner Kinder die Wände beleuchten. Gleichzeitig realisierte er, dass sie sich in einem der berühmten Schmugglerstollen der kanarischen Inseln befanden. Die wurden früher hauptsächlich von Piraten angelegt und rege benutzt.
Vater Thorn beeilte sich, die Kinder einzuholen, als plötzlich ein
unangenehmes Pfeifen erklang. Ein lauter Ton, der durch Mark und Bein ging. Gleich darauf hörten sie ein dumpfes Geräusch und der unterirdische Raum erschien plötzlich muffig und eng. Vater Thorn erschrak fast zu Tode, als er seine Tochter sagen hörte: „Vater, da ist Wasser.“ Er wusste sofort was das bedeutete: „Kommt Kinder, schnell, das ist die Flut. Wir sind unter dem Meeresspiegel. Wir müssen sofort raus.“
Die Vier eilten im Stollen dem rettenden Ausgang zu, als der kleine Lars an der Spitze panisch bemerkte, dass der Eisendeckel beim Eingang heruntergestürzt war. Das musste das seltsame Pfeifen gewesen sein. Der Windstrom, der durch den Gezeitenwechsel provoziert worden war. Er musste den Deckel zu Fall gebracht haben. In grosser Eile versuchte Oliver Thorn das schwere Eisenblech anzuheben. Vergebens. Der Sicherheitshaken war eingeschnappt. Bereits fühlten sie das Wasser an den Knöcheln steigen, riefen nach der Mutter, teils tränenerstickt, teils angsterfüllt, als Thorn plötzlich die Holzspitze in seiner Hosentasche fühlte. Sein Fundstück vom Steinkreis. Wie durch ein Wunder konnte er das wettergehärtete Holz zwischen die Eisenplatte und den Hacken klemmen, schob die Schliessklammer zurück und hob den Eisendeckel hoch. Sie waren frei.

Am nächsten Tag sass ihnen der Schreck noch in den Knochen, trotzdem waren die Kinder auf das Abenteuer stolz, das sie mit ihrem Vater erlebt hatten. Die Mutter machte ihnen schwere Vorwürfe, weil sie in den Tunnel eingestiegen waren. Aber die Sensationsliebe legte sich wohltuend über den vergangenen Augenblick des Schreckens. Schlussendlich hatten sie zusammen einen richtigen Piratenstollen entdeckt. Bevor Thorns nach diesem Erlebnis abreisten, lagen sie noch zwei Tage am Strand, erholten sich, lasen Bücher oder spielten Strandball. Vater Thorn studierte dabei das kleine Buch aus Teguise. Dieses Buch beschrieb tatsächlich den sagenumwobenen Fluch, den die Erzählerin im Museum erwähnt hatte - und es bot eine Übersetzung der überlieferten Guanchen Worte an der alten Hauswand. Da stand:
„Verflucht sei, wer den Weg des Königs stört, gerettet wer den Pfad zu Ende geht.“
Oliver Thorn las den Spruch immer und immer wieder. Ihn beschlich ein unbestimmtes Gefühl der Unsicherheit, als er an den Steinkreis im Norden der Insel und an ihr Erlebnis kürzlich im Stollen dachte. Er legte die Hartholzspitze in sein Gepäck und bevorzugte es, über das Gelesene zu schweigen. Er und seine Familie waren schlussendlich aufgeklärt – und nicht abergläubisch.
Sie lebten heute im Zeitalter der klaren Vernunft. So dachte Thorn.
So hoffte er.Trotzdem zuckte in der Zukunft Oliver Thorn jedes Mal zusammen, wenn er ein unnatürliches Pfeifgeräusch zu hören glaubte.



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Kommentare


Von HERBERT
Am 27.02.2010 um 16:52 Uhr

Danke für die Beurteilung. Ich war tatsächlich auf Lanzarote und bin ein wenig "verzaubert". Mit dem Doppel-S habe ich Mühe, ich schreibe auf einer amerikanischen Tastatur (ich finde es nicht). LG Herbert


Von Jason-Potter
Am 27.02.2010 um 15:46 Uhr

Sehr gut geschrieben!

Ich gehe davon aus, dass du schon einmal auf Lanzarote warst, so bildlich wie du die Landschaft beschreiben konntest. Oder war das alles erdacht?
Eines gibt es allerdings doch zu bemängeln, was aber nichts mit dem Stil oder der Story zu tun hat.
Bei Doppelvokal wird weiterhin das scharfe ß benutzt und nicht ss.
Das wars aber auch schon.

LG Ralf


Von Aabatyron
Am 17.01.2010 um 19:41 Uhr

Finde deine Geschichte sehr gut - der Schluss ist so richtig spannend geschrieben.

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Es gibt 3 Kommentare


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