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Von der S-Klasse zur S-Bahn - von Chaos, 16.05.2004
Kennt ihr solche Tage, an denen alles schief geht, was schief gehen kann?
Tage an denen sich euer weiteres Leben mit einer einzigen (Fehl-)Entscheidung so drastisch ändern kann, wie ihr euch das niemals vorstellen könnt? An dem Tag, an dem man etwas verliert, was für viele selbstverständlich ist?

Es war einer dieser Tage, an denen man besser im Bett bleiben sollte. Verschlafen, mit dem Nassrasierer zweimal geschnitten, ein Knopf vom Hemd abgerissen und kein Kaffee mehr im Haus. 
Wie soll ein Tag, der so beginnt, enden? Genauso wie er angefangen hat, wenn der Rest nicht besser verlaufen würde. Auf der Arbeit an verhärtete Fronten gestoßen, meckernde Kunden, jammernde Chefs, unbefriedigte Sekretärinnen. Man merkt, wie man innerlich kocht, versucht trotzdem die Fassung zu behalten. Das Mittagessen lauwarm und ohne Geschmack, die freundlichen Kollegen saufen den Kaffee leer und übrig bleibt eine versiffte, leere Kanne. Der Urlaub musste gestrichen werden, währenddessen draußen das schönste Sommerwetter auf einen am Baggersee warten würde.
Man ist dann endlich froh, als es 18 Uhr ist, und man die Heimreise antreten kann. Der Zeitpunkt zu explodieren wächst mit jeder Minute, die man dieser Hölle noch länger ausgesetzt ist. Raus ins Auto, auf die Autobahn und mit den Gedanken schon zu Hause. Man überlegt sich, so schnell wie möglich in die vier Wände zu kommen und niemanden mehr für heute zu sehen und nichts mehr zu tun, was das Elend an diesem Tag noch schlimmer machen könnte.
Das einzig erfreuliche ist die Heimfahrt. Die Sonne ist noch am Himmel und der Fahrtwind pfeift angenehm durchs Auto.
Doch dann geschieht das, was nicht mehr hätte heute passieren dürfen. Ein BMW auf der linken Spur, dessen Fahrer der Meinung ist, er würde in einem LKW sitzen und er dürfte mit Tempo 80 auf der Autobahn fahren. Das Einzige, was er noch wusste war, das sich "zwei Nieren" auf seinem Kühler befinden, mit dem er ein Dauerbenutzungsrecht für die Linke Spur beim Kauf des Fahrzeug erworben hat. Normalerweise würde man in dieser Situation versuchen ruhig zu bleiben. Schlachten in dieser Größenordnung gehören beinahe zum ganz normalen Straßenbild, doch wenn man geladen ist, dann kommt einem so ein Kandidat goldrichtig. Also aufs Gas und versucht Rechts vorbeizukommen. Wäre nicht das schwierigste, so lange auf der rechten Spur keine langsam fahrenden Autos wären und der "Heizer" in seinem BMW nicht plötzlich aus unerfindlichen Gründen doch noch sein Gaspedal wieder gefunden hätte.
"Na schön. Spielen wir ein Spielchen. Kommst mir heute gerade recht."
Kilometer um Kilometer vergehen zur Rushhour bis die Möglichkeit da ist. Rechts rausgeschert, Gas und vorbei, dann versucht links wieder vor ihm einzuscheren. Eine Szene wie aus Alarm für Cobra 11.
Zwei Pkws und ein LKW teilen sich zwei Fahrspuren, weil keiner der beiden nachgeben wollte und der BMW-Fahrer versuchte die Lücke zu schließen. Kampflinie ist angesagt. Es gab keine Alternative. Rechts ein LKW mit dem man sich besser nicht anlegen sollte, egal welche Automarke man fährt – es sei denn, es ist ein Chrysler Typ Sherman-Panzer – und links der BMW dessen Vorderreifen auf gleicher Höhe mit dem Hinterreifen des Mercedes-Fahrers ist.
"Also schön. Like Schumi. Zentimeter um Zentimeter reinpressen. Was anderes geht jetzt sowieso nicht mehr."

Viele denken jetzt: "Typisch. Männer am Steuer und dann mit solchen Autos ..." Was soll ich nach Rechtfertigungen suchen? Jeder Mensch macht Fehler. Es sah spektakulär aus, passiert ist nichts. Doch, es ist etwas passiert. Der Stolz des BMW-Fahrers wurde stark verletzt. Wurde er doch von seinem ärgsten Todfeind überholt und vor allen anderen in seinen Augen lächerlich gemacht. Das konnte er natürlich nicht auf sich sitzen lassen und so geschah es, das zwei Wochen später eine Strafanzeige ins Haus flatterte. Richter, Anwälte. Alle in einen Sack. Beschweren sich über unnötige Prozesse und zu viel Arbeit und dann machen sie wegen so einer Aktion einen riesigen Fackelzug. Nach einem Jahr dann die Verhandlung.
Vorstrafen: Keine, Flensburg-Register: Null Punkte, unfallfrei seit 10 Jahren. Tathergang: Kein Alkohol im Spiel, keine Gefährdung, keine Massenkarambolage.
Urteil: 6 Monate Führerscheinentzug für eine Ersttat ist noch niedrig angesetzt, so meinte die Richterin, auch wenn die Staatsanwaltschaft weniger forderte.

Ein Hoch auf unsere Richter. Kinderschänder, Vergewaltiger, Massenmörder, Drogendealer, Scheinasylanten laufen frei auf den Strassen rum und der Staat schaut seelenruhig zu, aber wenn es um verletzten Stolz geht, da greifen wir Deutschen richtig durch! Jawoll.

Gerechtigkeit? Nein. Deswegen ist Justitia blind. Sonst würde sie weinen, wenn sie all die Fehlentscheidungen mit ihren eigenen Augen sehen müsste. Tja, von nun an heißt es bis zum Termin des Berufungsverfahrens umzusteigen: Von der S-Klasse in die S-Bahn.




©2004 by Chaos. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von Tattooed
Am 20.06.2004 um 16:42 Uhr

Sehr ironisch, bissig witzig!!
Einfach köstliche Satire für zwischendurch!
Toll beschrieben


Andy


Von Chaos
Am 07.06.2004 um 19:05 Uhr

Hallo Zeeben,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Um Dir Deine Fragen zu beantworten:
Es ist (war) ein Worst Case Szenario. Nachdem ich danach vier Monate S-Bahn-Fahrpläne studierte und selbiges Verkehrsmittel zu hassen lernte, bekam ich im Berufungsverfahren meinen Lappen wieder. Der Richter des Landgerichts telefonierte mit meinem Anwalt vor dem Berufungsverfahren und teilte mit, das er höchstens 3 Monate Fahrverbot ausgesprochen hätte. Somit stand glücklicherweise fest, das ich an dem festgelegten Termin meinen Führerschein wiederbekam.

Ich überlege, ob ich nicht Teil 2 dieser Story schreibe. Nach dem, was ich alles in unserem, ach so bürokratischen Lande noch erlebte, würde diese Geschichte Teil 1 sogar toppen.
Man glaubt nicht, wie unfähig die Menschen sind, die die Justiz vertreten. Können nicht mal einfache Zahlungen korrekt buchen. Stattdessen hatte ich das volle Programm. Über einfache Mahnungen hin zum Gerichtsvollzieher, bis zur "Einladung" zu einer 18-tägigen Haftstrafe.
Der Prozeß war vor etwas mehr als zwei Jahren. Die Haftanordnung kam vor ein paar Wochen. ;-) Heute kann ich auch drüber lachen, obwohl es traurig ist, aber c´est la vie. Wir sind auf dieser Welt, um Fehler zu machen.

Gruß Chaos



Von Zeeben_und_K-Ro
Am 06.06.2004 um 20:24 Uhr

Du hast einen fesselnden Schreibstil. Sehr trocken und bissig. Ein paar mal musste ich lachen, obwohl das alles ja eigentlich eher traurig ist. Ist dir das wirklich passiert? Oder ist das Fiktion, ein Worst Case Scenario?
Auf jedenfall ist es so detailreich geschrieben, dass es sehr authentisch wirkt selbst wenn die Story unglaublich ist.

Zeeben

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Es gibt 3 Kommentare


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