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Handlanger - von Jurewa, 13.09.2008
Mein Geliebter will nicht mehr Hand an mich anlegen. Kein Zweifel.
Es wird also Zeit, dass ich mich nach neuen Handlangern umsehe.
Ich ging in unseren Kurpark, wo sich die Möwen tummeln. Da traf ich den Gärtner. Sogleich kamen wir ins Gespräch. Er legte seine Gartenschere, mit der er Buchsbäume beschnitt aus der Hand und diese auf meine Schulter. Er lud mich ein, mit ihm den Park zu begehen, die Pflanzen, Vögel und die Spaziergänger zu bestimmen und ihm dabei meine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich kam dem sehr gern nach.
Mein Geliebter, begann ich, erklärt, er könne nicht mehr Hand an mich legen, weil ich nicht Golf spielen will und deshalb nichts aus mir wird.
Ist das wahr, fragte der Gärtner total entzückt.
Er sagt, mein Geliebter, mir fehlt der Glanz des Ruhms, der Glanz des Geistes und der Glanz des Körpers.
Welch eine Logik, rief der Gärtner und zog mich unter einen Buchsbaum, wo er mir unregelmäßigen Bewuchs zeigte und mich nach allen Regeln des Gartenbaus zu trösten versuchte.
Vieles spricht nicht gegen das Golfen. Es ist eine angenehme Tätigkeit an der frischen Luft, die von kreativen Momenten unterbrochen wird, laberte ich den Gärtner voll, der schnell ermüdete und einschlief.
Kichernd näherte sich ein Gruppe Psychologen, die einen so fröhlichen Eindruck auf mich machte, dass ich mich ihnen unbedingt anschließen wollte. Ich strich meinen Zipfelrock glatt und hakte mich bei einem von ihnen einfach unter. Er war, wie sich an der ersten Biegung herausstellte, kein Psychologe sondern ein Schuhhändler und führte ein recht kurzweiliges Leben.
Wir kamen gleich ins Gespräch und erörterten unsere Vorliebe für dreieckige Schuhe. Er staunte über den Gleichklang unserer Vorlieben und lud mich spontan zum Abendessen im Kurhaus ein, was die Möwen aufkreischen ließ. Die Sonne stand noch nicht tief genug, um Abschied voneinander zu nehmen. Heiß kroch sie mir unter meinen Zipfelrock.
Wir betraten Arm in Arm mit großem Appetit das Kurhaus.
Man kannte ihn, den Schuhhändler, ein gerngesehener Gast, denn alle drei Kellner hielten uns die Speisekarte so dicht vor die Augen, das ich mich einfach nicht entscheiden konnte. Nach langem Hin und Her entschied ich mich für den dritten. Wir zogen uns ins Billardzimmer zurück, wo ich ihm sogleich meine Lebensgeschichte erzählte, während aus dem Restaurant das laute Schmatzen des Schuhhändlers zu uns herüberdrang.
Der Kellner war ein behutsamer Zuhörer, stellte nur ab und an eine Frage, kam aber immer seiner Berufspflicht nach. Doch, ich kann sagen, dass ich an jenem Abend sehr gut gegessen habe. Was hinterher zu einem Streit mit dem Schuhhändler führte. Ich sprach mit dem Wirt und auch der meinte, die Stammkundschaft macht immer wieder Ärger, hoch die Erwartung, groß die Enttäuschung! Schließlich ist man gezwungen, Hand anzulegen und Personal freizustellen, ohne es zu wollen.
Oh, wie gut ich das alles verstehe rief ich aus luftiger Höhe, da mich die Kellner auf ihren Schultern aus dem Lokal trugen. Der Schuhhändler starrte auf die kreischenden Möwen und bestellte den dritten Nachtisch.
Sie setzten mich vor dem Musikpavillon im Park ab, wo eine dünnbemannte Kapelle spielte. Ich setzte mich direkt gegenüber vom Dirigenten auf einen orangefarbenen Holzstuhl und starrte ihn an, warf ihm unentwegt Kusshände zu und kreischte laut. Ich berauschte mich an seinen Gesten und an der Enge seines Fracks, viel zu eng für diesen fantastischen Körper.
Ich denke mal, ich werde den Rest meines Lebens an der Seite des Dirigenten verbringen, der abends um 10 Uhr seinen Taktstock aus der Hand legt, um sie für die restliche Nacht erneut anzulegen.



©2008 by Jurewa. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von Jurewa
Am 19.10.2008 um 22:07 Uhr

Hallo und guten Abend,

in diesem Fall ist der Geliebte gemeint.
Danke für deine wohlwollende Kritik, über die ich mich gefreut habe.
Lieben gruß,
jurewa


Von Arion
Am 19.10.2008 um 19:13 Uhr

Ganz gut geschriebener Text. Du hast recht, man sollte gar nicht erst anfangen dentieferen Sinn zu verstehen. Da ist jedoch ein Satz, der mir etwas unverständlich ist:
"Er sagt, mein Geliebter, mir fehlt der..."
Ist mit dem Geliebten nun der Gärtner, der Geliebte des Erzählers oder sogar der Erzähler selbst, der dann jedoch männlich sein müsste, gemeint.


Von Jurewa
Am 14.09.2008 um 19:06 Uhr

Hi,

es geht um das Handanlegen, um mehr nicht.
Wenn du den Text aufmerksam liest, dann taucht immer wieder auf, woran man die Hand anlegen kann ;-))
auch im übertragenem Sinne.
Kapito?j


Von Nymphadora
Am 14.09.2008 um 18:29 Uhr

Hallo,

Das ist ja auch vollkommen in Ordnung. Ich wollte hier nicht die Oberlehrerin geben.
Trotzdem, um was für ein Ding ging es denn nun?
(Los, sag schon, hechel...)


Nana Nymphadore


Von Jurewa
Am 14.09.2008 um 18:07 Uhr

Hallo Nana Nymphadora,

du bist ja eine ganz Fleißige ;-))!
LABERN heißt einfach quatschen, jemanden zudröhnen und ich möchte das Wort nicht aus dem Text entfernen. Die ganze Geschichte ist ein Wortspiel, absurd und seltsam. Man versteht sie oder versteht sie nicht. Weißt du, es gibt Geschichten ,die empfindet man selber als komisch, witzig und gelungen! Das hier ist so eine und ich werde vorerst nichts daran ändern.
Einen tieferen Sinn zu suchen, ist sinnlos-
es gibt keinen ,-))!
Seltsam eben.

Lieben Gruß,
jurewa


Von Nymphadora
Am 14.09.2008 um 10:13 Uhr

Hallo,

eigentlich finde ich deine Story sehr nett geschrieben. Nur habe ich leider nicht erfahren, wer da erzählt. Möglicherweise stehe ich da etwas auf der Leitung. Zuerst dachte ich, es geht um eine Brille. Dann hatte ich die Idee, daß es eine Jacke sein müßte. Passte aber auch nicht, da der Dirigent ja schon einen Frack trägt. Ich habe es nicht herausgefunden, was mich als Leser etwas unzufrieden zurückläßt.

Ansonsten habe ich ein klitzekleines Wort gefunden, das für mich hier irgendwie nicht reinpasst.

-...frischen Luft, die von kreativen
>Momenten unterbrochen wird, laberte ich
>den Gärtner voll, der schnell ermüdete
>und einschlief...-

Für mein Empfinden stört dieses Wort. Ich würde es gegen ein anderes austauschen.


Nana Nymphadore

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