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Prosa => Phantasy & SciFi


Herzblut - Kap. 5 - von Paglim, 01.05.2008
Ein achtjähriger Junge saß auf dem dünnen Stroh in dem Zimmer, das er mit seinem Bruder teilte und starrte vor sich hin.
Die Wunden auf seinem Rücken waren verkrustet und würden bald heilen.
Die Wunden auf seiner Seele nicht.
„Wir müssen von hier verschwinden“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu seinem Zwillingsbruder.
Dennoch wandte Ludger ihm sein tränenverschmiertes Gesicht zu.
„Verschwinden?“ Seine Stimme klang schwach und brüchig. „Aber wohin sollen wie denn gehen?“
„Ich weiß es nicht“, gab Khalid zurück, erhob sich und betrachtete das kalte, dunkle Loch, in dem sie ihr Leben fristeten. „Aber überall ist es besser als hier.“
Doch sein Bruder schüttelte nur vehement den Kopf.
„Dann werden wir sterben“, erwiderte er.
„Ja, möglicherweise werden wir das. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht werden wir leben.“
Khalid ging auf Ludger zu, der in einer Ecke der Kammer saß, und streckte die Hand aus.
„Komm mit mir, bitte! Ich schaffe das allein nicht.“
Doch Ludger war nicht mehr acht, er war fast siebzehn und seine Miene war eine Grimasse von Wut und Schmerz. Seit fast neun Jahren hatte er nicht mehr geweint, dennoch liefen nun Tränen seine Wangen hinab und zogen Spuren durch die Schichten von Blut und Schmutz.
Sein Bruder sprach zu ihm, doch Khalid konnte die Worte nicht verstehen, das Glockengeläut war zu laut.

Schmerz.
Es schien, als wollte sich seine Wade zu einem einzigen Klumpen zusammenziehen.
Khalid biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien und stampfte mit dem Fuß auf in der Hoffnung, den Krampf so loszuwerden.
Nur langsam ebbte der Schmerz ab und er pochte noch immer leicht im Hintergrund, als wolle er klar machen, dass er jederzeit wieder ausbrechen könnte, sollte Khalid es wagen, das linke Bein aufzusetzen.
Zunächst war der junge Mann völlig verwirrt und fragte sich, warum er mitten im Wald lag, bevor nach und nach die Erinnerung zurückkehrte.
Langsam, um sein Bein nicht zu sehr zu belasten, stand Khalid auf und versuchte, sich zu orientieren.
Die Sonne war bereits wieder im Begriff, zu sinken, zumindest vermutete er das. Jedenfalls war der Wald in orangefarbenes Licht getaucht und er hielt es nicht für sehr wahrscheinlich, dass er einen Tag und eine Nacht geschlafen hatte.
Sofern es tatsächlich Abend war, konnte der Pilger ungefähr ausmachen, wo Norden war. Wo auch immer er sich befand, dies war weiterhin die richtige Richtung. Auch wäre es günstig, bei Nacht weiterzureisen. Er wusste nicht, ob er noch immer gesucht wurde, doch er wollte kein Risiko eingehen und im Dunkeln war er vor den meisten Blicken verborgen.
Bevor er aufbrach, untersuchte Khalid die verschiedenen Blessuren, die er am vergangenen Abend davongetragen hatte.
Die alte Wunde in seiner Hand war bereits fast vollständig vernarbt und juckte nur noch leicht, daher machte es auch nichts aus, dass er den Verband irgendwo verloren hatte.
Schlimm jedoch sahen die Handflächen aus, die er sich beim Sturz vom Dach aufgerissen hatte. Sie brannten bei jeder Bewegung und Berührung. Khalid würde bei der nächsten Gelegenheit die Wunden auswaschen müssen, damit sie sich nicht entzündeten.
Noch immer hatte der junge Mann den Geschmack von Blut im Mund. Eine kurze Untersuchung mit der Zunge ließ ihn feststellen, dass die Ecke eines Schneidezahns fehlte. Das war ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern.
Khalid suchte in der Tasche, die Gilla für ihn gepackt hatte, nach einem Wasserschlauch und fand einen solchen auch neben einer großen Menge Proviant, bestehend aus Brot, Wurst, Fleisch, Käse und sogar einigen gekochten Eiern. Ein schmerzhaftes Ziehen in der Magengegend machte den Novizen darauf aufmerksam, wie lange er nichts mehr gegessen hatte. Doch zunächst nahm er nur einen Schluck Wasser in dem vergeblichen Versuch, den widerlichen metallenen Geschmack loszuwerden.
Dann nahm er etwas Brot und Wurst sowie ein Ei aus der Tasche, schulterte diese und machte sich auf in ungefähr nördliche Richtung.
Khalid überließ es seinen Füßen, den Weg von alleine zu finden, aß langsam und genussvoll und versuchte dabei, seine Gedanken zu sortieren.
Er wusste noch immer nicht, wer ihn verfolgte. Erst recht wusste er nicht, warum er sich so sicher war, verfolgt zu werden, doch in diese Richtung stellte er keine Fragen. Eine Antwort darauf würde er nicht finden, das zumindest wusste er sicher.
Außerdem war das nicht weiter wichtig, zumindest im Augenblick.
Vielmehr verwirrte ihn der Traum, den er hatte, kurz bevor er erwacht war. Ludgers Gesicht, blut- und schmutzverkrustet, tränenüberströmt, es wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Der Novize hatte das unbestimmte Gefühl, dass Irgendetwas geschehen war, etwas Schlimmes. Doch es war unmöglich, zum Kloster zurückzukehren, er war verbannt, unwillkommen.
Die düsteren Gedanken des Pilgers wurden unterbrochen, als er ein Plätschern wahrnahm. Nur wenige Schritte vor ihm befand sich ein kleiner Bachlauf, der zugleich die Grenze des Waldes markierte. Dahinter befand sich hügeliges Weideland, soweit das Auge in der sich herabsenkenden Düsternis noch reichte.
Der junge Mann hielt die Hände in das Wasser, das sich als herrlich kühl entpuppte und das Brennen durch ein angenehmes Kribbeln ersetzte.
Das Wasser war nur einige Handbreit tief, dennoch warf sich Khalid ohne zu zögern die Kleider vom Leib und legte sich hinein.
Der Schmerz wurde fast ebenso gut abgewaschen wie der Schmutz.
Sein Hemd zeigte sich da hartnäckiger. Den groben Dreck konnte der Novize zwar entfernen, aber der rotbraunen Flecken getrockneten Blutes blieben zurück.
Das Bad dauerte nicht lang, hob Khalids Laune aber merklich an. Um die Schnitte auf seinen Armen weiter zu kühlen und da die Abendluft warm und trocken war, schüttelte der Pilger das Wasser nur grob ab und zog sich auch die Kleidung nass über.
Deutlich zuversichtlicher blickte er nach Norden.
Er war bereit für die nächste Etappe seiner Reise.

Feldokar ließ seinen Blick schweifen über die Menge, die mit Augen voller Furcht und Erwartungen zu ihm aufsah.
Er hatte selbst Angst und er wusste nicht weiter, doch das hätte er diesen Menschen niemals deutlich machen können. Sie vertrauten auf ihn und darauf, dass er ihnen sagen würde, was zu tun sein.
Das Gemetzel, dessen Zeuge er geworden war, war fürchterlich gewesen. Er selbst war vom Glockengeläut geweckt worden wie die meisten anderen auch.
Doch die Dorfbewohner hatten sich nicht in das Kloster geflüchtet, wo sie in Sicherheit gewesen wären, sie waren in Panik geraten, hatten sich in ihren Häusern verbarrikadiert, in die diese Bestien unschwer einbrechen konnten.
Vierunddreißig Menschen waren gestorben, bevor die Mönche und Nonnen des Klosters sich mit den Menschen zu einer Phalanx zusammengeschlossen und alle zwölf Bären getötet hatten.
Keines der Tiere war geflohen.
„Was heute morgen geschehen ist“, hob er an und seine Stimme hallte weit über die schweigende Menschenmasse hinweg, „wäre zu vermeiden gewesen. Dennoch sollten wir uns keine Schuld zusprechen, nur lernen sollten wir daraus!“
Der Abt fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und versuchte, das Zittern in den Händen zu unterdrücken.
„Lange Jahre haben wir hier in Frieden gelebt und wir waren alle der Hoffnung, er möge ewig wären. Doch wir haben uns täuschen lassen und so sind wir schwach und angreifbar geworden. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass dies keine gewöhnlichen Bären waren. Kein Tier würde sich je so verhalten. Viele von euch wissen es vermutlich nicht, aber unter den Barbaren gibt es Hexer, die in der Lage sind, sich die Natur untertan zu machen, sie nennen sich Druiden. Wir sind uns sicher, dass diese Bären von solchen Druiden so beeinflusst wurden, dass sie uns angreifen, wenn es nicht gar verwandelte Menschen waren, auch das wäre möglich.“
Aufgeregtes Gemurmel entstand, doch Feldokar verschaffte sich mit einer herrischen Geste wieder Ruhe.
„Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass diese Heiden uns den Krieg erklärt haben, wir müssen uns verteidigen! Einer unserer Novizen, Alef von Akitaos, der vielen von uns das Leben gerettet hat, hat uns zugleich deutlich gemacht, wie angreifbar wir sind.“
Erneut erhob sich vielstimmiges Gerede, einige Menschen klopften dem errötenden Jungen anerkennend auf die Schulter.
„Die Glocke im Turm wird repariert werden“, fuhr der Abt fort, „so dass sie im Notfall sofort erreichbar ist. Auch wird sich dort von nun an zu jeder Zeit jemand befinden, der bei Gefahr Alarm schlägt. Ebensolche Wachen werden auf den Klostermauern patrouillieren. Jeder, der die Glocke läuten hört, hat sich ohne zu zögern in das Kloster zu begeben. Außerdem wird ab morgen täglich hier im Innenhof ein Training in Selbstverteidigung stattfinden. Dieser Unterricht ist für alle Mitglieder des Ordens, die dazu in der Lage sind, einmal in der Woche verpflichtend. Jeder Mann und jede Frau aus dem Dorf, der oder die teilnehmen möchte, ist herzlich willkommen. Wir werden uns nicht noch einmal von den Barbaren überrumpeln lassen, wir werden uns zu wehren wissen. Und nun lasset uns für die Gefallenen des heutigen Morgens beten.“
Ordensmitglieder und Dorfbewohner gleichermaßen senkten demütig die Köpfe in stummem Gebet.
Ludger tat es ihnen nicht gleich. Er hatte geweint, als sie Maria beerdigt hatten, er hatte geschrieen. Doch gebetet hatte er nicht.
Wo auch immer Laurane sein mochte, hier war sich nicht und wenn doch, so hatte sie keine Möglichkeit, einzugreifen. Sie war machtlos, nutzlos, genauso wie die Gebete, die an sie gerichtet wurden.
Nur beiläufig hatte er der Rede des Abts gelauscht.
Sein Entschluss stand fest. Er wollte kämpfen, jeden Einzelnen dieser verdammten Barbaren ausrotten. Erst dann würde Maria angemessen gerächt sein.
Doch für den Moment war es nützlich, hier zu bleiben. Denn zunächst musste er lernen, wie man kämpft.
Als die Versammlung sich aufzulösen begann, blieb Ludger noch eine Weile an seinem Platz an der Mauer stehen.
Er bemerkte, dass Feldokar ihn beobachtete und ignorierte es. Wenn er etwas nicht brauchte im Augenblick, so waren das Mitleid und Belehrungen.
Doch bevor er sich zum Gehen wenden konnte, begegnete dem Novizen ein anderer Blick. Im Schatten des Sterns lehnte Daved an einer Wand der Bibliothek und starrte ihn an. Ludger schauderte, als er sah, dass der junge Mönch ungewöhnlich blass und hager wirkte.
Für einige Momente wurde sein Blick versperrt, als eine Gruppe von Menschen an ihm vorbeizog.
Dann, als er wieder sehen konnte, war Daved fort, in der Menge untergetaucht.

Schon von weitem hatte Khalid das Rauschen des Issin gehört und in den letzten Stunden war es immer lauter geworden. Nun stand der Reisende am Ufer des Stroms, dessen Wasser trügerisch ruhig dahin flossen und überlegte, was zu tun sei.
Er war unendlich erleichtert darüber, dass er den Fluss so schnell erreicht hatte. Offensichtlich war er doch nicht so weit vom Weg abgekommen wie er zunächst vermutet hatte. Allerdings bot sich ihm nun ein völlig anderes Problem: er wusste nicht, ob er sich westlich oder östlich der Fährstation befand. Sein Instinkt sagte ihm, sie läge zur Linken, doch darauf allein wollte er sich nicht verlassen.
Am Besten wäre es, bis zum Morgen zu warten, der im Übrigen nicht mehr fern schien. Außerdem würde ihm eine Pause gut tun.
Erschöpft ließ sich Khalid in das weiche Gras fallen. Er wusste, er sollte noch etwas essen, doch die Müdigkeit überwog und ließ ihm kaum Zeit, die Augen zu schließen, bevor er in einen tiefen Schlaf fiel.

Die aufgehende Sonne streichelte über das Gesicht des jungen Mannes. In diesem Licht war seine Rah´ahlebische Herkunft besonders deutlich zu erkennen, denn es ließ seine Haut leuchten wie Bronze. Ein leichter Bartflaum war auf den Wangen des Schlafenden zu erkennen. Seit seiner Abreise hatte er keine Gelegenheit mehr gehabt, sich zu rasieren.
Es hätte ein Bild des Friedens sein können. Khalid lag auf einem Stück saftiger Wiese, direkt am Rand des Issin. Das Rauschen des Flusses erschient nicht mehr so laut und es wurde durchbrochen vom Zwitschern unzähliger Vögel der verschiedensten Arten.
Es hätte ein Bild des Friedens sein können.
Wären da nicht der angespannte Ausdruck im Gesicht des Pilgers, der Schweiß, welcher ihm von der Stirn lief, das Zusammenzucken bei jedem Peitschenhieb, den er im Traum spürte.
Wäre da nicht der Schrei, mit dem er sich schließlich selbst aus dem Schlaf riss.
Khalid atmete schwer und zwang sich, sich auf die Realität zu konzentrieren, die Gegenwart. Was er erlebt hatte, war fürchterlich gewesen, aber nun war das Vergangenheit.
Um sich abzulenken und den empört knurrenden Magen zu beruhigen, suchte der junge Mann wahllos Nahrungsmittel aus dem Rucksack und begann ein ausgiebiges Frühstück, das die verpasste Mahlzeit der vergangenen Nacht ausgleichen sollte.
Kauend sah Khalid sich um, stutze und fing urplötzlich ungewollt an, lauthals zu lachen. Nur ein kleines Stück im Westen, vielleicht eine Wegstunde entlang des Flusses, stand eine Hütte direkt am Ufer. Eine etwas kleinere Kate befand sich genau gegenüber liegend am anderen Ufer.
Er hatte die Fährstation nur minimal verpasst.
Da dies ihm nun mehr Zeit einbrachte, beendete der Reisende zunächst in Ruhe sein Frühstück und nahm anschließend noch ein Bad im kalten Wasser des Issin, bevor er sich auf den Weg zur Station machte.
Das Häuschen lag merkwürdig still da, nichts rührte sich, nicht einmal Rauch stieg aus dem Schornstein auf und als Khalid beim Näherkommen die weit offen stehende Tür sah, wurde er misstrauisch.
Vorsichtig lugte er schließlich durch den Eingang und sah nichts weiter als einen leeren Raum.
Offensichtlich hatte der Fährmann wegen der Gerüchte über die Barbaren seine Sachen gepackt und war davon gezogen. Zumindest hoffte Khalid, dass dies der Fall wäre, die mögliche Alternative ignorierte er dabei geflissentlich.
Da in der verlassenen Hütte nichts weiter zu finden war, beschloss der junge Mann, sich den Steg einmal näher anzusehen. Dieser auf Holzbohlen gezimmerte Weg führte etwa zwei Schritt auf den Fluss hinaus. Rechts daneben schwamm ein Floß, auf dem gut und gerne zwanzig Personen Platz gehabt hätten. Zu beiden Seiten des Floßes waren Ösen angebracht, durch die jeweils ein dickes Tau führte, das einmal auf dieser und auf der anderen Seite des Issin festgebunden war. So würde man auf der Fahrt nicht von der Strömung abgetrieben werden. Ein drittes Seil führte über seinen Kopf hinweg ebenfalls auf die gegenüber liegende Seite und endete am diesseitigen Ufer an einer Glocke. Vermutlich konnte so der Fährmann von Reisenden aus Raggar gerufen werden.
An einem Haken auf dem Floß war schließlich ein viertes Seil angebunden, das wiederum mit dem Steg vertäut war.
Vorsichtig stieg Khalid hinunter das das aus halbierten Holzstämmen gefertigte Gefährt. Er hatte keine Angst vor Wasser, allerdings hatte er auch nie gelernt, zu schwimmen. Er wollte es lieber nicht darauf ankommen lassen.
Der Pilger band den Knoten am Haken los, zog die lange Führstange aus deren Halterung und stieß sich kräftig vom Ufer ab.
Das Vorwärtskommen erwies sich als nicht so einfach. Die Strömung war nicht stark, dennoch wurde das Floß beständig nach links gedrückt. Die Seile verhinderten ein weiteres Abdriften, doch sie machten aus zugleich auch schwerer, das Gefährt nach vorne zu treiben.
Schon nach der Hälfte der Strecke war Khalid bis auf die Knochen durchnässt, doch er machte keine Pause, sondern stieß immer wieder mit der Holzstange, die nun schwer wie Blei schien, auf den Boden und drückte sich weiter vorwärts.
Fast drei Stunden benötigte der Reisende für die Überfahrt, in seinem eigenen Empfinden war es ein ganzer Tag. Doch schließlich stieß das Floß seitlich an den Steg auf der ragarschen Seite des Issin.
Mit vor Erschöpfung zitternden Fingern band Khalid das Seil um den Haken, auch wenn er bezweifelte, dass das Floß sich bei seiner Rückkehr noch am selben Ort befinden würde. Erst beim dritten Anlauf gelang der Knoten, woraufhin der junge Pilger unsicher auf den Steg zu steigen versuchte, mit dem Fuß hängen blieb und seitlich auf das nasse Holz stürzte, wo er schwer atmend liegen blieb.
Ein zufriedenes Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht.
Er hatte die Barbarenlande erreicht.

Es heißt, in Zeiten der Freude erscheint ein Tag wie eine Stunde, in Zeiten der Trauer eine Stunde wie ein Tag.
Doch in Zeiten der Angst, des Wartens auf den Sturm, kann sich jede Minute zur Ewigkeit ausdehnen.
Fünfzehn Tage und Nächte waren seit dem Angriff der Bären auf das Lauranekloster Eibenbach vergangen. Fünfzehn Tage, in denen sich ein dunkler Schleier über die Menschen legte.
Man schwankte zwischen Misstrauen und dem Wissen, zusammenarbeiten zu müssen, zwischen Heimatliebe und dem Drang, davon zu laufen.
Schlussendlich entschieden sich jedoch nur wenige Familien für die Flucht.
Ludger kümmerte all dies wenig.
Schon am Morgen nach dem Massaker hatte sich ein älterer Mönch namens Orlem als ihr Lehrer für Selbstverteidigung vorgestellt. Genauso wie die etwa zweihundert Anderen, die am ersten Trainingstag teilnahmen, hatte Ludger starke Zweifel daran, dass diese kleine, drahtige und weißhaarige Gestalt ihnen etwas über den Kampf würde beibringen können.
Doch nachdem Orlem die Herausforderungen der ersten vorwitzigen Schüler angemessen beantwortet hatte, woraufhin sich diese ausreichend blau Flecken auf dem harten Lehmboden holten, waren sie Alle eines Besseren belehrt.
Im Laufe der Zeit schwankte die Zahl derer, die am Kurs teilnahmen, doch Ludger war an jedem Morgen dabei. Sie lernten, dass Kraft allein keinen guten Kämpfer ausmachte und die richtige Technik jeden noch so großen Gegner überwinden konnte. Die wahre Kunst bestand darin, die Situation und den Gegner richtig einzuschätzen und die eigenen Vorteile auszunutzen.
Orlem unterrichtete sie im Kampf mit dem Stab und ohne Waffen. Laut Aussage des Abts würde in Zukunft nach einem Lehrmeister für Klingenwaffen gesucht werden, doch seit dieser Ankündigung hatte niemand mehr über das Thema gesprochen und so war es wieder vergessen worden.
Auch das kümmerte Ludger wenig. Seine Aufmerksamkeit galt allein dem Training, das er auch außerhalb des Unterrichts in jeder freien Minute fortsetzte. Ansonsten hielt er sich so weit wie möglich von anderen Menschen fern, vor allem von Feldokar, der anscheinend immer wieder das Gespräch mit ihm suchte. Soweit er es irgendwie vermeiden konnte, sprach Ludger überhaupt nicht. Selbst das Denken versuchte er einzuschränken. Die einzigen Personen die Zugang zu seinen Gedanken fanden, waren Maria und sein Bruder. Zumindest von Letzterem wusste er, dass es ihm den Umständen entsprechend gut ging. Woher auch immer dieses Wissen kam, es hielt ihn aufrecht.
Das und der Hass.



©2008 by Paglim. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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