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Wintermärchen - von Asrai, 19.08.2004
Stumm flackerte die Kerze im Raum. Warf bedrohliche Schatten an die rauen Wände. Sie stand auf einem kleinen, wackeligen Tisch. Ein kleines Mädchen lag daneben, auf einer löchrigen Matratze. Ihre Lippen blau und verfroren. Ihre Augen starr vor Kälte und Angst.

Durch die zersplitterten Fensterscheiben drang eisiger Wind in den Raum. Das kleine Mädchen wickelte seine alte Decke fest um sich und faltete die Hände. "Lieber Gott,", sprach es, "Mama ist nicht aus der Stadt zurückgekommen." Die Kälte verwandelte ihren Atem in kleine Wölkchen. Ihr Magen knurrte. "Bitte mach, dass ihr nichts geschehen ist." Sie zog ihre Beine fest an ihren Körper. "Es ist so kalt hier. Mein Brüderchen bewegt sich nicht mehr." Das kleine Mädchen sah zu dem kleinen Bündel, dass neben ihr lag. Der kleine Junge hatte die Augen geschlossen und atmete nicht mehr. Er war vor etwa einer Stunde erfroren. Schnee bahnte sich einen Weg durch die kaputten Fenster ins Zimmer. Die Hände des kleinen Mädchens schmerzten. Leise sprach es weiter. "Bitte lass mich nicht erfrieren. Ich bin so allein und ich habe Angst. Bitte schick Mama zu mir zurück." Eine Träne rann ihre Wange herunter. Sie wischte sie mit ihrer linken Hand fort. Ihr Gesicht war eisig kalt. Ihr ganzer Körper schmerzte und jede Bewegung verlangte viel Kraft von ihr. Schliesslich schloss sie die Augen und versuchte an etwas Warmes zu denken, so wie es ihre Mutter ihr so oft geraten hatte, wenn es wieder kalt draussen wurde. Das kleine Mädchen dachte an den Sommer und wie sie mit ihren Geschwistern auf der Wiese am See spielte. Nun war sie allein. Ihre Geschwister hatten den Winter nicht überlebt.

Es dachte an das grosse warme Kaufhaus und die vielen bunten Lichter. Und wie sie dort so oft in den Büchern gestöbert hatte. Eine Bombe hatte es vor zwei Wochen dem Erdboden gleich gemacht. Viele Menschen waren dabei gestorben. Ihr Vater hatte dort manchmal gearbeitet. Er war unter den Toten.

Ein Windzug fegte durch den Raum und löschte das Feuer der Kerze. Das kleine Mädchen bemerkte es nicht. Es dachte an die Abende am Lagerfeuer mit ihren Freunden. Viele hatten mit ihren Eltern die Stadt verlassen. Manche sogar das Land. Und sie würden mit Sicherheit nicht wiederkehren. Wieder liefen Tränen über die Wangen des kleinen Mädchens. Aber die spürte es schon kaum mehr. Auch die Kälte spürte sie nicht mehr. Alles war so fern von ihr. Und plötzlich, mit einem Mal, fühlte sie sich warm und geborgen. Die Sehnsucht nach ihrer Mutter und die Angst verschwanden und sie hatte plötzlich nicht mehr das Gefühl ganz allein zu sein. Sie begann zu lächeln und irgendwann hörte sie einfach auf zu atmen und schwebte hinfort. Hinfort an einen Ort an dem alles so war, wie sie es sich ihr Leben lang erträumt hatte. An einen Ort, an dem ihre ganze Familie auf sie wartete. An einem Ort, an dem es nicht mehr kalt war und sie sich nicht mehr einsam fühlen musste. Dort gab es keine Bomben und kein Schreien hilfloser Menschen. Dort gab es nur sie und alle die sie liebte um sie herum. Und alle, die sie lieb hatten...

Erst eine Woche später fand man sie. Eingewickelt in einer alten Decke, mit starrem Blick und doch mit einem Lächeln auf den Lippen. Erfroren.



©2004 by Asrai. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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