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Poesie => Trauriges


Der Gesang der Linden - von Asrai, 04.07.2004
Als ich schweigend durch den dunklen Garten wanderte, hörte ich, wie in der Ferne der seichte Donner grollte und ich wusste, dies war mein letzter Tag. Und ich hielt die Hand an mein Herz um zu fühlen, wie das Leben in mir schlug. Sanft, gleichmässig und doch schwach, berichtete es mir von meiner Vergangenheit, schrie mir manches Mal entgegen und flüsterte selten kaum hörbar mir seine Worte zu. Und als der Regen fiel, begann ich zu weinen und die Tränen liefen, wie Orkanfluten in der Wüste über meine Wangen und gingen unter, auf halbem Wege, im Wasser der Welt.
Bilder von bekannten Gesichtern, liebgewonnen oder verhasst, erschienen hinter meiner Stirn und mir war, als würde ich ihre Stimme hören. Die Stimme, die mich allein durch ihren Klang den Tod herbei wünschen liess, so klar und sanft, fast zärtlich sprach sie leis zu mir. Ich hatte sie so oft vernommen, in meinen Träumen, auf meinen Reisen um die Welt, doch ihr Gesicht war stets mir verwehrt zu sehen. Und sie sprach zu mir all die Worte, die ich in meinem Leben so vermisste und so ging ich langsam weiter und lauschte dem, was sie mir zu sagen hatte. Hätte mir früher jemand erzählen wollen, man könne mit Worten Bilder malen, so hätte ich gelacht und ihm keinen Glauben geschenkt. Doch nun sah ich sie selbst, die Bilder einer besseren Welt, voll von Liebe und Träumen und erfüllten Wünschen und ich sah Farben, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Irgendwann hörte ich den Donner nicht mehr. Ihre Stimme überdeckte jedes andere Geräusch und die Bilder, die sie mir malte, liessen mich das Wesentliche nicht mehr sehen. Und ich setzte mich ins feuchte Gras unter der Linde, die mir in den letzten Monaten ein liebgewonnenes zweites Zuhause geworden war und ich lehnte mich gegen ihren mächtigen Stamm und liess mich von ihr beschützen. Nun sang die Stimme weiche Lieder, und mein Herz schlug leis im Takt und meine Augen schlossen sich. Und irgendwann wurde es vollends still um mich herum und ich hatte keine Angst mehr vor dem Tod und ich wusste, sie war noch immer bei mir und keine Krankheit dieser Welt würde sie mir nehmen können, die Stimme, meine Linde und ich schlief ein und wachte nicht mehr auf.



©2004 by Asrai. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von marve
Am 18.02.2005 um 10:29 Uhr

Wunderschön geschrieben ...
... sagt marve

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(6 Stimmen)

Es gibt 1 Kommentar


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