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Erfüllung oder Wer die Liebe liebt ... - von vogx, 27.12.2023
Erfüllung
(oder: Wer die Liebe liebt...)

„Wow!“ So, wie sie vor mir stand, war sie genau das, was ich mir vorstellte, wenn
jemand sagt: „Diese Frau ist eine Wucht.“ Ihre Augen zogen mich sofort in ihren
Bann, und nicht nur die. Ihre ganze Erscheinung fesselte mich.
Wahrscheinlich sah ich dagegen ziemlich bescheuert aus, so wie ich sie mit offenem
Mund anstarrte. Aber sie ignorierte das galant und lächelte mich an. Und das Lächeln
war das nächste, was mich nicht mehr losließ. An ihr war alles perfekt, und wie sich
schnell herausstellen sollte, nicht nur das Äußere.
Als ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte, was gefühlt Stunden gedauert
haben muss, schaffte ich es nur stammelnd, ihr den Platz an unserem Tisch
anzubieten.
Ich wusste nicht, wo sie hergekommen war. Sie hatte plötzlich an unserem Tisch
gestanden und gefragt, ob sie sich zu uns setzten dürfe. Naja! Es war nun mal der
einzige freie Platz in dem Schuppen gewesen, den wir - meine Freunde und ich - uns
für den Abend ausgesucht hatten. Es sollte ja eigentlich ein Männerabend werden,
aber daran war jetzt nicht mehr zu denken.
Mich wunderte allerdings, dass meine Freunde sich durch ihre Anwesenheit in keiner
Weise beeindrucken ließen. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, ihre Gespräche und
Witze wurden derber als vorher. Dabei war sie mit Sicherheit kein graues Mäuschen,
das man leicht übersieht. Aber sie schien für die anderen einfach nicht da zu sein. Sie
schauten sie nicht einmal an.
Sie sah die ganze Zeit mich an. Ich konnte nicht anders und sprach sie an. Und dieses
Gespräch zog sofort meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Ich vergaß alles um mich
herum. Ich bemerkte kaum, dass sich meine Freunde einer nach dem anderen
verabschiedeten, was völlig ungewöhnlich war, denn normalerweise wollte keiner als
erster gehen. Aber plötzlich saßen wir beide allein am Tisch, und ich war deswegen
nicht traurig.
Wir redeten über alles, was mich aus tiefstem Herzen interessierte: Musik, Filme,Bücher, Kunst, ... Und da war dieses viel beschriebene Gefühl, dass wir uns schon ewig
kannten. Erst jetzt wusste ich, was damit überhaupt gemeint war. Mir kam es so vor,
als würde sie in die Tiefen meines Herzens vordringen. Sie brachte mich dazu, mein
Inneres nach außen zu kehren. Ich erzählte ohne Hemmungen von meinen Stärken,
meinen Schwächen, meinen geheimen Wünschen und von Gedanken und Gefühlen,
derer ich mir bis dahin gar nicht bewusst war. Aber ich fühlte mich auch von ihr in
einer seltsamen Art und Weise verstanden wie nie zuvor in meinem Leben. Dabei
sprach sie selbst gar nicht so viel. Es war ihre Art zuzuhören, die alles aus mir heraus
lockte. Ihre Augen, die mich unverwandt anschauten, schienen zu sagen: „Ich will alles
von dir wissen. Alles! Selbst das, was du selbst nicht von dir weißt.“ Und so verging die
Zeit wie im Flug.
Dann verstanden wir uns ohne viel Worte und hatten es auf einmal ziemlich eilig, den
Schuppen zu verlassen. „Zu dir!“ sagte sie knapp und in dem Ton, der keine Widerrede
erlaubte.
Bei mir angekommen, wunderte mich, wie schnell sie den Weg in mein Schlafzimmer
fand, als wäre ihr alles schon längst vertraut. Natürlich war das Erstaunen nur kurz,
denn unsere Leidenschaft überflutete jeden anderen Eindruck. Es war nicht die Lust
auf schnellen Sex. Dazu hatte ich viel zu sehr das Gefühl, aus tiefster Seele mit ihr
verbunden zu sein. Mein Herz überschlug sich fast vor Sehnsucht. Es wollte ihr so
nahe wie möglich sein. Und ich ahnte in dem Moment nicht, dass sich seine Sehnsucht
voll und ganz erfüllen würde.
Was dann folgte, war eine Offenbarung. Wir liebten uns, und zwar so vollkommenen
und absolut, wie ich es noch nie erlebt hatte. Jeder von uns gab sich dem andren so
vollständig wie nur irgend möglich hin, hemmungslos und voller Vertrauen. Und dieses
Vertrauen wurde vielfach mit Zärtlichkeit, Lust und Befriedigung belohnt. Auch wenn
es abgedroschen klingt: Ich hatte das Gefühl zu schweben.
Wir konnten nicht genug voneinander bekommen. Immer wieder entzündete sich
zwischen uns die Liebe und ihr Licht leuchtete uns durch die Nacht und wärmte
unsere Seelen. Irgendwann wurde es draußen hell und wir sanken erschöpft undineinander verschlungen in die Kissen.
Wir sahen uns in die Augen und wussten ohne Worte, dass wir beide in gleicher Weise
und im höchsten Maße das genossen hatten, was man völlig unzureichend Befriedigung
nennt. Solche Fragen wie „War es gut?“ oder „Hat es dir gefallen?“ konnten wir uns
sparen. Lange lagen wir so da und genossen jede Sekunde.
Auf einmal sagte sie: „Jetzt will ich dich ganz.“ Sie drehte mich sanft aber bestimmt
auf den Rücken und einen Augenblick später kniete sie über mir. Zärtlich legte sie
ihre Hand auf meine Brust. Dann bohrten sich ihre Finger langsam in das Fleisch, als
sei es weiche Butter, tiefer, tiefer und tiefer, bis ihre Hand mein Herz umfasste.
Reines Erstaunen machte sich in meinem Kopf breit, so dass für Schmerz kein Platz
war, was wiederum mein Erstaunen nur vergrößerte. Ein kurzer, heftiger Ruck und sie
hielt mein noch schlagendes Herz an ihre eigene Brust, die sich bebend im Rhythmus
ihres erregten Atems hob und senkte.
Langsam ließ sie es aufwärts über ihren Hals bis zum Mund gleiten, eine blutige Spur
hinterlassend. Während dessen veränderte sich ihr Gesicht zu einer verlangenden
Fratze, die ich allerdings weder als hässlich noch als Angst einflößend empfand. Das
war sie und ich liebte sie so wie sie war.
Endlich! Ein stechender Schmerz durchzuckte mich als sie ihre Zähne in das rote
Fleisch bohrte. Aber ich war unfähig zu schreien. Blut troff aus ihren Mundwinkeln,
mein Blut, wie mir erst in diesem Moment wirklich klar wurde. Langsam und genüsslich
verschlang sie mein Herz und ich konnte mich nicht regen, musste ihr mit
aufgerissenen Augen dabei zuschauen.
Schließlich leckte sie sich anerkennend die Lippen und schaute mir direkt in die
Augen. Ihr Gesicht war wieder das hübsche, zarte und vollkommene von vorher. Nur
das Blut um ihren Mund strafte ihren unschuldigen Blick Lügen.
Erst jetzt begann ich mich zu wundern. Wieso war ich nicht tot? War das ganze ein
schrecklicher Traum oder Wirklichkeit?
Kaum hatte ich diese Gedanken, spürte ich die Krallen der Teufel, die sich um mich
schlangen und mich langsam von ihr weg zu ziehen suchten.In diesem Moment erst wurde mir bewusst, dass ich gar nichts über sie wusste. Wir
hatten uns nie vorgestellt. Ich kannte also nicht mal ihren Namen. Und ich fragte
mich: Wer ist sie eigentlich?
Sie sah mir nach, ihr Blick durchbohrte meine Augen und drang tief bis an die Stelle,
an der mein Herz hätte sein müssen. Und ich hörte ihre zärtliche Stimme: „Du willst
wissen wer ich bin?“ Ein wenig Erstaunen war daraus zu hören. „Du kennst mich doch.
Immer schon hast du dich nach mir gesehnt. Unzählige Male hast du mich
herbeigerufen. Ich bin es: Die Liebe...“ Und ihr helles, zärtliches Lachen klang noch
lange in meinem Ohr wie Glockenklang. Tiefe Zufriedenheit breitet sich in mir aus und
mit einem Lächeln auf meinen Lippen spürte ich, wie mir die Sinne schwanden.



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