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Poesie => Phantasy


Drachenkönigin Epos 01-06 - von Aabatyron, 30.10.2021
„Yacarien“

Ihre Eltern waren bettelarm gewesen – hatten nie genug zu essen für die ganze Familie. Da kam es gerade recht, als eines Tages ein windiger Händler sie für ein paar Silbermünzen den Eltern abkaufen wollte und damit die Not der Familie aus der Welt zu schaffen – zumindest für einige Zeit.

Dieser „Händler“ war kein gewöhnlicher Händler – er war der versteckt agierende Anführer einer recht großen Diebesbande.

„Kleine Diebe sind wie die Ratten“, sagte er immer wieder, „die können überall hineinschlüpfen“.

Yacarien war gerade fünf Jahre alt geworden, als sie an den „Händler“ verkauft worden war.

„Du wirst nun sehr schnell ein neues Handwerk lernen“, kündigte er Yacarien an, „bei mir muss jeder erst sein Essen verdienen bevor er es bekommt.“

Die jüngsten Kinder wurden dafür ausgebildet, dass sie wieselflink den Kunden auf den Märkten die Taschen leerten, oder sich durch die engen Öffnungen der Holzbauten zwängten und unbemerkt Diebesgut von den Innenräumen der Häuser entwenden konnten.


„Der Händler“

„Wo sind meine Felle“, schrie Qualtor, der „Händler“ als einer seiner Diebesbande einige Felle von einem Raub bei einem Fellhändler für sich selbst auf die Seite geschafft hatte. „Es sind zwanzig Felle im Haus des Händlers aufbewahrt worden – und du wagst es mir nur 16 Felle zu bringen?“, redete sich der „Händler“ in Rage.

Er schlug mit einem Stock auf den Jungen ein bis dieser endlich zugab, dass er vier der Felle für seine arme Familie weggenommen hatte.

„Ich werde dich nie mehr bestehlen“, schrie der Junge vor Schmerzen auf, als der Stock immer wieder auf seinem Rücken einschlug und blutige Striemen hinterließ.

„Das stimmt, deine Hände werden mich nie mehr bestehlen“, brüllte Qualtor mit vor Zorn verzerrten Gesichtszügen während er die rechte Hand des Jungen ergriff und eisern festhielt. Er warf den Stock weg, packte eine Axt und schlug zu.

Die Kinder schrien entsetzt auf, als sie sahen, welche grausame Strafe Qualtor dem Jungen angetan hatte. Der Junge schrie vor Schmerzen wie am Spieß hängend auf, und als er den blutigen Armstumpf sah, an dem zuvor sich seine Hand befunden hatte, wurde er ohnmächtig.

„So geht es allen, die es wagen, mich zu bestehlen oder die mich bescheissen wollen“, brüllte Qualtor in die Runde der im Raum versammelten Kinder.

Was aus dem Jungen geworden ist, welches weitere Schicksal ihn ereilt hatte, wusste keiner.

„Ein lehrreicher Raubzug“

In eine Unterkunft der Soldaten einzubrechen um dort Waffen zu stehlen war ein besonderes Meisterstück, welches nur wenige Diebe wagten.

Mit 12 Jahren wurde Yacarien von Qualtor auf genau so einen Raubzug geschickt – da er wusste, dass sie mit der größten Wahrscheinlichkeit sich nicht erwischen lies.

Wie eine Katze schlich sich Yacarien über den Hof des Anwesens – zuvor hatte sie aufmerksam erkundet, was sie als Deckung verwenden konnte um nicht gesehen zu werden.

Ihr Schleichgang endete auf einem Transportwagen der direkt vor der Unterkunft – ihrem Ziel – stand, als plötzlich die halbe Mannschaft aus dem Gebäude stürmte um eine Kampfübung durchzuführen.

„Verdammter Mist, so war das nicht geplant“, sprach sie leise zu sich selbst, während sie sich schnell unter der Abdeckplane des Wagens versteckte um von den Soldaten nicht gesehen zu werden. Die hatten alle ihre Waffen zur Übung mitgenommen – da gab es im Gebäude nicht mehr viel zu erbeuten.

„Wie komme ich jetzt wieder hier weg?“, sinnierte sie leise, „solange diese Trottel miteinander Krieg spielen, kann ich mich nicht aus meinem Versteck wagen.“

Zwangsläufig musste sie den Kampfübungen zusehen und warten, bis sich alle wieder in das Gebäude zurückgezogen hatten.

Sie sah den Übungen aufmerksam zu – und erkannte plötzlich, dass man sehr viel für seine eigene Verteidigung lernen konnte.

„Wenn der Junge damals so eine Technik beherrscht hätte, würde er bestimmt heute noch leben und auch noch beide Hände besitzen“, flüsterte sie leise.

Die Waffenübung dauerte fast zwei Stunden – für Yacarien sehr kurzweilig die sich die Bewegungsabläufe genau gemerkt hatte.

Die Waffen wurden nach der Übung wieder in der Waffenkammer verstaut.

„Dann wollen wir mal die Soldaterei um ein paar Waffen erleichtern“, entschied Yacarien, sah sich aufmerksam nach allen Richtungen um und sprang unhörbar von dem Wagen.

„Nur die Schwerter mit dem dunkelgrauen Stahl“, hatte ihr Qualtor befohlen, „das müssen sechs oder sieben Stück sein“.

Am Waffenraum angekommen musste sie das Schloss an der dicken mit Eisenbändern beschlagenen Türe öffnen. „So ein einfaches Schloss kann jedes Kind öffnen“, dachte sie, als sie die Verriegelung nach wenigen Sekunden entsperrt hatte.

„Oh welch eine Freude, das sind ja sogar acht Schwerter mit grauem Stahl“, freute sie sich weil sie in Gedanken bereits ein Übungsschwert für sich selbst einkalkuliert hatte.

„Nein, halt – wenn Qualtor wusste dass sich acht Schwerter mit grauem Stahl in diesem Waffenraum befanden, dann hatte er ihr eine raffinierte Falle gestellt um zu testen, ob er ihr vertrauen konnte“, kam ihr sofort in den Sinn.

Neun Schwerter zu schleppen – ohne das geringste Geräusch zu verursachen – war mehr als anstrengend. Das neunte Schwert war nicht aus grauem Stahl geschmiedet worden – aber das war Yacarien egal weil sie es nur als Übungsschwert benutzen wollte.

Sie atmete erleichtert auf, als sie den Sack mit den Schwertern endlich vom Hof der Soldaten „weggebracht“ hatte. Auf dem Weg gab es unterwegs eine kleine Brücke die über einen Bach gespannt war – das ideale Versteck für das neunte Schwert um es später zu holen um damit in den Höhlen am Berg trainieren zu können.

Zurück im Haus von Qualtor kam von dem sofort die Frage: “Hast du mir meine 8 Schwerter mitgebracht?“

Also war es doch eine raffinierte Falle gewesen dass er zuvor nur die Zahl 6 bis 7 genannt hatte.

„Ich hätte noch viel mehr bringen können, aber du wolltest ja nur diejenigen welche aus grauem Stahl geschmiedet sind“, antwortete Yacarien schlagfertig.

Qualtor verriet nun mit hämischem Grinsen, dass die Schwerter aus grauem Stahl besonders hart und stabil seien und ein vielfaches mehr Geld bringen würden als die anderen Schwerter.

Yacarien holte ihr Trainingsschwert aus dem Versteck unter der Brücke und trainierte nun jeden Tag in den Höhlen des nahegelegenen Berges.



„Die letzte Beute“

„Du wirst dich in dieser Woche in den Palast schleichen und dort im Zimmer der Drachenkönigin eine besondere Kette für mich holen“, instruierte Qualtor die inzwischen 16 jährige Yacarien.

Sie hatte sich prächtig entwickelt, flinke Hände wie keine Zweite, sehr intelligent wenn es galt zu improvisieren falls die Soldaten bei einem Raub ins Spiel kamen. Egal welch einen Auftrag sie bisher bekommen hatte – sie war immer erfolgreich nach „hause“ zurückgekehrt.

Sie hatte bereits von der Drachenkönigin gehört und wusste, dass diese junge Frau nicht zu unterschätzen war. In ausgerechnet deren Umfeld und Nähe einen Diebstahl durchzuführen war besonders dreist – aber bot auch den Reiz, in der Hierarchie der Diebe noch weiter aufsteigen zu können.

„Erst muss ich auskundschaften, wie ich unbemerkt in den Raum der Drachenkönigin gelangen kann“, erklärte sie Qualtor, und dass sie dazu etwas Zeit brauchen würde.

„Zeit interessiert mich nicht, Hauptsache, du bringst mir die besagte Kette“, wehrte Qualtor jeden Einwand ab, dass dieser Auftrag vielleicht nicht möglich wäre.

Yacarien hatte recht schnell herausgefunden, wo die Köche des Schlosses ihre Lebensmittel kauften und konnte dort auf dem Markt in die Rolle einer Verkäuferin schlüpfen – sie wusste, dass die ausgesuchten Waren immer vom Markt direkt an das Schloss geliefert werden mussten.

„Also in das Schloss zu kommen ist ja recht einfach“, rezitierte sie ihren eigenen Plan.

Wie gelangt man dort aber in das Zimmer der Drachenkönigin ohne vom Personal erwischt zu werden.

Nach der ersten Marktlieferung schien auch dieses Problem gelöst – die Fenster besaßen allesamt sehr breite Fenstersimse – sowohl nach innen, als auch nach außen. Eine umlaufende Steinkante bot für einen geschickten Kletterer die Möglichkeit, an der Außenmauer von einem Zimmer ins andere zu gelangen.

„Heute ist mein Tag“, dachte sich Yacarien als sie mit den bestellten Marktwaren auf einem kleinen Fuhrwerk Richtung Schloss fuhr.

Ohne Probleme oder irgend welchen Kontrollen wurde sie am Eingangstor eingelassen.

„Du musst ein wenig warten, bis wir alles abgeladen und in den Vorratsräumen verstaut haben“, erklärte ihr der Koch welcher für die Organisation dieser Aufgabe zuständig war.

„Kein Problem, nehmt euch soviel Zeit wie ihr braucht“, antwortete Yacarien freundlich.

„Du musst neu auf dem Markt sein“, wollte plötzlich einer der Köche wissen.

Yacarien erschrak weil sie sich jetzt enttarnt fühlte, nahm allen Mut zusammen und antwortete mit fester Stimme: „Ja, das stimmt, ich muss Geld für meine Familie verdienen und ich arbeite sonst immer nur auf den Feldern“.

Der Koch fing an zu lachen: “Das merkt man, alle anderen haben es immer sehr eilig weil sie Waren für noch mehr Kunden ausliefern müssen – da geht es anscheinend auf den Feldern weniger hektisch zu“.

„Das mag wohl stimmen“, bestätigte Yacarien erleichtert.

Es fiel praktisch keinem auf, dass die Marktfrau plötzlich nicht mehr bei ihrem Fuhrwerk stand. Jetzt hatte man offensichtlich richtig viel Zeit um in aller Ruhe den Karren abladen zu können.

„Da möchte ich nicht dabei sein, wenn die zuhause für ihre Trödelei mächtig viel Ärger abbekommt“, witzelte einer der Köche.

Yacarien hatte sich inzwischen in einen bibliotheksartigen Raum im dritten Stockwerk geschlichen, der ganz in der Nähe vom Zimmer der Drachenkönigin lag. Vorsichtig öffnete sie das Fenster und kletterte auf dem Fenstersims nach draußen.

„Das ist verdammt hoch“, wurde ihr bewusst, als sie nach unten sah. Die Räume in einem Schloss waren höher als manche Häuser der normalen Bürger.

Der umlaufende Sims war sehr schmal und sie konnte nur mit den Fingern in den Mauerritzen Halt finden. Stück für Stück kletterte sie auf dem schmalen Grat des Simses in Richtung Zimmer der Drachenkönigin. Das war eine sehr gewagte und risikobehaftete Kletterei – wer aus dieser Höhe abstürzte, den erwartete der sichere Tod.

„Immerhin habe ich das Glück, dass das Fenster offen steht und ich es nicht mühsam von außen aufbrechen muss“, flüsterte sie erleichtert.

Über den breiten Fenstersims ins Zimmer zu klettern war wieder ein Kinderspiel.

„Wo hast du diese wertvolle Kette versteckt?“, rätselte sie leise.

Sie sah sich im Zimmer um. Da stand an einer Wand nahe des Fensters ein Schreibsekretär. Aus jahrelanger Erfahrung wusste Yacarien, dass diese Schreibsekretäre mindestens eines, häufig aber auch zwei oder drei Geheimfächer besaßen.

Dieser Sekretär besaß sogar vier Geheimfächer – und in einem dieser raffiniert versteckten Schubladen konnte sie die von Qualtor gewünschte Kette finden.

Die Kette war ungewöhnlich schwer und mit vielen wertvollen Steinen besetzt. Yacarien wusste sofort, dass diese Kette sehr wertvoll war und man ihren Diebstahl bestimmt besonders streng bestrafen würde wenn man sie erwischen konnte.

Yacarien hatte sich bisher nie große Gedanken darüber gemacht wen sie mit ihren Raubzügen schädigte und wie sich die Menschen fühlten, wenn ihnen einfach etwas weggenommen wurde.

Sie schob die Kette schnell in ihre Tasche und wollte zum Fenster gehen um zu sehen, ob sie unbemerkt den Rückweg antreten konnte.

„Niemand draußen zu sehen – jetzt aber schnell zurück zum Marktkarren – der ist bestimmt gleich vollends ausgeladen worden“, flüsterte sie leise um sich selbst Mut zu machen, draußen auf dem schmalen Sockel wieder die gleiche Kletterakrobatik wie zuvor durchführen zu können.

Gerade als sie ansetzte, auf den Fenstersims zu klettern, hörte sie hinter sich ein wütendes Knurren.

„Allmächtiger, was ist denn dies für ein riesiger Hund“, stammelte sie, rutschte vor Schreck aus und lag im nächsten Moment rücklings auf dem Boden.

Das war kein Hund wurde ihr im nächsten Moment bewusst – das war ein riesiger Wolf der wütend knurrend und zähnefletschend langsam auf sie zukam und keinen Zweifel offen lies, dass jede Gegenwehr zwecklos sei.

„Wenn die mich mit dem Schmuckstück in der Tasche erwischen, dann ist dies mein sicheres Todesurteil“, war ihr bewusst. „Was mache ich nur“, suchte sie verzweifelt nach einem Ausweg.

Langsam, sehr langsam griff sie in ihre Tasche und umschloss mit ihren Fingern die Kette. Der riesige Wolf reagierte sofort und machte eine noch drohendere Gebärde.

„Jetzt oder nie“, flüsterte sie, zog die Kette blitzschnell aus ihrer Tasche und warf sie zielsicher unter den nahestehenden Schrank.

Zumindest konnte man nun kein Diebesgut mehr bei ihr finden wenn sie durchsucht wurde.

„Das war wirklich in letzter Sekunde“, war ihr bewusst, als sie Schritte hörte die sich schnell dem Zimmer näherten.

Nun sah sie zum ersten mal die Drachenkönigin von Angesicht zu Angesicht.

„Der Schmuck passt wirklich zu ihr“, fiel ihr seltsamerweise ein, als sie Thannahery direkt vor sich mit ihrer ungewöhnlich jugendlichen Schönheit stehen sah.

„Was hat dich in mein Schlafzimmer verschlagen“, wollte Thannahery sofort wissen als sie ihre Wölfin zurückgerufen hatte.

„Ich – ich habe das Gemüse vom Markt geliefert“, stotterte Yacarien, „und da das abladen länger gedauert hat, wollte ich aus Neugier sehen, wie so ein Schloss von innen aussieht und habe mich dabei verlaufen“.

Thannahery sah Yacarien sehr lange und nachdenklich an.

„Sagst du mir auch wirklich die Wahrheit“, hakte Thannahery mit drohendem Unterton in ihrer Stimme nach, „ich werde es nicht dulden, dass man mich anlügt – überlege dir deine Antwort deshalb sehr genau!“

Natürlich wusste Thannahery aufgrund des Verhaltens ihres Wolfes schon längst, dass Yacarien sich nicht im Schloss nur einfach verlaufen hatte sondern etwas anderes dahinterstecken musste.

Yacarien kam nun das erste Mal in richtige Bedrängnis. Log sie weiter, drohte ihr der Tod als Bestrafung von der Drachenkönigin. Sagte sie die Wahrheit, drohte der Tod von Seiten Qualtors.

Was sollte sie nun machen – es gab keinen Ausweg.

„Ich habe mich nicht in dem Schloss verlaufen“, flüsterte sie leise mit gesenktem Kopf. „Ich bin im Auftrag des Händlers unterwegs und sollte für ihn eine wertvolle Kette aus deinem Zimmer stehlen“, gestand sie nun doch ein.

Wie wenn Lyka sie verstehen könnte, lief sie zu dem Schrank unter den Yacarien die Kette geworfen hatte und scharte mit ihren Vorderpfoten als wollte sie einen Schatz ausgraben.

„Los, hole die Kette unter dem Schrank hervor“, befahl Thannahery der am Boden liegenden Yacarien.

Yacarien folgte dem Befehl mit dem sicheren Wissen, dass heute ihre letzte Stunde geschlagen hatte – wer als Diebin auf frischer Tat im Königshaus erwischt wird, der muss sicher mit der Todesstrafe rechnen.

„Du kannst nun aufstehen“, erlaubte Thannahery der ertappten Diebin.

Thannahery kannte den Namen des Händlers schon seit einiger Zeit: Er wurde nie erwischt und bestraft, weil er alle Raubzüge von Kindern ausführen lies und man ihm nie etwas nachweisen konnte. Menschenhandel mit Kindern war zwar grausam, aber rechtlich erlaubt wenn der Käufer ein Dokument unterschrieb, mit dem er versicherte, sich um die Kinder zu kümmern. Kontrollieren konnte man dies allerdings nur in wenigen Fällen – meist aber nicht.

Yacarien stand nun vor Thannahery mit gesenktem Kopf und wollte ihr mit zittrigen Händen die wertvolle Kette zurückgeben.

„Nein, behalte sie noch eine Weile“, wies Thannahery diese Gestik zurück, „ich habe für dich eine ganz besondere Aufgabe für die du diese Kette noch benötigen wirst“.

„Nur wenn du ganz genau meinen Anweisungen folgst, werde ich bei der Bestrafung für deinen Diebstahl Milde walten lassen“, erklärte Thannahery der Diebin.

„Ich mache alles was ihr mir befehlt“, bereute Yacarien ihr Vergehen.

„Also höre ganz genau zu, was du machen musst“, forderte Thannahery. „Du versteckst die Kette in der großen Höhle oben auf dem Berg und erklärst dem Händler, dass du sie dort verstecken musstest weil man dich bei dem Diebstahl fast erwischt hat und du jetzt als Verdächtige von den Soldaten überwacht wirst. Du musst ihm erklären, dass es Tage oder gar Wochen dauern kann, bis du diese Kette wieder aus dem Versteck holen kannst“.

„Aber, dann wird doch Qualtor gleich am nächsten Tag selbst zu der großen Höhle gehen um sich dort die wertvolle Kette abzuholen?“, gab Yacarien erstaunt zu bedenken.

„Ja, ganz genau – er wird zu der Höhle gehen um dort die Kette abzuholen“ , bestätigte Thannahery der völlig verdutzten Yacarien.

„Er wird die wertvolle Kette einfach mitnehmen können“, wollte noch einmal Yacarien irritiert warnen.

„Das wiederum kann ich mir nicht vorstellen“, erwiderte Thannahery nun mit grinsendem Gesichtsausdruck, „ich glaube ganz sicher daran, dass es eher hernach einen Dieb weniger auf der Welt geben wird“.

„Und noch etwas sehr Wichtiges für dich – Du wirst bei deiner Mission von Lyka begleitet und du darfst dich nie weiter als drei Schritte von ihr entfernen“, mahnte Thannahery die zunehmend verwirrte Diebin.

„Wer ist diese Lyka die mich begleiten soll?“, wollte Yacarien gespannt wissen.

„Du hast Lyka bereits kennengelernt – sie steht direkt vor dir“, verriet Thannahery.

„Diese riesige Wölfin soll mich an der Flucht hindern? - Ich werde nicht fliehen, das habe ich versprochen“, versuchte Yacarien zu verhindern, dass sie so eine furchteinflösende Wächterin zur Seite gestellt bekam.

„Nein, sie soll dich nicht an einer Flucht hindern, sondern dich davor beschützen, dass du bei deiner Mission von großen Tieren gebissen wirst“, erklärte Thannahery in fast belustigtem Tonfall der einst so mutigen Diebin.


„Eine raffinierte Falle“

Yacarien folgte nun ganz genau den Anweisungen von Thannahery. Die Wölfin begleitete sie auf dem Weg zu dem nahegelegenen Berg.

Kurz bevor sie die große Höhle erreicht hatten, signalisierte die Wölfin mit lautem heulen, dass sie im Anmarsch waren.

„Ach so, jetzt begreife ich warum diese Wölfin mich begleiten musste – in der Höhle scheint sich ihr Rudel aufzuhalten“, fiel es Yacarien wie Schuppen von den Augen.

Sie ging langsam in die Höhle hinein – und wusste nun auch, warum sie dicht bei Lyka bleiben sollte – zumindest war dies ihre feste Überzeugung bis zu dem Augenblick, als sich ihre Augen anfingen langsam an die Dunkelheit der Höhle zu gewöhnen.

„Da vorne sind zwei seltsame Lichter“, stellte sie laut fest.

„Das sind gar keine Lichter, das sind zwei riesige Augen“, stotterte sie immer ängstlicher werdend als sie in der dunklen Höhle immer besser sehen konnte.

Langsam erschienen noch zwei weitere Augen welche unmöglich zu einem Wolf gehören konnten.

„Sind dies die großen Tiere vor deren Bissen mich die Wölfin beschützen soll?“, fragte sich Yacarien.

Das waren die Drachen der Drachenkönigin wurde sich Yacarien schlagartig bewusst.

Sie sollte die wertvolle Kette in dieser Höhle deponieren - und wer sie ohne die Wölfin als Beschützerin versuchte abzuholen, würde diesen Diebstahl mit Sicherheit nicht überleben.

„Eine gerechtere Strafe kann es für diesen brutalen Qualtor wirklich nicht mehr geben“, murmelte Yacarien laut vor sich hin während sie nun mutig zu der Stelle in der Höhle schritt, an der sie die Kette nach Anweisung von Thannahery deponieren sollte.

Der Platz war so ausgewählt, dass Qualtor die Kette auf jeden Fall von außen sehen konnte, aber trotzdem tief in die Höhle gehen musste um an das wertvolle Schmuckstück zu gelangen.

„Wie Speck in einer Rattenfalle“, freute sich Yacarien.

„Geschafft, und ich lebe noch“, rief Yacarien, als sie die Höhle endlich verlassen, und sich schon ein gutes Stück von ihr entfernt hatte.


„Die Mitwisserin muss sterben“

Zurück im Haus von Qualtor kam von ihm sofort die Frage: “Wo ist meine wertvolle Kette – los gib sie mir!“

Er wurde richtig wütend als Yacarien ihm nun erklärte, dass sie verfolgt wurde und deshalb das Diebesgut unterwegs verstecken musste.

„Wo hast du die Kette versteckt“, wollte er sofort wissen.

„In der großen Höhle, oben auf dem Berg“, antwortete Yacarien wahrheitsgemäß. „Da man mich des Diebstahls verdächtigt und überwacht, kann ich sie aber erst in ein paar Tagen oder Wochen dort wieder holen“, erklärte sie Qualtor.

Qualtor hatte immer ein sehr feines Gespür dafür gehabt, ob er angelogen wurde, oder ob jemand die Wahrheit sagte. Bei Yacarien war er sich absolut sicher, dass sie ihn nicht angelogen hatte und er die wertvolle Kette wirklich in der großen Höhle finden würde.

Qualtor ging mit seinem Stellvertreter Draggan in einen Nebenraum um sich mit ihm zu bereden.

Yacarien wusste von ihren vielen Raubzügen in verschiedensten Häusern, dass man Gespräche in den Zimmern über die Kaminzüge in teuren Häusern belauschen konnte. Qualtor besaß ein Haus mit allem Luxus – und auch mit diesen Luftverteilungskaminzügen.

Sie lauschte gespannt den Worten von Qualtor.

„Ich hole mir gleich diese Kette von der großen Höhle und du kümmerst dich derweil um Yacarien bis ich wiederkomme. Schade um sie – sie war sehr geschickt und hat uns viel Geld eingebracht – aber wer einmal als Dieb verdächtigt wird, kann als Mitwisser leider nicht mehr gebraucht werden. Mach es kurz und schmerzlos.“

Yacarien wusste genau, wo sie eines der noch nicht verkauften Schwerter mit dem grauen Stahl finden konnte. So schnell sie konnte, holte sie es aus der Diebesgutkiste und versteckte es hinter ihrem Stuhl.

Kurz darauf kam Draggan aus dem Nebenraum zurück und verriet mit keiner Mine in seinem Gesicht, was er vorhatte.

„Na, das war für dich heute wohl eine anstrengende Diebestour“, eröffnete Draggan ein Gespräch um von seinem wirklichen Vorhaben abzulenken.

„Das schon, aber sie haben mich trotzdem nicht erwischt“, bestätigte Yacarien und griff langsam nach dem Griff des Schwertes welches sie hinter ihrem Stuhl versteckt wusste.

Der Vertreter des großen „Händlers“ kam immer näher und schien von einer seltsamen Anspannung heimgesucht worden zu sein. In der Meinung, ein völlig ahnungsloses wehrloses Opfer vor sich zu haben, zog er seine beiden Dolche aus den Futterals und baute sich siegessicher vor Yacarien auf.

Er holte zum Stoß aus - „Tut mir leid, aber Mitwisser können wir keine gebrauchen“, wollte er sein Vorhaben rechtfertigen.

Vier Jahre Training und Übung zahlen sich aus – blitzschnell stieß Yacarien mit dem Schwert zu und durchbohrte den Hals samt Nackenwirbeln von Draggan. Die beiden Dolche fielen zu Boden während Draggan mit völlig überraschtem Gesichtsausdruck versuchte nach Luft zu schnappen.

„Und mir tut es auch leid“, flüsterte ihm Yacarien ins Ohr, „dass ich bei eurer Räuberbande so lange mitgemacht habe und so vielen Menschen wegen euch so viel Leid zugefügt habe“.



„Gerechte Strafe für die Diebin“

Yacarien musste sich am darauffolgenden Tag wieder im Schloss melden damit man ihre Strafe für ihren dreisten Diebstahl festlegen konnte.

Dass die wertvolle Kette auf dem Tisch des Verhandlungsführers lag war für Yacarien keine Überraschung. Der Händler war auf wundersame Weise von der Bildfläche verschwunden, sein zwielichtiger Stellvertreter Draggan war im Haus von Qualtor tot aufgefunden worden – da hatte sich anscheinend jemand mit Erfolg gegen eine Erdolchung wehren können.

Nun musste das Gerichtsurteil über die Diebin gesprochen werden. Lispers hatte man den Vorsitz auferlegt.

Er kannte alle Gesetze des Landes in und auswendig. Da die Kette zunächst nicht aus dem Schloss entfernt worden war, war laut Gesetz der Tatbestand des Diebstahls nicht vollzogen. Die Verlagerung des Schmuckstückes in die große Höhle war höchstpersönlich von Thannahery an Yacarien beauftragt worden – also auch hier kein Diebstahl. Yacarien hatte dabei mitgeholfen, endlich einem langjährig dem Gesetz entgangenen Verbrecher ein für allemal das Handwerk legen zu können – das brachte ihr viele Positivpunkte. Der unerlaubte Aufenthalt im Zimmer der Königin konnte nach dem Gesetz nur mit Missachtung der Hausordnung bestraft werden – und diese Strafe war vergleichsweise milde wenn sich der Betroffene nicht allzu heftig über diese Missachtung beschwerte.

Thannahery kannte inzwischen die Lebensgeschichte von Yacarien recht gut und schlug deshalb vor: „In Anbetracht der besonderen Fähigkeiten dieser jungen Frau und ihrer echten Reue darüber, was sie aus Zwang jahrelang mitgemacht hat, würde ich vorschlagen, dass sie bei unserer Wachtruppe geschult und eingesetzt wird – und einen Teil ihres Lohnes an jene Menschen zurückzahlen muss, die sie mit ihren erzwungenen Taten geschädigt hat.“

Lispers nahm diesen Vorschlag dankend an – wenn er alle Gesetze hätte anwenden müssen, währen bestimmt hundert Jahre Gefängnis herausgekommen - was keinem in irgend einer Weise wirklich genützt hätte. Die Drachenkönigin konnte eine solche Begnadigung aussprechen – egal was die Gesetze zuvor als Strafmaß hätten fordern wollen.

Yacarien konnte nach kurzer Zeit ihre Eltern wieder finden – und auch ihre vier Brüder. Die Freude war groß als die Eltern erfuhren, dass ihre Tochter lebte und jetzt sogar eine solche Bestimmung gefunden hatte.

„Jede Nacht habe ich an dich denken müssen – ob es dir gutgeht – ob du noch lebst“, offenbarte nun ihre Mutter weinend. „Wir hatten kein Essen mehr und auch kein Geld um welches kaufen zu können – wir waren am verhungern als dieser Händler uns das Angebot machte, unser Kind quasi zu adoptieren, uns finanziell zu unterstützen und zumindest unsere Tochter vor dem Hungertod zu bewahren“.

Viel zu spät hatten sie dann erfahren, wie brutal dieser Händler mit den Kindern umging und wie grausam seine Bestrafungen für jene Kinder waren, die es wagten ihm zu widersprechen. „Das Gesetz hatte ihn nie erwischen und bestrafen, geschweige denn die Kinder aus ihrem Martyrium befreien können“, bedauerte ihre Mutter dass sie in ihrer Armut völlig hilflos gewesen war um ihrem Kind helfen zu können.

„Dieser brutale Mensch hat seine gerechte Strafe bekommen, der wird nie mehr irgend jemand ein Leid zufügen können“, beruhigte Yacarien ihre Mutter während sie sie in ihre Arme nahm.


…..Und es gab für einige Familien die Überraschung, dass sie von einer unbekannten Wohltäterin Geld geschickt bekamen, welches ihnen hinten und vorne gefehlt hatte, weil sie zuvor beraubt worden waren......

…......diese unbekannte Wohltäterin sorgte auch dafür, dass die Kinder, welche von Qualtor und seinem Gehilfen Draggan gefangen gehalten worden waren, entweder in ihre eigene Familie zurückfinden, oder bei einer guten Pflegefamilie untergebracht werden konnten..........



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