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Prosa => Humor & Satire


Ich bereue nichts - von roro, 27.11.2020

Als Gernot Grün in seinem Wagen saß und die A 620 in östlicher Richtung befuhr, tauchte der Wegweiser Richtung Paris im Scheinwerferkegel auf. Gernot lächelte und fühlte sich leicht wie eine Schneeflocke. Zufrieden ließ er die letzten Tage und Stunden vor seinem geistigen Auge Revue passieren.

„Grün! Haben Sie die Papiere der Silbermann-Korn KG und von Brenkhaus endlich an den Versand rausgegeben?“
In Gernot Grüns Ohr klang die Stimme seines Chefs am Telefon, als würde jemand neben ihm ins Klo kotzen.
„Sind im Moment raus, Herr Koppmann“, sagte er und versuchte locker zu klingen.
„Wie oft muss ich Ihnen denn noch sagen, dass die Ware noch heute rausgehen muss? Also geben Sie Gas, Mann.“ Koppmann legte verärgert auf.
„Tu ich, du Arschloch, tu ich“, sagte Grün.

Es war zwei Wochen vor Weihnachten und ab dem 22. begannen die Betriebsferien. Bis dahin mussten alle Bestellungen an die Kunden ausgeliefert sein, auch die, die ohne festen Liefertermin waren, und deren Erledigung auch im Januar und Februar noch Zeit gehabt hätten. Aber der Chef bestand darauf, dass alles noch im laufenden Jahr erledigt wird, um bei der Zentrale mit den aufgepeppten Umsatzzahlen glänzen zu können.

Sklaventreiber, dachte Gernot Grün und drückte auf die Enter-Taste seines Computers. Nun waren die ach so dringenden Aufträge an den Versand raus, und er konnte Feierabend machen. Schon wieder zwei Stunden nach dem offiziellen Schichtende.
Zum dritten Mal diese Woche - und es war Mittwoch.

Gernot startete seinen Golf und machte sich auf den Heimweg. Es war bereits stockdunkel, und dem Himmel fiel nichts besseres ein, als Sprühregen übers Land niedergehen zu lassen. Und ob Gernot wollte, oder nicht, selbst nach Feierabend kreisten seine Gedanken um die Arbeit.

Es war jedes Mal dasselbe, ob vor den Betriebsferien im Sommer, oder vor Weihnachten, immer erreichte Koppmann bei seinen Mitarbeitern, dass sie die letzten Tage vor dem Urlaub in schlechter Erinnerung behielten, denn er machte Stress ohne Ende. In allen Abteilungen fielen in dieser Zeit haufenweise Überstunden an, die selbstredend nicht bezahlt wurden.

„Ihr sollt nicht ständig fragen, was kann die Firma für mich tun, sondern, was kann ich für die Firma tun. Denn wenn’s der Firma gut geht, geht’s euch gut.“
Mit diesen Phrasen knüppelte Erwin Koppmann, Geschäftsführer der AS-Tech GmbH, Niederlassung Südwest, jedwede Kritik an diesen Missständen nieder.

Gernot Grün machte sich schon lange keine Illusionen mehr darüber, in dieser Firma mit dem Karrierefahrstuhl ein paar Gehaltsstufen nach oben fahren zu können.
Seit vier Jahren war er nun Abteilungsleiter des Auftragsmanagements, und so wie es aussah, würde sich daran auch in naher Zukunft nichts ändern.
Anfang des Jahres präsentierte Koppmann seinen Golf-Club-Kumpel Ortwin Hammer als neuen Chef des Qualitätsmanagements.
Und so zerplatzte Grüns Traum von diesem Posten wie eine Seifenblase. Er fügte sich mutlos in sein Schicksal. Im Gegensatz zu seiner Frau Katrin, die jede erdenkliche Gelegenheit nutzte, ihrem Gatten vorzuhalten, was für ein Waschlappen er sei, und ob er sich schon einmal Gedanken darüber gemacht habe, wie sie bei seinem mickrigen Gehalt die Familie über die Runden bringen sollte.

Für den Bruchteil einer Sekunde erhellte sich Gernots Miene, bei dem Gedanken daran, dass in nicht mal zwei Wochen der Weihnachtsurlaub begann, und er Firma und Chef für ein paar Tage vergessen konnte.
So süß, dieser Gedanke sein Hirn auch durchflutete, so sauer stieß ihm Sekunden später auf, dass er die meiste Zeit seines Urlaubes mit den Personen verbringen musste, die er ebenso sehr wie seinen Chef verachtete: seine Frau und seine Kinder.

Katrin war ständig im Kaufrausch und machte ihm Vorwürfe, dass er nicht genug Mumm habe, um bei Koppmann mehr Gehalt herauszuholen.
Maike, seine sechzehnjährige Tochter, ging und kam, wie es ihr passte und kleidete sich nach Gernots Meinung, wie eine Bahnhofsnutte. Ihre Klamotten entblößten mehr, als sie verdeckten.
Und Benni, der dreizehnjährige Sohn, war so faul, dass seine Mitschüler ihm den Spitznamen „Karies“ verpassten. Er war zweimal sitzengeblieben und hatte drei teuer bezahlte Nachhilfelehrer zur Verzweiflung gebracht. Außerdem fraß der Junge täglich den Kühlschrank leer und bewegte sich nur, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft waren.
Gernot quälte deshalb seit Jahren der Verdacht, dass er in Wahrheit gar nicht der leibliche Vater der beiden ist.

Zuhause angekommen, fielen ihm sofort die drei Einkaufstaschen auf, die den Wohnzimmertisch zierten. Alle drei mit den Namen der teuersten Boutiquen der Umgebung. Von seiner Frau und den Kids war nichts zu sehen. Der Gedanke an die vielen Euros, die Katrin für den Inhalt dieser Taschen eingetauscht hatte, ließ seinen ohnehin erhöhten Blutdruck noch einen Tick höher steigen.
Er seufzte entmutigt, und ging in die Küche, um sich ein Abendbrot zu machen. Wie immer, wenn der Groll an Gernots Seele nagte, bekam er Hunger. Hätte er geahnt, dass Katrin, außer ihren kostspieligen Klamotten, noch eine weitere unangenehme Überraschung für ihn parat hatte, wäre er schnurstracks in die nächste Kneipe gegangen und hätte sich dort in aller Seriosität volllaufen lassen.
Da aber Hellsehen nicht zu Gernots Fähigkeiten zählte, saß er an dem kleinen Küchentisch und kaute auf seinem Salamibrot herum, als er jemanden die Treppe herunterkommen hörte.
„Hallo!“ sagte Katrin als sie die Küche betrat. Einen Begrüßungskuss bekam Gernot schon lange nicht mehr. „War oben und hab aufgeräumt.“
„Du meinst, du hast deine neuen Klamotten weggeräumt.“
„Das auch. Hatte ja keine anständige Bluse mehr. Keine Gute. Für die Feiertage.“

Als Gernot noch darüber nachdachte, ob er zum tausendsten Mal die Kosten ansprechen sollte, sagte Katrin: „Sag mal, der Koppmann, der hat doch nicht wieder geheiratet? Der lebt doch noch alleine, oder?“
„Was hat das nun mit deinen neuen Blusen zu tun?“ fragte Gernot perplex.
„Nichts“, antwortete Katrin. „Ich dachte nur, es wäre doch gar keine schlechte Idee, wenn du deinen Chef an Heilig Abend zum Essen einladen würdest.“
„Was?“ Gernot sprang so heftig auf, dass sein Stuhl umkippte und scheppernd auf den Fliesen landete. Hätte Katrin gesagt: „Ich habe Rattengift in deine Salami getan“, Gernot wäre nicht geschockter gewesen.
„Nun krieg dich wieder ein und denk mal nach“, sagte Katrin und setzte sich zu Gernot an den Tisch, nachdem der seinen Stuhl wieder hingestellt hatte.
„Vor einem halben Jahr ist er geschieden worden und wird Weihnachten wohl alleine verbringen müssen. Dann wäre es doch mehr als eine menschliche Geste, wenn er wenigstens den Heiligabend mit Bekannten verbringen könnte. Außerdem würde sich so eine soziale Tat günstig auf deinen Status in der Firma auswirken.“
„Ach, daher weht der Wind“, antwortete Gernot. „Ich soll also schleimen und buckeln, damit die liebe Katrin noch mehr Geld in die Boutiquen tragen kann.“
„Du bist ein Idiot. Dir wäre es wohl lieber, ich würde mich gehen lassen und mich wie eine Schlampe in schäbigen, fleckigen Klamotten und mit fettigen Haaren auf dem Sofa rumfläzen.“
„Ich weiß“, seufzte Gernot. „Es hat keinen Sinn mit dir über Geld zu diskutieren.“
„Gut, dass du dich daran erinnerst.“
„Du verlangst von mir, dass ich mit einem Menschen, den ich zum Kotzen finde, meinen Tisch und mein Essen teilen soll? Und das auch noch an Weihnachten?“
„Mensch, überleg doch mal. Du opferst drei oder vier Stunden und könntest Jahre davon zehren. Koppmann würde dich mehr respektieren, was sich in Zukunft positiv auf dein Gehalt auswirken könnte. Was ist daran auszusetzen?“

Gernot schwieg und nahm sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank.
„Von nix kommt nix“, sagte Katrin und räumte Gernots Teller und Besteck in die Spülmaschine. „Du investierst ein paar Stunden eines einzigen Abends, und das könnte der Wendepunkt in deinem Leben sein. Also, pass morgen eine gute Gelegenheit ab und lade ihn ein.“
„Und wenn er wieder liiert ist?“
Katrin verdrehte die Augen: „Dann lädst du eben beide ein. Wo ist das Problem?“
Gernot schaute prüfend in seine Bierflasche und trank sie leer. Dann nickte er und gab wie immer nach.
„Also gut. Wer weiß, vielleicht hast du ja Recht?“
„Ist der Papst katholisch?“

Und so nahm das, was Katrin ahnungslos „Wendepunkt des Lebens“ nannte, seinen Lauf.

Am darauffolgenden Tag bekam Gernot tatsächlich die Gelegenheit, Koppmann alleine und in entspannter Stimmung zu erwischen. Am Kaffeeautomaten auf dem Flur unterbreitete er seinem Chef mit klopfendem Herzen und schwitzigen Händen die außergewöhnliche Einladung. Der zeigte sich nicht lange überrascht, und sagte zu. Koppmanns Erinnerung an Grüns attraktive Ehefrau mag dazu beigetragen haben.

„Das ist doch mal eine gute Idee, Grün. Ich lebe ja seit Monaten alleine, wie Sie wissen.
Und Heiligabend unterm Tannenbaum bei einfachen Leuten kann nicht schaden. Grüßen Sie ihre Frau von mir.“

Für diese Klassifizierung hätte ihm Gernot liebend gern seine einfache Faust auf die arrogante Nase gesetzt.

Der Advent schritt voran und schon zeigte der Kalender den 24. Dezember, als Gernot an jenem Morgen erwachte. Spätestens nach der ersten Tasse Kaffee und einem gedanklichen Überblick über den zu erwartenden Tagesablauf stellte er fest, dass sich seine Laune irgendwo zwischen Keller und Erdmittelpunkt einzupendeln schien. Bei der Vorstellung davon, dass er sich nicht nur den ganzen Tag über mit Katrin, Maike und Benni herumschlagen musste, sondern als Krönung des Ganzen auch noch Koppmann den Abendtisch mit ihm teilen würde, stellte sich bei Gernot ein heftiges Magenkneifen ein. Gerade als er überlegte, ob er heute Morgen nicht erst mal einen Spaziergang machen sollte, um sich zu beruhigen und um Kräfte zu sammeln, tauchten Maike und Benni auf und lächelten ihn an. Reflexartig griff Gernot zum Portemonnaie. Wenn die beiden ihn anlächelten, war das keine freundliche Geste, sondern Bettelei.

„Muss noch Geschenke kaufen“, sagte Benni, dem es fremd war, in ganzen Sätzen zu sprechen, und streckte seine Wurstfinger aus.
In seiner kupferfarbenen, viel zu engen Daunenjacke sah er aus wie ein Rollbraten mit Beinen.
Gernot seufzte und zog ein paar Scheine aus der Börse.
Maike sagte nichts. Sie hielt ihm nur ihre offene Hand hin. Das hatte wahrscheinlich den Grund, dass die dicke Schicht Schminke in ihrem Gesicht so lange nicht bewegt werden durfte, bis sie ihre endgültige Festigkeit erreicht hatte.
Als beide das Geld eingesteckt hatten, drehten sie sich wortlos um und verließen das Haus. Den größten Teil der fünfzig Euro, die jeder von ihnen einheimste, würden sie wieder bei der alljährlich stattfindenden Abschlussparty des Weihnachtsmarktes in Dinge umsetzen, an die Gernot gar nicht denken mochte.
Voriges Jahr hatte Benni so viel Alkohol intus, dass er vom frühen Nachmittag bis zur Bescherung die Gästetoilette besetzt hielt.
Wie kann man nur Alkohol an Kinder verkaufen?, fragte sich Gernot bei der Erinnerung daran und schüttelte den Kopf. Die Welt ist schlecht. Umsatz geht über Gesundheit. Aber was sollte er tun? Die Kids sind heutzutage zu selbständig und respektlos, als dass sie sich von den Alten noch etwas sagen ließen.
Er beschloss, sich aus dem Haus zu schleichen, um nicht noch von Katrin mit Aufgaben bedacht zu werden, auf die er gut verzichten konnte. Im letzten Jahr fiel ihr am heiligen Morgen ein, dass unbedingt die Fenster noch geputzt werden mussten, und sie wegen ihres Termins im Nagelstudio dazu keine Zeit habe.

Katrin war bis jetzt weder zu sehen noch zu hören. Als Gernot heute früh aufstand, war ihr Bett leer gewesen. Möglicherweise war sie auf dem Dachboden und checkte die Bestände an Dekomaterial. Er huschte zur Garderobe, schnappte sich Schal, Mantel und Handschuhe und schloss die Haustür leise hinter sich zu. Das Garagentor stand offen, der Wagen war weg. Dann ist Katrin wohl noch zum Supermarkt. Auch gut, dachte er und machte sich auf den Weg zum Leinpfad hinunter, um ein wenig spazieren zu gehen. Der Regen hatte über Nacht aufgehört. Die Sonne kämpfte sich mühsam durch den Hochnebel. Die Temperaturen waren nahe dem Gefrierpunkt. Es roch nach Schnee. Die frische, klare Winterluft würde ihm helfen, seine Nerven zu stärken, um den Abend locker und selbstsicher zu überstehen.

Als er gegen Mittag nach Hause kam, schien Katrin bester Laune.
„Falls du Hunger hast, nimm dir die Schüssel mit dem gemischten Salat aus dem Kühlschrank“, empfing sie ihn lächelnd.
Wenn das mal gut geht, dachte Gernot. So viel Aufmerksamkeit war ihm unheimlich.
Den Nachmittag verbrachten sie damit, den Baum aufzustellen und zu schmücken.
Ohne Streit und böse Worte. Gernot konnte es kaum fassen und beobachtete seine Frau heimlich aus den Augenwinkeln. Da kommt noch was, garantiert, da war er sich sicher.

Koppmann kam pünktlich nach der Bescherung um 19 Uhr, und brachte einen Strauß Blumen für Katrin mit und für Gernot eine schmale Schachtel mit 3 Zigarren, das Stück zu Zweieurofünfzig. Für Maike und Benni hatte er jeweils eine Ritter-Sport-Vollmilch.
Du Geizkragen, dachte Gernot, das sieht dir ähnlich.
Eine Stunde nach dem Essen verschwanden Maike und Benni, die wider Erwarten früh zu Hause und relativ nüchtern waren, zu Freunden.
Katrin und Koppmann schienen sich äußerst sympathisch und saßen, sich angeregt unterhaltend, Backe an Backe auf dem Sofa. Die beiden flirteten so ungeniert, als wäre der Gastgeber gar nicht anwesend.Gernot ertrank seinen Frust in süffigem Spätburgunder. Er konnte den Beiden nicht länger zusehen, also nahm er sein Glas und trat ans Fenster.
Es hatte zu schneien begonnen und Gernot fand, das sei ein guter Grund ein wenig frische Luft zu schnappen und den im Licht der Straßenlaternen tanzenden Schneeflocken zuzusehen. Selten in seinem Leben kam er sich so überflüssig vor wie in diesem Moment.
Der Abend schien irgendwie aus dem Ruder zu laufen, aber er hatte keinen Plan, wie er das jetzt noch ändern könnte. Aber vielleicht hatte Katrin ja Recht, und sein Chef würde ihm in Zukunft etwas mehr Beachtung und Respekt angedeihen lassen, wenn er sich heute Abend bei den „einfachen Leuten“ wohl fühlte.

Gernot zog die Zigarrenschachtel aus der Brusttasche seines Hemdes und zündete sich eine an. Die können ja nix dafür, dass ein Idiot sie gekauft hat. Er drehte sich um und durchquerte das Wohnzimmer, ohne dass Katrin und Koppmann Notiz von ihm nahmen. An der Garderobe griff er sich seine Strickjacke und ging vor die Haustür.
Die eisige Luft und der Tabakrauch bewirkten bei ihm ein Schwindelgefühl, an dem wohl auch der Alkohol nicht ganz unbeteiligt war. Dem Schwindel folgte ein verdächtiges Unwohlsein im Magen. Gernot hielt es für besser, wieder ins Haus zu gehen und sich mal ein paar Minuten auf sein Bett zu legen. Er drückte den Rest der Zigarre an der Hausfassade aus und warf ihn in die Mülltonne.

Als er wieder ins Wohnzimmer trat, fand er es leer. Ungläubig schaute er sich um. Die beiden Turteltäubchen waren entflogen. Doch da ließ ihn ein unterdrückter Schrei aufhorchen. Es waren Stimmen zu hören und Gekicher. Und es schien, als kämen die Geräusche aus dem Gäste-WC. Schwindel und Unwohlsein waren plötzlich wie weggeblasen.
Gernot stand vor der verschlossenen Tür und ihm wurde abwechselnd heiß und kalt. Vorsichtig legte er seine zitternde Hand auf die Türklinke und drückte sie herunter. Abgeschlossen!
Da drin vergnügten sich seine Frau und sein Chef, soviel war klar. Und als Gernot sich bückte, und durch das Schlüsselloch blinzelte, sah er Koppmann mit heruntergelassener Hose auf der Kloschüssel sitzen und Katrin auf dessen Schoß.
Eine eisige Faust umschloss Gernots Herz. Er ging zurück ins Wohnzimmer, öffnete die Jack-Daniels-Flasche und nahm einen kräftigen Schluck. Und dann noch einen.
Er war nicht der Mann, der seinem Nebenbuhler das Nasenbein zertrümmerte. Gernot litt und trank.
Da er sich vor einer peinlichen Begegnung fürchtete, zog er es vor, in sein Bett zu verschwinden. Hier gab es für ihn nichts mehr zu tun.
Kaum, dass er auf seiner Matratze lag, begann sich alles um ihn zu drehen. Das ging so lange, bis er sich übergeben musste. Er schaffte es aber nicht mehr aus dem Bett, und so landete das Erbrochene auf dem Fußboden vor seinem Nachttisch.
Kurz darauf war er eingeschlafen.

Als Gernot erwachte, wusste er im ersten Augenblick nicht, wo er sich befand. Aber ihm war, als hätte in ein Geräusch geweckt. Er setzte sich auf und verspürte Übelkeit. Dazu kam noch der beißende Gestank seines Mageninhaltes neben dem Bett. Er knipste die Nachttischlampe an und schaute auf den Wecker. Die grünen Leuchtziffern zeigten 3Uhr17. Er war allein im Zimmer, und sofort viel ihm wieder ein, was gestern Abend passiert war. Vorsichtig rutschte er ans Fußende und stellte überrascht fest, dass er noch vollständig angezogen war. Er öffnete die Schlafzimmertür und lauschte auf den Flur hinaus. Ein Haus, in dem alle Bewohner schlafen, hört sich anders an.

Gegenüber dem Schlafzimmer war das Gästezimmer. Und wer immer sich dort als Gast einquartiert hatte, schlief nicht. Gernot pirschte sich zur Tür und drückte leise die Klinke. Im Schein, der mit einem Wäschestück gedimmten Nachttischlampe, erkannte er Katrin und Koppmann, ganz dem Liebesspiel hingegeben. Das tat ihm einen Stich ins Herz.
Er zog die Tür zu und stand mit hängenden Schultern im dunklen Flur. Seine Gedanken, die sich verzweifelt vom Alkoholnebel zu befreien versuchten, rasten chaotisch durch seinen Schädel. Eines wurde ihm aber immer klarer: er würde sich an seinen Peinigern rächen. Und zwar noch in dieser Nacht.
Jemand fingerte mit einem Schlüssel an der Haustür herum. Gernot, aus seinen düsteren Gedanken aufgeschreckt, ging zur Treppe und lauschte. Endlich wurde die Haustür geöffnet und gleich darauf zugezogen. Das Licht wurde eingeschaltet. Maike kam nach Hause. Sie schwankte und ihr Lippenstift war verschmiert.
Gernot ging ein paar Stufen hinunter und beobachtete, wie seine Tochter in die Küche wankte und eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank nahm. Sie sieht aus wie eine Schlampe und sie ist eine Schlampe, stellte er fest. Ihr Rock, wenn man den kurzen Stofffetzen so nennen konnte, verdeckte kaum ihren Hintern und aus ihrem Dekolleté quollen ihre Brüste.
Man sollte die ganze Brut im Fluss ertränken, wie kleine Katzen. Gernots stiller Zorn nahm bedrohliche Formen an. Leise ging er wieder hinauf, um im Schlafzimmer darüber nachzudenken, auf welche Art er Rache nehmen konnte, für die Schmach, die seine Familie ihm antat.

Neben dem Gästezimmer, in dem man, den Geräuschen zufolge, weiterhin der Fleischeslust frönte, lag Bennis Zimmer. Auf Zehenspitzen ging Gernot hinüber, um nachzusehen, ob der Junge bereits zu Hause war. Vorsichtig öffnete Gernot die Tür. Benni saß schlafend auf seinem kleinen Sofa. Die Schreibtischlampe war eingeschaltet und warf ein schwaches Licht auf Bennis übergewichtigen Körper. Am Boden, neben Bennis Fuß, lag eine selbstgedrehte, noch qualmende Zigarette, die bereits ein Loch in den alten Teppich gebrannt hatte. Gernot hob sie auf und roch daran. Das schien nicht bloß Tabak zu sein. Angewidert drückte er sie im Aschenbecher aus. Benni hatte seine Jacke noch an. Unter seinem Kinn war sie mit Erbrochenem besudelt. Als Gernot der scharfe, saure Geruch in die Nase stieg, drehte sich augenblicklich sein Magen um, und zwar so schnell und heftig, dass er es nicht mehr aus der Tür schaffte.
Er wischte sich mit seinem Hemdsärmel den Mund ab und ging benommen in sein Schlafzimmer. Dort öffnete er das Fenster und sog die frische Nachtluft in seine Lungen. Die Luft war so eisig, dass ihm die Tränen in die Augen schossen. Aber das lag nicht nur an der Kälte.

Eine glasklare Nüchternheit verdrängte nach und nach die letzten Alkoholschwaden in Gernots Hirn, und mit einem Mal war ihm klar, was er zu tun hatte.
In weniger als zwanzig Minuten hatte er sich gewaschen, umgezogen, und alle Dinge, die für ihn lebensnotwendig waren, in einem kleinen Koffer verstaut und im Kofferraum seines Wagens deponiert.
Danach ging er in den Keller und manipulierte mit einer Rohrzange die Gaszufuhr zum Heizkessel. Aus seinem Werkzeugschrank nahm er den Heißluftföhn, legte ihn auf den Boden und stellte ihn auf die höchste Gebläsestufe. Die Kellerbeleuchtung schaltete er aus, ließ aber die Kellertür offen, bevor er die Treppe hoch zur Garderobe stieg.
Dort zog er seinen Wintermantel an und steckte die Handschuhe in die Manteltaschen. Ohne sich noch einmal umzudrehen ging er zur Haustür hinaus und schloss sie ab.

Bevor Gernot Grün den Motor seines Wagens startete, zündete er sich eine Zigarre an und schaltete das Radio ein. Edith Piaf sang: Non, je ne regrette rien.
Mit boshaft heiterem Herzen fuhr Gernot in die verschneite, heilige Nacht.



©2020 by roro. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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