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Versunkensein - von Inazuma, 05.08.2020
Die Trübheit des Wetters scheint meine Seele befallen zu haben, kalte Frühlingsnächte rauben mir meine Wärme. Der Blick aus meinem kleinen Zimmerfenster ist von einer unsäglichen Schönheit und Fülle ausgemalt, dass ich sie kaum in Worte fassen kann, doch dies wäre lediglich eine Umschreibung meiner eigenen Unsicherheit. Denn die Qualen der Selbstzweifel zerrten in der letzten Zeit an meinem Verstand, trübten meine Blicke bis zur völligen Erblindung. Wer legt mein Können an einer Skala fest und wer vermag dieses daraus abzulesen, um mich zu bewerten, daraus zu schließen ob ich einen Wert habe? Die so ganz andersartige Hilflosigkeit die ich vollkommen alleine auf meiner einsamen Lichtung Tag für Tag ertragen muss, wann wird sie ein Ende finden? Fragen begraben mich unter einem Berg, den ich alleine nie erklimmen werde, eine Menschenseele muss sie mir beantworten, damit ich einen Halt an den scharfen Kanten finde, vor einem schmerzhaften Absturz bewahrt werde. Der Abgrund den ich erblicke, wenn ich meine Augen nach unten richte, der uns allen zu Füßen liegt, auf unserem beschwerlichen Aufstieg zum Gipfel, der unseren Lebenswillen verkörpert, er bringt mich nicht in Unbehagen, löst in mir nicht die gleiche Angst aus, als würde ein wilder Puma vor mir stehen, dabei habe ich schon viele hinunterstürzen sehen, selbst meine Mutter hat mich von Kindheitstagen an vor ihm gewarnt. Die seit Anbeginn der Menschheit von Generation zu Generation weitergegebene Furcht vor dem Abgrund, sie hat in mir keine Einkehr gefunden, sie hat mich wohl gemieden, oder habe ich sie gemieden? Du kannst mir glauben, wenn ich dir berichte, dass es kein Segen ist, der Grausamkeit ein Freund zu sein, denn ich stehe seit jeher außerhalb dessen, was ein Mensch wohl als Leben bezeichnet. Ich hörte einst von den fünf Metamorphosen des Lebens nach buddhistischer Vorstellung, doch darum soll es hier nicht gehen, denn worauf ich hinaus möchte ist, dass, ob deren Annahme nun wahr ist oder nicht, man meine Lebensform wohl als hungernden Teufel bezeichnen könnte, denn ich bin ein von grenzenloser Gier und dem Erstreben allen Wissens getriebener Organismus, der ganz gleich was er dafür tun müsste, jeden Preis bezahlen würde um diesen Hunger zu stillen. Du fragst dich nun zu Recht, warum ich nicht längst satt bin, wenn ich denn meine gesamte Kraft geben würde, nur um meine Gier zu füllen, doch so einfach diese Zeilen es zum Ausdruck bringen mögen, ist die Lösung zu meinem Unglück leider nicht. Denn auch ein einsamer Bettler, der mit zerlumpten Kleidern am Straßenrand um sein tägliches Brot flehen muss, würde wohl alles geben, um sich dieses durch ehrliche Arbeit zu verdienen. Doch das Schicksal ist hart, nicht jeder kann seinen Hunger nur mit bloßem Willen stillen, ich kann ohne Papier nicht schreiben, eine Antwort auf meine Fragen in einer Suchmaschine nicht finden. Ich bin nicht bedrückt, bedrückend ist nur die Welt in der ich lebe, so scheint es mir zumindest, wenn ich mit den Leuten gemeinsam am Esstisch sitze, ihren Worten lausche, wenn sie hastig auf den Straßen an mir vorbeiziehen. In einer überfüllten Welt sitze ich doch ganz alleine hier und grüble vor mich hin, zweifle an meinen eigenen Zweifeln und frage mich jeden Morgen aufs Neue, welchen Rang ich besetze, wie weit meine Füße mich wohl tragen und ob es irgendwo zwischen all den leeren Köpfen einen mir ebenbürtigen gibt, der mit mir den Weg den Gipfel hinauf zu bestreiten vermag.
Es ist mir selbst ein Rätsel warum dem so ist, doch ich weiß beim besten Willen nichts mit den Vorzügen dieser Welt anzufangen. Das Nichts ist in gewisser Weise mein Besitz, denn ich pflege es ohne eure Begierden zu leben. Es ist, als wäre ich in die falsche Zeit geboren, das Gefühl dem Ort nicht zu entsprechen, an dem man mir das Leben geschenkt hat. Doch würde ich hier anfangen die Fassetten meiner Persönlichkeit aufzuzählen, so würden meine Worte wohl kein Ende mehr finden. In einem Moment noch von Todesqualen geplagt, zeigt mein Gesicht schon im Nächsten die Züge eines breiten Lachens. Ich selbst fand heraus, dass es den Vorstellungen der Menschen nicht entspricht, wenn einem der Geist mit Trübsal und Grauen überschüttet, doch ich will meine Gedanken nicht für die Richtigkeit der Lehrbücher aufgeben. Nun ist es gekommen, dass der einzige der noch die Wahrheit kennt, der grün-braune starre Blick ist, den ich ausmache, wenn ich vor einem Spiegel stehe. Ich bin nicht sicher ob die Traurigkeit darin von dem Gedanken daran, dass sich niemand an meinen Worten erfreut oder dem Unbehagen gegenüber meiner Existenz, herrührt. Die einzige Gewissheit die ich darin feststellen kann, ist jener Glanz, der seit meinem Kindesalter nicht erloschen ist, jene Flamme hat vielleicht an Nahrung verloren, doch trotzte sie unerbittlich den sauerstoffarmen Engen, in die man mich drängte.
Wenn ich in den Zeilen längst verstorbener Dichter lese, dann scheint mir mein eigenes Schreibvermögen mit dem eines Grundschülers gleich zu stehen, vielleicht liegt es daran, dass ich mir keine Zeit nehme meine Worte zu überdenken, denn wenn es mich erst einmal überkommt, dann sind meine Hände nicht mehr zu bremsen, sie schreiben so schnell, dass selbst ich ihnen manchmal nicht folgen kann. Wenn ich mir meine eigenen Schriften durchlese, dann verspüre ich nichts als Ablehnung darüber, denn niemals werde ich wohl an die alten Meister heranreichen können, welche Geschichten verfassten, die mir die Tränen in die Augen treiben. Es wäre mir das liebste nur für das Schreiben zu leben, doch scheint niemand Gefallen oder gar Interesse an den von mir erdachten Sätzen zu finden. Ich würde nicht sagen, dass es der Kummer darüber ist, der mich bedrückt, sondern der Gedanke, dass meine eigenen Worte vielleicht gar keine Gefühle auslösen können, stumpfe Buchstaben ohne jegliche Bedeutung sind, die nur dazu dienen mir selbst einen Sinn zu verleihen. So drehe ich mich im Kreis, Runde um Runde hole ich weiter aus und nehme alles auf was mir dabei vor die Füße kommt, doch werde ich mich losreißen müssen, um eines Tages voranzukommen. Ich treibe regungslos im Strom der Phantasie, der den Klängen der Musik entsprungen ist, in eine endlose Finsternis hinab, die mich mit wärmenden Armen, offen empfängt und sich eine sichere Heimat vor mir erstreckt, die ich, wenn es in der Welt darum ginge glücklich zu sein, nie wieder verlassen würde.



©2020 by Inazuma. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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