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Poesie => Nachdenkliches


Nestgesellschaft. - von borgalti, 29.06.2020
Buenos Aires,17.03.2019

Der Flur im ersten Stock der "Facultad de Sciencias Sociales" ist komplett ausgestorben. Vereinzelt wehen Papierfetzen mit den Resten bunter Schrift durch die Gänge. Auf ihnen stehen die Schlachtrufe von den linkspolitischen Studenten-Veranstaltungen der vergangenen Tage.
Inmitten dieses Chaos stehe ich zusammen mit einer französischen Austauschstudenten verloren wie zwei einsame Soldaten auf dem Schlachtfeld. Montag morgen um 8.00 Uhr ist allerdings auch keine gute Zeit zu kämpfen. Ich muss an den Spruch aus der Hippie-Jugend meiner Mutter denken: “Stell dir mal vor es ist Krieg und keiner geht hin”.
Wir suchen uns eine anderes Seminar. Vor dem Professor im kurzärmligen, violett gemusterten und halb aufgeknöpften Hemd sitzen wir mit drei Argentiniern und werden zwei Stunden Lang mit Frontalunterricht beschossen. Das konkrete Thema entzieht sich bis zum Ende gänzlich meiner Kenntnis. Dennoch hat mich das Ambiente so gehooked, dass ich nach vier Stunden Pause nochmal in die Uni zur nächsten Veranstaltung fahre.

Das Marketing-Seminar scheint ein beliebter Klassiker zu sein. Schon in dieser allerersten Vorlesung sitzen eng an eng um etwa 60 Studenten in 13 Stuhlreihen. Als die Tür sich schließt, schlängelt sich noch kurz eine Selena Gomez in den Raum. Das Mädchen ist so schön, man würde sie auch nur mit ihrem Passfoto für jedes argentinische Highschool-Musical casten. Auf ihrem pinken Shirt steht “Goddess”. “Touché” denke ich mir und schneide mein erstarrten Blick gekonnt mit meinem pinken Smartphone ab.
Ich sitze in der ersten Reihe direkt neben Selena. In den folgenden zwei Stunden Seminar verstehe ich nicht mal eine Handvoll Sätze des Professors und doch werde ich im Nachhinein wie lange nicht mehr mein eigenes Leben überdenken. Ich schätze ihn auf Mitte 30. Eigentlich sieht er aus, wie ein wie ein Dozent der Kommunikationswissenschaften eben aussieht. Nicht schick, aber auch nichts aufregendes, ein Pullunder in Bordeaux, eine ausgeleierte Bluejeans und schwarze Lederschuhe.
Jeder im Raum hängt an seinen Lippen, jeder einzelne. Ich sehe nicht ein Smartphone auf den Tischen, Laptops werden hier sowieso nicht benutzt. Immer wieder schiebt er gekonnt eine Pointe in seine Monologe. Alle Lachen und sind sofort still, wenn er seine Ideen weiter ausführt. Die Stimmung ist so ausgelassen und gleichzeitig konzentriert, wie ich sie in einer Lehrsituation noch nie in meinem Leben erlebt habe. Er scheint puren Respekt auszuatmen.

Von meinem Stuhl in der ersten Reihe schaue ich mich viel um und versuche die einzigartige Situation voll in mich aufzusaugen - denn der Professor direkt vor mir ist schwerstbehindert. In gekrümmter Haltung sitzt er mit krampfend angezogenen Armen auf seinem Pult. Immer wenn er ansetzt zu sprechen, muss er seinen Kopf in den Nacken werfen und seinen Hals voll durchtrecken, damit er jeden Wort und jeden Laut undeutlich aus seiner Kehle kämpfen kann. Die Bewegung erinnert an die von frisch geschlüpften Vögeln, wenn sie im Nest lauthals ihren Hunger kundtun.
Manchmal steht er auch kurz zum Reden auf, geht ein paar kleine Schritte nach vorne und zittert dabei so stark, dass es aussieht als würde er gleich wie Kartenhaus in sich zusammenfallen. Doch alle lauschen ihm gebannt, blicken fokussiert auf seinen weit aufgerissenen Mund, um auch die undeutlichsten Laute noch zu verstehen. Es klappt - nicht bei mir, nicht mit meinem Spanisch, aber alle anderen Studenten bemühen sich erfolgreich. Ich beschließe, solange wiederzukommen bis ich ihn verstehe.
An der ganzen Szene ist so vieles richtig und inspirierend, dass ich es mir immer noch schwer fällt die eigentliche Erkenntnis auf den Punkt zu bringen. Das Leben ist schön. Inklusion ist der richtige Weg. Danke für jeden gesunden Tag und bis nächste Woche.



©2020 by borgalti. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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