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Prosa => Krimi


Mein Arizona Teil 6 - von Andrea, 24.02.2020
Die Reise

Tom war von seinen Gefühlen hin und her gerissen, als er zu Benito auf den Wagen stieg.
Es war der dritte März 1887. Die Sonne schickte ihre ersten warmen Frühlingsstahlen zur Erde.
Der junge Mexikaner hatte sich bereit erklärt Thomas und seinen Sohn nach
Tombstone zu fahren. Von dort aus fährt die Postkutsche bis nach Tucson, wo die Reise mit dem Zug weitergeht.
Miss Dubble trat an den Wagen heran, und nahm Toms Gesicht in ihre Hände. Sie wirkte sehr gefasst, aber in ihrem Inneren war ein tiefer Schmerz. Ihr Herz war schwer und nur mit Mühe konnte sie die Abschiedsworte aussprechen.
„ Mein Junge. Ich wünsche dir alles Gute auf deiner Reise und im neuen Land. Bleib so wie du bist, stolz und selbstbewusst. Lass dich nicht unterkriegen und schreib mir bitte auch mal, wie es euch dort geht.“ Sie nahm ihn fest in ihre Arme und drückte ihn an sich. Leise flüsterte sie in sein Ohr.
„ Wenn gleich der Wagen losfährt, dann sieh nach vorne. Man sollte niemals auf das zurückblicken was man hinter sich lässt.“
Tom hatte verstanden was Misses Dubble ihm sagen wollte. Und als sein Vater die Taschen auf den Wagen geschoben hatte und sich dann selbst neben Benito auf dem Bock schwang, sah Tom starr nach vorn. Er hatte sich fest vorgenommen stark zu sein,
„schließlich ist es ja nur für ein Jahr, dann komme ich wieder,“ dachte Tom, doch in seinen Augen sammelten sich die Tränen. Ohne das er was dagegen tun konnte, rollten die ersten Salzwasserperlen die Wangen hinunter. Dann hörte er die Stimme von Onkel Joe in seinem Kopf.
Die tollen Abenteuer, die er so spannend erzählte. Was würden ihn wohl seine Mitschüler beneiden, wenn er wieder hier ist und von seiner großen Reise berichten könnte.
Neun Uhr hielt der Wagen vor dem Postkutschensteg. Thomas sprang mit so viel Elan vom Bock, dass man denken mochte, er sei zwanzig Jahre jünger geworden.
Sein Gesicht strahlte unendliche Freude aus.
Tom hingegen stand mit gesenktem Kopf auf dem Stepwalk. Er traute sich nicht zum Generalstore zu blicken, wo er doch sonst seine Nachmittage mit seinen Freunden verbrachte.
Sie alle waren in diesem Moment in der Schule. Tom brachte es nicht übers Herz zum Unterricht zu laufen, um sich von allen zu verabschieden. Stumm stand er da, mit so vielen Gedanken im Kopf, die er nicht zu Ordnen wusste.
Eine schwere, große Hand legte sich plötzlich von hinten auf seine Schulter.
Langsam hob Tom den Kopf und als er sah wer da hinter ihm stand, blieb ihm fast das Herz stehen.
Marshall Wyatt Earp beugte sich zu ihm runter und sagte mit tiefer, sonorer Stimme.
„ Ich wünsche dir alles Gute auf deiner Reise.“
Er reichte ihm die Hand und wollte gerade gehen, als von rechts Doc Hollidays Stimme erklang.
„ Hast du nicht noch etwas vergessen, Wyatt?“ Tom sah ein feines lächeln in den Augenwinkeln des Doktor Hollidays. Noch nie zuvor hatte er den harten Mann aus Georgia lächeln gesehen.
Earp kramte in seiner Westentasche. Nach einer Weile hielt er einen blinkenden fünfzackigen Stern in einem Wappen in der Hand und heftete ihn Tom an die Weste.
„ Damit du Tombstone nie vergisst.“ Sagte er.
Sprachlos blieb Tom der Mund offen stehen. Damit hätte er nie gerechnet. Marshall Wyatt Earp hatte sich von ihm persönlich verabschiedet. Und auch Doc Holliday strich ihm beim Vorbeigehen durchs Haar und meinte.
„ Halt die Ohren steif, Junge.“

Mit lautem Gepolter kam die Postkutsche zum stehen. Staub wirbelte durch die Luft und ließ für eine kurze Zeit alles wie im Nebel verschwinden.
Charly, der Kutscher, sprang vom Trittbrett runter und half Thomas die Taschen auf das Dach zu legen.
„ Guten Morgen, Mister Wolf. Geht es heute los?“ fragte er. Sein Gesicht war so mit Staub bedeckt, dass er wie ein alter, grauer Greis aussah. Aber die Bernsteinfarbenen Augen verrieten sein wahres Alter. Er war erst Mitte dreißig. Groß, breitschultrig und schlank.
Stets trug er ein rotes Hemd mit einem gelben Halstuch und einem Melbahut.
„ Ja. Endlich nach Hause.“ Antwortete ihm Thomas.
„ Ist ein verdammt weiter Weg den sie da vor sich haben.“
„ Ich weiß. Erst mal fahren wir mit ihnen mit, bis nach Tucson zum Bahnhof.“



Die Fahrt nach Tucson verlief ohne Zwischenfälle.
Das weite Land zog an Toms Fenster vorbei und mit jeder Meile, die die Kutsche rollte wurde sein Herz schwerer. Mit festem Griff umklammerte er seinen Marshallstern, den er in der Hand hielt. Immer wieder hörte er die Stimme seines Helden Wyatt Earp.
„ Damit du Tombstone nie vergisst,“ sagte er. Tom wusste genau, dass er seiner Heimat immer treu bleiben würde.
Die beiden Reisenden hatten nicht viel Zeit sich in der Stadt Tucson umzusehen.
Es verging fast eine halbe Stunde, bis Thomas endlich am Schalter dran war um seine Fahrkarten für den Zug zu kaufen.
Vor ihm standen zwei ältere Damen, die mit dem Schaffner über die Preise diskutierten.
Nachdem sie sich endlich zum Kauf einer Karte entschieden hatten, drehten sie um und sahen Thomas mit schiefem lächeln an. Sie waren eineiige Zwillinge. Beide trugen das gleiche dunkelblaue Kleid mit Spitzenversätzen. Tom betrachtete sie genau und stellte fest, dass sogar ihre Falten im Gesicht genau gleich waren.
Selbst die grauen Haare waren bei Beiden hochgesteckt zu einem Dutt. Als sie nun an ihm vorbei gingen, erschrak Tom. Noch nie zuvor hatte er ein so altes, faltiges Gesicht gesehen und nun waren es gleich zwei auf einmal.
Zu seinem Glück stiegen die Damen in das erste Klasse Abteil.
Tom und sein Vater suchten sich einen freien Platz im hintersten Wagon.
Der Zug war gut besetzt. Sogar ein paar Ziegen standen im Gang und Hühner glucksten in engen Käfigen.
Langsam setzte sich das Dampfross in Bewegung. Ein lautes Pfeifen kündigte die Abfahrt an, dann rollten sie immer schneller werdend ihrem Ziel entgegen.
Es waren endlose Stunden durch öde, nackte Landschaft. An jedem Bahnhof stiegen Leute ein und aus. Ein ständiger Wechsel an Fahrgästen. Er beobachtete jeden neuen Einsteiger ganz genau.
Die meisten waren schlicht bekleidet. Die Einen waren gepflegt und sauber, andere wiederum stanken erbärmlich und trugen abgewetzte zerlumpte Kleidung.
Tom war froh dass der Mann ihm gegenüber schon beim nächsten Halt das Abteil verließ. Sein Gestank war unerträglich. Wahrscheinlich war er ein Schafhüter, denn er hielt einen Stab in der Hand, dessen Knauf aus einem Schafhorn war.
Die Sonne war längst unter gegangen, als Tom seinen Kopf gegen Vaters Schulter lehnte und sofort einschlief.
Thomas hatte längst sein Buch wieder eingesteckt indem er die letzten vier Stunden gelesen hatte.
Nun war es zu dunkel geworden, um die Buchstaben noch zu erkennen.
Es war ein altes, in Deutsch geschriebenes Exemplar der Gebrüder Grimm, welches einst dem Großvater Eduard Thomas Wolf gehörte.
Tom kannte es schon fast auswendig, so oft hatte ihm der Großvater daraus vorgelesen. Es war dem alten Mann immer sehr wichtig gewesen, dass sein Enkel die Deutsche Sprache erlernte.
Er war zwar aus Not und Verzweiflung nach Amerika ausgewandert, hatte es aber nie bereut.
Mit viel Fleiß erlernte er die neue Sprache, die Sitten und Bräuche der Amerikaner, ohne dabei seinen deutschen Stolz zu verlieren.
Thomas beherrschte seine Muttersprache perfekt. Auch Toms Aussprache war fast akzentfrei, da sein Großvater schon von Kind an mit ihm nur Deutsch redete.
Tief zog Thomas die frische Abendluft in seine Lungen und atmete sie langsam wieder aus.
Er war so glücklich, dass sein Herz wie wild pochte.
Eine menge Bilder gingen durch seinen Kopf. Bilder von der alten Heimat, seinen Freunden und der kleinen Hütte in der er aufwuchs. Er sah Vater und Mutter, wie sie jeden Abend in der Stube saßen und sich unterhielten, während Mutter dabei Nähte.
Wie mag Weimar wohl jetzt aussehen? Fragte er sich. In seinen Gedanken sah er das Weimarer Theater, mit dem Goethe-Schiller Denkmal davor. Das große wunderschöne Rathaus am Marktplatz dessen Bau sein Vater miterleben durfte. Die alte Herderkirche und dem Jagdschloss Belvedere.
Er schloss seine Augen und versuchte sich vorzustellen wie Weimar heute wohl aussieht, dann schlief auch er ein.

Der schrille Pfeifton der Lokomotive holte Thomas schlagartig aus seinen Träumen. Mit verschlafenen Augen sah er aus dem Fenster.
Das tiefe Dunkel der Nacht wurde durch die aufgehende Sonne erhellt. Es schien ein wunderbarer Morgen zu werden. Thomas war von dem Naturereignis so fasziniert, dass er erst jetzt den leeren Platz neben sich bemerkte.
Er sah sich nach allen Seiten um, aber Tom war nicht zu sehen. Im Abteil saßen sich vier Frauen gegenüber, die wie aufgeregte Gänse durcheinander schnatterten. Sie waren einfach gekleidet, mit Schürzen, Kopftüchern und jede von ihnen hielt ein Körbchen auf ihrem Schoß.
Zwei Bänke weiter packte soeben ein junger Bursche sein Frühstück aus. Er breitete Maisbrote mit Schinken auf seinem Nebensitz aus. Legte dazu noch ein großes Stück Käse und drei knusprig gebratene Hühnerbeine.
Thomas lief bei diesem Anblick das Wasser im Mund zusammen. Er musste kurz stehen bleiben um diesen köstlichen Anblick in sich auf zunehmen. Der Junge spürte den starren Blick auf sich, hob den Kopf und lächelte dem Fremden freundlich an.
„ Setzen sie sich doch bitte, Mister Wolf. Ihr Sohn ist nur mal kurz vor die Tür gegangen. Wir haben uns die letzten zwei Stunden wunderbar unterhalten. Er ist ein äußerst schlaues Kerlchen. Sie können stolz auf ihn sein.“
„ Ich möchte sie nicht beim Essen stören, Mister…“
„ Cooper. Mike Cooper ist mein Name und sie stören mich keinesfalls.“
Etwas verlegen nahm Thomas ihm gegenüber Platz. Er beobachtete die feinen, sehnigen Finger, die gerade einen Streifen Käse abschnitten. Mit glasklaren grünen Augen reichte Mike den Käse und eine Maisbrotschnitte rüber. In Coopers Gesicht strahlte seine ganze Jugend. Keine Falte war zu sehen, nicht einmal der Ansatz eines Bartes war erkennbar. Dazu noch sein strohblondes Haar ließ eine Altersschätzung nur sehr schwer zu. Thomas vermutete sein Alter auf höchstens siebzehn Jahre.
Der Anzug des jungen Mannes war aus feinem Stoff gewebt und passend für ihn zugeschneidert.
Verwundert sah Thomas erst auf das Brot, dann zu ihm auf.
„ Ich kann doch nicht ihr Frühstück essen!“ sagte er, aber Mike Cooper ließ keine Widerrede zu. Er drückte Thomas die Schnitte in die Hand.
„ Bitte nehmen sie es. Meine Schwester ist immer so besorgt um mich. Sie packt stets viel zu viel in den Korb. Das kann ich unmöglich alles alleine essen.“
„ Der Tag ist noch lang Mister Cooper. Verwahren sie sich doch noch etwas bis zum Mittag.“
Mike lachte. Er öffnete den Deckel des Korbes und ließ Thomas einen Blick hinein werfen.
Darin befanden sich viele, in Tüchern, eingewickelte Bündel, Obst und Würste.
Mit seinem strahlenden Jugendlichem Lächeln lehnte der junge Mann sich zurück und sagte.
„ Ich fahre bis nach Bosten. Dort beginnt in vier Tagen mein Medizinstudium. Ich möchte einmal Arzt werden. Vielleicht sogar Zahnarzt.“
In diesem Moment kam Tom ins Abteil zurück. Er hatte den letzten Satz noch mit angehört und musste sogleich an Doc. Holliday denken, von dem er wusste, dass auch er in Bosten seinen Doktor in Zahnheilkunde gemacht hatte.
Für einen Moment blieb er stehen, und dachte an Daheim. Die sanfte Stimme Coopers holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
„ Komm, setz dich zu uns und nimm dir ein Brot.“
Dankbar nahm Tom die Einladung an. Er wollte gerade in seine Schnitte beißen, als sein Magen laut knurrte.
Alle drei fingen sofort an zu lachen. Sogar die vier Damen im Zug schauten sich nach ihnen um, und lachten mit, obwohl sie nicht einmal wussten warum es plötzlich so heiter zuging.
Mike erzählte den Beiden von seinen Zukunftsplänen. Gespannt hörte Tom zu. Er bewunderte Cooper, weil dieser sein Leben schon geplant hatte. Er selber sah einer ungewissen Zukunft entgegen, was ihn immer öfter ängstigte. In Tombstone hatte Tom auch schon Pläne für sich gehabt. Er wollte die Ranch weiterführen. Pferde zureiten und verkaufen. Und wenn das Geschäft nicht lief, dann wäre ein Job als Deputy in der Stadt bestimmt auch das Richtige für ihn.
Thomas sprach über Deutschland. Seine Kindheit und die lange Reise mit seinen Eltern bis nach Amerika.
Es wurde eine Unterhaltsame Fahrt, bis nach Virginia. Die Zeit verging wie im Flug.
Mike erzählte ihnen Unterwegs, dass er erst am nächsten Tag weiter bis nach Bosten fahren würde, da in Virginia seine Tante Elly wohnte, die er unbedingt besuchen wollte.
Am späten Nachmittag hielt das schwere Eisenross in der Stadt Virginia an. Draußen hörte man den Schaffner laut rufen.“
“ Virginia. In einer halben Stunde geht die Fahrt weiter!“
Auf dem Bahnhof waren eine menge Leute zu sehen. Sie waren anders als in Tombstone gekleidet. Niemand trug eine Waffe bei sich. Die Frauen hatten hübsche lange Kleider an mit Rüschchen und Seidenbänder. Die Männer trugen Anzüge oder zumindest saubere elegante Hosen mit passenden Hemden dazu. Überhaupt schien alles so Fremd hier. Von dem rauen Leben weit unten im fernen Arizona war hier nichts mehr übrig geblieben.
Thomas stand mit den Taschen schon in der Tür.
„ Wir müssen hier Umsteigen. Beeil dich Junge, wir haben nicht viel Zeit.“
Auf einem anderen Gleis stand schon ein weiterer Zug schnaubend und Dampfend zur Abfahrt bereit.
Tom sprang die zwei Stufen hoch und nahm das Gepäck an, das ihm sein Vater anreichte. Schnell waren die drei Taschen im Abteil verstaut und Beide fanden einen Sitzplatz am Fenster.
Draußen stand Mike Cooper. Er hielt einen Brief in der Hand mit dem er ihnen zuwinkte.
Tom schob das schwere Fenster runter und konnte gerade noch den Brief packen, als der Zug zu rollen begann.
„ Eine wunderschöne Reise wünsche ich euch!“ rief er ihnen noch nach.
Tom entfaltete den Brief. In steiler Schrift stand geschrieben,
Lieber Tom
Ich wünsche dir und deinem Vater viel Glück auf euere lange Reise ins ferne Europa.
Es würde mich sehr freuen, noch mal was von euch zu hören.
Ich gebe hier die Adresse meiner Schwester an, denn mit ihr bin ich immer in Kontakt.
Euer Reisegefährte, Mike Cooper

Der Brief endete mit der Adresse der Miss Elena Cooper.
Sorgsam faltete Tom den Bogen Papier wieder zusammen und steckte ihn in seine Westentasche.
Die nächsten Stunden bis West Virginia schienen endlos lang.
Thomas war in seinem Buch vertieft, Tom beobachtete die Leute, die mit im Abteil saßen.
Die meisten sprachen kein Wort, und wer sich Unterhielt, der tat es im Flüsterton.
Von der ganzen fröhlichen Atmosphäre im vorherigen Zug, war hier nichts mehr zu spüren.
Tom wurde immer kleiner auf seiner Bank. Ihm waren die Menschen unheimlich.
Sehr selten sah man in Tombstone so fein gekleidete Leute mit vornehmer Art.
Nun waren sie erst zwei Tage unterwegs, und die Welt um ihn herum sah völlig anders aus.
Wie mag es dann erst wohl in Deutschland sein? fragte er sich. Sein Gesicht verdunkelte sich, und in den klaren braunen Augen blitzte es kurz auf als Tom sich selber Schwor,
„ Ich bleibe wer ich bin. Niemand wird mich in irgendeine Gesellschaft zwingen, in der ich nicht sein will!“
In seiner Faust hielt er den Marshallstern so fest, dass die Handknöchel weiß wurden.
So saß er eine ganze Weile, bis er die Hand öffnete und die Rückseite des Blechs anstarrte.
Dort war etwas eingraviert. In Großbuchstaben stand dort: WYATT EARP.
Tom konnte es kaum glauben. Der Marshall hatte ihm seinen eigenen originalen Stern geschenkt.
Andächtig befestigte Tom den Stern an der Innenseite seines Hemdes.
„ Ich werde dich immer bei mir tragen, damit ich nie vergessen kann, wer ich bin. Und wohin ich gehöre!“
Flüsterte er sich zu.
Endlos schien die Fahrt durch das weite Land. Die Aussicht war längst nicht mehr so spannend wie in Arizona oder gar Texas. Keine freilaufenden Rinder würde man hier begegnen, auch keine Cowboys galoppierten neben dem Zug her um mit dem Dampfross ein Wettrennen zu veranstalten.
Gelangweilt stützte Tom die Ellenbogen auf das Fensterbrett und hielt seinen Kopf in den Händen.
Dann tauchten plötzlich die ersten Häuser auf. Schnell wurden es immer mehr, bis er nur noch große Hallen und riesige Gebäude sah.
Viele Menschen liefen umher, so viele wie er noch nie zuvor auf einmal gesehen hatte.
Wagen voller Kisten und Säcke belagerten die ganze Straßenbreite.
Männer in Seemannsuniformen flirteten mit jungen Mädchen.
Laute Musik ertönte aus einer Bar die sich ´ Zum blauen Dampfer` nannte.
Schnaubend und Pfeifend kam der Zug im Bahnhof zum stehen.
Tom bestaunte das riesige Haus, an dem eine übergroße Uhr im Turmaufbau hing.
„ New York.“ Sagte sein Vater. Er stellte die Gepäckstücke auf die Sitzbank und strahlte Tom überglücklich an.
„ Nimm die beiden kleineren Taschen. Wir müssen erst durch die Bahnhofshalle, und uns dann den Weg zum Hafen suchen. Bleib immer dicht hinter mir Junge.“
Es war nicht einfach, sich mit den schweren Taschen durch die Menschenmenge zu drängen, die den riesigen Saal füllte.
Er hatte große Mühe seinen Vater nicht aus den Augen zu verlieren.
Thomas war groß und stark, und schob, die ihm im Wege stehenden Leute einfach beiseite. Doch die dadurch entstandenen Menschengassen schlossen sich wieder, noch bevor Tom hindurch huschen konnte.
So musste er sich vorbeidrängeln bis er am Ende der großen Halle seinen Vater auf einer Treppe stehen sah.
Erleichtert atmete Thomas auf, als er seinen Jungen kommen sah.
„ Wo warst du denn? Ich habe dir doch gesagt, dass du dicht bei mir zu bleiben hast!“
„ Aber Pa, ich konnte----„
„ Halt jetzt keine Rede“,brach ihm Thomas ins Wort. “Wir müssen zum Hafen.“
Tom atmete die Frische Luft tief in seine Lunge, als sie die Halle verlassen hatten.
Mit großen Augen sah er sich um. Eine so riesige Stadt war etwas ganz Neues für ihn.
Häuser aus Stein ragten in den Himmel. Einige waren vier Stockwerke hoch.
Die Straße war breit und gepflastert. In Tombstone gab es so was nicht. Dort bestanden die Straßen aus festgefahrenem Sand, und wenn es mal Regnete, konnte man sie kaum noch überqueren.
Wer es trotzdem versuchte musste hinterher seine Stiefel putzen.
Bei dem Gedanken an Misses Rose musste Tom lächeln. Die alte Dame aus Tombstone blieb einmal mitten auf der Straße im Matsch stecken. Noch bevor ihr einer zu Hilfe kam fiel sie der Länge nach mit dem Gesicht in den Schlamm.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sich zwei Männer erbarmten die kreischende Frau aus der Not zu Helfen.

Tom war fasziniert von den blanken, blau schimmernden Steinen auf denen Kutschen hin und her rollten.
Manche davon sahen merkwürdig aus. Dort saß der Kutscher nicht vorne auf dem Bock, sondern er stand hinter dem überdachten Fahrgastsitz. Es waren dazu sehr lange Zügel nötig, die vom Kutscher bis zum Pferd reichten. Ein sehr großer Wagen war voll besetzt mit Frauen. Sie lachten und zwinkerten den Männern am Straßenrand zu. Jede von ihnen hielt in der Hand einen Sonnenschirm.
Auch Tom wurde angelächelt. Ein junges Mädchen mit langen blonden locken küsste ihre Handfläche und pustete den Kussgruß zu ihm rüber.
Mit hochroten Wangen sah er dem Wagen nach, der in die nächste Straße einbog.
„Tom. Nun komm endlich.“
Von gegenüber hörte er die tiefe Stimme seines Vaters. Hastig nahm er die Taschen auf, und wollte die Straße überqueren, als er erschrocken zurück sprang.
Den Mund vor erstaunen offen stehend, blickte er auf das Gefährt, dass vor ihm zu Fall kam.
Tom reichte dem gestürzten Jungen die Hand und wollte ihm aufhelfen, aber dieser nahm seine Hilfe nicht an. Mühsam kam der etwa dreizehn jährige Junge zum stehen.
Er klopfte sich den Staub aus der Hose, während er schimpfte.
„ Hast du Trottel keine Augen im Kopf? Beinahe hätte ich dich umgefahren!“
„ Es tut mir leid.“ Sagte Tom nur, und stierte auf das Gefährt.
Der Junge sah ihn fragend an.
„ Hast du noch nie ein bicycle gesehen?“
„ Nein. Wie funktioniert denn so was?“
Lachend klopfte der Junge mit dem Lockenkopf Tom auf die Schulter. Er trug eine Schirmmütze, die ihm viel zu groß war. Nur die abstehenden Ohren sorgten dafür, dass sie nicht über die Augen rutschte. Er hatte ein lustiges Gesicht mit vielen Sommersprossen, einer Stupsnase und ein stetiges Grinsen um die Mundwinkel.
„ Na wo kommst du denn her? Übrigens ich heiße Peter.“
„ Ich bin Tom. Ich komme aus Arizona, und dort habe ich noch nie so ein Ding gesehen. Zeig doch mal…“
„Kommst du endlich! Wir müssen doch noch Fahrkarten für die Überfahrt kaufen.“ Hinter den beiden Jungen stand plötzlich Thomas und fiel seinem Sohn ins Wort.
Er wollte gerade mit ihm schimpfen, weil dieser schon wieder trödelte, da sah er das Bicycle.
„ Hey, ich habe so etwas schon mal in einer Zeitung gesehen. Kann man damit wirklich fahren?“
„ Aber natürlich. Seht her!“ Peter schwang sich auf den Sattel, fuhr ein Stück die Straße rauf, wendete dort und kam wieder zurück.
Die Beiden staunten nicht schlecht. Wieso so ein Ding nicht umkippt, dachte Tom. Es hat doch nur zwei Räder hintereinander.
„ Vielen Dank für die Vorführung, aber wir müssen nun wirklich weiter,“ drängelte Thomas und wollte weitergehen, aber Peter hielt ihn am Ärmel fest.
„ Wenn sie zum Hafen wollen, müssen sie in die andere Richtung gehen“ sagte der Junge und wies mit seinem Daumen über seine Schulter nach Osten hin.
„ Recht schönen Dank, Junge. Ich war noch niemals in einer so großen Stadt. Wie die Menschen hier wohl zu recht kommen?“ Thomas holte einen viertel Dollar aus seiner Tasche. Die Augen Peters leuchteten als er das Geldstück entgegen nahm.
„ Hier, für deine hilfreiche Auskunft.“
Ein letztes Mal reichten sich die beiden Jungen die Hände, dann ging jeder seinen Weg.
Tom kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Er hatte große Mühe den schnellen Schritten seines Vater zu folgen. Zu gerne hätte er sich alles in Ruhe angeschaut, aber die Zeit drängte.
Wenn sie keine Karten mehr für das Schiff bekamen, mussten sie mehr als drei Monate auf das nächste warten. Das würde ihre Reisekasse bedrohlich mindern.
Halb außer Atem rief Thomas nach hinten seinem Sohn zu,
„ Wenn wir die Fahrscheine haben, können wir uns alle Zeit lassen und die Stadt genießen. Unser Schiff legt erst in zwei Tagen ab. Wir suchen uns dann ein gutes Hotel und gehen erst mal richtig essen. Wie wäre das?“
„ Ich habe einen riesigen Hunger, Pa. Die Idee ist toll.“
Am Hafen angekommen steuerte Thomas sogleich den nächsten Schalter an.
Völlig außer Atem begrüßte er den hageren Mann am Schalter, dessen Schnauzbart an beiden Enden wie eine Spirale gezwirbelt war.
Tom musste leise kichern als er das sah.
„ Ich hätte gerne zwei Karten für das Schiff nach Hamburg.“
Der lustig aussehende Mann kramte in einem Ordner herum. Sein Schnauzer wackelte dabei hin und her. Tom hätte am liebsten mal daran gezogen.
Nach einer Weile schaute der Mann auf. Seine dunklen Augen blinzelten Tom entgegen.
„ Na Junge, gefällt er dir? Um so einen tollen Schnauzer zu bekommen, musst du ihn schon ein paar Jahre zeit zum wachsen geben.“
Erleichtert sah Thomas, dass der Mann zwei Karten abstempelte. Sie waren also noch rechtzeitig gekommen. Drei Monate in New York hätte er sich nicht leisten können.
„ So, das macht dann zweihundertzehn Dollar, der Herr.“
Als Thomas endlich die Karten in der Hand hielt, lief ihm ein Schauer über den Rücken.
Endlich ging ein Traum in Erfüllung. Nach so vielen Jahren in der Fremde ging es nun wieder nach Hause.
Er schloss die Augen und atmete tief ein. Erst das Zupfen an seinem Ärmel schreckte ihn auf.
Neben ihm stand sein Sohn, der langsam ungeduldig wurde.
„ Pa, du hast mir ein Essen versprochen, wenn wir die Karten haben. Ich hab Hunger. Einen riesigen Hunger sogar.“
Thomas kniete sich zu ihm runter, so dass er auf gleicher Augenhöhe mit Tom war.
Ohne ein Wort drückte er den Jungen fest an sich.
Tom spürte das leichte zittern seines Vater und ihm wurde nun mehr als bewusst, wie wichtig diese Reise für Thomas war.
Mit einem Ruck stand Thomas auf, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, in denen sich vor lauter Erregung Tränen gebildet hatten, und sagte.
„ Du hast Recht. Mein Magen knurrt auch schon. Ich habe eben ein Hotel gesehen, dort nehmen wir uns ein Zimmer und dann schieben wir uns ein ordentliches Steak zwischen die Zähne.“

Das Zimmer im Hotel war schlicht Eingerichtet. Ein sauber überzogenes Bett, ein Schrank und eine Kommode standen darin. Zur grünen Tapete mit kleinen Blümchen darauf, gab es passende Vorhänge. Die beiden Reisenden ließen ihr Gepäck im Zimmer stehen und besuchten das Restaurant im Erdgeschoss des Hauses.
Sie saßen lange dort. Das Steak mit Kartoffeln und Bohnen war Vorzüglich und Thomas genoss noch einen kräftigen Kaffee zum Nachtisch.
Vater und Sohn unterhielten sich über die Erlebnisreiche Fahrt bis hier nach New York.
Jeder hatte seine eigenen Eindrücke gesammelt und oft mussten Beide über die Beobachtungen des anderen lachen.
Es war schon spät am Abend, als sie ihr Zimmer aufsuchten und Müde ins Bett fielen.
Endlich konnten sie mal wieder in einem richtigen Bett liegen. Die harten Bänke in der Bahn waren nicht sehr bequem gewesen.
Tom fiel sofort in einen tiefen Traumlosen Schlaf.




©2020 by Andrea. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von Andrea
Am 21.03.2020 um 12:11 Uhr

Liebe Leser,

Wie es mit Tom Wolf weiter geht, was ihn in Weimar erwartet und welche Abenteuer er noch bestehen muss...
Wird er seine Heimat je wieder sehen?
"Mein Arizona" ist jetzt als Taschenbuch bei Amazon erhältlich.
Einfach Titel eingeben und Andrea dahinter setzen, dann erscheint es sofort.

Viel spaß beim lesen wünscht euch,

Andrea Rongen

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