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Prosa => Krimi


Mein Arizona Teil 4 - von Andrea, 28.01.2020

Auf der Wolf Ranch


Das Leben auf der kleinen Ranch hatte sich seit dem Überfall sehr geändert. Die Arbeit war dieselbe geblieben, aber es fehlte an Herzlichkeit und Liebe im Haus. Jenny sprach kein Wort mehr. Stumm ging sie Ihre Pflichten im Haushalt nach.
Jeden Abend stand Sie am Grab ihres Totgeborenen Babys.
Dann verharrte sie dort stundenlang, bis die Dunkelheit sich übers Land verteilte.
Thomas ging ihr dann immer mit einer Lampe entgegen und brachte seine Frau ins Haus zurück.
Dabei machte er sich jedes Mal Vorwürfe, dass er das totgeborene Baby vorm Haus im Garten begraben ließ. Thomas wusste dass Jenny niemals darüber hinweg kommen konnte, so lange sie jeden Tag das Grab vom Fenster aus sichtete.
Er sprach mit dem Reverend über ein Begräbnis auf dem Friedhof am Stadtrand, aber dieser war der Meinung dass Jenny die Nähe zu ihrem Baby brauche.
Auf dem Grabstein stand nur das Datum an dem es ungewollt zur Welt kam.
Außer Thomas und Doktor Holliday wusste niemand dass es ein Mädchen war. Und Jenny sollte es auch nie erfahren, hatte sie sich doch so sehr ein Mädchen gewünscht.
Thomas ließ sie in dem glauben, dass das Geschlecht des Babys noch nicht ersichtlich war.

Tom versuchte das alles zu vergessen. Er rannte jeden Tag gleich nach der Schule zur Koppel und half Phil, dem einzigen Cowboy auf der Ranch, bei seiner Arbeit.
Phil McConner arbeitete schon seit fünf Jahren bei den Wolfs.
Er war ein guter Cowboy, und verstand sich hervorragend im Umgang mit Pferden.
Phil war ein großer Mann von ein Meter neunundachtzig.
Er war erst vierzig Jahre alt, sah aber wesentlich älter aus, da er eine halbe Glatze trug. Nur wenige Haare bildeten einen hellbraunen Kranz um den Kopf herum.
Seine Augen waren stets wachsam und leuchteten im blassem Grün. Was auf schottische Herkunft schließt, wie auch sein Nachname. Er selber kannte seine Eltern nicht. Er wuchs in einem Waisenhaus in Texas auf. Der Name Phil McConner war in der Ledertasche eingebrannt in der man ihn fand.
Phil liebte das Leben auf einer Ranch. Er fühlte sich stets glücklich unter freiem Himmel.
Es machte ihn mächtig stolz, Tom sein Wissen zu vermitteln. Dem Jungen alles zu zeigen was es auf einer Ranch zu tun gab.
Mit Eifer reparierte Tom den Zaun und das Dach, mistete die Ställe aus und pflegte die Pferde.
Phil zeigte ihn den Umgang mit Amboss und Hammer und stellte erfreulich fest, wie geschickt Tom mit dem Werkzeug umgehen konnte. So durfte Tom schließlich das erste Mal einem Pferd selber die Eisen aufsetzten.
Das schönste für Tom waren die Zuritte der Mustangs.
Anfangs durfte er nur aufsteigen, wenn das Pferd soweit gezähmt war, das es nicht mehr aufbockte, doch Tom wollte mehr. Nach langem bitten an seinem Vater, überließ dieser ihm eine frisch eingefangene Stute.
Tom war der glücklichste Junge im weiten Westen.
Er wollte allen beweisen wie gut er mit Pferden umgehen konnte.
Die Nacht schlief Tom im Stall. Die Stute stand angebunden in der Box.
Am nächsten Morgen konnte Tom schon sanft ihre Mähne streicheln.
„ Na du. Wir beide werden es Pa und Phil schon zeigen. Hier ist ein Apfel, den hab ich eigens für dich beim alten Bob vom Baum geklaut.“ Er reichte der schwarz-weiß gescheckten Stute einen roten saftigen Apfel hin. Schnaubend schüttelte sie den Kopf und versuchte die Vorderhufe hoch zu reißen, doch das Seil war zu kurz angebunden. Ganz bewusst hatte Tom ihr am Vortag Heu gegeben aber kein Wasser. Jetzt kam sie vorsichtig mit ihren Nüstern bis an seine Hand. Bewegungslos blieb Tom stehen. Nach zehn Minuten endlich nahm fraß sie ihm den Apfel aus der Hand.
Überglücklich schleppte Tom einen Eimer Wasser herbei und sah zu wie das Pferd das kühle Nass aufsog.
„ Na, heute ist dein großer Tag, Tom. Ich werde die Wilde jetzt Satteln und ihren ersten Willen brechen. Dann bist du dran. Ich garantiere dir du wist hinter her jeden verdammten Knochen in deinem Körper spüren. Ging mir auch so beim ersten Mal.“ Er löste das Seil und schon versuchte sie sich los zu reißen. Aber gegen den erfahrenen Pferdezureiter hatte sie keine Chance. Er hielt sie kurz unterm Halfter und führte sie zum Corral. In der Mitte war ein Pfahl angebracht an welchem das Pferd angebunden wurde.
Tom brachte den Sattel, den Phil lachend über den Rücken des Tieres warf. Sofort schlug die Stute mit der Hinterhand aus, so dass der Sattel im hohen Bogen über Tom hinweg flog.
„ Pass nur auf, dass es dich nicht schon vorher erwischt, Junge!“ rief ihm Phil zu, während er erneut versuchte das Pferd zu Satteln. Es verging eine halbe Stunde bis sich die Stute endlich beruhigte und sich Satteln ließ.
Phil löste das Seil vom Pfahl. Immer noch stand sie ruhig auf ihren vier Beinen. Er steckte den linken Fuß in den Steigbügel, umklammerte den Sattelholm und zog sich mit elegantem Schwung auf den Rücken des Tieres.
Noch bevor er den linken Fuß in den Bügel bringen konnte, ging sie vorne hoch. Phil hatte mit so was gerechnet, und blieb im Sattel. In seiner linken Hand hielt er das Seil, was den Zügel ersetzte, die Rechte brauchte er zum Gewichtsausgleich.
Jetzt zeigte sich das ganze Temperament der Stute. Fast gleichzeitig schlug sie vorn und hinten aus. Wechselte immer wieder die Drehrichtung und buckelte wie ein Kater, der sein Revier zu verteidigen suchte.
Aber der Reiter blieb oben. Ganze fünf Minuten schaffte es Phil, dann stürzte er links aus dem Sattel, rollte geschickt ab und kam vor dem Zaun wieder auf die Füße.
Thomas hatte alles vom Stall aus gesehen. Jetzt kam er klatschend zum Corral.
„ Gut gemacht Phil. In deinem alter habe ich das genau so gemacht.“ Seine, von Sonne gebräunte, Hand legte sich auf Toms Schulter. Seufzend sagte er zu seinem Sohn.
„ Ich glaube du bist doch noch etwas zu jung dafür. Das Pferd ist sehr kraftvoll und strotzt vor Energie. Überlass es lieber Phil. Er hat schon jahrelang Erfahrung darin.“
Tom stemmte seine Fäuste in die Hüfte und zog die Augenbrauen zusammen. Grimmig sah er seinen Vater an.
„ Nein Pa, ich will. Ich habe keine Angst, und irgendwann muss ich ja mal anfangen Erfahrungen zu sammeln.“
Mit diesen Worten kletterte er auf den Zaun und rief Phil zu sich, der die Stute wieder eingefangen hatte und am Halfter festhielt.
Fragend sah der Cowboy zu seinem Boss rüber. Thomas wusste selber nicht was er nun tun sollte. Einerseits hatte sein Sohn ja Recht. Wenn er Zureiter werden wollte, dann musste er früh genug damit anfangen, aber die Sorge um ihn war groß.
Es hatte schon so manchen Cowboy ins Grab oder in den Rollstuhl gebracht. Nervös biss Thomas auf der Unterlippe rum.
Für Tom gab es keine Überlegungen mehr. Als Phil mit dem Pferd vor ihm stand, schwang er sich von der obersten Zaunlatte in den Sattel.
„ Lass sie los, Phil. Ich schaff das.“
Kaum das Phil das Seil losgelassen hatte, stob sie vorwärts.
Ganze zwei Minuten blieb Tom oben, dann warf es ihn über den Pferdehals zu Boden.
So schnell wie schon lange nicht mehr schwang sich Thomas über das Gatter und kam auf Tom zu gerannt.
„ Junge, hast du dir was gebrochen? sag doch was.“
„ Nein! ich will es noch mal versuchen.“ Antwortete Tom und schlug sich den Staub aus der Hose.
„ Kommt nicht in frage. Ich bin vor Angst fast gestorben.“
Er wollte seinen Jungen am Arm festhalten, aber Tom war schneller. Flink kletterte er wieder auf den Zaun und startete den zweiten Versuch.
Mit an angehaltenem Atem beobachteten die beiden Männer wie sich er sich im Sattel hielt.
Und diesmal schaffte er es. Die Stute gab auf. Im leichten Galopp ließ sie sich vom Reiter führen.
Als Tom schließlich auf Phil und Thomas zuritt, standen Beide mit offenen Mündern da und staunten.
„ Na, wie war ich?“ fragte er stolz.
„ Das hätte ich nicht gedacht. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich würde es nicht glauben. Tom, du warst großartig. Aus dir wird mal ein guter Rancher.“
„ Wie sieht es mit dem Mittagessen aus?“ Fragte der Junge hungrig.
„ Ich habe einen Bärenhunger!“
„ Ich auch. Komm lass uns reingehen.“ Thomas klopfte seinen Jungen auf die Schulter. Zusammen gingen sie ins Haus.



März 1886

Die ersten warmen Sonnenstrahlen blinzelten durch das kleine Fenster in die Stube.
Jenny saß am Tisch und schälte Kartoffeln.
Ihr Gesicht war blass, die Augen saßen in tiefen dunklen Höhlen und schienen jeden Glanz verloren zu haben.
Seit dem Überfall, der die Totgeburt ihres Babys auslöste, war sie nicht mehr dieselbe glückliche, lebensfrohe Jenny, die Thomas Wolf vor zwölf Jahren heiratete.
Stumm erledigte sie ihre Arbeiten im Haushalt. Sprach nur noch das nötigste und aß kaum noch etwas.
Thomas machte sich große Sorgen um seine geliebte Frau, aber er konnte ihr nicht helfen.
Machtlos musste er mit ansehen wie sie immer mehr abmagerte und jeden Lebensmut verlor.
In letzter Hoffnung ließ er Reverend Williams kommen.
Über drei Stunden saß der Gottesmann mit Jenny zusammen im Haus.
Thomas und Tom versorgten die Pferde, misteten den Stall aus und fingen gerade an den Zaun zu reparieren, als Reverend Williams auf die Veranda trat.
Schon von weitem sahen die Beiden das Sorgenvolle Gesicht des Geistlichen.
Thomas ging ihm entgegen. Mit jedem Schritt schien sein Herz schwerer zu werden.
Der Weg vom Zaun zur Veranda erschien ihm endlos weit. Endlich standen sich die Männer gegenüber.
Williams sah ihn mit bitterer Miene an.
„ Es tut mir aufrichtig leid, aber ich kann ihrer Frau nicht mehr helfen. Sie hat den Glauben verloren.“
Sorgenvoll legte er seine Hand auf Thomas Schulter, so als wolle er ihm etwas von seiner Kraft geben.
„ Ich danke ihnen, Reverend.“ Sagte Thomas mit belegter Stimme und fügte hinzu.
„ Aber ich glaube nicht mehr an Wunder.“
„ Das ist sehr schade, Mister Wolf, denn ihre Frau hat keinen Lebenswillen mehr. Sie haben mir erzählt, dass Doktor Summer keine Hoffnung auf eine erneute Schwangerschaft mehr sieht.
Beten sie, dass er sich geirrt hat.“
Thomas drehte seinen Kopf zur Seite. Er sah die Berge und das weite Land. Mit einem Seufzer sagte er.
„ Das wird nichts mehr helfen. Bei ihr ist jede Liebe erloschen, wenn sie verstehen was ich meine“
„ Aber ja doch. Ich bin nicht als Reverend zur Welt gekommen. Bevor ich meine Berufung fand, hatte ich ein` ich will mal sagen` wildes leben. Geben sie nie die Hoffnung und ihren Glauben auf.
Bringen sie Misses Wolf am Sonntag mit zur Kirche. Ich werde mich nach der Andacht noch einmal mit ihr zusammensetzen. Vielleicht hilft es ihr, wenn sie im Hause Gottes über alles redet.“
Mit diesen Worten, bestieg Reverend Williams seinen Wagen.
Er reichte Thomas noch einmal die Hand, nahm die Zügel auf und verließ die Ranch.
Nachdenklich beobachtete Thomas den Wagen, der immer kleiner wurde, bis er schließlich nur noch ein winziger Punkt war.
Dann rissen ihn die Worte seines Sohnes aus den Gedanken.
„ Er kann Mutter auch nicht helfen?“
Thomas kämpfte gegen seine Tränen an, die mit aller Gewalt aus den Augen treten wollten.
Er konnte doch nicht vor dem Jungen weinen. Gerade jetzt musste er doch stark sein.
„ Na komm. Lass uns rein gehen. Ich habe Hunger.“
Sagte Thomas mit unterdrückter Stimme und wandte Tom den Rücken zu, damit er seine feuchten Augen nicht sehen konnte.

So gingen Tage und Wochen dahin. Jenny wurde immer blasser. Tom versuchte alles Mögliche, um seine Mutter wieder ins Leben zurück zu holen, aber alles war vergeblich.
Er erzählte jeden Abend von den lustigen Ereignissen in der Schule.
Sein Mitschüler Paddy lieh ihm sogar seine Mundharmonika, aber auch das half nicht.
Obwohl Tom recht gut darauf spielen konnte und Thomas über sein Talent erstaunt war, saß Jenny wie jeden Abend in ihrem Schaukelstuhl.
Ihre Augen waren geöffnet und blickten zum Kaminfeuer hin, doch wer sie genauer betrachtete, stellte fest, dass die wunderschöne blaue Iris glanzlos ins Leere starrte.
Je näher der September rückte, desto mehr kehrte Jenny in sich. War sie doch in diesem Herbstlichen Monat ausgezählt.
Thomas hatte sich mit dieser Situation längst abgefunden. Was blieb ihm auch anderes übrig.
Die Arbeit musste getan werden und es gab eine Menge zu tun auf einer Ranch dieser Größe.
Tom half wie ein großer Cowboy mit.
Er zähmte frisch eingefangene Pferde und war der Stolz seines Vaters und der zwei Cowboys die jetzt für die Wolfranch arbeiteten.
Auch Miss Dubble wurde im Juni angestellt um den Haushalt zu Führen.
Sie war eine kräftige, große Frau mit schwarzer Hautfarbe.
Kleine schwarze Locken bedeckten den Kopf, wobei hier und da schon ein paar graue Haare zu sehen waren. Oda Dubble feierte im August ihren vierzigsten Geburtstag, zu dem auch Tom zum Kuchen essen eingeladen war.
Der Junge war ihr ans Herz gewachsen und voller Sorge sah sie jedes Mal weg, wenn Tom ein Pferd zuritt. Dann zündete sie eine Kerze an und betete still.
Jenny war so schwach geworden, dass sie ihr Bett nicht mehr verlassen konnte.
Sie trank nur noch ein paar schlucke Wasser am Tag und verweigerte jedes Essen.
Miss Dubble pflegte sie liebevoll. Jeden Morgen wusch sie Jenny und wechselte die Urhingetränkten Tücher. Sie kämmte ihr Haar und frischte die Bettwäsche auf.
Jeden Abend ging Tom zu ihr ins Schlafzimmer.
Er erzählte alles, was sich am Tag so ereignet hatte.
Es war die Nacht zum fünfte September als Tom in seinem Bett lag und nicht einschlafen konnte.
Der volle Mond leuchtete in sein Zimmer.
Er stand am Fenster und lauschte dem Schnauben der Pferde, bis ihm ein anderes Geräusch zu Ohren kam.
Es war ein leises Weinen das da aus der Stube drang.
Vorsichtig öffnete Tom seine Tür und blinzelte hinaus. Vater saß am Tisch, vor ihm eine Flasche Whisky, den Kopf in seine Hände versunken.
Noch nie zuvor hatte Tom seinen Vater so gebrochen gesehen.
Er saß da und weinte. Sein ganzer Körper zitterte.
Plötzlich hob er den Kopf und sah Tom neben sich stehen.
Er nahm den Jungen in seine Arme und drückte ihn fest an sich.
Leise flüsterte er.
„ Deine Mutter ist nun bei ihrem Baby. Ich hoffe sie ist nun glücklich da oben.
Sie sah mich an und sagte dass sie uns sehr lieb hat. Und dann war sie……“
Weiter konnte er nicht reden. Das brauchte er auch gar nicht. Tom wusste was er sagen wollte.
Jenny war friedlich eingeschlafen. Für immer.

Die Beerdigung fand auf der Ranch statt. Jenny wurde unter dem Apfelbaum begraben, den sie selber pflanzte am Tage ihrer Hochzeit mit Thomas.
Reverend Williams sprach der Familie sein Beileid aus und suchte nach tröstenden Worten.
„ Sie ist nun in Gottes Hand, wohl behütet und ohne leid. Möge sie in Frieden ruhen. Doch ihr Leben geht weiter Mister Wolf. Vergessen sie das nicht. Sie haben einen Sohn für den es sich zu Sorgen lohnt.“
Als Thomas diese Worte vernahm, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, der ihn nicht mehr los ließ.
Höflich verabschiedete er sich vom Gottesmann und eilte ins Haus.
Reverend Williams wandte sich an Tom, der immer noch am Grab seiner Mutter stand, mit einem Strauß Blumen in der Hand.
Er stellte sich neben ihn. Stumm vergingen drei Minuten bis Tom niederkniete und seine Blumen auf das frische Grab legte.
„ Mein Sohn, du musst nun stark sein. Deiner Mutter wird es im Himmel an nichts mangeln. Aber hier geht das Leben weiter. Wenn du Hilfe brauchst, du weißt ja wo ich bin. Ich habe immer ein offenes Ohr für dich.“
Mit diesen Worten verließ Reverend Williams die Ranch.
Als Tom ins Haus kam saß sein Vater am Tisch und schrieb einen Brief.
Es wurde ein langer Brief. Drei Seiten waren voll beschriftet als Thomas sie in einen Umschlag steckte. Er zog seine Jacke an, blieb in der Tür stehen und sagte.
„ Ich muss noch mal in die Stadt. Es ist wichtig.“

Die Antwort

Eine Woche vor Heilig Abend kam Mister Benito zu Besuch auf die Wolf Ranch. Er war im vollen Galopp geritten und trotz der Handschuhe, waren seine Finger steif vor Kälte.
Mit einem bunt gestrickter Schal, schützte er sein Gesicht vor der Kälte. Nur noch die Augen lugten hervor.
Es war ein Schneereiches Jahr. Auch diesen Winter hatte es viel geschneit und es war wesentlich kälter als die Jahre zuvor.
Die Leute verließen ihre Häuser nur noch für wirklich wichtige Erledigungen.
Benito klopfte an die Tür und es dauerte gar nicht lange, bis ihm aufgemacht wurde.
Miss Dubble bat ihn mit einer Geste einzutreten.
Der junge Mexikaner nahm seinen Hut ab und sprach dann verlegen.
„ Guten Abend Miss Dubble. Ich möchte Mister Wolf sprechen.“
„ Er versorgt gerade die Pferde im Stall. Er wird gleich wieder hier sein. Aber setzten sie sich doch. Ich habe gerade Kaffee gekocht. Sie sehen aus, als könnten sie etwas Heißes gebrauchen.“
„ Vielen Dank.“ Er nahm die Tasse in beide Hände. Die Wärme tat erst weh, doch schon nach kurzer Zeit waren die Finger wieder aufgetaut und beweglich.
Neugierig setzte sich Miss Dubble zu ihm an den Tisch.
„ Was gibt es denn so neues aus Tombstone? Muss ja etwas wichtiges sein, wenn Sie bei so einer Kälte hier raus reiten.“
Er wollte gerade antworten, als sich die Tür öffnete.
Thomas kam herein und ging gleich auf seinen Gast zu.
„ Willkommen auf meiner Ranch. Was führt dich hierher?“
Benito stand von seinem Stuhl auf und reichte dem Rancher die Hand.
Für einen Moment erschrak er als er in Thomas Gesicht sah.
Es schien so alt geworden zu sein. Viel älter als sein wahrer Jahrgang. Letztes Jahr strotzte er noch voll
Lebenskraft, aber jetzt stand vor ihm ein gebrochener Mann. Hängende Schultern, schwerer Schritt und ein eingefallenes Gesicht mit glanzlosen Augen, die in tiefen dunklen Höhlen saßen.
Thomas löste den Handgriff und riss damit Benito aus seinen Gedanken.
Er griff in die Jackentasche und holte einen Brief heraus, dem er Mister Wolf reichte.
„ Sie haben im September einen Brief nach Europa abgegeben und gesagt, dass sie dringend auf die Antwort warten. Nun ist vor einer Woche dieser Brief angekommen. Wir wollten ihn Tom mitgeben, aber wie ihr wisst ist die Schule wegen der Kälte geschlossen.
Da habe ich mir gedacht ich bringe ihnen ihre Post vorbei, weil es doch so wichtig erschien.“
Thomas nahm den Brief mit gemischten Gefühlen an sich. Er war tatsächlich von seiner Tante Maria Konstanze von Belvedere aus Weimar in Deutschland. Sie war immer die hochnäsige Schwester seiner Mutter und hatte es tatsächlich geschafft sich in einer Grafschaft einzuheiraten. Sie bezirzte den jungen Grafen von Belvedere und konnte ihn hinterher mit einer Schwangerschaft zur Hochzeit zwingen. Von da an kannte sie ihre Familie nicht mehr.
Mit leicht zittrigen Händen hielt er den Umschlag fest. In diesem Moment kam Tom herein.
„ Hallo Benito.“ Sagte er, während er seinen Umhang an den Wandhaken hing.
„ Ich habe dein Pferd in unseren Stall gebracht und den Schnee rausgebürstet.“
„ Das ist lieb von dir. Aber ich reite jetzt sowieso wieder zurück.“
Er bedankte sich noch einmal bei Misses Dubble für den wirklich guten Kaffee und verabschiedete sich von den Beiden.
Als er das Haus verlassen hatte bemerkte Tom den Brief in Vaters Hand.
Ohne ein Wort zu sagen zog sich Thomas in die Schlafkammer zurück, um in ruhe seine Post zu lesen.
Fragend sah Tom die Haushälterin an.
„Was hat das mit den Briefen denn zu bedeuten?“
Misses Dubble zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen.
„ Ich weiß es nicht. Seit dem Tot deiner Mutter redet er ja nicht mehr viel. Ich bin sicher du wirst es erfahren wenn es etwas Wichtiges ist. Aber so viel kann ich dir verraten.“ Sie hielt sich eine Hand an den Mund, damit nur Tom hören konnte was sie nun flüsterte.
„ Er kam von einer Gräfin Maria Konstanze von Belvedere aus Weimar, Deutschland. Ich finde das klingt Adelig.“
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Vater wieder in die Stube kam.
Mit einem großen Seufzer setzte er sich an den Tisch. Den gefalteten Brief hielt er in den Händen.
„ Junge, setz dich bitte zu mir. Ich habe dir was zu sagen.“
Tom nahm am gegenüberliegenden Ende des Tisches platz. Er sah Vater nervös und gleichzeitig neugierig an. Nach einer endlos dahin kriechenden Minute öffneten sich Thomas Lippen.
„ Ich habe vor einiger Zeit meiner Tante Maria Konstanze einen Brief geschrieben. In der Hoffnung, dass sie unseren Streit von damals verziehen hat.
Ich habe ihr von uns erzählt. Von unserer kranken Mutter und dem harten Leben hier.
Mein Herz hängt immer noch an meiner Heimat in Deutschland. Jetzt wo unsere Mutter von uns gegangen ist, habe ich nichts mehr was mich noch hier fest hält. Maria Konztanze ist eine Wohlhabende Gräfin. Sie schreibt mir, dass sie uns Aufnehmen würde, wenn wir zu ihr kämen. Ich könnte in ihrer Gartenanlage arbeiten, und wir hätten endlich einmal ein sorgloses Leben. Keine Überfälle mehr, keine Sorgen mit Dürreperioden, oder plötzlichen Stürmen die unsere Farm zerstören.“
Tom hatte den Mund weit offen. Die Worte seines Vaters klangen wie ein Märchen in seinen Ohren. Als Thomas ihn nun ansah, wusste er nicht was er sagen sollte. In seinem Kopf war nur die Frage, ob Vater das alles ernst meinte? Dann aber stotterte er.
„ Du, du willst von hier fort?“
„ Ja, Junge. Und du wirst es mir eines Tages danken.“
„ Aber Mutter liegt hier begraben, und Großvater und Großmutter auch.“
„ Sie werden immer bei uns sein. Tief in unseren Herzen.“
„ Aber die Ranch. Du hast sie mit viel Arbeit aufgebaut. Liegt dir gar nichts mehr an ihr?“
Thomas stand auf und ging zum Fenster. Er sah auf den Morschen Zaun, den grob gezimmerten Hühnerstall und die Scheune, die dringend wieder ein neues Dach bräuchte. Kopfschüttelnd blieb er dort eine Weile stehen, bis er sich wieder Tom zuwandte.
„ Ich bin alt geworden. Die harte Arbeit hier ist nichts mehr für mich. Du bist noch zu jung um eine Ranch zu führen. Mein Endschluss steht fest. Morgen fahre ich in die Stadt und rede mit Mister Akroyd. Er soll einen Käufer finden für diese Ranch.“ Er ließ den Kopf hängen und sagte im leisen Ton zu sich selbst,
„ Ich will nach Hause.“
Tom sprang so heftig von seinem Stuhl auf, dass dieser umkippte und dabei einen Holm der Rückenlehne verlor.
„ Das kannst du nicht tun Pa. Denk doch an mich. Ich bin hier geboren. Das hier ist meine Heimat.
Ich will hier nicht fort.“
Wütend riss Tom die Haustür auf und rannte hinaus. Er sprang über das Gatter und schwang sich gekonnt auf den Rücken des Schecken, der friedlich grasend auf der Koppel stand.
Erschrocken über den plötzlichen Reiter auf seinem Rücken, schlug er mit der Hinterhand aus.
Tom krallte seine Finger in die lange Mähne und stieß ihm die Fersen in die Flanken.
Es war ein Traumhafter Sprung, mit dem das Pferd und sein Reiter über den Koppelzaun setzten.
Thomas hörte den leiser werdenden Schlag der Hufe, bis er schließlich ganz verebbte.
Seufzend saß er am Tisch und vergrub sein Gesicht in seine Hände.
Miss Oda Dubble stellte eine Tasse Kaffee mit einem Schluck Whisky vor ihm auf den Tisch.
Sie legte ihre braune Hand auf seine Schulter und sprach mit weichem Ton.
„ Ich kann sie gut verstehen Mister Wolf. Auch ich bin fern von meiner Heimat. Manchmal sehne ich mich nach ihr, obwohl ich sie ja nie gesehen habe. Meine Großmutter hat mir viel davon erzählt. Oft habe ich geglaubt meine Heimat zu kennen, so Bildhaft waren ihre Geschichten.“
Thomas sah in ihre großen braunen Augen und sagte.
„ Ich will doch nur das Beste für den Jungen. Er soll in Frieden aufwachsen. In einem zivilisiertem Land. Es wird ihm schon gefallen in Weimar. Meine Tante ist eine strenge, aber nette Person. Ich kann mich noch an ihre Vornehme Hochzeit mit dem Grafen erinnern.
Am Besten reite ich jetzt schon in die Stadt. Noch ist das Wetter zwar kalt, aber der Himmel ist klar.“ Er zog seine dicke Felljacke über, ging in den Stall und sattelte sein Pferd.




©2020 by Andrea. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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