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Prosa => Krimi


Mein Arizona - von Andrea, 25.10.2019
Mein Arizona

Sehnsüchte


Es war der sechsundzwanzigste Oktober 1884. Die ersten sanften Schneeflocken fielen vom Himmel. Ein leichter kühler Wind ließ die weißen Flocken lustig tanzen bevor sie sanft zu Boden segelten. Tom Wolf knöpfte sich die Jacke zu und zog seinen Hut tiefer in die Stirn, weil ihm die kühlen Windböen ins Gesicht wehten. Er hielt sein Schulbuch unterm rechten Arm geklemmt, die Hände in den Hosentaschen. Täglich ging er diesen Weg morgens zur Schule und nachmittags wieder zurück. Ungefähr zwei Meilen waren es von zu Hause bis zur Stadt Tombstone. Er kannte jeden Baum, jeden Stein auf dieser Strecke und dennoch gab es immer Neues zu entdecken. Letzten Sommer beobachtete er einen Hasen, der nur wenige Inches von ihm entfernt sein Fell putzte. Auch einen Adler sah Tom, der sich im Sturzflug auf eine Wiese stürzte und mit einer Maus in den Krallen wieder in die Lüfte erhob.
Früher rannte er dann aufgeregt zum Schulhaus um als erster im Klassenraum zu sein und der Lehrerin, Misses Cornbill, davon zu erzählen. Doch heute fand er es albern. Lieber behielt er seine Beobachtungen für sich und malte sich dazu ein Abenteuer aus.
Er liebte diese Gegend, die Ranch seiner Eltern und das wilde Leben in der Stadt. Hier war er geboren und hier hatte er seine Träume. Heute war er ein Cowboy, Morgen ein Marshall und manchmal sah er sich als Pelzjäger in den Bergen klettern.
Sein Vater Thomas hatte wenig Verständnis für seine Phantasien und versuchte ihm das wahre, harte Leben zu vermitteln. Schließlich sollte er mal die Ranch übernehmen, obwohl er dem Jungen lieber ein besseres Leben vererbt hätte.

Tom war sieben Jahre alt. Geboren auf der Ranch in Arizona.
Sein Vater Thomas war gebürtiger Deutscher. Er wuchs in der Stadt Weimar, mitten in Deutschland, auf. Seine Eltern Eduard und Hannelore Wolf arbeiteten hart um ihr täglich Brot zu verdienen. Eduard Wolf war Pferdeknecht in einem großen Gestüt, doch sein Lohn war bescheiden.
Sein größter Traum, eine eigene Pferdezucht, war unbezahlbar. Das bisschen was er verdiente reichte gerade so zum leben. Als dann auch noch Hannelore an der Lunge erkrankte, reichte es nicht einmal mehr fürs tägliche Brot.
Ihr gemeinsamer Sohn Thomas war gerade vierzehn Jahre alt, als sie sich entschlossen nach Amerika auszuwandern, wie es zu dieser Zeit schon so viele gewagt hatten. Dort im Südlichen Arizona wäre die Luft am besten für seine Frau Hannelore. Heiße Luft im Sommer und trockene Kälte im Winter.
Eduart Thomas Wolf verkaufte alles was er besaß. Es war nicht viel, aber es reichte für eine Überseefahrt mit dem Schiff. Während des langen Aufenthaltes auf dem Schiff halfen er und sein Sohn beim Deckschrubben und in der Kombüse aus.
Es waren harte Wochen an Bord. Ein heftiger Sturm ließ das Schiff durch Wellen rotieren. Sie knieten unter Deck, und beteten eng umschlungen.
Nie werden sie diese Reise vergessen.
Mit nichts als ihren Kleidern am Leib startete Familie Wolf den Marsch durch das Unbekannte Land Amerika.
In jeder größeren Ansiedlung oder Stadt verweilte die sie einige Tage um mit Aushilfsarbeiten Geld und Brot zu verdienen.
So schlugen sie sich durch bis sie in Arizona nicht weit von der Stadt Tombstone ein kleines Fleckchen Land kaufen konnten. Mit viel Schweiß und Willenskraft baute Eduard ein kleines gemütliches Heim für Hannelore und seinen Sohn.
Doch schon nach einem Jahr wurde die Farm von Indianern überfallen. Ein Stamm abtrünniger Wilder Aachen plünderten die Vorräte, nahmen die beiden Schweine mit und auch die Milchkuh. Sie schossen brennende Pfeile auf das Hausdach, und schon in kürzester Zeit stand es lichterloh in Flammen. Die Familie zog in die Stadt, wo Eduard Morgens in der Mühle aushalf, Nachmittags im Sägewerk, und Abends im Orientel-Saloon Gläser spülte, bis er sich das Geld hart verdient hatte, um sich und seiner Familie ein neues Haus zu bauen.
Hannelore verstarb zwei Jahre später an ihrer Lungenerkrankung. Ihr Sohn Thomas wuchs heran und heiratete mit zwanzig Jahren die hübsche junge Lehrerin Jenny Campbell, begann auf der Farm eine ansehnliche Pferdezucht und wurde zu einem geschätzten Geschäftsmann.
Mit der Geburt seines Sohnes Tom schien das Glück vollkommen.
Doch das Schicksal schlug noch einmal zu. Bei einem Gewitter schlug der Blitz in die alte knorrige Eiche ein, die sofort zu brennen begann. Das Feuer fraß sich schnell durch den trockenen Stamm, so dass der Baum umstürzte. Er durchbrach das Dach der Scheune, und sein Geäst verteilte sich brennend im ganzen Stall. Sofort fing das Stroh Feuer. Sieben Pferde stampften wild in ihren Boxen mit den Hufen gegen die Bretterwände. Im Nachtgewand rannte Thomas zur Scheune. Er konnte drei Pferde aus den vorderen Boxen retten.
Die vier anderen kamen im Feuer um. Es war ein Grauen. Thomas stand vor dem brennenden Pferdestall und hörte wie die Tiere um ihr Leben kämpften. Er konnte nichts mehr für sie tun. Zu hoch waren schon die Flammen und zu heiß fraß sich das Feuer durch das trockene Holz und Stroh. Niemals würde Thomas das Wiehern der in Panik geratenen Tiere vergessen. Es ging ihm bis ins Mark hinein.
Aber auch dieses Mal schaffte es die Familie Wolf alles wieder aufzubauen. Mit der kraft, die er wohl von seinem Vater geerbt hatte, schaffte es Thomas schon in kürzester Zeit die Scheune wieder herzustellen. Er fand eine prachtvolle Herde wilder Mustangs und es gelang ihm den Leithengst einzufangen.

Abend für Abend stand er auf der Veranda und blickte in den Sonnenuntergang.
Es war jedes Mal ein faszinierendes Schauspiel, was die Natur bot. Orange-rote Strahlen brachen durch die Felsklippen der Berge und verzauberten die Landschaft wie in einem Märchenbuch.
Aber trotz dieser Schönheit hing Thomas Herz an seiner Deutschen Heimat. In Gedanken war er jeden Abend in der Stadt Weimar, in der schon weit vor seiner Zeit, die Dichter Goethe und Schiller lebten.
Er wuchs zwar dort in ärmsten Verhältnissen auf, aber Thomas hatte das nie gestört. Auch wenn sein Bett nur aus Stroh und einem alten Lacken mit vielen Flicken bestand. Er schlief ganz oben unter dem Dach. Die Stube war sehr klein. Eine Feuerstelle sorgte für angenehme Wärme im Winter und wurde gleichzeitig auch zum Kochen genutzt. Thomas hatte viele Freunde, richtige Kumpels mit denen er in jeder freien Minute zusammen war.
Hier in Amerika war er in jungen Jahren allein. Die Sprache lernen fiel ihm schwer, und es gab so viel Arbeit auf der Farm, dass er keine Zeit hatte neue Freunde kennen zu lernen.
Er wollte es auch gar nicht. Die Lehrerin Jenny Campbell aus Tombstone bot allen Einwanderern einen Englisch Unterricht nach der Schule an. Eduard-Thomas ging mit seinem Sohn ebenfalls dort hin, wenn es die Arbeit auf dem Feld erlaubte. Doch Thomas hatte kein Interesse daran. Er träumte ständig von Weimar und seinen Freunden dort.
Über sein Heimweh sprach er nie mit seiner Frau. Er wollte sie nicht mit seinen Sorgen belasten, denn sie war glücklich auf der kleinen Ranch. Und auch ihr gemeinsamer Sohn Tom war ein stolzer Amerikaner. Jeden Tag nach der Schule traf er sich mit den anderen Kindern, und sie warteten vor dem Sheriff Office auf den Marshall Wyatt Earp. Er war ein Gesetzeshüter der mit dem Colt umzugehen wusste. Die Jungen bewunderten immer wieder seine Schießkünste mit seinem großen Buntliner Spezial Revolver der in seinem linken Halfter steckte. Sie waren alle davon überzeugt, dass Marshall Earp der schnellste Mann im Westen sein musste, und fast Täglich gab es die Gelegenheit den Gesetzeshüter bei einem Kampf oder sogar einer Schießerei zu sehen.
Tom liebte das Land und die Leute hier in Arizona. Er war ein ausgezeichneter Reiter, half beim einfangen der wilden Mustangs, was Mutter Jenny gar nicht gefiel, und schwang das Lasso wie ein erfahrener Cowboy.

Schießerei in Tombstone

An diesem kühlen Oktober Nachmittag ging Tom, völlig in Gedanken versunken, von der Schule nach Hause. Es war, auf dem Tag genau, drei Jahre vergangen als Tom mit den anderen Jungs
nach dem Unterricht noch zusammen stand.
Wie gewohnt gingen sie hinüber zum General Store. Von dort aus konnte man das Office gut beobachten. Sie saßen auf den Holzstufen des Stepwalks und warteten darauf, dass Marshall Earp seinen Rundgang begann.
Es dauerte auch gar nicht lange, da kamen drei Männer aus dem Büro. Es waren die Earp Brüder Virgil, Morgan und Wyatt.
Mit weit aufgerissenen Augen stand Tom auf und starrte auf die drei Gesetzeshüter.
In der Stadt herrschte Totenstille. Die Straßen waren leer. Erst jetzt bemerkten die Jungen dass die Geschäfte geschlossen hatten. Hier und da rannten noch Vereinzelte aufgeregt umher. Die vielen Wagen und Kutschen die sonst um diese Zeit hier durch rollten, waren heute nicht zu sehen.
Stumm blickten sich die Buben um. Es war alles merkwürdig anders an diesem Herbst Nachmittag.
Plötzlich wurde hinter den Kindern die Tür aufgerissen, und der alte Warenverkäufer winkte den Jungens aufgeregt zu.
„ Um Himmels willen! Kommt sofort rein. Weg von der Straße.“ Schrie er mit einem Zittern in der Stimme. Aber die Kinder hörten nicht auf ihn. Da fasste er all seinen Mut zusammen und trat vor die Tür. Ängstlich schaute er zum Office hin. Die Earps standen immer noch auf dem Stepwalk und berieten miteinander.
Angstschweiß rollte in dicken Perlen die Stirn, des Generalstore Inhabers Taylor, herunter. Er tupfte sein Gesicht mit seiner weißen Schürze ab. Seid vierundsechzig Jahren lebte er schon hier in der Stadt. Sein graues lichtes Haar kämmte er jeden Tag mit viel Gel nach hinten. Unzählige Falten und viele Altersflecken ließen ihn wie einen Neunzig Jährigen erscheinen, doch sein siebzigster Geburtstag war nicht mehr fern.
Die Jungen verstanden nicht was er von ihnen wollte. Was sollte die ganze Aufregung.
Gespannt beobachteten sie weiter den Marshall und seine zwei Brüder, bis der rothaarige, sommersprossige Caspar aufsprang.
„ Ach! Das ist doch langweilig. Die Reden doch nur. Da tut sich heute nichts mehr. Ich muss sowieso jetzt nach Hause, sonst krieg ich ärger mit meiner Ma.“ Er warf den Stein weg, den er schon die ganze Zeit über mit den Fingern drehte, und ging mit einer abwehrenden Handbewegung
nach Hause.
Auch Paddy stand nun auf, nahm seinem kleinen Bruder Frank an die Hand und meinte.
„ Caspar hat Recht. Wir sollten nach Hause gehen. Ich muss heute Pa in der Schmiede helfen. Bis Morgen!“ rief er seinen Freunden beim Weggehen zu.
Taylor packte zwei der Jungen am Arm und zog sie zu sich heran. Mit ernstem Blick starrte er in ihre Augen.
„ Macht dass ihr nach Hause kommt. Los schnell! Die Clantons können jeden Moment hier sein.“
Tom blickte die Straße entlang. Es war eine gespenstische Stille. Es war sonst immer ein geschäftiges Treiben am Nachmittag, aber Heute war es Still. Der alte Taylor wollte die Jungen mit in seinen Laden zerren. Doch sie rissen sich los und rannten so schnell sie konnten davon. Nur Tom stand jetzt noch da.
„ Verdammt Junge. Mach das du hier verschwindest!“ Rief ihm der Alte von seinem Storeeingang zu. Dann warf er die Tür ins Schloss.
Jetzt hatte auch Tom ein Unwohles Gefühl im Magen. Ihm wurde plötzlich klar, dass er nun ganz allein hier am Straßenrand stand. Nur er, und die drei Earp Brüder, die ihn gar nicht bemerkten, so sehr waren sie in ihren Gesprächen vertieft.
Gerade wollte er loslaufen, als von Süden her ein Mann auf den Marshall zukam.
Er trug einen langen schwarzen Mantel, und einen flachen Hut.
Tom versteckte sich hinter einem den gestapelten Mehlsäcken. Zu groß war seine Neugier. Er konnte jetzt nicht einfach nach Hause gehen. Hier musste doch bald etwas passieren.
Der hoch gewachsene schlanke Mann reichte Marshall Earp die Hand. Tom konnte nun sein Gesicht erkennen. Es war blass. Aber seine rotgeränderten Augen blitzten Stahlblau.
Tom konnte jedes Wort verstehen, dass die Männer sprachen. Und nun wusste er auch wer der vierte Mann war. Der gefürchtete Doc. Holliday.
Ein brillanter Pokerspieler und ein gefährlicher Schütze. Die meiste Zeit verbrachte er in den Saloons. Er trank von morgens früh bis abends spät Whisky, und pokerte mit jedem, der sich noch traute an seinen Tisch zu setzten. Nicht selten kam es dabei zu einer Schießerei. Holliday besaß zwei Frontierrevolver mit Elfenbeingriffen, die er zu gebrauchen wusste. Er wäre der einzige Mann im weiten Westen dem Tom eine schnellere Hand zutraute, als die des Wyatt Earps.
Aber zum Glück war er kein Gegner, sondern ein Freund des Marshalls.
Hinter den Säcken konnte Tom sehen wie Holliday ein Gewehr in die Hand nahm. Dann kamen die Männer auf die Straße. Alle vier trugen lange, schwarze Mäntel. Sie gingen neben einander die Mainstreet rauf. Es war eine beeindruckende Szene mitten in Tombstone.
Tom folgte ihnen. Er nutzte dabei jede Deckung. Dann bogen sie in die Allenstreet ein.
Behan, der Townsheriff, kam aufgeregt angerannt und blieb vor Virgil Earp stehen.
„ Sie können wieder gehen. Ich habe sie alle entwaffnet. Eine Schießerei ist nicht mehr nötig.“
Er breitete seine Arme aus und wollte die Männer am Weitergehen hindern. Virgil stieß ihn beiseite und sagte.
“ Dann ist ja alles in Ordnung. Dann kann ich die Brüder ja Festnehmen.“
Behan, der Angst vor den Earps hatte, trollte sich davon.
Wenige Minuten später beobachtete Tom eine Schießerei vor dem Mietstall, dem O.K.Corral,
den er nie wieder vergessen würde.
Es ging alles rasend schnell. Unzählige Schüsse hallten von den Wänden der Häuser wieder. Dichter Staub wirbelte umher. Als sich die Sicht besserte, lagen vier tote Outlaws im Sand. Zwei waren geflüchtet.
Morgan Earp hatte eine Verletzung am Arm, sein Bruder Virgil war am Bein verwundet.
Wyatt Earp und Doc. Holliday standen unverletzt mitten auf dem Platz und schauten sich um.
Langsam kam wieder Leben in die Stadt. Die Einwohner Tombstones versammelten sich am Eingang des O.K. Corral. Sie blickten neugierig auf das Bild, das sich ihnen bot, und drängten immer weiter vor. Durch die Menschenmenge hindurch zwängte sich Tom, bis er am Ende wieder raus kam und erst mal tief Luft holen musste.
Dann hörte er seine Mutter, als er aufschaute, sah er sie schon angerannt kommen.
„ Tom, Tom! Oh mein Gott, ist dir auch nichts passiert?“
Er lächelte sie an, schüttelte mit dem Kopf und meinte.
„ Mir geht es gut Ma. Ich war hinter der Schule auf der Schaukel. Ich war nur neugierig warum so viele Leute hier her rannten.“ Dass er alles mit angesehen hatte konnte er seinen Eltern unmöglich sagen. Dieses Erlebnis war von nun an sein großes Geheimnis und Marshall Earp war seid diesem Tage sein unumstrittener Held.
Thomas Wolf fand das alles schrecklich. Wilde Schießereien die immer mit dem Tot eines Menschen endeten. Zu viele Banditen kamen in die Stadt und brachten Unheil mit.
Er ging auf seinen Sohn zu, umarmte ihn, und flüsterte in sein Ohr.
„ Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.“ Dann packte er ihn an den Schultern und sagte im ernsten Ton.
“ Dieses Land ist nichts für einen Jungen in deinem Alter. Du kommst demnächst direkt von der Schule nach Hause.“
Tom schluckte.



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