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Poesie => Dies und Das


Dünnes Eis - von AlterMann, 01.09.2019
Auch heute wieder war sie ihm einfach nur auf die Nerven gegangen. Genauso wie gestern, wie vorgestern, den letzten Monat, das ganze letzte Jahr und die vierzig Jahre vorher. Wie immer hatte er seine Ohren auf Durchzug gestellt. Nichts, aber auch gar nichts was sie ihm seit ihrer ersten Woche nach der Hochzeit gesagt hatte war bei ihm hängengeblieben. Er hatte es wohl damals schon, unbewusst aber mit jedem Jahr das verstrich, immer deutlicher gespürt. Diese Hochzeit war ein Fehler gewesen.
Er hatte wirklich schon früh versucht seine Hochzeit etwas positiver zu sehen und seine Einstellung zu seiner Frau zu verbessern. Aber es war einfach nicht möglich. Ihr unaufhörliches und nicht aufzuhaltendes Gerede über alles, aber wirklich alles, was in Ihrer kleinen dummen Welt geschah war nicht zu überhören.
Seit er nicht mehr arbeitete verfolgte ihn dieses Gerede den ganzen lieben langen Tag. Dieses unausweichliche des dummen Geredes, es war nervenzerfetzend es einfach nur zu erwarten. Es raubte ihm seit vierzig Jahren ununterbrochen den Nerv. Jetzt war es so schlimm geworden dass er sie selbst in seinen Träumen reden hörte.
Schon die ersten drei Jahre nach ihrer Hochzeit waren für ihn eine Qual. Der Sex mit seiner Frau war schon damals die reinste Hölle für ihn gewesen. Es hatte ihn innerlich immer fast zerrissen wenn er sich immer wieder vor und während des Sexes das gleiche Gesabbel dabei anhören musste. „Ach bitte, tu mir nicht weh, tu dieses aber nicht, dreh dich um wenn ich mich ausziehe und jenes nein das tue ich nicht usw.“ Es war einfach unausstehlich abstoßend gewesen. Dabei war es doch nicht mehr gewesen was er erwartet hatte als hunderte Millionen anderer Männer auf der Welt von ihrer Frau erwarten durften. Er war sich aber manchmal vorgekommen als ob er irgend so ein Perversling sei der abscheuliche Dinge von seiner Frau verlangte.
Wenn damals, wie immer am ersten Dienstag jeden Monats, Sex anstand hatte er es für sich in seinem Kopf immer 'Prinzessinnenbumsen' genannt. Einmal hatte er sich sogar die Ohren, unter dem Vorwand Ohrenschmerzen zu haben mit Watte verstopft. Das hatte ihm aber nicht viel gebracht. Er hatte ihren Mund gesehen der sich unablässig beim Reden bewegte. Selbst beim Sex! Auch wenn er sie nicht hörte, sah er sie reden. Das reichte für ihn aus um jeden Spaß am Leben zu verlieren.
Dann nach etwas mehr als den ersten drei Jahren hatte er es einfach aufgegeben zu versuchen noch Freude beim Sex mit ihr zu fühlen. Dann irgendwann hatte er auch kein Bedürfnis mehr mit ihr Sex zu haben. Er war einfach von ihrer Ehe und dem kläglichen täglichen Zusammensein abgrundtief enttäuscht.
Irgendwann hatte er begonnen zu überlegen wie er es anstellen konnte sie los zu werden. Er hatte einen Arbeitskollegen, der berühmt für seine Frauengeschichten war, mit nach Hause gebracht und die beide den ganzen Nachmittag unter einem Vorwand alleine gelassen. Während er in einer Kneipe Bier trank hoffte er dass es diesem Kollegen gelingen würde seine Frau zu bumsen. Nein er hoffte es nicht nur, er betete darum dass es endlich geschehen würde! Erfahren würde er es auf alle Fälle denn sein Kollege war bekannt dafür dass er alle Frauen mit denen er geschlafen hatte, selbst wenn es Frauen von Arbeitskollegen waren, später in vulgärster Weise erbarmungslos durch den Dreck zog. Der Mann hatte ihn immer angeekelt und er hatte immer auf Distanz zu ihm geachtet. Aber diesmal betete er darum dass dieser Dreckskerl seine Frau richtig ordinär rannehmen würde! Er wollte sie los sein, das war alles was er danach erwartete. Sie sollte dann einfach gehen!
Aber wie immer machte sie ihm einen Strich durch seine Rechnung. Was er hinterher in der Fabrik über die 'heilige Franziska' hörte war um vieles erniedrigender als der Tratsch unter seinen Kollegen dass ihm seine Frau fremdgegangen war hätte sein können. Sie hatte diesem Dreckskerl, schwatzhaft wie sie nun mal war, erzählt dass sie eine treue Ehefrau sei, die auch wenn ihr Mann keinen Sex mehr mit ihr habe, auch ohne Sex treu mit ihm bis in den Tod gehen würde. Sie bräuchte keinen schmutzigen Sex um mit ihrem Mann glücklich zu sein.
Das war natürlich die perfekte Vorlage für Tratsch in der Fabrik und sie hatte es noch nicht einmal wahrgenommen wie sehr sie ihn damit bloßstellen würde.
Zuerst begriff er gar nicht was diese höhnisch erzählten Geschichten über die 'heilige Franziska' in der Fabrik bedeuteten. Dass er damit angesprochen werden sollte begriff er erst als er sich schon hundert mal zum Narren gemacht hatte. Die nachfolgende jahrelange, tägliche Beschämung auf der Arbeit, ...er wagte es selbst heute noch nicht sich an diese Zeit zu erinnern. Zu Hause erwähnte er nichts über das was man in der Fabrik über sie und ihn redete. Für die folgenden Jahre hatte er sie einfach nur abgrundtief gehasst und verabscheut. Dieser Hass war nach und nach einfach und fast unbemerkt zu einer erbarmungslosen Wut und einem grenzenlosen Ekel auf seine Frau geworden. Es fiel ihm jeden Tag schwerer sich zu beherrschen. Seine Träume am Tag und in der Nacht waren fast ununterbrochene Gewaltphantasien in denen er seine Frau erbarmungslos quälte. Diese Träume der Nacht waren dann so ganz langsam, fast unbemerkt von ihm, zu seinen Tagträumen geworden. Er tat in seinen Träumen unglaubliche Dinge um sie zu foltern. Er gestand sich selbst ein dass er jetzt mit seinen Träumen weit außerhalb des Normalen lag. Es war jetzt nicht mehr Wut, Ekel, Hass oder ähnliches dass er hinterher wenn er sie in ihrer Wohnung sah fühlte. Nein, es war eine eiskalte, erbarmungslose Lust sie zu töten.
Was konnte man denn ihm noch antun? Er war schon fast siebzig Jahre und wenn alles gut verlief blieben ihm vielleicht noch zehn Jahren Lebenszeit. Mehr war auf gar keinen Fall drin, eher deutlich weniger. Sie war 11 Jahre jünger als er und so wie es aussah würde sie ihn mit ihrem Geschwätz in den Tod begleiten und er konnte dann nichts mehr dagegen tun. Wenn sie nicht durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall früher als er sterben sollte, … er wagte es nicht daran zu denken wie sie ihn mit ihrem dummen Gebrabbel selbst beim Sterben zusehen sollte. Allein der Gedanke daran zog seinen Magen zu einem Krampf zusammen der ihn wirklich schmerzte.
Er hatte schon seit vielen Jahren oft überlegt ob und wie er sie denn am Besten töten solle. Es musste dass so sein dass sie voll mitbekam dass er dabei war sie zu töten. Und langsam müsste es sein! Aber er wusste auch dass seine körperliche Kraft nicht mehr ausreichte um sie gewaltsam zu töten. Er hatte jahrelang ernsthaft hin und her überlegt wie er es anstellen konnte ohne dass jemand bemerken würde dass er sie getötet hatte. Er wusste es nicht! Er strengte sich wirklich an um einen Weg zu finden aber irgendwie war er blockiert! Da war eine Barriere die er nicht überwinden konnte. Jetzt kam zu der Wut auf seine Frau noch seine Erkenntnis über seine eigene Unfähigkeit. Das war die ultimative Demütigung!
Sie hatten jetzt schon seit etwa fünfzehn Jahren kaum mehr ein persönliches Wort miteinander gesprochen. Einfach nur das nötigste das gesagt werden musste. Und das obwohl sie seit Jahrzehnten schon den ganzen Tag ununterbrochen redete. Irgendwann fing sie dann an und redete auch noch während des Essens mit vollem Mund. Er war so etwas von angeekelt und angewidert von dass er nicht mehr mit ihr am Tisch aß. Er zog es vor wenn sie sich, wie jeden Nachmittag, hingelegt hatte etwas aus den Töpfen zu nehmen und es ruhig in ihrem kleinen Garten hinter dem Haus zu essen. Da wusste er sie für etwa eineinhalb Stunden auf wenigstens zwanzig Meter Abstand. So ging das schon seit vielen Jahren. Sie kochte das Essen, sie säuberte das Haus und machte die Wäsche. Nach dem Kochen am Vormittag kam dann das Essen auf den Tisch, wo jeden Tag ein Teller für ihn stand den er aber seit vielen Jahren einfach übersehen hatte. Nach dem Essen legte sie sich immer hin und er nahm sich dann etwas später sein Essen aus dem Topf und aß selbst im Winter draußen auf der kleinen überdachten Terrasse. Er genoss das Wissen das er jetzt eineinhalb Stunden Ruhe vor ihrem Geschwätz haben würde.
Doch an einem Tag änderte sich auf einen Schlag alles. Es war ein Samstag. Der Samstag war für sie immer der Badetag gewesen. So war es früher gewesen und so war es für sie beide auch heute noch. Nicht dass er sich in der Woche nicht mal gerne gebadet hätte. Nein es war einfach die Furcht vor ihr und ihrer tagelangen Predigen über 'Wasser im Haushalt zu sparen', wegen der Kosten und es sei außerdem selbst heute noch fast unanständig öfter als einmal in der Woche zu baden. Um sauber für den Tag zu sein reiche es doch aus sich morgens nach dem Aufstehen gründlich zu waschen. Und, und, und... So würde das dann tagelang gehen! Nein lieber verzichtete er auf das zusätzliche Bad.
Doch heute morgen schon war ihm aufgefallen dass sie heute irgendwie anders war. Er hätte es nicht sagen können wie, aber er erfühlte einfach dass etwas anders war als sonst. Sie war heute harsch und barsch beim Frühstück das sie beide wie immer fast wortlos miteinander zu sich nahmen. Das heißt ihr Frühstück sah aber normalerweise anders aus. Das bestand aus reden, reden und nochmal reden. Über was, er hätte es nicht sagen können, er ärgerte sich nur unbändig!
Während sie am Frühstückstisch saßen schaute er erst gar nicht hin wie sie, so wie jeden Morgen, das aufgebackene Brötchen mit Butter in kleine Teile zerriss und es dann stückchenweise in den warmen Kaffee eintauchte um es dann ohne zu kauen am Stück hinunterschlang. Das Geräusch das sie dabei machte war empfand er als zutiefst abscheulich.
Aber er hatte sich angewöhnt es einfach nicht mehr zu hören. Ihr Kaffee war dann immer voller Fettflecken von der geschmolzenen Butter. Wie konnte sie den Kaffee so nur trinken? Es war ihm unbegreiflich. Aber er hatte Routine im nicht mehr hinschauen und hinhören und so verlief das Frühstück normalerweise unter ihrem sinnlosen andauernden Getratsche völlig bedeutungslos. Heute war es anders, sie redete nicht. Er bat alle Götter und Teufel darum dass sie sie, wenn auch nur für eine kleine Weile, mit Stummheit schlugen. Und wirklich, heute war sie fast still. Sie redete wirklich nur das was unbedingt notwendig war.
Er war beunruhigt, was war los mit ihr? Heute war das erste Frühstück seit Jahrzehnten bei dem sie fast still war! Nach dem Frühstück meinte sie nur kurz zu ihm, „du hast im Schlaf geredet“. Nicht mehr. Und sie blieb still bis zu der Zeit für ihren Mittagsschlaf. Danach tat sie etwas völlig unerwartetes. Sie wollte nicht schlafen, sie wollte baden. Heute war gerade einmal Mittwoch?! Warum brachte sie auf einmal seine Routine so durcheinander? War sie jetzt verrückt geworden? Nun gut das wäre so schlimm nicht, dann wäre sie endlich aus dem Haus.
Er hörte wie sie ins Bad ging und Wasser in die Wanne einließ. Das kleine Radio im Badezimmer dudelte wie immer wenn sie badete vor sich hin. Es war eigentlich genau wie an einem Samstag. Oder war er es der verrückt war? Sollte heute wirklich Samstag sein? Er ging in die Küche und schaute auf den Kalender. Nein es war Mittwoch! Und warum war sie so ruhig Gott verdammt nochmal?
Wenn er nachdachte, ...es war aber doch gleichgültig was sie tat. Er nahm sich sein Mittagessen und ging so wie immer raus auf den Balkon um es dort aufzuessen. Es interessierte ihn nicht mehr wo sie war und was sie tat.Dann trat er wieder in die Küche und trank wie immer nach dem Essen ein Glas Wasser und wollte ins Wohnzimmer gehen. Er hörte sie rufen, tat aber als ob er es nicht gehört habe und ging weiter um den Fernseher einzuschalten. Er musste das wirklich noch von Hand machen, weil sie der Überzeugung war dass die 'vielen Batterien' für die Fernbedienung sie zu viel kosten würden. Jetzt wurde ihr rufen lauter und schriller wie immer wenn sie ungehalten war. Nur um seine Ruhe zu haben ging er zum Bad und fragte durch die Türe, „was is?“. „Hilf mir, mir ist die Seife runtergefallen und ich komm so schwer aus der Wanne. Gib mir die Seife“ herrschte sie ihn noch abschließend durch die Türe an. Mit äußerstem Widerwillen öffnete er die Türe und versuchte sie nicht sehen zu müssen. Dann sah er die Seife auf dem Boden und hob sie auf. Er hielt ihr die Seife hin als wenn er einen Löwen aus der Hand füttern sollte und wollte sofort wieder raus aus dem Bad als sie die Seife nahm. Sie hielt ihn zurück und bat ihn das Radio auf dem Regal etwas lauter zu stellen.
Da er auf kurze Distanz nur noch schlecht sah, musste er das Radio vom Regal in die Hand nehmen um den Lautstärkeregler zu finden. Dann wollte er das Radio wieder zurückstellen und aus dem Bad verschwinden.
Dann auf einmal, er hätte nicht sagen können wie er auf den Gedanken kam, zuckte es wie ein Blitz durch seinen Kopf. Das war sein Moment! Dieser Moment jetzt, das war sein Augenblick der Einzigartigkeit den er sich immer so sehr herbei gewünscht hatte. Er sah in ihren Augen dass sie wusste an was er dachte und ganz furchtbar erschrak als ihr bewusst wurde, jetzt würde es geschehen.



©2019 by AlterMann. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von Andrea
Am 01.11.2019 um 11:43 Uhr

Spannenede Kurzgeschichte. Hat mir gut gefallen. Lässt ne Menge eigene Phantasie offen...
Gruß Andrea

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Es gibt 1 Kommentar


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