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Prosa => Krimi


Lasst die Vergangenheit ruhn Kapitel 35 - von Andrea, 18.02.2019
Kapitel 35



„ Major Schubert! Wir haben alles abgesichert. Der Bahnhof wird überwacht, das Krankenhaus beobachten wir auch und in sämtlichen Straßen patrouillieren unsere Leute. Er hat keine Chance Weimar zu verlassen.“
„ Sehr gut. Behaltet auch die Apotheke im Auge. Forst sah nicht gut aus. Er wird Medikamente brauchen. Solltet ihr Bolwik antreffen, so verlange ich von ihm eine sofortige Meldung bei mir. Er hat sich seit tagen nicht mehr Blicken lassen. Jetzt wo Forst die Seite gewechselt hat, brauche ich ihn dringend.“
Der Soldat, der soeben die Meldung überbracht hatte, salutierte vor seinem Vorgesetzten und verließ das Büro.
Schubert setzte sich. Mit einer Hand rieb er sein Kinn.
„ Was will er mit den Briefen?“ fragte er sich. „ Er hat soviel Riskiert um an die Kiste zu kommen, warum? Ist ihm der Brief seiner Mutter an mich so wichtig, dass er sein Leben aufs Spiel setzt?“
Wie lange Schubert so da saß und in die leere Schublade seines Schreibtisches starrte, war ihm nicht bewusst. Die Zeit verstrich und sein Magen fing an nach Nahrung zu rufen. Er reckte sich, wobei ein paar Knochen knackten.
„ Ich werde alt!“ grummelte er. „ Wird Zeit, dass Großherzog Carl Alexander sein Amt an mir überlässt.“
Draußen standen drei Wächter. Er hatte für mehr Sicherheit gesorgt. So etwas durfte nicht noch einmal passieren.
Die Soldaten nahmen sofort Haltung an, als sie ihn kommen sahen.
Er sagte nichts. Ging Stumm an ihnen vorbei.
Schubert war gerade auf der Höhe der Anna Amalia Bücherei, als ihn ein Uniformierter einholte.
„ Major Schubert!“ völlig außer Atem blieb er vor ihm stehen.
„ Wenn die Nachricht nicht Wichtig oder Interessant ist, sind sie degradiert!“ Er war wütend. Immer wenn er Hunger hatte bekam er schlechte Laune. Und jetzt, auf dem Weg zum Restaurant im Hotel Erbprinz hielt ihn einer der unbedeutenden jungen Soldaten auf.
„ Eine Einheit hat den Ilmpark durchsucht. Wir lassen keinen Fleck aus in Weimar. In der Grotte zum Badehaus fanden wir eine Leiche.“
Jetzt wurde Schubert neugierig. „ Was für eine Leiche? Raus mit der Sprache.“
„ Es handelt sich sehr wahrscheinlich um Herr Bolwik. Sie sollten ihn sich lieber selber ansehen und identifizieren.“
Er machte sofort kehrt und folgte dem Jungen in den Park.
Vor der Höhle standen mehrer seiner Leute.
„ Major! Es empfiehlt sich ein Tuch vor die Nase zu Halten. Es stinkt erbärmlich da drin. Er muss wohl schon länger tot sein.“ Der Soldat reichte ihm ein Tuch.
Schon nach den ersten Schritten in die Höhle hinein, war Schubert froh um den Nasenschutz.
Er war froh, dass er noch nicht gegessen hatte.
„ Tja, Bolwik. Das war es dann wohl.“
„ Er wurde mit einem Messer erstochen“, sagte eine Stimme hinter ihm.
„ Warum war er hier? Was hat er hier gesucht?“
„ Das wissen wir nicht.“
„ Dort steht eine Lampe. Er wollte also weiter rein in das Gewölbe. Zünden sie die Lampe an.“
Die kleine Flamme erhellte sofort den Gang zwischen den grauen Felsen.
Er hielt sie hoch, während er tiefer hinein ging.
Ein junger Soldat folgte ihm.
„ Sehen hier. Ketten. Blut an den Manschetten. Hier war jemand gefesselt.“
Er bückte sich nieder und entdeckte auf dem Boden ein paar lange schwarze Haare und ein abgerissenes Stück Stoff. Dem Muster zu urteilen gehörte es einer Frau.
Fußspuren waren zu erkennen, nicht nur von einer Person.
„ Mein alter Freund hatte sich also eine Frau in Gefangenschaft gehalten. Hätte ich ihm nicht zugetraut.“
Innerlich musste er lachen. Ein belustigender Gedanke, aber er wusste, dass es nicht so war, wie er es sich gerade ausmalte.“
„ Schafft die Leiche weg und riegelt hier alles ab.“
Noch mehr Puzzelteile die nicht zusammen passten.

Er ließ sich das Mittagsessen schmecken. Dieser kleine Zwischenfall, wie er ihn nannte, konnte seinen Appetit nicht verderben. Die Kellnerin war jung und hübsch. Ihr hochgestecktes Haar und der aufrechte Gang in den kleinen Pomps, reizten Schubert. Er blickte ihr hinter her. Beobachtete, wie ihr Po unter dem engen Rock hin und her wackelte. In seinen Mundwinkeln sammelte sich Speichel. Wie ein Hund, dem das Wasser im Mund zusammen lief beim Anblick eines Knochens, gierte er ihr nach.
„ Das wäre der perfekte Nachtisch!“ dachte er träumerisch.
Erst die Stimme eines Mannes ließ ihn aufschrecken.
„ Major Schubert!“ es war einer seiner treuesten Männer, der vor seinen Tisch trat und salutierte. Keinem Anderen hätte er erlaubt, ohne Anfrage sich ihm gegenüber zu setzen.
„ Gibt es etwas Neues!“
„ Jawohl“ er war froh sich setzten zu dürfen. In zwei Monaten erreichte er seinen sechzigsten Geburtstag. Die Knochen taten an allen Gelenken weh und die unzähligen Zigaretten raubten ihm die Kondition. Früher war er der Schnellste, jetzt blieb ihm der Atem weg, wenn er nur einen Kilometer schnellen Ganges zurück legte.
„ Ich habe einen alten Freund bei der Polizei. Er hat mir erzählt, dass dieser Frank Neumann vor kurzem festgenommen worden war. Eine Frau Namens Johanna Müller hat ihm geholfen wieder frei zu Kommen.“
Schubert überlegte, während er sich das Fett vom Schweinefleisch mit einer Serviette vom Mund tupfte.
„ Dieser Name kommt mir bekannt vor.“
„ Sie ist Reporterin.“
„ Klar, jetzt weiß ich es wieder. Diese Frau habe ich ganz vergessen, bei all den Problemen in letzter Zeit. Sie hängt also mit ihm zusammen. Wo wohnt sie?“
Er schob ihm einen Zettel zu und grinste, weil er wieder mal der beste Informant zu sein schien, den Schubert hatte.
„ Warum war Neumann in Haft?“
„ Er hatte in den Akten eines Arztes herum geschnüffelt und für Unruhe in der Praxis gesorgt.“
„ Was für Akten?“ Ungeduldig stocherte er nach. Sein Gegenüber genoss die Situation. Er zog die Spannung mit Absicht etwas in die Länge. Nach so vielen Jahren wusste er genau wie weit er gehen dürfte, ohne dass sein Chef einen Wutanfall bekam.
„ Er schien sich für eine Familie Namens Bruchner zu Interessieren. Vater Matthias, Mutter Magdalena und ihr Sohn Peter. Wohnhaft in Ulla.“
„ Das klingt sehr interessant. Wenn mir diese Nachricht weiter hilft, denke ich über eine Beförderung nach.“
„ Bei allem Respekt, Major! Ich bin schon sehr alt und werde langsam müde. Eine gute Bezahlung im Ruhestand wäre mir Belohnung genug.“
Die Kellnerin brachte den Kaffee und lenkte Schubert von einer Antwort ab.
Er ergriff ihr Handgelenk, beim Abstellen der Tasse.
„ Soll ich noch eine zweite Tasse für ihren Gast bringen? Fragte sie schüchtern. Der feste Griff an ihrem Arm war ihr unangenehm.
„ Nein, mein Gast möchte gerade wieder gehen. Aber du meine Zuckerfee, du kannst mir Gesellschaft leisten.“
„ Tut mir sehr Leid Herr Major, aber ich muss Arbeiten. Die Gäste bedienen.“
Mit einem kräftigen Ruck, zog er sie auf seinen Schoß. Sie fiel so ungelenk auf seine Knie, dass es ihr weh tat.
„ Wenn ich sage, dass ich dich vernaschen möchte, dann hast du zu spuren. Ich komme jeden Tag hier Essen, da habe ich ja wohl Privilegien in diesem Hotel.“ Seine Stimme klang hart und entschlossen. Sie konnte vor Angst nicht widersprechen. Blieb unbeweglich sitzen und ließ die Streicheleinheiten über sich ergehen.
Der alte Soldat war längst gegangen. Er wusste, wann es Zeit war zu verschwinden, außerdem wollte er Schubert nicht bei seinen Frauengeschichten zusehen.
Seine Finger glitten durch ihr Haar. Langsam tasteten sie sich bis zu ihren Brüsten. Sie biss sich auf die Unterlippe um nicht aufzuschreien.
Sollte sich das Ganze wiederholen?
Vor gut zwei Monaten, hatte er sie auf ein Zimmer geführt. Damals war sie noch angetan von ihm. Empfand seine Liebe als etwas ganz besonderes. Ein Major und dazu noch ein hoch angesehener Mann, der obendrein nicht mal schlecht aussah. Jetzt bereute sie diese Nacht mit ihm, denn ihr wurde bewusst, dass sie nicht die Einzige Liebe war. Doch zum Ablehnen war es zu spät. Auch sie hatte ihn in einem Brief ihre innersten Wünsche offenbart, wie alle seine Mädchen.
„ Es tut mir sehr leid, meine Süße, aber ich muss noch Arbeiten. Es gibt böse Menschen, denen ich das Handwerk legen muss.“ Es sprach zu ihr, wie zu einem kleinen Kind.
Sie war ein junges Ding, gut fürs Bett. Seiner Meinung nach viel zu Einfach. Außerdem hatten Frauen keine Ahnung von Politik. Das hatte er auch dieser Reporterin klar gemacht, die sich erdreistete, Fragen zu Stellen, deren Antworten sie nicht verstehen würde.
Die Kellnerin suchte schnell das Weite, als er sie von seinem Schoß schob.
Soll doch der Kaffee aufs Haus gehen, sie würde ihn nicht abrechnen.
Schubert schaute auf das Stück Papier, welches ihm sein Untergebener gereicht hatte. Die erste Adresse war eine Straße hier in Weimar, die zweite gehörte zu Ulla.
Draußen wartete schon sein Persönlicher Schutz. Zwei Soldaten, gut ausgebildet um ihn jederzeit vor Angriffen zu Schützen.
Einer davon war der Lange, der im Schloss auf Francis eingeschlagen hatte.
„ Kommt mit. Wir müssen eine Wohnung durchsuchen!“ befahl er ohne ein Widerwort zuzulassen.


Seine massige Gestalt rammte die Haustür im dritten Stock ohne Probleme auf. Holzsplitter flogen in den Flur. Die Tür hielt nur noch an einer Angel. Der Rahmen war gebrochen.
Im Schlafzimmer gab es nichts zu sehen, aber die Küche war interessant. Mit einem hämischen lächeln hob Schubert den Blutverschmierten Verband vom Boden auf, der Forst provisorisch vorm verbluten rettete.
„ Hier hast du dich also versteckt.“ Er murmelte es in sich hinein, während seine Begleiter an der Tür standen und ihn beobachteten.
„ Weit kann er nicht gekommen sein. Nicht mit dieser Wunde.“
„ Im Krankenhaus wurde schon nachgefragt, dort war er nicht“, sagte der Lange vorsichtig. Schlechte Nachrichten konnten zu schlechter Laune des Chefs führen.
„ Aber ohne ärztliche Hilfe wird er nicht auskommen. Wir werden uns zuerst um dieses Dorf Ulla kümmern, dann gehen wir dieser Spur hier weiter nach. Irgendwo muss sich auch diese Reporterin aufhalten. Ich habe so das Gefühl, dass sie die Frau war, die Bolwik in der Höhle gefesselt hatte.“
„ Nach einer Frau haben wir im Krankenhaus nicht gefragt.“
„ Dann macht das gefälligst!“ er schrie den kleineren der Beiden an. Ohne zu zögern drehte dieser sich um und rannte los. Wenn man bei Schubert nicht sofort reagierte, hatte man sich schnell eine Ohrfeige eingehandelt, oder Schlimmeres.
„ Du sattelst die Pferde. Wir reiten sofort los.“
Der Lange spurtete zu den Ställen. Er musste die Tiere fertig haben, bevor ihn Schubert einholte. Der Stallknecht kannte mittlerweile die Launen des Majors und half dem Soldaten beim Satteln.
Sie führten das Pferd des Majors nach draußen und stellten ein zweistufiges Treppchen an seine Seite.
Major Schubert stieg in den Sattel, wie es sich für seinen Rang gebührt. Er war ein guter Reiter. Nur leider blieb ihm wenig Zeit dafür. Stolz ritt er die Straßen Weimars entlang, gefolgt von sechs seiner Männer. Die Leute, die ihn sahen machten eine Verbeugung und staunten. Warum ritt ein Major mit einem kleinen Bataillon Soldaten mitten am Tag durch die Stadt.
Manche nickten und hoben ihre Hüte an. Einige Salutierten sogar, Andere drehten sich unauffällig weg. Schubert genoss die Aufmerksamkeit und schritt langsam voran. Erst auf dem Feld außerhalb der Stadt gab er dem Tier die Sporen und galoppierte los.


Peter hatte seinen Eltern in kurzen Sätzen erklärt, was er und Francis vor hatten. Er steckte den Brief seiner Mutter in die Innentasche der Jacke.
„ Bleib doch noch ein bisschen hier, Junge.“ Magdalena war besorgt. Sie streichelte ihm durchs Haar, wie bei einem Kleinkind. „ Ich habe eine Hühnersuppe gekocht. Iss wenigstens einen Teller, zur Stärkung!“
So eilig Peter es auch hatte, diesen Wunsch konnte er nicht ablehnen. Er sah in ihren Augen die Besorgnis.
Außerdem war ihre Suppe die Beste im ganzen Land.
„ Ihr müsst sehr Vorsichtig sein“, unterbrach Matthias die Stille in der Küche.
„ Ich weiß. Francis hätte es fast erwischt.“
Mit einem kurzen Aufschrei legte Magdalena die Hände an ihre Wangen. „ Oh mein Gott! Was ist passiert?“
Peter fluchte leise mit sich selbst. Warum hatte das gesagt?
„ Alles gut, Mama. Es ist nichts passiert.“ Während Magdalena sich erholte, war Matthias immer noch skeptisch. Er sah seinem Sohn an, dass dieser die Situation absichtlich verharmloste.
Es war Peter, der plötzlich in seiner Bewegung inne hielt, und aus dem Fenster starrte. Seine Eltern saßen mit dem Rücken zur Scheibe, aber Peter konnte die Straße sehen. Bevor der klang vieler Pferdehufe bis ins Haus reichte, sah er die Soldaten anrücken. Sein Löffel fiel in den Suppenteller.
Wie erstarrt saß er da mit aufgerissenen Augen.
„ Wie haben die mich hier gefunden? Das ist unmöglich!“
Matthias drehte sich zum Fenster hin. Auch ihm blieb fast das Herz stehen.
„ Du musst verschwinden. Schnell…Geh hinten raus und kämpf dich durch die Gärten.“
Er riss seinen Sohn am Ärmel vom Stuhl und schob ihn zur Hintertür. Für sein Alter hatte er noch sehr viel kraft.
„ Nein! Was ist mit euch? Ich kann euch nicht allein lassen.“
„ Wir kommen zu Recht. Los jetzt, verschwinde.“
Er hatte die Türklinke noch in der Hand, als vorne wild geklopft wurde. So schnell er konnte, war er zur Vordertür gelaufen. Er wollte nicht, dass Magdalena sie öffnete.
„ Ja doch, ich komme!“ er nahm eine gekrümmte Haltung ein. Wollte damit zeigen, dass er alt und langsam war und nicht sofort die Tür öffnen konnte.
Schubert nahm wenig Rücksicht darauf. Er schlug sie so hart auf, dass Matthias mit dem Rücken gegen die Wand prallte.
„ Da rein und hinsetzen!“ befahl er, wobei seine Reitgerte in die Küche wies.
Die Beiden gehorchten Stumm. Magdalena zitterte am ganzen Körper. Ihr Mann rutschte mit seinem Stuhl näher an sie ran und nahm legte seinen Arm um ihre Schulter.
Beide beobachteten den Major, der auf und ab ging, mit erhobenem Kinn und der Gerte unterm Arm.
„ Ich will es kurz machen. Wir suchen einen Verdächtigen, der sich für ihre Adresse interessiert hat. Sein Name ist Frank Neumann. Warum wollte er wohl euere Krankenakte einsehen?“
„ Ich weiß nicht wovon sie sprechen? Ich kenne keinen Mann mit diesem Namen!“ Matthias hatte mühe, sein Zittern in der Stimme zu unterdrücken.
„ Es ist doch sehr Merkwürdig! Warum muss ich immer erst Gewalt anwenden, bevor die Leute mit mir reden? Ich mache keine Ausnahmen, nur weil sie alt sind. Der letzte, der mich enttäuscht hat, läuft jetzt mit nur einem Ohr herum. Also reden sie!“
„ Es tut mir wirklich leid. Ich weiß nichts!“
Die Gerte traf sein Gesicht so schnell, dass nicht mal ein geübter Kämpfer sich hätte abducken können. Ein roter Striemen bildete sich sofort vom rechten Auge über die Nase bis zum Kinn. Schützend stellte er sich vor Magdalena.
„ Und wenn sie mich tot schlagen, ich kenne diesen Mann nicht.“
„ Oh, den Gefallen kann ich ihnen gerne machen.“ Schubert lugte an Matthias vorbei.
„ Schade, dass sie so alt ist. Eine junge, hübsche Dame hätte sich gelohnt.“
„ Sie können das ganze Haus durchsuchen, ziehen sie jede Schublade raus, ich werde mich nicht wehren, aber lassen sie bitte meine Frau in Ruhe.“
„ Sie haben doch einen Sohn, ist das Richtig?“
„ Ja! Er ist aber nicht hier.“
Er gab seinen Soldaten mit Kopfnicken zu Verstehen, dass diese das Haus durchsuchen sollten. Sofort schwärmten sie in alle Zimmer aus. Porzellan zerschellte am Boden, Schubladen zersplitterten beim Aufprall, Wäsche flog durch die Luft. Sie rissen die Betten hoch, bis diese Umkippten, durchwühlten jeden Schrank. Auch in der Küche musste so einiges an Geschirr dran glauben.
„ Melde gehorsam, nichts gefunden.“
Schubert zog schnaubend die Luft tief in seine Lunge. Er stieg über das Chaos hinweg in die Stube und blickte sich selber noch mal um. „ Was hat der Kerl hier gewollt?“ murmelte er. Mittlerweile hatten sich die Einwohner von Ulla gegenüber auf der Straße versammelt und sahen dem Treiben zu. Am liebsten hätte er die beiden Alten umgebracht. Sie erst mal gequält und dann…Aber es gab zu viele Zeugen. So ein öffentliches Massaker konnte er sich nicht leisten.
Er sah zu Boden und entdeckte ein Familienfoto. Das Glas war gesprungen und der Rahmen kaputt. Mit einem Griff hatte er das Bild aus der Umrahmung befreit und starrte wie gebannt darauf.
Matthias wusste, was jetzt in dem Kopf des Majors für Fragen aufkamen.
„ Wer ist der Junge auf dem Bild?“
Mit gesenktem Kopf blieb Matthias in der Tür stehen.
„ Unser Sohn, Peter“, flüsterte er leise.
„ Wollen sie mich auf den Arm nehmen?“
Matthias ärgerte sich, weil er vergessen hatte das Bild zu verstecken. Sollte jetzt alles ans Licht kommen?
„ Der Junge Mann auf diesem Bild ist Frank Neumann. Erklären sie mir mal, wie er hier auf dieses Foto kommt?“
Angestrengt dachte Matthias nach. Wie viel wusste dieser Major? Anscheinend noch nichts über Zwillinge und wahrscheinlich auch nicht, dass er der leibliche Vater von diesem Jungen war.
„ In Ordnung. Ich rede. Das ist Frank. Ein Sohn meiner Schwester. Er war für einige Zeit bei uns zu Besuch.“
„ Da habt ihr gleich ein Familienfoto gemacht? Auf welchem Bild ist euer Sohn Peter zu sehen?“ er knallte Matthias ein Album vor die Füße, welches einer seiner Soldaten im Schrank gefunden hatte.
„ Na los! Ich will ein Bild von Peter sehen!“
Die Aufnahmen im Album waren zu eindeutig. Vom Babyalter bis zum jungen Mann. Hier etwas zu leugnen hatte keinen Zweck mehr.
„ Ich verstehe das nicht!“ Die Kiefermuskeln zuckten. Zähneknirschend betrachtete Schubert jedes einzelne Bild.
„ Das kann nicht sein. Es gibt einen Frank und es gibt einen Peter…“langsam hob er den Kopf.
„ Soll das heißen, es gibt zwei von Ihnen, Zwillinge?“
Jetzt war es raus. Der Fall gelöst.
„ Ich habe Zwillinge!“ murmelte er und konnte es immer noch nicht fassen.
„ Sie haben diesen Jungen die ganze Zeit vor mir versteckt?“ er kam Matthias so nahe, dass dieser rückwärts ausweichen musste.
„ Sie haben es gewusst und mich wissendlich in die Irre geführt?“ beim anbrüllen schossen kleine Partikel Spucke aus seinem Mund.
Matthias wischte sich angeekelt das Gesicht mit seinem Hemdsärmel ab.
„ Dafür kann ich sie erschießen lassen!“ er drehte sich zu seinen Männern um, die in einer Reihe hinter ihm standen.
„ Nehmt die Beiden fest. Bringt sie ins Gefängnis nach Weimar. Sie werden schon noch ihre Strafe dafür bekommen.“
Die ganze Nachbarschaft sah zu, wie Matthias und Magdalena abgeführt wurden. Ihre Freundin Rosemarie war ebenfalls unter den schaulustigen. Sie schlug sich die Hände vors Gesicht. Niemand traute sich etwas zu sagen.
Gerüchte machten ihre Runden und schon bald war dieses Ereignis das Dorfgespräch.


Peter konnte einfach nicht weg laufen. Er schlich um das Haus herum und versuchte durch ein Seitenfenster, etwas zu erblicken. Aber das Fenster gehörte zu einer Abstellkammer und er sah nur Einmachgläser und Kartoffeln. Vor dem Haus hatte sich bereits die gesamte Nachbarschaft versammelt. Am Straßenrand saßen spielende Kinder. Sie hatten wenig Interesse an dem Geschehen im Haus. Sie waren mit sich und ihren Glaskugeln beschäftigt.
Peter kannte sie. Nach einem anstrengenden Arbeitstag hatte er oft etwas Abwechslung gebraucht und mit ihnen Fußball gespielt. Vorsichtig kniete er sich zu ihnen, den Blick immer vom Haus abgewandt um nicht erkannt zu werden.
„ Hallo Karl, “ sprach er einen der Kinder an.“ Ich gebe dir zehn Pfennig, wenn du mir deine Mütze leihst.“
Er kramte in seiner Hosentasche und holte die Münze hervor. Karl bekam große Augen. Seine Freunde staunten ebenfalls. „ Für wie lange?“
„ Du bist ein guter Geschäftsmann. Legst gleich die Bedingungen fest. Schau einfach heute Abend hinter diese Mauer, dort werde ich sie hin legen.“
„ Okay, das ist ein Handel.“ Peter musste schmunzeln über die Keckheit des Jungen. Er setzte die Baskenmütze sofort auf. Natürlich war sie etwas zu klein, aber das fiel kaum auf. Nicht jeder konnte sich Neues Leisten, wenn das Alte kaputt oder zu klein war. Er schob die kurze Krempe so weit wie möglich über die Augen und stellte sich hinten an. Er wollte sich auf keinen Fall in die Menge mischen, sonst hätte ihn sicher jemand angesprochen und verraten.
Sein Herz blieb fast stehen, als er Matthias und Magdalena inmitten der Soldaten heraus kommen sah. Sie schoben sie grob vor sich her, als wären sie Schwerverbrecher.
Dabei haben sie doch nur das Leben eines Kindes gerettet. Dafür hätte sie einen Orden verdient.
Es wurden noch Gespräche geführt, aber Peter verstand kein Wort. Er stand zu weit weg und die Leute vor ihm unterhielten sich ebenfalls.
Anscheinend mussten zwei Soldaten zu Fuß mit den Beiden Gefangenen hoch zur Bahn laufen. Schubert nahm ihre Pferde mit, als er das Dorf hoch zu Ross verließ.
Für einen kurzen Moment dachte Peter über einen Angriff nach. Er könnte die zwei Soldaten überraschen und seine Eltern befreien, aber was dann? Wo sollte er sie verstecken? Mutter würde das nicht verkraften. Genauso wenig wie die Verhaftung. Egal, wie Peter sich entschied, es war für das alte Ehepaar kaum zu verkraften.
Die Menschen Gruppen vor seinem Haus lösten sich langsam auf. Jeder ging wieder seiner Arbeit nach.
„ Peter! Es tut mir so leid, was mit deinen Eltern passiert ist. Aber warum hat man sie verhaftet?“ die kräftige, laute Stimme der Bäuerin aus der Nachbarschaft klang über die Straße. Sie hatte Peter erkannt und meinte es ja nur gut, aber damit war seine Tarnung aufgeflogen.
Automatisch schaute er zu den Soldaten, die mit seinen Eltern gerade gehen wollten. Sie starrten zurück. Sekunden vergingen. Peter blieb wie angewurzelt stehen. Hatten sie ihn erkannt? Wussten sie überhaupt wer er war? Die Soldaten rührten sich ebenfalls nicht vom Fleck.
War dies der Mann den Schubert suchte? Wurde sein Name nicht eben noch im Haus genannt?
Peters Instinkt rief zur Flucht. Matthias faltete die Hände und murmelte, „ lauf Junge…“
Es war schnell geklärt, wer von den beiden Soldaten der schnellere war. Er spurtete los und kam tatsächlich beachtlich auf eine sportliche Höchstleistung.
Auf der Hauptstraße hätte Peter kaum eine Chance gehabt. Aber er kannte sich in seinem Heimatdorf aus und das war sein großer Vorteil. Er sprang über die Kirchenmauer und warf dabei die Mütze ab. Er hatte es dem Jungen versprochen, außerdem war sie hinderlich beim Laufen. Ein unscheinbarer Weg führte um die kleine Kirche herum. Dahinter befand sich ein runder Platz. Peter steuerte die schmale Gasse an. Dort war eine Mauer so zerschunden, dass er ohne Mühe an ihr raufklettern konnte. Er zog sich an einer Dachkante hoch um sich flach auf ein altes Scheunendach zu legen. Hier oben hatte er oft mit seinen Freunden gesessen und Karten gespielt. Weit weg von den Augen der Eltern und einen weiten Blick übers Dorf. Er hatte sich gerade auf den Bauch fallen lassen, da kam der Soldat schon um die Kirche herum. Er blieb auf dem runden Platz stehen. Peter beobachtete ihn.
Seine scharfen Augen suchten alle Richtungen ab. Er musste ein Spitzensportler sein. Während Peter kaum zu Atem kam, schien ihm der Lauf gar nichts an Anstrengung gekostet zu haben. Ruhig stand er da und überlegte.
Vorsichtig robbte Peter zurück. So weit wie Möglich aus dem Sichtfeld des Feindes. Es schien ihm, die Zeit wäre stehen geblieben. Doch sie lief weiter und endlich entschied sich der Verfolger zum Rückzug. Er konnte unmöglich allein alle Wege absuchen.
Erleichtert atmete Peter auf. Er musste jetzt wohl zu Fuß nach Weimar laufen. Fünf Kilometer war keine Bedenkliche Strecke. Er kannte ja die Wege durch die Felder.
Wenn er wieder bei Francis war und sie beide Briefe dem Großherzog überreichten, wäre alles wieder in Ordnung. Auch seine Eltern müssten dann Frei gesprochen werden, denn sie hatten nichts Falsches getan.
Er erreichte die alte Hütte bei Dämmerung. Kein Licht brannte. Die Tür stand halb offen. Wieder eine Falle?
Durch die kaputten Bretter waren genügend Schlitze um hindurch sehen zu können.
Niemand da.
Beim Eintreten fiel ihm sofort auf, dass auch Forst fehlte. Auf dem Lager an der Wand hatte jemand gelegen, aber nun war es leer.
Er fand eine Flasche Jod und Verbandsmittel auf dem Tisch.
„ Vielleicht ging es ihm Schlechter und Francis musste ihn ins Krankenhaus bringen“, dachte er, aber sein Gefühl sagte etwas anderes. Nie hätte Peter gedacht, dass er so was wie einen ausgeprägten Instinkt hatte, aber wie schon in den letzten Tagen spürte er immer, wenn etwas nicht Stimmte.
Anstrengend dachte er nach. Was sollte er nun tun? Hier warten? Vielleicht war Francis mit Forst doch zum Krankenhaus gegangen. Er wanderte in der Hütte auf und ab. Mit seiner Schuhspitze trat er dabei einen kleinen Stein von sich weg. Er versuchte damit Ziele zu erreichen. Ein Tischbein, Die Papiertüte, die auf dem Boden lag. So vergingen die Minuten und nichts geschah. Schließlich gab er dem Stein fluchend einen heftigen Kick. Ein Seitenfenster hatte noch ein paar Ecken seiner einstigen Scheibe im Rahmen. Eine dieser Scherbe zerbrach, als der Stein sie traf. Klirrend fielen Glassplitter zu Boden. „ Treffer! Obwohl ich nicht mal gezielt habe.“ Peter sprach laut um die Stille zu brechen.
„ Ich habe keine Geduld hier zu warten.“
Er wollte das zerfallene Haus gerade verlassen, da fiel ihm der Brief wieder ein. Es war sicher nicht Klug, damit durch die Gegend zu laufen. Ein so wichtiges Beweismittel sollte gut geschützt sein. Er sah sich um und entschied sich, ihn unter der Tischplatte zu verstecken. Zwischen Rahmen und Tischbein war eine Spalte. Dort ließ sich das Papier leicht einklemmen. Vorsichtshalber steckte er die Jodflasche und die Verbände in die Papiertüte, knüllte diese und legte sie in eine Ecke. Sie lag nun dort wie ein Stück Abfall. Müll, den Niemand bereit war zu entsorgen. Auch die Ablage auf der Forst gelegen hatte, drehte er um, damit die Blutflecke nicht zu sehen waren. Es sollte nicht den Eindruck machen, dass hier vor kurze Jemand gehaust hatte. Sollte sich doch Jemand hierher verirren, dann waren Blut und Verbandszeug sicher ein Grund die Polizei zu rufen.
Peter versuchte über Nebenwege das Krankenhaus zu erreichen. Es kostete ihm zwar eine halbe Stunde mehr, aber es war sicherer. Vor dem Haupteingang gab es nichts Auffälliges zu sehen. Zwei Patienten im Rollstuhl genossen die angenehm frische Luft. Die sie wohl auch dringend brauchten, dachte Peter beim Anblick der blassen Gesichter.
Freundlich nickend ging er an ihnen vorbei in die Empfangshalle.
Alles ruhig!
Ob die nette alte Krankenschwester wohl Dienst hatte?
Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Tresen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Er konnte es sich nicht erklären, aber die Luft war zu schwer. Das Atmen machte mühe und sein Puls pochte.
Gerade entscheid er sich zu gehen, da tauchte ein Mann aus dem Hinterzimmer auf. Er kam langsam auf den Tresen zu. Sein weißer Arztkittel war zugeknöpft, aber Peter erkannte gleich, dass er ihm viel zu eng war. Die Knöpfe drohten abzuspringen über der geballten Brust.
Verlegen lächelte Peter ihn an und drehte sich zum Ausgang um. Doch seine Chance war vertan. Von zwei Seiten traten sie auf ihn zu. Männer in Uniformen. Gehorsame Soldaten, die unter Schuberts Befehl standen.
Das Adrenalin schoss ihm durch die Adern. Er dachte an Kampf, an Flucht, aber Beides war Zwecklos. Zum Kämpfen war er nicht geboren und zum fliehen war es zu spät. Bis hier her hatte er es geschafft. War den Wachen in Ulla entkommen und saß nun in Weimar in der Falle.
Sie packten ihn grob an den Armen. Drehten sie zu einem Hebel auf den Rücken und sorgten dafür, dass er sich keinen Millimeter mehr ohne Schmerzen bewegen konnte.
Der Mann im viel zu engen Kittel trat auf ihn zu und musterte ihn gründlich.
„ Das ist er!“ sagte einer der Soldaten.“ Ich habe deinen Bruder gesehen und er sieht tatsächlich genau so aus. Ist schon eine merkwürdige Sache…Zwillinge. Habe noch nie zuvor welche gesehen.“
Der falsche Arzt tastete ihn ab. Er untersuchte jede Tasche und fasste ihn sogar am Hoden. Peter zuckte zusammen.
„ Ist es dir unangenehm? Du bist nicht der Erste, den ich abtaste.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu, “ und deine Hoden sind beiweiten nicht die größten, die ich in der Hand hatte.“
Peter schluckte. Schweiß tropfte von seiner Nasenspitze. „Die Größe der Hoden hat nichts mit Intelligenz zu tun. Sie sind da wohl der Beste Beweis. Unten dick gepolstert aber oben nichts als Luft!“ Diese Bemerkung brachte ihm einen Schlag in die Magengrube ein. Hustend beugte er sich vor, aber dadurch verursachte der Armhebel einen stechenden Schmerz. Ihm blieb nur das hochziehen eines Beines um den verkrampften Magen zu entspannen. Beim Schlag sprangen zwei der angespannten Knöpfe vom Kittel ab. Wütend zog er diesen aus und warf ihn hinter die Theke.
„ Mir hatte die Rolle als Arzt gut gefallen. Sämtliche Patienten sind darauf reingefallen. Schade, dass ich wegen dir den Kittel ruiniert habe. Damit hat man mindestens soviel Ansehen wie mit einer Uniform. Aber kommen wir mal zum Kern.“ Drohend trat er bis auf wenige Zentimeter an Peter heran. „ Wo ist dein Bruder?“
„ Das weiß ich nicht.“ Der zweite Schlag kam noch heftiger. Aber vielleicht fühlte er sich auch nur heftiger an, weil sein Magen den ersten Schlag noch nicht verwunden hatte.
„ Ich weiß es wirklich nicht. Deshalb bin ich doch hierher gekommen. Ich dachte, er…“
„ Was dachtest du?“
Peter blieb stumm. Auf keinen Fall wollte er Forst mit reinziehen.
„ Ich glaube, dass Major Schubert dich besser befragen kann. Er ist schon ganz neugierig auf dich. Ich weiß zwar nicht, was ihm an dir so liegt, aber aus irgendeinem Grund sucht er wie Wild nach dir und deinem Bruder.“
Er schlug so plötzlich zu, dass Peter seine Faust nicht mal hat kommen sehen. Ein schwarzer Schleier umhüllte ihn und trug ihn in eine andere Welt.
Ohne Licht und Schmerzen.



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