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Lasst die Vergangenheit ruhn Kapitel 33 und 34 - von Andrea, 01.02.2019

Kapitel 33



Peter drehte sich nervös zu Forst hin. „ Das dauert viel zu lange. Er müsste längst wieder draußen sein.“
Auch Forst spürte, dass an ihrem Plan etwas schief gelaufen sein musste. Noch immer geschwächt, saß er auf der Bank, die Hände verkrampft zu Fäusten.
„ Du hast Recht. Es wird zeit für Plan B.“
„ Plan B? „ Peter sah ihn verwundert an. „ Seit wann haben wir einen Plan B?“
„ Ich bin Profi, schon vergessen? Ich überlasse nie etwas ganz dem Zufall. Da ist was schief gelaufen und ich werde jetzt dazwischen gehen.“
Er schlug seinen Mantel auf und zog ein Gewehr hervor.
Peter schluckte. Er hatte noch nie eine Waffe von so nahe gesehen.
„ Was ist das?“ stotterte er.
„ Eine Mauser 98K. Ein zuverlässiges Gewehr mit verkürztem Lauf. Die habe ich aus meinem Versteck geholt, bevor wir uns hier trafen. Ich sagte ja schon, man muss immer einen Plan B haben.“
„ Willst du damit einfach dort reinmarschieren?“
„ Haben wir eine andere Wahl? Peter, du bist die letzte Hoffnung, wenn alles schief läuft. Es beruhigt mich, zu wissen, dass ich nicht umsonst sterbe, sollte das der Fall sein, wirst du ihn stürzen.“
Sein Gesicht verlor schlagartig jede Farbe. Bleich wie ein Gespenst starrte Peter ihn an.
„ Wenn du und Francis es nicht schaffen, dann werde ich sicher nicht der Held sein, für den du mich hältst.“
„ Doch, der bist du!“ lächelnd legte Forst seine Hand auf Peters Schulter. „ In dir steckt ein Held, du musst ihn nur raus lassen.“
Er ging noch etwas wackelig, aber er versuchte es möglichst zu überspielen. Forst war kein Mann, der Schwäche zeigte.
Fest entschlossen trat er durch den Haupteingang.
Ein Wächter an der Tür war so überrascht, dass dieser nicht mal reagieren konnte. Viel zu schnell traf ihn der Schaft des Gewehrs am Kinn. Sein Körper drehte sich einmal um die eigene Achse. Bewusstlos sank er zu Boden.
Forst nahm das Gewehr hoch. Der Lauf folgte seinen Augen, die jeden Zentimeter seiner Umgebung absuchten.
Weil sein Zeigefinger keine Waffe mehr abdrücken konnte, hatte er sich am Abzug einen Metallstift dran geschweißt. Dieser stand so weit ab, dass er ihn nur nach hinten ziehen musste. Er hatte lange mit dieser Mauser 98K geübt und kam mit seiner Behindertenhilfe gut zurecht.
Um die Waffe nicht ablegen zu müssen, stieß er die Tür mit dem Fuß auf. Sie war nur angelehnt und flog jetzt an ihren Angeln in den inneren Teil des Raumes.
Schubert blickte über seine Schulter. Seine Soldaten waren mit Francis beschäftigt. Sie hielten ihm ein Messer an die Kehle und zögerten noch. So ein Schnitt würde viel Blut raus spritzen lassen. Der lange Hagere hatte sorge um seine Uniform und dachte über eine andere Möglichkeit der Eliminierung nach. Der Kleinere schlug schon Genickbruch vor und klammerte Francis von hinten den Kopf ein.
„ Lasst ihn sofort los!“ klang die Stimme von Forst wie ein Befehl. Er war erstaunt, Schubert anzutreffen. Hatte er ihn doch zum Mittagessen fort gehen sehnen. Aber Forst konnte seine Gefühle unter Kontrolle halten und ließ sich die Überraschung nicht anmerken.
„ Mein Getreuer Freund Konrad Friedrich Forst.“ Heuchelte Schubert. „ Was führt dich den zurück zu mir, Sehnsucht?“
„ Sag deinen Männern sie sollen Francis los lassen oder ich schieß dir die Rübe vom Kopf.“
„ Nanana… was für eine Ausdrucksweise. Ich hatte dich für zivilisierter gehalten.“ Ein hämisches Grinsen lief ihm übers Gesicht. Er hob seine Hand und wies damit auf Francis.
„ Darf ich dir meinen Sohn vorstellen? Sieht er mir nicht ähnlich?“
Die beiden Soldaten verfolgten das Gespräch.
Francis nutzte ihre Abgelenktheit und rammte dem Vorderen sein Knie in die Weichteile. Stöhnend sank dieser zu Boden. Der Schmerz kam so unerwartet, dass er nicht mehr zu einer Gegenwehr fähig war. Dem Hinteren stieß Francis erst den Ellbogen in die Rippen. Als sich sein Griff dadurch lockerte, bekam er noch Francis Hinterkopf mit voller Wucht gegen seine Nase.
Schubert stand auf der anderen Seite des Schreibtischs. Er konzentrierte sich ganz auf Forst, denn dieser bedrohte ihn mit einem Gewehr.
Francis sprang über den Schreibtisch und nutzte den Schwung zu einem Tritt, der seinen Feind nach vorne torkeln ließ. Ein zweiter etwas tiefer angesetzter Fußkick, riss ihm die Beine weg. Er sprang sofort hinterher und schlug auf ihn ein.
„ Hör auf! Francis, hör auf. Es sind zu viele Zeugen hier. Wenn du ihn umbringst, kannst du nie wieder zurück in deine Heimat.“
Laut schnaufend hielt er inne.
„ Glaub mir Junge, ich täte nichts lieber als jetzt abzudrücken. Sieh mich an. Meine Hände, mein Ohr. Er hat einen Krüppel aus mir gemacht, aber ich bin nicht gewillt für ihn ins Gefängnis zu Wandern. Lass uns verschwinden, so lange es noch geht.“
Francis raffte sich auf. Er stützte sich am Schreibtisch ab, ging um diesen herum und zog die Schublade auf.
Das Kästchen nahm er heraus und folgte Forst. Sie rannten so schnell ihre Verletzungen es zuließ, zum hinteren Ausgang. Forst war sich nicht sicher, ob der Wächter vorne sein Bewusstsein wieder erlangt hatte.
Die zwei jungen Männer an der Hintertür sahen nur kurz auf, als die Beiden an ihnen vorbei liefen. Sie drückten ihre Zigaretten aus und zuckten mit den Schultern.
„ Was war das denn?“ fragte der Eine. „ Lass uns lieber rein gehen. Wir haben nichts gesehen, Okay?“ Sie waren sich einig. Sonst müssten Beide mit einer Strafe rechnen, wo sie doch erst seit einem Monat im Dienst waren.
„ Weg hier!“ rief Forst schon von Weitem.
Peter zog die Augenbrauen hoch. Er sah seinen Bruder hinter Forst her humpeln.
„ Was ist Passiert?“
„ Frag nicht. Lass uns verschwinden. Wir haben die Kiste.“
Sie liefen gemeinsam zu Johannas Wohnung. Oben angekommen, brauchten sie einige Minuten um wieder zu Atem zu kommen.
„ Hier können wir nicht bleiben. Sie wissen von Johanna. Packt das Nötigste ein und wir verschwinden.“
„ Aber was ist mit Johanna?“ Peter machte sich Sorgen.
„ Sie ist erst mal im Krankenhaus gut aufgehoben.“
Francis hatte nicht viel an Gepäck. Es war schnell verstaut in einer Tasche.
„ Ich habe da so ein paar Unterschlüpfe. Folgt mir.“
Forst durchquerte Gassen, die Francis bisher noch nicht kannte.
Sie zwängten sich durch einen kaputten Zaun, überquerten die Bahnschienen und kamen zu einer alten abbruchreifen Hütte inmitten von Mannshohem Unkraut.
„ Stört euch nicht an den Schmutz. Hier sind wir erst mal Sicher. Schubert wird jetzt alles in Bewegung setzen um uns zu finden.“
Er drückte die von Wind und Wetter verrottete Tür auf. Das sie nicht in ihre Einzelteile zerfiel war schon verwunderlich.
Drinnen befanden sich ein paar Stühle und ein verstaubter Tisch.
Die Fensterscheiben fehlten. Man hatte sie notdürftig mit Brettern zugenagelt um es drinnen Winddicht zu halten Dadurch war auch ein Sichtschutz errichtet, sollte doch jemand sich hier her verirren. Sonnenstrahlen drangen nur dürftig durch die Ritzen. Es war duster und kühl im Inneren.
Eine Karbidlampe stand auf dem Tisch. Als Forst an das kleine Rädchen drehte, tropfte Wasser aus der Lampe und es entzündete sich eine Flamme. Francis hatte so was schon mal gesehen und er fand es immer wieder interessant.
„ Wir müssen jetzt schnell handeln. Schubert wird jeden Stein in der Stadt umdrehen um uns zu finden.“
Peter stand noch in der Tür. Er hatte sich mit der Situation noch nicht abgefunden.
„ Er sucht nach uns Beiden!“ sagte Peter verzweifelt.
Francis Blick wanderte zu ihm hin.
„ Von dir weiß er gar nichts. Ich habe ihm gesagt, dass er mein Vater ist. Niemand weiß von Zwillingen.“
„ Du hast es ihm gesagt? Warum? Das war unsere höchste Trumpfkarte gegen ihn!“
„ Ich war wütend. Er hat mich geschlagen und wollte Informationen, da habe ich es eben raus gelassen. Ist jetzt auch ganz egal....wir haben immer noch Mutters Brief.“
Bedacht stellte er das Kästchen auf den Tisch. Sein Herz schlug schneller beim Öffnen. Immerhin lag dort ein Stück ihrer Vergangenheit drin. Ein Teil ihres Lebens.
Es lagen viele Briefe darin. Kopfschüttelnd nahm er heraus und legte er sie vorsichtig beiseite.
„ Dieses Eckel hat die Mädchen verführt und sie dann wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Schaut mal wie viele es sind. Forst hatte einen geöffnet und überflog die Zeilen. „ Dieser hier ist noch keine drei Monate alt. Er treibt das Spielchen immer noch mit ihnen, “ nach einer bedenklichen Pause stellte er fest,“ und ich habe nichts davon gewusst. Bin wohl doch kein so guter Detektiv.“
„ Jetzt nur kein Selbstmitleid, “ ging Francis dazwischen.“ Er wird dir wohl kaum sein Liebesleben offenbart haben. Oder warst du jeden Abend in seinem Schlafgemach?“
„ Hier ist der Brief, den wir suchen.“ Peter hatte sich dazu gesetzt und untersuchte ebenfalls den Inhalt.
Er öffnete den Umschlag. Ein zartes rosa Papier hielt er in Händen. Francis sah, wie er mit den Tränen kämpfte, beim durchlesen. Er wollte ihn erst auffordern laut zu lesen, doch dann kam es ihm nicht Richtig vor. Diese Liebeserklärung muss man für sich allein lesen und wirken lassen.
Marion wusste zu der Zeit noch nicht, dass sie eine von vielen war. Das er sie beschämen und auslachen wird. Das dieser Brief in einer Kiste landet, in der schon so viele liegen und noch mehr dazu kommen werden. Francis wollte sich gar nicht erst vorstellen, wozu Schubert diese Briefe brauchte. Ob er sich daran in seiner Männlichkeit gestärkt fühlte?
„ Ich glaube, sie war eine gebildete Frau. Sie schreibt mit so viel Stiel.“
„ Gib mal her.“ Francis wollte ihn lesen, aber sein zu geschwollenes Auge ließ die Buchstaben verschwimmen. Das Andere tränte deswegen und er legte den Brief erst mal beiseite.
„ Wo ist der andere Brief? Der, den sie an euch geschrieben hat?“ Forst drückte seine Hand auf die Wunde am Kopf. Sie pochte. Er glaubte sein Kopf zerplatze gleich.
„ Der ist zuhause in Ulla.“ Besorgt sah ihn Peter an.
„ Deine Wunde blutet wieder. Du musst zu einem Arzt.
„ Erst jetzt spürte Francis auch seine Rippen. Wahrscheinlich ließ das Adrenalin nach.
„ Du musst ihn holen. Er ist dort nicht sicher. Außerdem ist er unser Beweisstück um Schubert endlich los zu werden.“
„ Da er nicht nach mir sucht, fahre ich gleich mit dem Zug nach Hause. Was machen wir, wenn wir beide Briefe haben?“
„ Unsere einzige Hoffnung liegt beim Großherzog. Er ist der Mann, der Schubert bestrafen kann.“
„ Also, wenn wir alles haben, gehen wir zu ihm hin und legen unsere Beweise auf den Tisch.“
„ Wenn das so einfach wäre“, stöhnte Forst.
„ Du kennst mich mittlerweile“, gab Francis dazu, „ ich mache mir keine Gedanken, um irgendwelche Richtlinien hier. Ich gehe zu dem Mann hin und erkläre ihm alles. So einfach.“
Forst hatte die letzten Worte nicht mehr gehört. Er kippte vom Stuhl. Sein Körper zitterte wie bei einem Drogen abhängigen der auf Entzug war.
„ Er hat Fieber!“ stellte Peter fest, „ er muss ins Krankenhaus!“
„ Das geht nicht. Dort wäre er für Schubert ein leichtes Opfer.“
„ Wir müssen doch etwas tun?“ Peter war verzweifelt. Er hatte wohl nie richtig gelernt, mit Problemen umzugehen. Francis dagegen wurde früh Verantwortung übertragen. Er musste schon als junger Bursche sämtliche Schwierigkeiten alleine lösen. Sein Vorarbeiter Sloter half ihm erst, wenn er wirklich nicht mehr weiter wusste. Damals war er wütend darüber, aber er hatte schnell gelernt, dass er nur auf diese Weise Verantwortung lernen konnte um ein guter Rancher zu werden.
„ Du fährst erstmal den Brief holen, ich kümmere mich um Forst.“
„ Was hast du vor?“
„ Ich habe da schon eine Idee. Du konzentrierst dich auf deine Aufgabe. Pass gut auf, er weiß zwar nichts von deiner Existenz, aber du siehst mir natürlich verdammt ähnlich.“
„ Ich werde mich einfach nicht mehr rasieren.“
Francis lachte, „ Dann musst du aber Haarwuchsmittel benutzen. Sonst dauert es viel zu lange bis dir ein Bart steht.“




Kapitel 34


Peter fuhr nach Ulla. Er fühlte sich sicher. Die Spur zu ihm und seinen Eltern war jetzt umgelegt und führte zu Francis. Einem eingereisten Amerikaner. Die würden nie auf die Idee kommen, ihn zu verfolgen.
Francis bettete Forst auf das abgelegene Lager in der Ecke. Die Hütte war einfach abriss reif.
Auf dem Querbalken unterm Dach saßen Tauben, die über die neuen Hausbesetzter nicht glücklich waren. Ständig kreisten sie herum um gurrten. Überall lag ihr Kot verteilt und Fliegen erfreuten sich daran.
Er verließ die Hütte. Von hier aus war es nicht weit zum Krankenhaus. Die Eingangshalle war leer, nur hinterm Tresen stand wieder die Schwester, der er vor Tagen schöne Augen gemacht hatte. Diesmal sollte sich dass mit den Augen wohl erübrigt haben. Etwas Eis für die Schwellung wäre gut gewesen.
Sie erschrak, als sie ihn erkannte.
„ Du meine Güte, was ist ihnen denn passiert?“
„ Bin mit einem Pferd zusammen gestoßen, “ sagte er und versuchte zu lächeln.“ Sie waren damals so nett zu mir, da dachte ich…“
Sie sah sich nach allen Seiten um und winkte ihn hinter die Theke.
„ Kommen sie. Ich sehe mir das mal an.“
Farncis hatte bewusst sein Hemd weit offen. Sie war so leicht zu verführen, dass er fast an Schubert denken musste, aber dieses Scheusal nutzte junge Mädchen ganz anders aus.
Sie schien zu wissen, wie Chancenlos ihre Lage war, aber sie fühlte sich geschmeichelt und welche Frau möchte nicht belobigt werden wie attraktiv sie ist.
„ Sie reichte ihm einen Beutel Eis. Es tat so gut auf dem Auge. Sofort hörte das ständige pochen auf und die Haut entspannte sich.
„ Ich habe noch ein Problem.“
„Das sehe ich. Machen sie ihr Hemd auf. Sie gehen wie ein alter Mann. Nehmen Schonhaltung an, indem sie leicht nach vorn gebeugt laufen. Ich denke, da sind ein paar Rippen geprellt oder schlimmeres.“
Sie half ihm beim Ausziehen.
Mit dem Verband in der Hand bestaunte die erfahrene Schwester den muskulösen Oberkörper ihres Patienten.
Schließlich gab sie sich einen Ruck und fing an, den Verband um seine Brust fest zu ziehen.
„ Sie sind eine sehr gute Krankenschwester. Ich glaube, besser noch als manch ein Arzt hier. Das sie das gleich erkannt haben…“
„ Jahrelange Erfahrung. Und nun raus mit der Sprache. Sie haben da noch ein Problem?“
Francis staunte über ihren Scharfsinn.
„ Sie wollten mir das hier verschweigen und etwas anderes sagen. Außerdem stammen diese Verletzungen nicht von einem Pferd. Das sieht mir mehr nach einer Schlägerei aus.“
„ Sie haben ganz Recht. Es war dumm von mir zu lügen.“
„ Nein. Wenn es um etwas Illegales geht will ich es gar nicht wissen. Und es muss was Schlimmes sein, sonst wären sie zu einem Doktor gegangen und nicht zu mir.“
Wieder verschlug es ihm die Sprache.
„ Ich nehme an, sie brauchen etwas für einen zweiten Verletzten?“
Francis schüttelte bejahend den Kopf.
„ Er wurde schwer verletzt. Ich kann ihn nicht hier her bringen.“
In kurzen Worten beschrieb er ihr seine Symptome. Er brachte ein Messer ins Spiel, welches beim Kampf seinen Freund verletzte, ließ aber Folter und Major Schubert raus aus der Erklärung.
„ Das hört sich nicht gut an. Ich gebe ihnen etwas Verband und Jod mit. Reinigen sie die Wunde mit abgekochtem Wasser. Und hiervon geben sie ihm drei mal einen Löffel voll. Das sollte das Fieber senken.“ Sie machte eine Pause. Hielt die Medizin in den Händen und drückte sie an sich, als hätte sie plötzlich Gewissensbisse sie heraus zu geben. „ Es ist wohl doch besser, wenn sie ihn hier her bringen. Ich bin nur eine Krankenschwester.“
Zu sich selbst sagte sie, “ Was tue ich denn da gerade?“
„ Ich kann ihnen die genauen Umstände nicht sagen. Aber sie helfen mir im Großen Maße. Bitte, geben sie mir die Medizin.“
Zögernd schob sie ihre Arme vor.
„ Sie sind ein so netter Mensch. Wie kann ich da nein sagen. Bitte, bringen sie sich nicht in Gefahr.“
Francis lächelte liebevoll und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „ Sie sind die Beste!“
Er verließ das Behandlungszimmer. Sie stand noch lange da und hatte Zweifel das Richtige getan zu haben. Um die paar Utensilien machte sie sich keine Sorgen. Die waren leicht aus zuschreiben aus dem Vorratsplan. Wenn er aber von der Polizei gesucht wurde, hatte sie einen Flüchtenden geholfen. Doch, dass dieser höfliche junge Mann ein Verbrecher sein sollte, wollte sie nicht glauben. Seufzend ging sie wieder an ihre Arbeit.

Es waren fast drei Stunden vergangen, als eine kleine Gruppe Soldaten das Krankenhaus betraten.
Die Schwester an der Theke schaute auf. Der Arzt neben ihr war ebenso überrascht.
„ Guten Tag“, sagte ein Uniformierter im strengen Militärischen Ton.
„ Wir suchen einen Mann, der bei einer Schlägerei verletzt wurde. Ist hier ein Mann herein gekommen, ungefähr so groß, “ er hielt seine Hand in die geschätzte Höhe. Ein ganzes Stück über seinen eigenen Kopf.
„ Kräftig, muskulös und mit Verletzungen im Gesicht wie am Körper.“
Der Arzt schüttelte verneinend den Kopf. „ Tut mir leid, ich habe Heute Dienst seit sechs Uhr Früh. Hier ist Niemand mit ihrer Beschreibung bei mir gewesen.“
Die Schwester wurde leicht rot. Sie spürte wie das Blut sich in ihrem Gesicht sammelte. Sie konnte noch nie richtig Lügen, war immer Verlegen oder verriet sich durch ein Lachen. Krampfhaft suchte sie nach den richtigen Worten. Nur nicht stotternd oder unbeholfen Antworten.
„ Also, ein muskulöser junger Mann wäre mir sicher Aufgefallen. In letzter Zeit haben wir nur ältere Patienten. Sie wissen schon…“
Der Soldat wich einen Schritt zurück. Sie war doch selber schon alt und hatte Falten im Gesicht. Eine verrückte Frau, die wohl auf junge Männer stand. So wie sie es sagte, klang es nach Verlangen.
„ Sollte sich dieser Mann einfinden, ist es ihre Bürgerliche Pflicht ihn zu Melden.
„ Außerdem suchen wir noch einen älteren Mann mit einem abgeschnittenen Ohr. Er hat auch alte Verbrennungsnarben an den Händen.
„ Nein, auch dieser Mann war nicht hier.“ Sie war froh, dass der Arzt so schnell Antwortete. So brauchte sie nichts dazu zu Sagen, außer mit der Schulter zucken.
Ihr Finger drehte sich unkontrolliert um die Kette an der Brille, bis diese Aufgedreht war.
Ein geübtes Auge hätte ihre Nervosität erkannt, aber die Soldaten waren zu versteift in ihren Ermittlungen.
Wie sie gekommen waren, so verließen sie das Krankenhaus wieder.
„ Sie haben es gehört, Schwester Ingrid.“
„ Ja Doktor! Sollte einer dieser Männer zu mir kommen, werde ich ihn melden.“
Als Schwester Ingrid allein hinter ihrer Theke stand atmete sie tief ein. Das war schon fast zu viel auf ihre alten Tage. Mit zittrigen Händen nahm sie einen Schluck Wasser und freute sich auf die Mittagspause und einen starken Kaffee.


Francis hatte das Krankenhaus nicht verlassen. Er wollte erst nach Johanna sehen. Als die Schwester ins Hinterzimmer zurück ging, folgte er ungesehen dem langen Flur zu den Zimmern der Patienten. Es liefen einige Schwestern an ihm vorbei, aber alle waren so beschäftigt, dass Niemand von ihm Notiz nahm. Er öffnete jede Tür, schaute hinein und wenn er Johanna nicht sah, schloss er sie mit einer höflichen Endschuldigung.
Nachdem vierten Versuch hatte er Erfolg.
Sie lag in einem sauberen, mit weißen Laken bezogenen Bett. Ihre Augen waren geschlossen.
Er ging auf sie zu und betrachtete ihr Gesicht eine Weile.
Dann nahm er ihre Hand und setzte sich auf einen Stuhl.
Sie musste seine Berührung gespürt haben, denn sie schlug sofort die Augen auf. Blass und mit eingefallener Haut an den Wangen lächelte sie ihn an.
„ Francis! Schön, dass du gekommen bist.“ Ihre Stimme klang immer noch schwach.
„ Sie haben mir gesagt, dass ich fast vertrocknet wäre. Stell dir das mal vor. Wie eine Blume ohne Wasser. Dahin welken.“ Er brachte nur ein leises Lächeln hervor.
„ Sonst geht es dir wieder gut?“
„ Ja. Aber ich muss noch ein paar Tage hier bleiben. Ich kann noch nicht richtig trinken, es würgt im Hals.“
„ Es tut mir so leid, das hätte nicht passieren dürfen.“
Sie drückte seine Hand mit der Kraft, die sie noch hatte.
„ Es war nicht deine Schuld. Außerdem hast du mich ja gefunden und gerettet.“ Mit einem Mal fielen ihr seine Verletzungen im Gesicht auf.
„ Was ist passiert? Du siehst furchtbar aus!“
„ Vielen Dank für das Kompliment.“ Er wollte mit Witz vom Thema ablenken, aber sie wiederholte ihre Frage.
„ Eine kleine Schlägerei. Schubert weiß jetzt, dass ich sein Sohn bin. Von Peter hat er keine Ahnung. Wir haben auch schon eine Möglichkeit gefunden, ihn von seinem hohen Ross zu stoßen.“
„ Das klingt ja gut! Aber passt auf, du weißt wie Gefährlich er ist.“
„ Das machen wir. Und du erholst dich hier. Ich hoffe das Essen ist genießbar?“
„ Es schmeckt gut, aber ich bekomme noch nicht viel runter. Der Schock und alles zusammen haben wohl auch meinen Magen sehr zugesetzt. Die Schwestern sind sehr nett, auch der Doktor kümmert sich rührig um mich.“
„ Lass dich nicht unterkriegen. Du bist eine Kämpferin…“
Sie lächelte und fühlte sich geschmeichelt.
„ Und sag bitte Niemanden, dass ich hier war. Auch nicht dem Doktor oder den Schwestern. Hörst du? Ich war nie hier, wenn jemand fragt.“
„ Ja, das geht in Ordnung, aber…“ er legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen.
„ Je weniger du weißt, umso besser. Ich muss jetzt los.“
Mit einem Kuss verabschiedete er sich und konnte das Krankenhaus unbemerkt von Schwester Ingrid wieder verlassen.

In der Hütte war es stickig. Das lag wohl an den verstaubten Möbeln und dem dreckigen Boden, der mit Taubenkot übersät war. Forst lag noch auf dem Strohlager. Es war kein Laut zu hören. Kein Stöhnen oder schwere Atemzüge. Francis stellte die Medizin auf den Tisch und näherte sich dem provisorischen Bett aus altem Stroh.
„ Forst?“ vorsichtig tippte er an seine Schulter.
Nichts.
„ Forst, sag was!“ seine Hand fühlte sich kalt an. Auch die Stirn, die Francis abtastete war nicht mehr heiß.
Unsicher berührte er den Hals.
Er fand keinen Puls.
Auch am Handgelenk pulsierte nichts.
Sein Mund stand offen, die Augen starrten glasig ins leere.
„ Du verrückter Hund! Du kannst uns doch nicht einfach verlassen!“ Francis ließ sich auf den Stuhl fallen und sackte in sich zusammen. Die Rippen stachen bei der unbedachten Bewegung, aber es war ihm egal. Schon wieder ein Opfer, wegen seinem Besuch in Deutschland. Doktor Harry van Leeken, Bolwik und jetzt auch Forst.
Alle tot.
Johanna im Krankenhaus.
Er fragte sich, wozu das alles noch einen Sinn hatte.
„ Ich reise am besten heute noch ab. Peter ist raus aus der Geschichte, Schubert ist nur hinter mir her. Wenn ich weg bin, wird sich wohl alles wieder beruhigen.“
Er sah Forst an, als würde dieser ihn noch verstehen und ihm einen Rat geben.
Dieser Mann hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt um ihn zu retten. Obwohl er Francis kaum kannte und noch vor einem Tag sein Feind war. Was für ein Mann!




©2019 by Andrea. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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