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Prosa => Krimi


Lasst die Vergangenheit ruhn Kapitel 31 und 32 - von Andrea, 16.01.2019
Kapitel 31



Noch vor Sonnenaufgang war Francis wieder wach. Fünf Stunden Schlaf reichten aus um wieder bei Kräften zu sein. Er machte sich einen starken Kaffee und setzte sich an den Tisch in der kleinen Küche, die von Johanna liebevoll Dekoriert wurde.
Ein Bild mit Blumen an der Wand. Eine Vase auf dem Tisch, die jetzt leider in Scherben auf dem Boden lag. Auch die Kaffeetasse, die sie so gerne benutzte war zerbrochen.
„ Guten Morgen!“ sagte er zu seinem Bruder, der auch hellwach in die Küche kam.
„ Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach all dem so gut schlafen konnte. Es ist so viel passiert.“
„ Ja, es geht mir genauso. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass Schlaf notwendig ist, um einen klaren Kopf zu haben. Es hilft nichts, wenn wir wegen Übermüdung nur noch Fehler machen.“
„ Ich habe meinen Kaffee gleich aus. Dann gehe ich die Zeitung kaufen und bringe etwas Brot mit. Hoffentlich gelingt unser Plan.“




Johanna wusste nicht, ob es Tag oder Nacht war. Sie war völlig aus dem Rhythmus. Trotz der Lage, hatte auch sie ein paar Stunden geschlafen. Ihre Handgelenke schmerzten vom zerren an der Kette. Die Zunge klebte dick wie ein Schwamm am Gaumen fest. Sie konnte nur noch röcheln.
Durst! Wasser!
Ihre Gedanken drehten sich um diesen einen Wunsch.
Sie wollte weinen, aber selbst dafür schien sie zu ausgetrocknet zu sein.
In ihrer Verzweiflung schloss sie die Augen und dachte an Francis. Sie gab sich ganz dieser Trance hin und schwebte in einer anderen Welt. Hier war es warm. Sie war Glücklich und wollte nicht wieder erwachen. Obwohl ihr, bewusst war, dass dies nur ein Traum war, sollte die Wirklichkeit sie nicht wieder zurück holen.
Wie ein zusammen gerollter Igel hockte sie in dieser Höhle und gab alle Hoffnungen auf je gefunden zu werden.
Mit bitterem Lächeln dachte sie an Neandertaler und Steinzeitmenschen. Irgendwann durchforscht jemand diese Höhle und wird ihr Skelett finden. Ob sie dann auch in einem Museum von Besuchern bestaunt wird?
„ Hier sehen sie die originalen Knochen einer jungen Frau, die aus unerklärlichen Gründen in einer Höhle mitten in Weimar starb und nun ein Ausstellungsstück darstellt.“
Ihr Magen knurrte vor Hunger, aber schlimmer war der Durst. Johanna kam schon die Idee, sich in den Arm zu Beißen und ihr eigenes Blut zu trinken. Würde das überhaupt funktionieren?
Egal, sich so feste selber zu beißen, brachte sie erst gar nicht zu Stande.
„ Francis, wo bist du? Wie gerne wäre ich jetzt mit dir in Amerika. Wie hieß noch dein Land? Es hatte einen schönen Klang. Irgendetwas mit einem X in der Mitte.“

Francis ging die Straße entlang zum Bäckerladen. Unterwegs traf er auf einen Zeitungsverkäufer, der mit einem Exemplar in der Luft herum wedelte und nach Käufern suchte.
Großzügig gab er dem Jungen das Doppelte des Preises. Wer sich in dem Alter schon so früh aufmacht um etwas Geld zu verdienen, den schätzte er hoch ein. Außerdem verkaufte dieser Junge genau das, was er dringend brauchte.
Vom Amalienplatz aus konnte er das Schloss sehen, was sie gestern den ganzen Tag beobachtet hatten und wo er im Keller eingeschlossen war.
Nachdem er das Brot besorgt hatte, blieb er kurz vor dem riesigen Gebäude stehen.
Der Gedanke, dass dort drin sein leiblicher Vater sitzt, ein Mann ohne Gewissen, ein Major vor dem alle Angst haben.
In diesem Moment verfluchte er seine Idee, hierher zu Reisen um die Wahrheit kennen zu lernen.
Wäre er in Texas geblieben, könnte er jetzt Pferde zureiten und sich an jeden neuen Tag erfreuen, den die Sonne über seiner Ranch begann.
Dennoch hätte seine Neugierde den eigenen Zwillingsbruder kennen zu lernen ihn wahrscheinlich von der Arbeit abgelenkt. Wer möchte nicht seine Familie kennen?
Seine Wurzeln.
Gerade wollte er sich wieder auf dem Weg zur Wohnung machen, da hörte er ein leises Stöhnen.
Francis lauschte weiter und folgte dem Geräusch.
Hinter einer Hecke, gleich neben dem Schloss, sah er einen Menschen liegen. Zuerst glaubte Francis, dies sei ein betrunkener, der auf der Straße lebte, aber beim zweiten Blick durch die Hecke, fiel ihm das Blut am Kopf auf. Dieses Opfer hatte sein eigenes Hemd als Binde verwendet und es wie ein Stirnband um den Kopf gewickelt.
Vorsichtig beugte er sich hinunter. Noch einmal laufe ich nicht in irgendeine Falle rein, dachte Francis. Er schaute sich nach allen Seiten um, aber Niemand war zu sehen. Selbst auf dem Gehweg war zu so früher Stunde kein Mensch unterwegs.
„ Hey, Mister…“ er packte den liegenden an der Schulter und drehte ihn mit dem Gesicht zu sich.
Sofort zuckte seine Hand zurück und er machte einen Schritt nach hinten.
„ Sie?“
Wieder vergewisserte er sich, ob nicht doch die zwei Schläger wieder hinter ihm auftauchten, die zu Forst gehörten.
Der Verletzte kam zur Besinnung. Mit angeschwollenen Augen blinzelte er Francis an.
Langsam hob Forst seine Hand.
Sie zitterte.
„ Hilfe!“ stotterte er. In seinem Gesicht stand Angst förmlich geschrieben.
„ Bitte…helfen sie mir…“
Unsicher stand Francis da und blickte auf den Flehenden hinunter.
„ Nach alle dem, was sie mir angetan haben, soll ich ihnen jetzt Helfen?“
„ Es tut mir Leid. Ich war ein Idiot. Schubert ist ein gefährlicher Mann. Er geht über Leichen. Bitte…ich habe schmerzen.“
„ Woher weiß ich denn, dass dies kein Trick ist?“
Es fiel ihm schwer, seine zittrigen Finger zu koordinieren. Aber er schaffte es, seinen Verband hoch zu schieben und das Loch vor zu zeigen, wo vor ein paar Stunden noch ein Ohr war.
„ Sieht das nach einem Trick aus?“
Francis blieb fast der Atem weg.
Er würgte.
Die Wunde sah so grausam aus, dass er sich fast übergeben hätte.
„ Verdammt, was ist ihnen denn passiert? Kommen sie hoch. Können sie gehen?“ er schob seine Hände unter Forst Arme und half ihn auf die Beine.
„ Stützen sie sich bei mir ab. Ich nehme sie erst mal mit in die Wohnung, dann lassen wir einen Arzt kommen.“
Ohne Widerspruch hing forst an Francis Seite und torkelte mit ihm mit.
Sie brauchten eine ganze Zeit, bis sie in dem Schneckentempo endlich ihr Ziel erreichten.
„ Nur noch die Treppe hoch, dann haben wir es geschafft.“
Oben wurde die Haustür geöffnet. Peter hörte die Schritte im Flur und kam nach schauen.
„ Wo warst du lange? Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Wer ist das?“ er zeigte auf den Mann, den Francis mühevoll Stufe für Stufe hoch half.
„ Lass uns erst mal rein gehen. Er ist schwer. Hängt mit seinem ganzen Gewicht an mir dran.“
In der Küche konnte Francis ihn endlich auf ein Sofa ablegen.
„ Ich brauche abgekochtes Wasser und frisches Verbandszeug.“
Peter konnte erst jetzt das Gesicht des Verletzten sehen.
„ Sie sind doch dieser Detektiv und Beschützer von Major Schubert? Francis…was hast du mit ihm gemacht?“
„ Ich? Gar nichts! Er lag in der Nähe vom Schloss. Ich habe lediglich geholfen. Ich bin ja kein Untier. Schließlich ist er Verletzt und braucht Hilfe.“
Der Wasserkessel pfiff. Mit dem abgekochten Wasser reinigte Francis die Wunde. Er ging dabei sehr behutsam vor. Das Blut war verkrustet, die Wunde somit verschlossen.
„ Ich hab ein Fläschchen Jod gefunden. Als Verband müssen wir ein Lacken zerreißen.“
Der Verband sah gut aus. Francis war zufrieden mit seiner ersten Hilfe.
Während Peter in der Zeitung den Artikel suchte, den sie am Abend noch eingereicht hatten, setzte Francis sich Forst gegenüber.
„ Was ist genau passiert? Peter hat sie ins Schloss rein gehen gesehen.“
„ Ich wollte bei Schubert gut dastehen und habe sie als Trumpf benutzt. Er ist aber unberechenbar. Er hat mich beschimpft, dass ich keine Informationen habe. Ich sollte meinen Gefangenen zum Reden bringen, denn er möchte nicht erkannt werden. Ich war dumm genug ihm Jahrelang den Rücken zu Decken.“ Er machte eine kurze Pause. Dabei drehte er den Kopf auf Seite, um Francis nicht ansehen zu müssen.
„ Es tut mir wirklich Leid. Kann ich es irgendwie wieder gut machen?“
„ Ja! Wenn es soweit ist. Im Moment haben wir andere Sorgen. Kennen sie einen Mann Namens Bolwik?“
Forst dachte angestrengt nach.
„ Flüchtig. Er ist auch einer von denen, die Schubert hinten rein kriechen. Hab ihn ein paar Mal gesehen, aber nie mit ihm geredet.“
Man sah Francis die Enttäuschung an.
In diesem Moment sprang Peter vom Stuhl. Er zeigte auf die Zeitung, die vor ihm auf dem Tisch lag.
„ Hier, sieh dir das an! Es steht tatsächlich drin!“
Francis warf einen kurzen Blick darauf. Gut Platziert, mittig
Zwischen kleinen Anzeigen stieß der in Fett gedruckte Beitrag direkt ins Auge.
„ Ihm muss wohl auch viel an Johanna liegen. Das hat er gut gemacht!“
„ Johanna?“ Forst hob den Kopf.
„ Das ist doch die Reporterin, die Schubert aus der Pressekonferenz geschmissen hat. Ich weiß, dass er danach richtig wütend war. Er hatte Bolwik auf sie angesetzt, weil er sich Informationen von ihr erhoffte.“
„ Hab ich doch gleich gesagt“, schimpfte Peter. „ Der Kerl steckt hinter allem. Ich bin sicher, er hat sie auch entführt.“
Mit stetigem Blick auf die Straße unterm Fenster fluchte Peter weiter vor sich hin.
„ Wo finden wir diesen Kerl?“ fragte Francis.
„ Keine Ahnung. Wie gesagt, ich kenne ihn kaum.“
„ Hey, Francis…komm mal ans Fenster. Da unten schleicht einer rum. Könnte das Lauber sein?“
Ihm reichte ein kurzer Blick. Die auffallend große Nase und das markante Kinn waren gut zu erkennen.
„ Ich geh runter!“ rief er und war schon an der Tür.
Lauber erschrak, als er den großen, Mann plötzlich auftauchen sah. Er hatte mit einer Frau gerechnet.
Mit Johanna.
„ Suchst du das hier?“ Francis schwenkte Laubers Ausweis wie einen Fächer durch die Luft.
„ Wer sind sie?“
„ Jemand, der eine Menge Fragen an sie hat, bevor er das hier aus der Hand gibt.“
„ Wenn das eine Falle ist…“
„ Was dann? Du hast ohne deine Papiere doch gar keine Chance zu flüchten. Ich habe auch dein Geld. Ist nicht wenig. Damit würdest du weit kommen.“
„ Dann stell mir deine Fragen!“ Lauber wurde ungeduldig.
„ Doch nicht hier auf der Straße. Folge mir.“
Lauber war gar nicht wohl bei dem Gedanken in eine Wohnung zu gehen, ohne zu wissen, was ihn dort erwartete. Aber der Fremde hatte Recht. Er brauchte seinen Ausweis und das Geld.
Unsicher trat er in die Küche. Als er einen zweiten Mann auf dem Sofa sah, wollte er zurück, aber hinter der Tür stand Peter. Er schlug sie zu, bevor Lauber sie erreichte.
Sofort nahm dieser eine Kampfbereite Haltung ein.
„ Lass den Quatsch, Junge“, sagte Forst ruhig. „ So wie du auftrittst wirst du nie einen Kampf gewinnen.“ Forst sah mit einem Blick, dass Lauber keinerlei Erfahrungen in Selbstverteidigung hatte. Er selber war darin so gut, dass er den Burschen mit einem Schlag außer Gefecht setzen könnte, wenn nicht er nicht so Verletzt wäre.
„ Wir suchen Bolwik und du weißt sicher wo er ist.“
Die Fäuste des Jungen sanken runter. Er wurde schlagartig weiß im Gesicht.
Francis hatte mittlerweile die Geduld verloren. Er stürmte auf ihn zu, warf mit einer Hand den Stuhl beiseite und stieß ihn mit dem Rücken auf die Tischplatte.
Er ergriff die Gabel, die auch dort lag. Seine linke Hand zog den Kopf an den Haaren zurück, während er mit der Anderen die Zinken der Gabel in dessen Hals drückte.
„ Zwing mich nicht dazu, die zu benutzen!“ knirschte er drohend.
„ Ich hab das doch nicht gewollt. Es geschah einfach so im Effekt. Bolwik wollte mir das Geld nicht geben, was er mir versprochen hatte. Da sind eben meine Nerven durch gegangen.“
„ Wovon zum Teufel redest du? Ich wollte wissen wo Bolwik ist!“
„ In der Höhle, Tot.“
Fast wäre Francis die Gabel ausgerutscht. Für einen Moment stand er wie Paralysiert da.
„ Tot?“
„ Ja. Ich habe ihn verfolgt. Er ging in diese Höhle im Ilmpark. Keine Ahnung was er da wollte. Aber es war eine gute Gelegenheit ihn zur Rede zu Stellen, weil uns dort Niemand beobachten konnte. Wegen ihm habe ich meinen Beruf verloren und bin ein gesuchter Verbrecher. Schöne Karriere…Vom Wachmann zum Ede.“
Wütend zog Francis ihn hoch. Riss die Schnur der Gardine ab und fesselte ihm die Hände auf dem Rücken.
„ Peter, weißt du von welcher Höhle er da spricht?“
„ Ja. Im Ilmpark gibt es eine Höhle. Die soll früher mal bis zum Herzoglichen Badehaus durchgegangen sein.“
„ Siehst du dich im Stande, auf ihn auf zu Passen, bis wir zurück sind?“ Francis hielt Forst für einen fähigen Mann, Aber er konnte dessen Verletzung schwer einschätzen.
„ Sicher. Er ist ja gefesselt. Den Burschen besiege ich noch mit einem Arm.“
„ Ich hoffe für dich, dass Bolwik noch lebt und uns zu Johanna führen kann.“
Sie verließen das Haus. Lauber sackte an der Wand zusammen. Sein Messerstich war Tödlich, da brauchte er sich keine Hoffnung zu machen. Sie würden eine Leiche finden.

„ Hast du dir schon überlegt, was wir tun werden, wenn er tot ist?“ keuchte Peter, der hinter Francis her rannte.
„ Uns läuft die Zeit davon. Im Moment will ich nur Hoffen. Ist es noch weit?“
„ Nein. Gleich hinter dem Schloss fängt der Park an.“
Sie rannten unbewusst immer schneller. Irgendetwas trieb Francis an. Vielleicht war es die Angst um Johanna oder die Aussicht sie bald zu finden.
„ Da vorne ist sie.“
„ Verdammt, ist das Dunkel. Hast du ein Streichholz?“
„ Nein. Aber hier liegt was am Boden.“ Peter tastete das Hindernis am Boden ab.
„ Es ist ein Mensch.“ Seine Stimme brach fast ab, als er die nächsten Worte sagte, “ Mit ziemlicher Sicherheit Bolwik und er ist…Tot“
Francis spürte, wie seine Knie nachgaben. Plötzlich sackte der ganze Blutdruck ab und er rutschte in die Hocke.
„ Aber, er hat wenigstens Streichhölzer in seiner Tasche.“
Peter zog die kleine Pappschachtel aus der Jacke des Toten.
Nach einem leisen zischen, wurde es heller. Er hielt die Flamme über den Leblosen.
„ Er ist es. Kein Zweifel. Und er fängt schon an zu stinken.“
Sie starrten darauf, bis das Hölzchen erlosch.
„ Francis… Peter?“
Francis hob den Kopf. Hatte er was gehört? Ein leises Hauchen nur und dennoch war es deutlich sein Name, der da ausgesprochen wurde.
Er packte Peter am Arm.
„ Psst…hast du das auch gehört?“
Jetzt lauschten Beide in die Dunkelheit. Alle anderen Sinne ausgeschaltet, nur noch auf das Gehöhr konzentriert.
„ Ich bin hier…Franc…“
„ Johanna, Johanna, bist du das?“
Peter zündete ein neues Streichholz an und folgte Francis, der sich schon an der Felswand entlang tastete.
Sie kamen in den hinteren Teil. Die kleine flackernde Flamme erhellte den dunklen Raum soweit, dass sie Johanna Sehen konnten.
„ Jo!“ rief Francis, kniete sich zu ihr nieder und nahm sie fest in den Arm.
„ Bist du verletzt?“
„ Durst…“ brachte sie als einziges Wort heraus.
Wieder erlosch das Licht und Peter rieb das nächste Hölzchen an der Schachtel entlang.
Erst jetzt bemerkte Francis die Kette. Als er ihre Handgelenke sah, erschrak er.
„ Was hat er dir angetan?“ Die Metallringe hatten die Haut aufgerieben. Die offenen Stellen hatten sich schon entzündet.
„ Ich durchsuche noch mal Bolwik´s Taschen nach dem Schlüssel“, sagte Peter und verschwand mit seinem Licht.
„ Lass mich nicht allein im Dunkeln…“flüsterte Johanna. Sie krallte Francis Jacke, aus panischer Angst, er würde sie allein lassen, verkrampften sich ihre Finger im Stoff.
„ Keine Angst, Jo, ich bleibe hier. Ohne dich werde diese Höhle nicht verlassen.
„ Ich hab ihn!“ Peter kam zurück und löste die Handschellen.
Es war für Francis keine große Anstrengung den zarten Körper seiner Freundin auf den Arm zu nehmen.
„ Ich bringe dich ins Krankenhaus. Du brauchst medizinische Hilfe.“
Johanna war nicht mehr fähig zu widersprechen. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
Es war Francis völlig egal, was die Leute dachten.
Er spürte ihre Blicke auf sich gerichtet, als er in der Straßenbahn Platz nahm. Das Krankenhaus befand sich hinter dem Hauptbahnhof. Er hätte die Kraft gehabt, sie bis dort hin zu tragen, aber das wäre für Johanna unnötiger Stress gewesen. So ging es schneller.
Peter stellte sich vor den Beiden in den Gang. Damit hatte er den größten Teil vor neugierigen Blicken mit seinem Körper abgedeckte.
„ Wir sind gleich da.“ Er drückte sie an sich und küsste ihre Stirn.

Sie mussten eine ganze Zeit warten, bis endlich ein Arzt auf sie zukam.
„ Frau Müller geht es den Umständen entsprechend gut. Sie braucht jetzt erst mal viel Schlaf und Flüssigkeit. Die Verletzungen an den Handgelenken haben wir versorgt. Geben sie ihr ein bis zwei Tage Zeit.“
„ Danke!“ Francis sah man die Erleichterung an.
„ Kommen sie Morgen vorbei, wenn sie geschlafen hat und es ihr besser geht.“





Kapitel 32


Sie saßen wieder in der Küche in Johannas Wohnung. Lauber hockte gefesselt an der Wand, Forst lag zugedeckt auf dem Sofa. Er schien zu Schlafen.
„ Johanna ist gerettet, aber unser Problem steht noch aus. Wir reden mit Schubert. Sagen ihm die Wahrheit.“
„ Und dann? Ich reise zurück nach Texas, du gehst wieder in deine Apotheke und alles ist wie Früher. Unser Vater schreibt mir Briefe und kommt dich Besuchen. Glaubst du wirklich, dass es so weiter gehen wird?“
Forst öffnete seine Augen. Er schlummerte nur und hatte alles mit angehört.
„ Euer Vater? Wollt ihr mir erzählen, Schubert ist euer Vater? Die Frau unter der Brücke hat Zwillinge zur Welt gebracht?“ er konnte es kaum glauben.
„ Ja, so war das. Meine Eltern…Zieheltern haben meine richtige Mutter versteckt und eine eigene Schwangerschaft vorgetäuscht. Sie haben alles getan, um meine Mutter zu schützen.“
„ Aber…wie kamst du nach Amerika?“
Francis erzählte in kurzen Sätzen, was er von seiner Ziehmutter an ihrem Sterbebett erfahren hatte.
„ Das klingt wie eine erfundene Geschichte aus einem Roman“, kommentierte Forst.
„ Also, was schlägst du vor?“ Peter sah Forst fragend und fast schon flehend an.
„ Er wird dich umbringen, Peter. Deine Zieheltern und vielleicht sogar auch deinen Chef. Johanna braucht sich dann auch keine Gedanken mehr über ihre Zukunft zu machen. Ich werde Untertauchen. Ich komme schon klar. Aber ihr?“
„ Was würde denn Schlimmsten Falls passieren, wenn er ein Uneheliches Kind hat?“
Forst sah Francis fest in die Augen.
„ Wenn ihr das Nachweisen könnt, hat er die Wahl. Entweder legt er sein Amt nieder, dass heißt, er ist kein Major mehr, nur noch Zivilist. Oder er verpflichtet sich zu einem Kommando in Afrika. Dort kann er seinen Rang behalten.“ Bei dem Gedanken, Schubert würde in Afrika in irgendeiner Strohhütte sitzen, musste Forst laut lachen.
„ Beides wird ihm nicht gefallen“, warf Forst ein.
„ Also, lasst uns Überlegen, wie wir das Nachweisen können.“
„ Und was ist mit mir?“ Lauber fühlte sich unwohl. Er war Ballast für sie und das wusste er.
„ Wir sind keine Bestien!“ sagte Peter. „ Nimm deine Papiere und hau ab. Aber wage es nicht, uns zu erwähnen, wenn sie dich erwischen.“ Er warf das Geld und den Ausweis auf den Tisch. Francis schnitt die Fesseln durch. Bevor Lauber wieder auf den Beinen stand flüsterte er ihm ins Ohr. „ In meinem Land werden korrupte Gesetzeshüter am nächsten Ast aufgehängt. Ich habe keine Gewissensbisse, wenn ich dich aufknüpfen muss. Du erhältst eine einmalige Chance zu fliehen. Nutze sie…“
Es sah aus, als wäre der Teufel hinter dem Jungen her. Er schnappte sich sein Hab und Gut und rannte hinaus. Fast wäre er gegen das Türblatt gerannt, weil er es nicht schnell genug auf bekam.
„ Ihr seit gute Jungs!“ lobte Forst. Ich weiß nicht, ob ich genau so gehandelt hätte. Er bleibt eine Gefahr, wenn er auspackt.“
„ Das wird er nicht. Er hat zu viel mit sich selber zu tun. Sein Leben ist tief unten. Außerdem glaube ich, habe ich ihm ordentlich Angst gemacht“, grinste Francis.
„ Ich habe den Brief meiner Mutter noch. Indem sie alles erklärt.“
„ Das wird nicht reichen. Den kann sie auch erfunden haben, oder ihr habt ihn gefälscht.“
Ratlos sank Francis auf einen Stuhl.
Peters Gesicht erhellte sich plötzlich.
„ Wir haben noch einen Brief von Marion Wolfing. Darin beschreibt sie, das Schubert unser Vater ist.“
Francis schüttelte den Kopf.
„ Das ist doch das Selbe. Wer kann diesen Brief denn für Echt erklären.“
Es war wieder Still in der kleinen Küche, bis Forst etwas sagte. „ Der Brief ist wirklich von euerer Mutter geschrieben?“
„ JA!“ riefen beide gleichzeitig.
„ Und sie schreibt, dass Schubert sie geschwängert hat?“
„ Ja, auch das steht da drin. Auch das er ein gefährlicher Mann ist und gedroht hat sie um zu bringen, wenn sie nicht abtreibt.“
„ Dann haben wir etwas Handfestes.“
Verständnislos starrten die Brüder ihn an.
„ Schubert ist ein Angeber. Das wird ihm noch zum Verhängnis. Er hat eine Kiste mit gesammelten Liebesbriefen. Er hat wirklich viele junge Mädchen missbraucht. Ihnen die große Liebe versprochen und sie dann vertrieben. Ein Wunder, dass nur Marion dabei Schwanger wurde. Aber wer weiß, vielleicht war sie auch nur die Einzige, die sich getraut hat, ihm das zu erzählen. Schubert hat oft vor mir geprahlt, dass er von jedem Mädchen einen Liebesbrief bekommen hat. Darunter ist auch einer von Marion. Ja, auch sie hat ihm geschrieben. Auch sie war von seinem Charme verblendet.“
„ Wenn wir diesen Brief haben, können wir anhand der Schrift beweisen, dass unser Brief echt ist.“
„ So sieht es aus, Francis. Aber es wird nicht leicht werden an die Kiste ran zu kommen. Er bewahrt sie in seinem Schreibtisch im Schloss auf.“
Lachend ging Francis zur Kaffeekanne und goss sich eine Tasse davon ein.
„ Ich habe schon befürchtete, er besitzt einen Tresor. Im Schreibtisch soll wohl kein Problem ergeben.“
„ Du weist schon, dass wir hier von einem Major reden, der seine Wächter hat. Ich spreche da aus Erfahrung. War selber Jahrelang sein Personenschutz.“
„ Wir können nicht einfach da reinspazieren“, stellte Peter skeptisch fest.
Francis ging mit seiner Tasse in der Küche auf und ab. Schon wieder ein Problem.
Er dachte angestrengt nach. Ein Einbruch in das Büro eines Majors. Was für eine Strafe gab es wohl dafür, sollte er erwischt werden. Bei dem Gedanken, ein paar Jahre im Gefängnis zu hocken und als alter Mann nach Texas zurück zu kehren, lief ihm ein Schauer über den Rücken.
„ Du hast doch sicher noch den Schlüssel der hinteren Kellertür!“
Forst setzte sich auf. Er ahnte, was Francis da gerade plante.
„ Ja, aber der hilft dir nicht weiter. Damit kommst du hinten rein und stehst in diesem alten Kerker Raum. Die Tür zum Inneren ist mit Sicherheit verschlossen.“
„ Gehen wir das Risiko einfach ein. Sollte sie zu sein, muss ich dafür Sorgen, dass Jemand kommt und sie öffnet.“
„ Deine Leichtsinnigkeit kann dir dein Leben kosten. Ein Plan sollte wohl durchdacht sein und nicht auf Zufälle basieren.“
„ Wie viele Leute sind denn da ständig bei ihm?“
„ Unterschiedlich. Wenn er zum Mittagessen geht, wäre die beste Gelegenheit. Einige seiner Leute gehen dann mit ihm.“
„Dann schlagen wir heute Mittag zu.“


Forst ließ sich nicht überreden in der Wohnung zu bleiben. Seine Wunde schmerzte höllisch, aber er hatte gelernt mit schmerzen umzugehen. Wenn das alles vorbei war, wenn alles erfolgreich war, dann wollte er sich eine Genesungszeit gönnen.
Er würde einen alten Freund in Bayern besuchen, der eine Erholungsklinik leitete. Hoch oben auf irgendeinem Berg. Den Namen konnte er sich nie richtig merken.
Es war zwar eine Heilstätte für Lungenerkrankte, aber immerhin liefen dort Mediziner rum und frische Luft brauchte er jetzt dringend. Nach dem ganzen Schmutz, den er mit Schubert zu spüren bekam, fühlte er sich dreckig.
Verraten, benutzt und wie ein abgelutschtes Bonbon in Müll geworfen.
Peter hatte für Forst einen Hut gekauft. Die Verkäuferin wunderte sich, warum er diesen eine Nummer zu klein nahm, aber Geschäft ist Geschäft. Der Kunde muss damit rum laufen. Forst wollte möglichst unerkannt bleiben. Mit seinen alten Sachen, wäre er zu schnell aufgefallen.
Er tauschte seinen kurzen Mantel gegen einen Knielangen.
Er sah witzig darin aus und wer genau hinsah, bemerkte, dass er sich darin nicht wohl fühlte. Es sollte ja nur für diesen Auftrag sein.
Sie verabredeten sich in einer Stunde am Schloss zu sein. Forst wollte noch etwas erledigen.
Pünktlich kamen sie wieder zusammen und beobachteten das alte Gemäuer.
„ Okay, Schubert ist raus, ich geh da jetzt rein.“
„ Pass gut auf! Es gibt da so einen langen hageren Soldaten, etwas größer wie du…der kann ordentlich zuschlagen. Das ist ein guter Kämpfer.“
Francis nickte nur. Er rieb seine Rechte Faust in der linken Handfläche und atmete tief ein.
„ Ihr haltet Stellung.“
„ Was soll ich denn tun, wenn etwas Passiert? Wenn Schubert unerwartet zurück kommt, oder sonst was geschieht.“ Ihm gefiel der Plan gar nicht. Er war nicht durchdacht und hatte so viele Löcher, dass sicher eines davon zum Verhängnis werden konnte.
„ Lass dir was einfallen, Peter!“
Bevor die Beiden noch etwas zum Einwenden fanden, lief Francis auf die Hintere Kellertür zu. Er brauchte den Schlüssel nicht mal zu benutzen. Sie war offen.
Er stutzte kurz, dachte dann aber, dass Forst sie wohl kaum abgeschlossen hatte, als er verletzt aus dem Keller floh. Sicherlich haben die immer noch nicht kapiert wie er entkommen konnte.
Mit leisen Schritten näherte er sich der Tür zum Schloss.
Wenn diese verschlossen war, wollte er dagegen schlagen. Ein bisschen Lärm machen, sodass die Soldaten neugierig wurden und hineinschauten. Er hielt sich für Kampferprobt genug, gegen ein paar uniformierte Soldaten anzutreten.
Sicher waren die nicht erfahren im Kampf, sonst würden sie nicht hier Büro Arbeiten verrichten.
Als er sich gegen die Tür stemmte, stellte er erleichtert fest, dass auch diese nicht verschlossen war. Warum auch? Es sitzt ja kein Gefangener mehr hier im Raum.
Im Treppenhaus war es ungewöhnlich still. Keine Stimmen, keine Schritte.
Er tastete sich am Geländer hoch und gelang in einen großen Korridor.
Forst hatte ihm sehr gut beschrieben, wie er von dort das Büro findet.
Er musste quer durch die Halle und durch die zweite Tür rechts.
Bevor er sie öffnete legte er sein Ohr ans Türblatt.
Stille!
Sollte er soviel Glück haben, dass Niemand mehr hier war?
Also rein, Kiste aus der Schublade nehmen und wieder raus.
Dennoch war er wie ein Bogen gespannt. Immer darauf bedacht, plötzlich angegriffen zu werden.
Das er ganz allein auf sich gestellt war, hatte einen Grund.
Forst war noch nicht in der Lage, so eine Aktion durch zu führen. Und Peter hatte noch nie seine Faust erheben müssen. Er würde nur eine Last sein. Jemand um den er sich Sorgen machen musste, würde nur ablenken. Nein, sein Bruder war für so was nicht geeignet.
Ihm blieb keine Wahl mehr, bis hier war er gekommen, jetzt musste er es durchziehen.
Der riesige Flügel ließ sich mit Leichtigkeit öffnen.
Francis schaffte es bis zum Schreibtisch. Sein Herz schlug im bis zum Hals.
Er griff nach der Lade, wollte sie aufziehen, da hallte ein lautes Klatschen durch das Büro. Die hohen Wände und das enorme Volumen des Raumes verstärkten die Laute.
„ Großartig. Ich habe mich schon gefragt, wann es los geht. Natürlich habe ich mit Forst gerechnet und nicht mit einem Fremden. Vielleicht habe ich ihn doch ein wenig unterschätzt und er hat mehr Leute unter sich, als ich dachte.“
Der erste Schock war überwunden. Francis bekam wieder Luft nach der Starre, die ihn übermannt hatte.
„ Sollten sie nicht beim Mittag essen sein, Schubert?“
„ Major Schubert! Ich bestehe auf eine korrekte Ansprache. Und wer sind sie?“
„ Frank Neumann.“
Francis ließ ihn nicht aus den Augen. Beobachtete jeden Schritt seines Feindes. Schubert entging sein Blick nicht und er sah die Nervosität, die Francis kaum unterdrücken konnte.
Wie konnte er so blöd gewesen sein. Alle Türen offen, Niemand im Flur…das schrie ja nach einer Falle.
„ Ich bin Gestern und heute vorne rausgegangen, wie immer zur Mittagszeit. Aber das Schloss ist groß und es hat viele Eingänge. Nachdem ich Forst nicht mehr in meinem Keller auffand, war mir klar, dass er eine Fluchtmöglichkeit gefunden hatte. Mein Fehler. Wie schon gesagt, das Schloss hat viele Ein und Ausgänge. Mir wurde hinterher gesagt, dass der Raum im Keller nie ein Verlies oder ähnliches war. Und ich habe diese Tür gefunden. Auch das Blut hinter der Hecke habe ich entdeckt. Nun, Forst ist also nicht verblutet, denn er war weg. Und wie ich ihn kenne, sinnt es ihm nach Rache.“
„ Da kennen sie ihn wirklich gut.“ Francis wollte von seinem eigentlichen Grund des Einbruchs ablenken. Sollte er doch an Rache glauben.
„ Was hatten sie also vor? Wollten sie sich auf meinen Stuhl setzten und mich überraschen, wenn ich rein komme? Ich sehe keine Waffe bei ihnen, wie wollten sie mich umbringen, mit bloßen Fäusten? Da müssen sie schon einiges Aufbringen.“
Von beiden Seiten traten sie auf Francis zu. Er hatte keine Ausweichmöglichkeit.
Der Soldat von Rechts war wohl der hagere große Mann, vor dem Forst ihn gewarnt hatte. Ihn hielt er besonders im Auge. Von links näherte sich ein Soldat mit kräftigem Oberkörper. Die ganze Statur schien etwas gestaucht. Die Beine zu einem O geformt.
Sie kamen im gleichen Schritten immer näher.
Francis ballte die Fäuste. So leicht würden sie ihn nicht festnehmen.
„ Ich gebe ihnen noch eine Chance. Verraten sie mir, wo Forst sich jetzt aufhält und ich lasse sie laufen.“
„ Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich ihnen traue. Ich gebe mein Wissen Preis und sie bringen mich um. So läuft das aber nicht.“
Kaum merklich zuckten Schuberts Augen. Seine Soldaten waren auf dieses unscheinbare Zeichen geschult. Sie sprangen fast gleichzeitig auf Francis zu.
Ein schnelles ab ducken verhinderte die ersten Treffer.
Mit einem gezielten Faustschlag nach oben, der auch upper cut genannt wird, traf Francis das Kinn des Hageren. Sein Gegner torkelte zurück, war damit aber nicht außer Gefecht gesetzt.
Die paar Sekunden, die er zum Neuangriff brauchte, nutzte Francis um sich den anderen Angreifer vom Halse zu schaffen. Er rammte ihm mit voller Wucht sein Knie zwischen die Beine, als dieser leicht nach vorne gebeugt seinen Hals umklammern wollte.
Mit schmerz verzerrtem Gesicht sank er zu Boden.
Zum durchatmen blieb keine Zeit. Der Lange griff jetzt von hinten an. Schlang seinen dünnen Arm um Francis Kehle und zog ihn zurück. Durch die Stellung im Hohlkreuz konnte er sich kaum Bewegen. Die Armschlinge um seinen Hals schnürte seine Luftröhre ab. Er spürte, den ansteigenden Druck in seinem Kopf. Schwindel überkam ihm und ihm war klar, dass er nicht mehr lange auf den Beinen stand.
Die einzige Verteidigung lag darin, mit seinem Gegner rückwärts zu torkeln und ihn gegen die Wand zu prallen. Francis nutzte sein ganzes Körpergewicht. Bog sich noch mehr in die gekrümmte Haltung und konnte sich nach hinten abstemmen. Sie stolperten beide rückwärts, bis die Wand sie abbremste. Ein leichtes Stöhnen entfuhr dem Soldaten und der Griff war für eine Sekunde gelockert. Das reichte Francis, denn er hatte sich darauf konzentriert. Sofort schob er seine Finger unter den Würgegriff und konnte sich damit etwas Luft verschaffen. Sein Ellbogen schoss nach hinten und traf den Angreifer überm Beckenknochen. Lieber hätte er den Magen oder die Milz getroffen, aber sein Feind war groß.
Francis konnte sich aus dem Würgegriff befreien, bekam aber einen heftigen Schlag in die Seite. Unter dem Schmerz zuckte er zusammen. Der Schlag traf genau die untere Rippe. Wie bei einem Stromschlag verkrampften sich die Muskeln. Genug Zeit um noch einmal getroffen zu werden, ohne sich Wehren zu können.
Der Lange hatte sich schnell wieder erholt und umklammerte Francis wieder von hinten. Diesmal standen sie zu nahe an der Wand. Keine Möglichkeit mehr Schwung zu holen.
Schubert trat von vorne an ihn heran. Seitlich stand der Gestauchte und hielt Francis mit einem Griff in den Haaren den Kopf fest. Ihm blieben nur noch die Beine zur Abwehr, aber das würde nichts nützen. Jede Bewegung hätten ihm die Arme weiter nach hinten gerissen und eventuell noch die Schulter ausgekugelt.
Bevor Schubert etwa sagte, schlug er ein paar Mal auf Francis ein. Er fing im Geicht an und hörte beim Magen auf.
Dabei platze die Oberlippe auf und Blut lief aus der geschlagenen Nase.
„ Also, wo waren wir stehen geblieben. Ach ja! Wo ist Forst?“
Ein süßlicher Geschmack machte sich auf Francis Zunge bemerkbar.
Blut.
Wahrscheinlich hatte es auch einen Zahn erwischt.
Er spuckte es auf Schuberts Stiefel aus.
„ Er lebt nicht mehr. Ist an dem fehlenden Ohr verblutet.“ Log er ihn an.
„ Das wiederum glaube ich dir nicht. Was solltet du sonst für einen Grund haben hier ein zu Brechen. Wie viel zahlt er dir dafür, dass du mich umbringst?“
„ Wie ich sagte, er ist tot.“
Wieder ließ Schubert seine Wut an Francis aus. Er konnte gut schlagen. Hatte Kraft und Energie hinter jedem Treffer.
Ungeschützt musste Francis sie einstecken. Diesmal lief sein Auge blau an und schwoll sofort zu. Er spürte, wie die Rippen knackten und ihm den Atem raubten.
„ Zu schade. Aber wenn du nichts sagst, muss ich dich wohl eliminieren. Kein Zivilist schleicht sich unbestraft in das Büro eines Majors der Kaiserlichen Armee. Das ist eine Beleidigung an den Kaiser und an Großherzog Carl Alexander.“
„ Ihr spinnt ja alle mit eueren Kaisern und Adelstiteln. Wo ist denn euere Freiheit. Mal das zu tun wozu man Lust hat, ohne vorher Formulare auszufüllen. Ich habe noch nie so ein verstocktes Volk wie ihr Deutschen gesehen.“ Francis biss sich auf die Lippen, was weh tat, denn sie waren an einigen Stellen auf geplatzt.
Schubert hielt inne. Er wollte gerade noch einmal zuschlagen.
„ Was meinst du mir, ihr Deutschen?“
Es war zu spät um nach einer Lüge zu suchen. Er hatte sich verplappert. Mit seinem fast Akzentfreien Deutsch wäre Niemandem aufgefallen, dass er nicht von hier ist.
„ Ich bin in Amerika aufgewachsen.“
„ Was suchst du dann bei mir?“ Major Schubert drehte sich zum Schreibtisch um. Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass sein Gefangener die Hand an der Schublade hatte, als er ihn erwischte. Er zog sie langsam auf und starrte hinein. Es hatte sich nichts verändert. Ein paar Blätter, ein Tuch und darunter die verzierte kleine Holzkiste mit den Briefen der Mädchen, die er verführt hatte. Bevor er den Ahnungslosen jungen Damen den Laufpass gab, bestand er auf einen Brief indem sie ihre Liebe zu ihm veroffenbarten. Es war immer eine gutes Gefühl, sie dann achtlos abzuschieben und zuzusehen wie sie sich die Augen ausweinten. Das gab ihm ein Gefühl der Macht. Im Militärischen Bereich war er schon weit oben. Seine Männer gehorchten ihm. So hatte er auch das Gefühl die Frauen zu kontrollieren.
„ Du warst an meiner Schreibtisch Schublade, warum?“
„ Neugier!“
Wütend schlug Schubert wieder auf ihn ein.
„ Was hast du gesucht?“
„ Eine Waffe!“ log Francis. „ Ich wollte dich umbringen!“
„ Warum, was habe ich die getan?“
„ Du bist schuld am Tot meiner Mutter.“ Adrenalin floss durch seine Adern. Er konnte sich nicht mehr zurück halten, ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Soll er es doch endlich Wissen.
Es war ein Gesicht, indem tausend Fragen standen. Schubert brachte kein Wort mehr heraus. Dafür machte Francis endgültig reinen Tisch. Er sollte endlich erfahren mit wem er es zu tun Hatte.
„ Meine Mutter starb vor dreiundzwanzig Jahren unter einer Brücke hier in Weimar. Sie hatte noch ein Baby zur Welt gebracht, bevor sie von uns ging. Sie wissen das und haben ihr Leben lang danach gesucht. Nur weil ihre Karriere dabei auf dem Spiel stand. Aber jetzt ist Schluss mit der Suche. Hier bin ich. Francis Neumann, der Sohn von Marion Wolfing und… „ Angewidert spuckte Francis auf den Boden. „ Dietmar Schubert.“
Als hätte ihn der Blitz getroffen, sprang Schubert zurück. Er schlug gegen den Schreibtisch und umklammerte rücklings die Kante der Tischplatte.
Farncis schob die Schultern zurück. Trotz der Schmerzen und den angeschwollenen Augen versuchte er Haltung anzunehmen. Auch er hatte seinen Stolz.
„ Und damit sie gleich bescheid wissen…mich umzubringen wird sie nicht retten. Zu viele Menschen sind eingeweiht und werden sie nicht in Ruhe lassen.“
Immer noch sprachlos starrte Schubert seinen Sohn an, bis er anfing zu stottern. „ Wie hast du…wie bist du…?“
„ Ich wurde von einer Frau gefunden, die sich mir angenommen hat. Sie hat mich die ganzen Jahre liebevoll erzogen und mir das Gefühl gegeben meine Mutter zu sein. Sie ist damals mit mir und meinem Vater nach Amerika ausgewandert. Ja…da hättest du lange suchen können,“ stachelte Francis,“ Sie hat mir auf ihrem Sterbebett alles erzählt.“
„ Und was willst du nun von mir? mich töten?“ Schubert fand seine Haltung wieder. Er zupfte an seinem Kragen und richtete die Uniformjacke, die etwas verrutscht war, damit alles ordentlich saß.
„ Nein! Menschen Töten ist ihre dreckige Art. Ich wollte sehen wer meine leibliche Mutter in den Tot getrieben hat.“
„ Und bist du jetzt zufrieden?“
„ Ich könnte kotzen.“ Francis nahm kein Blatt mehr vor den Mund. Ihm war tatsächlich Übel bei dem Gedanken der Sohn dieses Scheusals zu sein.
„ Du hast mir mit deinem Besuch viel Arbeit erspart. Sicher bist du doch auch der Meinung, dass ich dich nicht am Leben lassen kann. Unser Großherzog Carl Alexander ist schon sehr alt. Seine beiden Söhne hat er überlebt, dass heißt, er braucht einen Thronfolger. Ich habe guten Kontakt zu ihm und strebe dieses Amt an. Da stehst du mir natürlich im Weg.“
Er gab seinen Soldaten einen Wink. Sie reagierten sofort. Waren ganz auf die Befehle ihres Vorgesetzten eingestellt.






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