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Prosa => Krimi


Lasst die Vergangenheit ruhen Kapitel 23 und 24 - von Andrea, 06.12.2018
Kapitel 23


Sie saßen in der Stube in Ulla. Francis hielt eine Tasse Kaffee in der Hand. Der Duft von frisch gemahlenen Bohnen war umwerfend. Langsam und Genüsslich sog er ihn in seine Nase.
„ Was sollen wir nun tun? Ich habe große Angst um Jo!“
Peter ließ den Kopf hängen. Er war völlig in sich gekehrt und überlegte. Magdalena schüttelte unentwegt den Kopf.
Vor diesen Moment hatte sie sich immer gefürchtet.
So viele Jahre ging alles gut. Peter war von Anfang an ihr Sohn. Was werden wohl jetzt die Nachbarn denken. Sie hatte sie alle belogen, mit ihrer scheinbaren Schwangerschaft. Mussten sie nun hier fort ziehen? Sobald die Leute mit den Fingern auf sie zeigen, würde sie hier weg wollen. Ein Leben ohne Gemeinschaft und ausgestoßen, dass konnte sie nicht ertragen. Ihr Herz wurde schwer, bei dem Gedanken und Tränen liefen über ihre Wangen.
Sie liebte Peter, für ihn hatte sie das alles riskiert und für ihn würde sie ein neues Leben beginnen.
Matthias ging in der Stube auf und ab. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, wie er es immer tat, wenn er nach Lösungen suchte.
„ Ihr Beide braucht einen Plan“, sagte er plötzlich.
„ Wir haben es mit dem Militär zu tun. Da sollte alles gut geplant sein.“
Hoffnungsvoll sah Francis ihn an. Matthias hatte wenigstens schon einen Ansatz, während sonst nur gegrübelt wurde und niemand zu einem Ergebnis kam.
„ Was schlagen sie vor?“
„ Beobachten. Ihr müsst diesen Major lange beobachten. Seine Gewohnheiten, seine Vorlieben und was er hasst. Je besser ihr den Feind kennt, desto besser ist es für euch. Nur so findest du Johanna wieder, Frank. Wartet den richtigen Zeitpunkt ab und schlagt zu!“
Erschrocken sah Magdalena auf.
„ Damit meine ich, die Wahrheit ans Licht bringen. Den Ballon platzen lassen oder wie auch immer man es ausdrücken mag. Es muss ihm ein für alle Mal die Macht genommen werden. Niemand ist glücklich, dass er sich in Weimar überall einmischt. Egal ob Politisch oder Bürgerlich, er hat immer seine Finger drin. Wir können dem ein Ende machen!“
Stramm stand Matthias im Raum. Das Kinn leicht angehoben, die Schultern nach hinten.
Ein stolzer Mann.
Zustimmend nickte Francis.
„ Dein Vater hat Recht. Wir sollten strategisch vorgehen.“
„ Ich habe ein wenig Angst. Wir sind nur zwei unerfahrene Männer gegen diesen…“ er suchte nach den richtigen Worten, aber Francis fiel ihm ins Wort bevor er weiter reden konnte.
„ Ich habe schon Gegner gehabt, die schlimmer waren. Texas ist ein raues Land, glaub mir, meine Ranch musste ich oft verteidigen. Also, wo fangen wir an?“
Das war die richtige Frage an Matthias. Er fühlte sich wieder wie ein junger Mann.
Jemand, der gebraucht wurde. Den man um Rat fragte.
Strategisch denken konnte er am Besten. Schach war sein liebstes Spiel. Seine Gegenspieler im Dorf wollten längst keine Partie mehr mit ihm. Er gewann ja immer.
„ Seit deiner Geburt war ich immer auf der Hut. Ich habe stets ein Auge auf Major Schubert gehabt. Deine wahre Mutter, Marion, hatte furchtbare Angst vor ihm. Sie kannte ihn schließlich sehr gut. Hatte ihm anfangs vertraut.“ Er machte eine Pause.
Zu deutlich war plötzlich ihr Gesicht vor seinen Augen. Dieses junge Mädchen. Wäre sie nicht schwanger geworden, hätte sie noch ein schönes Leben vor sich gehabt.
„ Ihr müsst euch vor dem Residenzschloss einen unauffälligen Platz suchen. Dort hat er sein Büro. Findet raus, was ihm wichtig ist. Wo er seinen schwachen Punkt hat.“
„ Er hat sicher keinen schwachen Punkt!“ seufzte Peter.
„ Sicher hat er den. Jeder besitzt einen oder sogar mehrere. Schubert hat zum Beispiel euch Beide. Ihr seid die Trümpfe, von denen er noch nichts weiß. Nutzt das aus!“
Verängstigt sah Magdalena ihren Mann an. So hatte sie ihn lange nicht mehr erlebt. Diese Energie.
Matthias bemerkte ihren Blick. Zart berührte er ihre Wangen. Strich mit dem Daumen die Träne trocken und nahm sie in den Arm.
„ Wir müssen endlich was tun, Du wusstest, dass dieser Tag kommen würde. Ich bin froh, dass es für uns noch nicht zu spät ist und ich helfen kann. Außerdem haben wir tatkräftige Unterstützung.“ Er zwinkerte Francis dabei zu.
„ Leider bin ich zu alt, aber glaubt mir, ich wäre gerne dabei.“
„ Na dann los, Peter. Wir müssen Jo finden.“




Kapitel 24

Es waren viele Menschen in Weimars Straßen unterwegs. Für Francis und Peter war dies ein großer Vorteil. Sie gingen in der Masse unter. Während Peter auf einer Bank saß und nebenbei die Tageszeitung las, beobachtete Francis den Eingang zum Residenzschloss von einer Straßenecke aus. Er lehnte lässig an einem Laternenpfahl und dachte an seine Heimat.
So langsam vermisste er seine Ranch. Wieder im Sattel sitzen und durch das weite Land galoppieren.
Hier könnte er nicht leben. Bei so vielen Menschen, dem Gedränge, Haus an Haus, da musste man irgendwann Atemnot bekommen. Platzangst war wohl das richtige Wort nachdem er suchte.
Was macht sein Vorarbeiter Lee Sloter wohl gerade?
Er musste schmunzeln, bei dem Gedanken, wie Sloter die Cowboys gnadenlos zur Arbeit antreibt.
Tief in seiner Seele hoffte er, dass hier bald alles vorbei war. Das er ohne Sorgen zurück reisen konnte. Auch wenn er sich schweren Herzens von Jo verabschieden musste.
Vielleicht konnte er Peter noch überreden mit ihm zu reisen.
Ob sein Bruder sich auf einer Ranch wohlfühlen würde, war eher unwahrscheinlich. Er kannte nichts Anderes als das Stadtleben.
Wie ähnlich sie sich sahen und doch so unterschiedlich waren. Jeder lebte sein eigenes Leben.

Ein Mann kam aus dem Schloss, gefolgt von Major Schubert.
Beide unterhielten sich mit heftigen Gestiken.
Der fremde Mann trug zivile Kleidung.
Ein Anzug, Hut und einen Gehstock, den er wohl nicht brauchte, denn er hielt ihn locker in der Hand, ohne sich darauf zu stützen.
Schubert hingegen trug seine Uniform.
Francis belächelte es nur. Es sah in seinen Augen eher witzig aus.
Auf dem Helm eine Spitze. Weiße Handschuhe und dieser zugeknöpfte Waffenrock, der so steif und unbequem aussah.
Er stellte sich vor, wie dieser Major durch die Straßen von Texas schritt. Die Leute würden glauben, ein Zirkus kommt in die Stadt.
Aber er durfte ihn auf keinen Fall unterschätzen. Dieser Major hatte Macht. Wenn Francis jemals wieder nach Haue wollte, musste er vorsichtig sein. Tod oder im Gefängnis war keine Option.
Er sah, wie Peter sich an dessen Fersen klemmte und hielt selber so viel Abstand wie er konnte, ohne sie aus den Augen zu verlieren.
Es war Mittag.
Ihr Weg führte ins Parkhotel Erbprinz auf dem Marktplatz.
Major Schubert blieb vor der Eingangstür stehen. Sein Begleiter öffnete ihm die Tür und hielt sie offen, bis er eingetreten war.
„ So ein arroganter Vogel!“ dachte Francis.
Hinter dem Neptun Brunnen hatte er volle Deckung.
Peter blieb dem Marktplatz fern. Er wollte nicht von seinem Arbeitgeber in der Apotheke gesehen werden. Immerhin war er noch entschuldigt krank zu sein.
Wie lange das gut gehen konnte wusste er nicht. Sein Chef war streng, aber er konnte kaum auf seinen besten Mitarbeiter verzichten. Peter war schon Jahre lang dort tätig und kannte sich hervorragend mit den Medikamenten aus. Noch nie war ihm ein Fehler unterlaufen.
Viele Kunden kamen nur seinetwegen.
Es kam Francis wie eine Ewigkeit vor. Wie konnte jemand so lange Mittagspause machen? Wenn er sich so viel Zeit auf seiner Ranch nehmen würde, wäre sie dem Untergang geweiht.
Endlich kamen sie wieder auf die Straße.
Major Schubert zündete sich eine Zigarre an. Sie blieben vor dem Hoteleingang stehen, jeder in seine Gedanken versunken. Der Mann in Zivil musste eine wichtige Person sein. Einfach so aus Nettigkeit würde der Major sicher nicht seine Zeit für ihn opfern. Wer mit ihm zu Mittag essen darf ist sicherlich Jemand den er braucht.
Sie schüttelten die Hände zum Abschied und trennten sich in unterschiedlichen Richtungen.
Sofort war Francis klar, wem er auf den Fersen bleiben wollte. Er gab Peter einen Wink und heftete sich an den Fremden. Schubert wird sicher wieder in sein Büro verschwinden und sie mussten draußen warten. So viel Geduld konnte Francis nicht aufbringen.
Es machte ihn Neugierig, mit wem der Major zu Mittag aß.

Langsam schlenderte der Mann durch Weimars Straßen. Er kaufte sich eine Zeitung und setzte sich auf die nächste Bank. Entspannend streckte er die Beine von sich.
Er blieb fast eine Stunde lesend auf der Bank, bewegte sich nur um weiter zu Blättern. Francis hielt sich schräg gegenüber hinter einer Mauer versteckt. Die Fassade des großen Hauses, welches einmal dem Dichter Schiller gehörte, bot zusätzlichen Schutz. Seine Geduld wurde bis aufs äußerste gespannt. Er kam sich gelangweilt vor. Die paar Leute, die an ihm vorbei gingen achteten kaum auf ihn, und dennoch fühlte er sich beobachtet.
Er konnte keine Zeitung lesen oder sonst irgendwie die Zeit tot schlagen. Das dümmste was dabei passieren könnte, wäre ein Moment der Unaufmerksamkeit, die den Fremden entwichen lässt.
Er bereute schon, sich für diese Aufgabe entschieden zu haben. Aber Peter hatte sicherlich genau so wenig zu tun.
Er stand bestimmt seit der letzten Stunde wieder vor dem Residenzschloss um den Eingang zu beobachten.
Noch ein langgezogener Seufzer. Einer von vielen, die Francis seit einer Stunde raus ließ.
Plötzlich stand der Fremde auf. Er schob seine Zeitung unter die Achsel des rechten Arms und verließ seinen Platz.
Sein Weg führte durch die Stadt bis hoch zum Bahnhof.
Dort verschwand er um eine Ecke und war außer Sicht.
Einen Moment blieb Francis stehen. Wusste nicht was er tun sollte. Was war hinter der Ecke? Führte dort ein Weg entlang oder war es ein Weg zu den Schienen.
Er kaute auf seine Unterlippe. Zögernd entschied er sich auf die Ecke zu zugehen.
Mit dem Rücken zur Wand riskierte Francis einen Blick.
Niemand zu sehen.
Eine leere Unterführung.
„ So ein Mist!“ fluchte er und rannte durch den kurzen Tunnel bis zum anderen Ausgang.
Entwischt.
Einfach so entwischt.
Dabei hatte er sich doch so viel Zeit und Mühe gegeben. Aber er war die Großstadt nicht gewohnt. In der freien Natur wäre ihm das sicher nicht passiert.
Fluchen brachte ihn jetzt auch nicht weiter. Mit viel Glück, hatte Peter etwas heraus gefunden.
Er wollte sich gerade umdrehen, da spürte er einen Schlag im Nacken. Gefolgt von einem hohen Pfeifen in beiden Ohren überkam ihm finstere Dunkelheit.
Seine Knie wurden weich und konnten sein Gewicht nicht mehr halten. Wie eine Marionette, der man die Fäden durchschnitten hatte, sackte er zusammen und war bewusstlos, bevor er auf den Boden aufschlug.
Drei Männer starrten auf den regungslosen Körper. Einer von ihnen hielt ein Eisenrohr in den Händen.
Er grinste breit, stieß mit den Stiefelspitzen gegen den Wehrlosen am Boden Liegenden.
„ Der ist hinüber!“ knirschte er zwischen seinen gelben Zähnen.
„ Ich hoffe, er lebt noch!“ sagte der Fremde.
„ Ihr wisst wohin ihr ihn bringen sollt. Also los!“
Das Eisenrohr flog im hohen Bogen ins Gras. Dort verschwand es in den dichten Halmen. Der nächste Regen, würde das Blut daran abspülen.
Sie fassten Francis an den Beinen und den Armen und trugen ihn zu einem Handkarren. Mit einer Plane abgedeckt schoben sie das Gefährt die breite Straße hinunter.
Niemand hielt sie auf, oder stellte Fragen. Ein ganz Alltäglicher Anblick.
Zufrieden sah der Fremde ihnen nach.
Wischte nicht vorhandenen Schmutz von seiner Weste. Auch die Haare stylte er, bevor er den Hut wieder aufsetzte.
Mackeloses Erscheinen war ihm wichtig.
Seine zwei Handlanger dagegen waren das ganze Gegenteil.
Schmutzig, fettige Haare, Lange, ungepflegte Fingernägel und keine Manieren. Aber sie taten alles für ein paar Geldstücke. Waren sich für keine Arbeit zu fein und stellten nie Fragen. Schon oft brauchte er ihre Hilfe, um selber seine Hände im reinen zu halten.
Konrad Friedrich Forst. Einst tätig für Personenschutz hatte schon beim Gang zum Parkhotel Erbprinz bemerkt, dass er einen Verfolger hatte.
Sein Instinkt hatte ihn nicht verlassen.
Er war immer noch ein guter Detektiv. Es schmerzte auch nicht mehr, an die Vergangenheit zu denken und sich selbst zu Bedauern.
Es gab nichts zu Bereuen. Er hatte seinen Job gut gemacht, war in das brennende Haus gerannt um die Person zu Retten, für dessen Schutz er beauftragt war.
Major Schubert war noch jung und wild. Verantwortung kannte er nicht.
Einen Jugendlichen zu beobachten, konnte ja keine Schwierigkeit sein, außerdem reizte die großzügige Bezahlung.
Es stellte sich als schwieriges Unterfangen raus. Ständig war Schubert heimlich verschwunden, aber Konrad Friedrich Forst fand ihn immer wieder.
So auch an dem einen Sonntagmorgen. Schubert hatte die Nacht mit einem Mädchen verbracht und wollte sie am nächsten Morgen wieder los werden. Sie fühlte sich zutiefst gekränkt und fing einen Streit an. Schubert warf seine Zigarette in den Ascher und prügelte das junge Mädchen aus dem Haus. Dass die Zigarette aber den Ascher verfehlte, hatte er nicht bemerkt.
Er schlief im Sessel ein und wurde erst wieder wach, in den Armen von Forst.
Bei dieser Rettung erlitt Konrad Forst schwere Verbrennungen an beiden Händen.
Er konnte nie wieder eine Pistole halten.
Erst Jahre später nahm Schubert wieder Kontakt zu ihm auf. Von Reue war keine Rede. Er bot ihm an, wieder seinen persönlichen Schutz zu übernehmen.
Forst hatte gelernt sich auch ohne Waffen zu verteidigen und war ein Detektiv geworden, den man nicht unterschätzen durfte.
Er nahm das Angebot an, erwartete auch keinen Dank für die damalige Rettung. Ihm war es nur wichtig an dessen Seite zu sein. Immer zu wissen wo Schubert war und was er machte, denn er kannte das Geheimnis. Sollte Major Schubert ihn irgendwann in den Rücken fallen, konnte er sein Ass ausspielen.





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