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Prosa => Krimi


Lasst die Vergangenheit ruhen Kapitel 19 und 20 - von Andrea, 14.11.2018
Kapitel 19


Pünktlich um zwei Uhr rollte der Zug aus Gotha in Weimar ein. Mit quietschenden Rädern wurde er allmählich langsamer, bis er genau an einer Markierung stehen blieb.
Fast beeindruckend, fand Francis die Leitung des Zugführers.
Matthias hatte noch eine Bitte an Francis.
„ Lass mich zuerst mit ihm Reden. Wir können ihn nicht einfach so überrumpeln.“
„ Gut. Ich warte da drüben.“
Er nutzte eine Werbetafel als Deckung.
Die Türen öffneten sich.
Eine menge Leute stiegen aus und ein.
Francis erkannte Peter sofort.
Er war auf alles gefasst, aber dass verschlug ihm jetzt doch den Atem.
Etwas schmächtiger, schmalere Schultern und einen hängenden Gang. Ansonsten war er sein zweites ich.
Kein Wunder, dass die Frau in Ulla so erschrocken war und der Apotheker ihn verwechselt hatte.
Er sah, wie Vater und Sohn sich umarmten.
Dann schob Matthias in von sich um etwas Abstand zu bekommen. Er sah ihm in die Augen und Francis beobachtete, wie er ernst wurde.
Seine Lippen bewegten sich, Peters Blick wurde finster.
Francis konnte kein Wort verstehen, zu laut pfiff und schnaubte die Lok im Bahnhof.
Matthias setzte Handgestiken ein. Peter sackte noch mehr in sich zusammen.
Länger hielt Francis es nicht mehr in seiner Deckung aus. Er trat vor und blieb etwa drei Schritt entfernt vor den Beiden stehen.
Peter sah zuerst zu ihm rüber. Wie vom Schlag getroffen starrte er ihn an.
Matthias ließ sich auf eine Bank nieder. In seinem Alter war das nicht mehr so einfach zu verkraften.
„ Du…du bist mein Bruder? stotterte Peter.
„ Ja. Francis Neumann. Hier sagt man wohl eher Frank.“
Sie standen sich Minuten lang gegenüber. Jeder fasziniert vom Anderen.
„ Ich bitte dich, mit mir zu kommen. Ich werde dir alles erklären, was ich bisher weiß. Eine gute Freundin hilft mir beim recherchieren. Sie macht uns bestimmt einen Kaffee dazu. Du musst einiges Wissen, denn deine Vergangenheit ist…ist Kompliziert. Und die Zukunft vor allem Gefährlich.“
„ Das höre ich mir schon mein ganzes Leben lang an. Sei Vorsichtig. Rede nicht zu viel. Vertraue Niemandem. Er schickt mich zu Tante Helena und holt mich zurück. Und jetzt stellt mein Vater mir einen völlig fremden Mann vor, dem ich Blind folgen soll. Ich weiß nicht mehr was ich tun soll?“ Peter verzweifelte. Ließ den Kopf hängen.
„ Lass dir alles von Frank erklären. Ich kann nicht mehr. Ein leben lang haben deine Mutter und ich versucht dich zu beschützen, aber wir sind alt geworden und irgendwann bist du auf dich allein gestellt. Frank hat Recht, wenn er sagt, es muss geklärt werden.“ Matthias nahm seinen Sohn in die Arme und drückte ihn, als wäre es das letzt mal.
„ Ich kann es einfach noch nicht begreifen!“
Peter löste sich aus der Umarmung. Er musste Fancis noch einmal in die Augen schauen. Ihn von oben bis unten betrachten.
Es gab keinen Zweifel. Er musste sein Bruder sein.
„ Warum kommst du erst jetzt? Wo warst du die ganzen Jahre?“
„ Das sollten wir vielleicht nicht unbedingt hier am Bahnhof besprechen. Ist doch sehr ungemütlich hier. Wenn du mir noch nicht traust, fahren wir eben nach Ulla. Dort werde ich dir Rede und Antwort stehen.
Er griff nach Peters Tasche und zwang ihn somit ihm zu folgen.
In der gemütlichen Küche reichte Francis seinem Bruder eine frisch aufgebrühte Tasse Kaffee.
Sie saßen Stunden lang zusammen. Peter stellte eine Menge Fragen und Francis beantwortete sie so gut er konnte. Er wusste genau, was in seinem Bruder gerade vorging. Hatte es selber noch nicht vergessen, wie die Wahrheit bei ihm einschlug.
„ Ich habe einen Bruder“, sagte Peter immer wieder.
Ihr Aussehen war identisch, aber sie waren zwei Charakteren.
Francis liebte Pferde, hielt sich gerne im Saloon in Laredo auf und feierte mit Freunden. Er trank gerne Whisky. Das harte Leben auf der Ranch, tagelange Rindertriebe, Übernachtungen unter freiem Himmel, das war sein Leben.
Peter hingegen wuchs behütet auf. Er ging seiner täglichen Arbeit in der Apotheke nach und las gerne Bücher. Buchführung machte er mit vorliebe und hatte ein breites Wissen im Finanzwesen.
„ Was sollen wir denn nun tun?“ fragte Peter und hoffte auf eine Lösung.
„ Wir reden mit diesem Major Schubert.“
Francis sagte es so lässig, als sei es die einfachste Sache der Welt.
„ Du willst ernsthaft zu diesem Mann und ihm erzählen, wir sind deine Söhne, die du nicht haben wolltest.“ Seine Worte klangen sarkastisch.
Mit einem Seufzer stand Francis auf und goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein. Von diesem braunen Getränk konnte er nie genug bekommen. Das Koffein sorgte für einen klaren Kopf und deutscher Kaffee schmeckte ihm besonders gut. Ganz egal woher sie diesen Importierten, er war einfach besser im Geschmack und Aroma.
„ Wer weiß, vielleicht ist er ja stolz auf uns. Ich würde mich über einen Sohn freuen.“
„ Du kennst ihn nicht. Er ist ein Tier. Ständig in den Schlagzeilen. Deiner Geschichte nach, sind wir uneheliche Kinder. Weißt du was das heißt, für einen Mann in seiner Position?“
„ Ihr habt alle irgendwie angst vor ihm. Er ist doch nur ein Mann!“
„ Er hat alle anderen unter sich. Schubert braucht nur mit den Fingern zu schnipsen und der Bürgermeister küsst ihm die Stiefel. Politisch wie Wirtschaftlich und Militärisch hat er hier das Sagen. Ich kann nicht fassen, dass dieser Mann mein leiblicher Vater sein soll!“

Stumm und Ratlos schauten sie auf den Tisch. Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
Vorsichtig trat Magdalena ins Zimmer. In ihren Händen hielt sie einen Brief.
Sie legte eine Hand auf Peers Schulter.
„ Mein Junge. Jetzt wo du alles weißt, kann ich dir diesen Brief geben. Dein Vater und ich hatten beschlossen, solange wie möglich alles Geheim zu Halten. Wir wollten dein behütetes Leben nicht aus der Bahn bringen. Außerdem besteht seit deiner Geburt große Gefahr, dass alles ans Licht kommt und du…ich möchte gar nicht daran denken. Dieser Brief stammt von Marion Wolfing, deiner richtigen Mutter. Du solltest ihn erst erhalten, wenn dein Vater und ich nicht mehr Leben.“ Sie ließ den Kopf hängen. „ Ich schäme mich jetzt dafür, dass ich nie den Mut hatte, dir alles zu erzählen, deshalb wollten wir dass du den Brief nach unserem Ableben findest. Ich hoffe du kannst uns verzeihen.“
Mit tränen in den Augen stand Peter auf und nahm seine Mutter in den Arm.
„ Da gibt es nichts zu Verzeihen. Du und Vater, ihr habt mich großgezogen. Ihr habt mir euere ganze Liebe gegeben und die Last auf eueren Schultern getragen um mich zu beschützen. Was kann ein Kind mehr verlangen. Ich weiß ja im Moment selber nicht, wie eich darüber denke.“
„ Komm, Magdalena“, sagte Matthias. „ Lassen wir die Beiden kurz allein. Der Brief ist wohl auch an Frank gerichtet. Sie wusste ja nicht, dass sie Zwillinge zur Welt bringt.“
Die beiden Brüder saßen am Tisch und starrten auf den Brief. Niemand traute sich ihn zu öffnen.
„ Wir sollten ihn lesen, Peter“, sagte Francis nach einigen Minuten.
„ Möchtest du das Siegel brechen?“
„ Nein. Er war für dich bestimmt. Es ist deine Aufgabe.“
„ Aber du bist genauso ihr Sohn.“
„ Mach ihn endlich auf!“ Francis drängelte. Die Neugier auf den Inhalt brannte in seiner Seele.
Peter brach das Siegel und zog ein Blatt Papier aus dem Umschlag.
„ Lies vor!“
An mein ungeborenes Kind,
Es tut mir so leid, dass ich dich unter diesen Umständen austragen muss. Ohne die Hilfe von Magdalena und Matthias würde wir Beide nicht mehr Leben. Sie hat haben alle Gefahren auf sich genommen, um dich zu Schützen.
Mein Sohn, vielleicht auch meine Tochter…
Ich möchte, dass du die Wahrheit erfährst, ganz egal wie du danach über mich denkst.
Ich war jung und naiv. Über beide Ohren verliebt in Dietmar Schubert. Er war ein ganz besonderer Junge. So hübsch und ein wenig wild.
Ich habe ihn geliebt und bin schwanger geworden. Es war die eine Nacht, in der wir beide viel getrunken hatten. Mein erstes Mal. Ich kann dir nicht sagen wie Glücklich ich war.
Doch am nächsten Morgen war er wie verwandelt. Er schlug mich und beschimpfte mich eine Hure zu sein, die ihn verführt hatte. Später erfuhr ich von meiner Schwangerschaft. Ich habe es ihm gesagt, war immer noch verliebt und hoffte, es war nur ein einmaliger Wutausbruch.
Er war überhaupt nicht erfreut darüber und drohte mir, ich solle abtreiben, sonst wird er dafür Sorgen, dass das Kind nie geboren wird.
Ich hatte viel Glück im Unglück, fand Hilfe bei Freunden.
So schwer es mir auch fällt, aber du hast es bei Bruchner besser. Ich kann dir kein Leben ohne Angst geben.
Dietmar Schubert ist dein Vater, aber er wird dich töten, wenn er es weiß. Deshalb werde ich aus deinem Leben verschwinden müssen.
Ich streichele meinen Bauch und hoffe, du wirst mal ein gut aussehender Mann, oder eine hübsche Dame.
In Liebe, deine Mutter

Marion Wolfing
Kapitel 20

Johanna blieb noch einige Stunden im Büro. Sie musste einige Berichte aufarbeiten. Sie ging zu ihrem Kollegen und wollte sich verabschieden.
Er war der älteste im Büro und blieb immer bis zu letzt an seinem Schreibtisch sitzen. Zu Hause fühlte er sich nur einsam.
„ Dann bis Morgen, Kurt“, sagte Johanna hinter ihm stehend. Er hob den Kopf und nickte freundlich.
„ Woran arbeitest du gerade?“ wollte sie noch wissen, bevor sie ging.
„ Ach, mal wieder nur Gewalt. Ein Arzt wurde tot aufgefunden. Brutal zugerichtet. Anscheinend an inneren Verletzungen gestorben. Wer macht so was?“
„ Ein Arzt?“ Johanna wurde neugierig. Schlagartig musste sie daran denken, wen Francis heute Morgen besucht hatte.
„ Weißt du seinen Namen?“
„ Ja, aber den darf ich nicht veröffentlichen. Datenschutz.“
„ Mir kannst du es doch sagen.“
„ Ein Doktor Harry van Leeken. Wohnte Richtung Belvedere raus.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals.
„ Wann ist das Passiert?“
Der Mitarbeiter zog seine Brille aus, legte diese auf den Schreibtisch und sah Johanna durchdringend an.
„ Warum interessiert es dich so. Weißt du etwas darüber?“
Sie lief rot an. Um ihr ungutes Gefühl zu verdecken, ging sie zum Wasserspender und füllte eine Tasse damit. Nach einigen Schlucken sagte sie, “ Nein, aber du hast Recht. Es ist Grausam.“
Sie ging hinaus. Wann es passierte war im Grunde egal. Francis war dort und hatte mit ihm geredet. Erste Zweifel kamen hoch. Hatte er die Kontrolle über sich verloren? War er in der Lage einen Menschen zu Tode zu schlagen?
Er hatte ihr gesagt, dass er mit etwas Nachdruck an seine Informationen kam. Aber wie viel Nachdruck war da nötig?
Ihre Kehle schnürte sich zu. Wie gut kannte sie ihn eigentlich? Was hatte er in Amerika gemacht, war er dort vielleicht als brutaler Schläger bekannt?
Er war aufbrausend und ungeduldig. Mehrmals musste sie ihn stoppen. Nun teilte sie ihr Bett mit ihm. Bei diesem Gedanken schauderte es ihr. Aber er war doch so liebevoll und zärtlich.
Sie ging gedankenverloren die Straße entlang und bog in eine Nebengasse. Dieser kleine Weg verband die beiden parallel verlaufenden Straßen, so dass er eine gute Abkürzung war.
Sonst hätte sie bis zum Marktplatz laufen müssen um dort in einem weiten Bogen zu ziehen.
Die Laternen brannten auf der Schillerstraße, aber hier in der Gasse gab es nur eine und diese schaffte es nicht, von Anfang bis ende alles zu beleuchten.
Johanna hatte nie angst vor der Dunkelheit, aber irgendwie bedrückte sie ein ungutes Gefühl, als sie sich fast in der Mitte der Gasse befand. Sie blieb stehen um zu lauschen. Waren Schritte hinter ihr, oder bildete sie sich das nur ein?
Ein prüfender Blick über die Schulter.
Niemand war zu sehen.
Dabei hallte doch deutlich das Klacken von Schuhen auf Steinboden.
„ Du machst dich noch verrückt“, murmelte sie um sich zu beruhigen.
Sie drehte sich wieder nach vorne und erschrak. Die Geräusche kamen wohl aus der andren Richtung, denn plötzlich stand ein Mann vor ihr.
Johanna riss die Augen weit auf. In der Dunkelheit war er nur schwer zu erkennen.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Das war kein Spaziergänger. Kein Fremder, der nur grüßend weiter gehen wollte. Dieser Mann baute sich vor ihr auf und versperrte ihr den Weg.
„ Wo hin so allein im dunkeln?“
Er kam näher. Bis auf zwei Schritte an sie ran.
Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Fest entschloss sich mit aller Macht zu Wehren.
Der Fremde packte sie am Revers ihres Mantels und zog sie ohne Probleme auf die Zehenspitzen.
Sein Arm war angebeugt. Er hielt sie so nahe an sich ran, dass Johanna seinen schlechten Atem riechen konnte.
Bier und Schnaps.
„ Na süße Maus! So allein noch auf der Straße?“
Sie schlug mit ihren Fäusten um sich. Versuchte seinen Kopf zu treffen. Doch er lachte nur.
Als sie in laute Panik mit ihren Fingernägeln durch sein Gesicht fuhr, ließ er sie los.
Klatschend schlug seine Hand an ihre Wange.
Johanna stürzte.
Auf allen vieren, gedemütigt und mit brennendem Schmerz.
„ Bitte, ich habe etwas Geld bei mir. Wollen sie es haben?“
Ihre Finger suchten zittrig in der Handtasche herum.
„ Das kannst du stecken lassen.“ Lachte er über seine Wortspielerei.
„ Die Bezahlung reicht aus.“
Er hätte sie gerne hier und jetzt benutzt um seinen Trieb zu Stillen, aber so weit durfte er laut Anweisung nicht gehen. Nur eine Abreibung hatte Bolwik ihm eindringlich gesagt. Und er sollte auch keinen großen Widerstand bei der Polizei leisten. Es sei alles Abgesprochen und er kann wieder gehen, sobald sie außer Sichtweite sind.
Wie geplant stand der Wachmann hinter einem Vorbau und beobachtete die Szene.
„ Steh auf, oder soll ich dich gleich hier vernaschen. Ich finde, da hinten ist es doch viel angenehmer. Dort ist Sand, da liegst du weicher unter mir.
„ Was ist hier los?“ Jetzt war der richtige Zeitpunkt zum Eingreifen.
„ So ein Mist. Die Polizei!“ er gab sich Mühe verzweifelt zu klingen, aber es war schlecht geschauspielert.
Nur gut, dass es dunkel war, denn sonst hätte Johanna sein Grinsen gesehen.
Ein zweiter Staatsbeamter zog ihn zu sich und packte ihn im sicheren Abführgriff.
„ So, mein Freundchen. Jetzt geht es erst mal auf die Wache. Bei frischer Tat ertappt. Da ist der Knast sicher.“
Grob führte er ihn um den Block.
Bolwik wartete bereits.
„ Gut gemacht. Hier ist dein Geld. Und zu Niemandem ein Wort, hast du verstanden? Sonst sorge ich persönlich dafür, dass du doch noch im Gefängnis landest.“
Er reichte ihm eine Mappe.
„ Und hier die Akte. Deine Vorstrafen sind damit aufgehoben.“
Der Fremde konnte sein dreckiges Lachen nicht lassen.
„ Das war mal ein verdammt guter Deal. Aber die Kleine hätte ich trotzdem noch gerne genommen. Sie roch so gut und ihre Haut war weich wie…“
„ Halten sie die Klappe und verschwinden sie für immer aus meinen Augen.“
Er drückte auch dem Polizisten ein Bündel Geldscheine in die Hand.
„ Das gilt auch für sie. Wenn sie auch nur ein Wort über diese Sache sagen, garantiere ich ihnen ein grausames Ende. Sie kennen mich doch, ich mache keine Späße!“

Mühsam kam Johanna wieder auf die Beine. Ihre Knie zitterten genauso wie die Hände.
Das linke Auge zuckte und brannte. Der Wangenknochen darunter verfärbte sich schon dunkel blau und schwoll an.
„ Geht es wieder?“ fragte der Polizist mit leichtem sächsischem Akzent und nahm sie unter die Arme um sie zu stützen. Er führte sie zu einer Bank, ließ sie dort nieder und setzte sich neben ihr.
„ Danke! Sie kamen genau richtig.“
„ Mein Name ist Lauber.“ Vorsichtig legte er eine Hand auf ihren Arm. Berührungen konnten trösten.
„ Ich heiße Johanna Müller. Ich wohne gleich hier um die Ecke, es ist gar nicht mehr weit. Ich hätte nie gedacht, dass mich hier jemand…
„ Was wollte er von ihnen?“
Sie sah ihn verständnislos an.
„ Was glauben sie denn?“
Er senkte den Kopf, biss sich auf die Unterlippe, weil ihm bewusst wurde, dass seine Frage unangebracht war. Aber er hatte den Auftrag ihr Vertrauen zu gewinnen und Informationen zu beschaffen.
„ Sind sie nicht die Reporterin?“
„ Ja, ich bin Reporterin, aber was hat das hiermit zu tun?“
„ Na, sie haben doch in der Sache mit der toten Frau unter der Brücke recherchiert.“
Viel zu direkt ging er an die Sache heran. Johanna wurde stutzig.
Er wusste aus seiner Situation nicht mehr raus zu kommen. Nervös kratzte er sich immer wieder an sein Kinn.
Er war doch nur ein Wachmann. Musste nur seine Streife gehen Meldungen machen, wenn etwas nicht dem Gesetzt entsprach.
Johanna starrte ihn unentwegt an. Aus seiner Nervosität wurde Wut.
„Sollten doch andere Spion spielen. Was mache ich hier eigentlich?“ dachte er.
„ Also, ich geh dann mal.“ Stotterte er und sprang, wie von einer Mücke gestochen, hoch.
„ Was ist mit mir? Wollen sie mich nicht nach Hause begleiten? Bitte, ich habe Angst.“
„ Das brauchen sie nicht. Der Kerl ist verschwunden. Der kommt nicht wieder.“
„ Verschwunden? Hat ihr Kollege ihn nicht mit zur Wache genommen?“ Johanna wunderte sich selber über ihre klaren Gedanken. Trotz des schrecklichen Überfalls.
„ Ja, ähm…ich muss los.“ Er drehte sich nicht wieder um. Da war zu viel Angst, dass sie noch mehr Fragen stellen könnte. Mit schnellem Schritt verließ er die Gasse.
Bolwik erwartete auch ihn an der Ecke. Seine Neugier war nicht zu übersehen.
„ Also, was hat sie gesagt?“
„ Nichts!“ er traute sich nicht die Wahrheit zu sagen. Dass er versagt hatte, konnte Bolwik ja nicht wissen.
„Sie ist zu aufgelöst. Weint nur und möchte nach Hause. Sie hat nichts gesagt. Tut mir Leid.“
„ Es tut ihnen Leid? Was denken sie, wie es mir jetzt ergeht. Wenn ich ohne Informationen da stehe. Dann war also alles umsonst? Ich habe die beiden Anderen schon bezahlt. Sie haben ihre Arbeit gut gemacht. Aber sie können nicht noch Lohn für ihren Mist verlangen. Hauen sie ab, bevor ich ihnen die Beine breche!“ Bolwik war so in Wut, er hätte sicher mit seinem Stock zugeschlagen, wenn der Polizist nicht reiß Aus genommen hätte.
Alles war so gut durchdacht. Was sollte er Major Schubert jetzt sagen.

Johanna lief so schnell sie konnte aus der Gasse heraus.

Bis zur Haustür war sie stark, konnte ihre Gedanken ordnen und gezielt nach Hause laufen, aber schon bei der ersten Treppenstufe im Flur brach sie zusammen. Die Knie gaben nach und ihr wurde schlecht. Ein Weinkrampf schüttelte ihren ganzen Körper. Mühsam klammerte sie sich am Geländer fest und zog sich Stufe für Stufe in den dritten Stock.
Francis hatte Peter mit in ihre Wohnung genommen. Er wollte ihn bei sich in Sicherheit haben und ihm Johanna vorstellen. Aber sie war nicht zu Hause. Beide warteten in der Küche und erzählten aus ihrem Leben. Plötzlich lauschte Francis auf.
„ Na endlich. Da kommt Johanna“, sagte er zu Peter und freute sich sie wieder zu sehen. Es waren nur ein paar Stunden, aber sie fehlte ihm.

Er ging ihr im Flur entgegen. Es war schließlich ihre Wohnung und er hatte einen Fremden mitgebracht. Da sollte sie nicht unerwartet überrascht werden.
Aber schon beim ersten Blick, sah er, dass etwas nicht stimmte.
„ Jo? Was ist los?“, besorgt trat er auf sie zu.
„ Du weinst ja!“
Sie hatte immer noch den Kopf gesenkt. Doch als sie jetzt aufsah, blickte Francis auf ein blaues, angeschwollenes Auge.
„ Was ist passiert? Jo, rede doch mit mir!“ er war verzweifelt. Sie brauchte Hilfe, schien ihn aber weg zu drängen.
„ Ich…ich wurde überfallen. So ein Dreckskerl hat mich in der Gasse geschlagen und wollte…“ sie schluchzte wieder.
Konnte einfach nicht Aussprechen, was passiert wäre, wenn nicht der Wachmann aufgetaucht wäre.
Vorsichtig umfasste Francis ihre Schulter und wollte sie trösten.
Er hatte große mühe seine Wut zu unterdrücken. Hätte er sie doch abgeholt, dann wäre nichts passiert.
„ Wäre ich doch bei dir gewesen. Ich hätte ihm mehr als nur das Nasenbein gebrochen.“
In diesem Moment schob sie ihn von sich und drängte sich Rücklings gegen die Haustür.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an.
Francis wusste nicht wie er darauf reagieren sollte. Ihm war nicht bewusst, etwas Falsches gesagt zu haben.
„ Ich habe eben den Bericht gesehen. Er kommt Morgen in die Zeitung.“
„ Welchen Bericht?“
Ihre Augen weiteten sich. Wie sollte sie ihn fragen, ob er ein Mörder ist?
„ Doktor Harry van Leeken. So hieß doch der Arzt den du aufgesucht hast.“
„ Ja. Aber warum sprichst du in der Vergangenheit?“
„ Er ist tot. Zu Tode gefoltert.“
„ Was?“ ihre Angst vor ihm schrie ihn förmlich an.
„ Du glaubst doch nicht etwa, ich hätte ihn umgebracht!“
„ Ich weiß nicht mehr was ich glauben soll. Dieser Polizist stellte mir blöde Fragen. Er lief danach sogar weg. Hätte er mich nicht nach Hause begleiten sollen? Und du…“
„ Um Himmels Willen, Jo! Ich habe ihm gedroht, ja, aber ich habe seine Angst ausgenutzt. Da brauchte ich gar keine Gewalt anzuwenden. Bitte Glaube mir, dass hätte ich auch nicht getan. Ich habe mich schon oft geschlagen, aber niemals habe ich einen schwachen oder gar alten Mann verprügelt.“
Sie brach in Tränen aus und sank am Türblatt in die Knie.
„ Johanna, ich liebe dich.“
„ Ich weiß nicht mehr, wem ich noch trauen kann.“
Ratlos stand er vor ihr. Wollte sie umarmen, sie küssen, doch ihre abwehrende Haltung traf ihn wie ein Messerstich ins Herz.
Plötzlich erweiterten sich ihre Augen und sie schaute an ihm vorbei. Francis brauchte sich nicht um zu drehen. Er wusste, was sie sah.
„ Darf ich vorstellen, das ist Peter Bruchner.“
Langsam schob sie sich an der Tür hoch. Benutzte die Klinke zum festhalten, denn ihre Beine zitterten noch immer vom Adrenalin, welches sich langsam abbaute.
Beschämt holte sie ein Taschentuch aus der Handtasche um die Tränen ab zu wischen, die ihre Wangen völlig eingenässt hatten.
„ Endschuldigen sie!“ kam es schluchzend aus ihrem Mund.
„ Sie müssen sich nicht endschuldigen. Ich habe mitgehört, was passiert ist. Es ist Schrecklich! Wir haben Tee gemacht, kommen sie in die Küche.“ Er half ihr beim hin setzen auf einen Küchenstuhl und reichte ihr eine Tasse.
Francis blieb in der Tür stehen. Unschlüssig, was er tun sollte.
„ Danke. Ich heiße Johanna.“ Sie reichte ihm die Hand.
„ Ich weiß. Es tut mir aufrichtig leid, dass sie wegen uns so große Probleme haben.“
„ Es muss ihnen nicht leid zun. Ich wollte helfen und Francis ist…“ Sie sah verlegen zu ihm rüber.
„ Ich geh besser wieder ins Hotel zurück“, sagte er entschlossen.
„ Nein!“ sie stellte ihre Tasse ab. Es kam ihm vor, als hätte jemand das Leben auf Zeitlupe gestellt, so langsam kam sie auf ihn zu. Er konnte jede Regung in ihrem Gesicht sehen.
Hoffnung, Zweifel, Liebe.
Sie blieb vor ihm stehen. Berührte zart seine stoppeligen Wangen. Fuhr mit den Fingern durch sein dichtes Haar.
„ Ich weiß nicht was mit mir los war. Wie konnte ich dich nur verurteilen. Ich glaube dir. Bitte, bleib bei mir.“
Francis blieb regungslos. Das sie ihn für einen Mörder hielt, hatte ihn schwer getroffen.
Anscheinend las Peter seine Gedanken, denn er sagte, „ Sie hat etwas Schlimmes erlebt. Steht sicher immer noch unter einem Schock. Ich glaube du solltest ihr Verzeihen, Bruder.“
„ Ich…“ mehr konnte er nicht sagen, denn ihre Lippen pressten sich auf seinen Mund.

„ Wie geht es jetzt weiter?“ Peters Frage löste die Beiden aus ihrer Umarmung.
„ Sollen wir Major Schubert einfach besuchen und ihm sagen, hallo wir sind deine Söhne?“
„ Da kannst du dir gleich schon mal einen gemütlichen Platz auf dem Friedhof aussuchen. Er hat dich ein Leben lang gesucht, nur um dich aus dem Weg zu schaffen. Wir stehen seiner Karriere im Weg.“ Ernst schaute Francis in die Runde.
„ Wir können ihm doch versichern, dass wir nichts sagen.“
Peter senkte sofort den Kopf. Er wusste, dass das Blödsinn war, was er sagte.
„ Es kommt noch viel Schlimmer“, warf Johanna ein. Sie hatte sich wieder beruhigt und kühlte mit einem nassen Lappen ihr Auge.
„ Der Wachmann wollte mich über meine Recherchen ausfragen. Was ich alles zu dem Todesfall unter der Brücke heraus gefunden habe.“
Den beiden Männern fielen die Kinnladen herunter. Es dauerte eine Zeit bis Francis wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.
„ Du meinst, der Überfall war nur gespielt?“
„ Sieht das so aus?“ sie nahm den Lappen weg und zeigte auf ihr geschwollenes Auge.
„ Der hätte mich sicher in die Hecke gezogen und noch mehr…. Wenn nicht dieser komische Wachmann dazwischen gegangen wäre. Ich glaube sein Name war Lauber.“ Sie hielt einen kurzen Moment inne. Wie in einem Lichtspielhaus, spielten sich die schrecklichen Szenen noch einmal vor ihren Augen ab. Und wieder flammte das Gefühl der Machtlosigkeit und Furcht in ihr auf.
„ Hat er dich gefragt wo du wohnst?“
„ Nein, aber ich habe ihm eine Beschreibung gegeben. Ich hatte Angst und er war ein Wachmann, da hatte ich noch Vertrauen zu ihm.“
„ Was können wir denn jetzt tun? Ich möchte doch nur mein Leben so wie es war weiter führen. Ohne Angst.“ Peter sah mutlos von einem zum Anderen.
Innerlich musste Francis schmunzeln. Was hatte Peter denn für ein Leben? Jeden Tag in einer Apotheke stehen und Kunden bedienen, war nicht unbedingt das, was er sich vorstellte. Immer im feinen Anzug mit Fliege und immer höflich sein. Nie einfach mal im Saloon einen Trinken und beim Armdrücken gewinnen. Oder unter freiem Himmel schlafen während dein Pferd neben dir leise schnauft. Das heißt Leben.
„ Komm mit nach Texas! sagte er spontan. „ Ich kann noch einen Buchhalter auf meiner Ranch gebrauchen. Schubert wird uns sicher nicht bis nach Amerika verfolgen. Auf und Davon, was sagst du dazu?“
„ Du bist verrückt!“
„ Ich bin hier her gereist um meinen Bruder kennen zu lernen, dass es dabei so viel Ärger gibt hätte ich nicht gedacht. Dieser Major geht über Leichen. Entweder tun wir das jetzt auch, oder wir wenden uns an seinen Vorgesetzten.“
„ So einfach ist das nicht!“ warf Johanna ein.“
„ Wenn ich eins gelernt habe, in den paar Tagen die ich hier bin, dann ist es die absolute Bürokratie, die hier herrscht. Alles streng nach Vorschrift. Also wird auch beim Militär die Rangordnung streng eingehalten. Schubert hat Jahrelang versucht dich zu finden. Warum wohl? Du bist eine Gefahr für seine Karriere und genau das werden wir ausnutzen!“
Kerzengerade stand Francis in der Küche. Die Schultern nach hinten gezogen und die Hände zu Fäusten geballt.
Er war fest entschlossen, diesem Spiel ein Ende zu setzen.
Jetzt erst Recht! Sie haben Johanna weh getan und ihr Angst gemacht, das konnte er nicht auf sich beruhen lassen.
Mit seiner entschlossenen Stimme hatte er auch Peter soweit überzeugt.
„ Ich fahre nach Hause und setze einen Brief auf. Am besten gleich an Großherzog Carl-Alexander.“
Francis sah die Beiden abwechselnd an.
„ Wer zum Teufel ist Carl-Alexander?“
„ Er ist Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach.“
Mit einem Seufzer ließ Francis sich auf einen Stuhl sinken.
„ Bist du sicher, dass dieser Herzog sich für so eine Sache überhaupt interessiert?“
„ Er ist Großherzog. Er ist kein schlechter Mensch und ich denke, dass auch er für Ordnung in seinen Reihen sorgen wird. So was fällt doch auf ihn zurück.“
„ Was machen wir, wenn er den Brief gar nicht erst liest. Ein Mann in seinem Amt wird doch nicht die ganze Post durchlesen die er täglich bekommt.“
„ Ich habe eine Idee!“ Johanna sprang freudestrahlend hoch.
„ Ich werde den Brief schreiben. Mit der Schreibmaschine in meinem Büro. Und wenn ich noch den Stempel der Zeitung darunter setze, sieht das erst mal nach Presse aus. Das macht schon Neugierig. Er ist zwar schon ein alter Mann, aber wer möchte nicht in der Zeitung stehen. Die Nachrichten sind wichtig.“
„ Okay, so machen wir es. Du kannst hier bleiben, wenn du willst und dich auf der Couch ausstrecken.“ Mit einer Handgeste weiß Francis auf die alte Couch hin, die an der Wand in der Küche stand.
„ Nein Danke. Ich fahre lieber Heim. Meine Eltern machen sich sicher Sorgen.“
„ Dann werde ich dich bis um Bahnhof begleiten. Am besten bleibst du in Ulla, bis wir dich abholen. Lass dich nicht auf der Straße sehen und schon gar nicht hier in Weimar.“
Die beiden Männer verließen das Haus.
Peter hatte die ganze Aufregung immer noch nicht verarbeitet. Ständig musste er zu Francis schauen um sich zu beweisen, dass er nicht Träumte. So viel war geschehen an einem einzigen Tag.
Francis machte sich mittlerweile Sorgen. Was hatte er sich dabei gedacht. Durch sein erscheinen ist alles aufgedeckt worden. Ein Geheimnis das Jahrelang behütet wurde. Menschen sind gestorben wegen seiner Recherchen, nur weil er seinen Bruder kennen kernen wollte.
War es das alles Wert?
Er sah ebenfalls ständig zu ihm rüber. Es war eigenartig sein eigenes Ich zu sehen. Dass es so gekommen ist, konnte er ja nicht ahnen. Und dennoch zweifelte er an seiner Entscheidung.





©2018 by Andrea. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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