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Poesie => Dies und Das


Nur drei Tabletten ... - von AlterMann, 16.10.2018
Die Geschichte die ich dir heute erzählen will ist eigentlich eine Erzählung von der menschlichen Unvollkommenheit, oder ehrlicher gesagt von meiner eigenen Unvollkommenheit und auch von der unsinnigen Brutalität des Krieges, egal wo auf der Welt er gerade ausgetragen wird.













Es war etwa so im Januar 1989. Ich war jetzt etwa ein Jahr in Nicaragua und das Trinkwasser Projekt in Jinotega (im Norden Nicaraguas) in dem ich arbeitete kam langsam ins Rollen. Das Land befand sich mitten in einem Bürgerkrieg der von beiden Seiten mit großer Gewalt und Rohheit ausgefochten wurde. Meine Position in diesem seltsamen Durcheinander von Bürgerkrieg und der, von Europa unterstützten Projektarbeit war schon etwas seltsam. Alleine der Förderverein Solingen-Jinotega arbeitete mit etwa 10 oder 12 verschiedenen Geldgebern für dieses Projekt zusammen. Dazu kamen noch die, die mein Chef hinter dem Rücken des Vereins als Projektunterstützer, so nannte er es, gefunden hatte. Alle verlangten dass die jeweilige Arbeit und die Abrechnung ihrer Gelder nach ihren Normen gemacht wurde. Das heißt, dass z. B. die Welthungerhilfe ihre Form der Abrechnung hatte, während die Stadt Solingen wieder eine andere Form der Abrechnung verlangte und die Europäische Union wieder eine andere. Und so ging das über Misereor, Brot für die Welt und viele andere Geldgeber. Und so war das mit jedem der verschiedenen Geldgeber. Jeder hatte seine eigenen Standard in der Ausführung der Arbeit und in der Abrechnung der Gelder. Das erste Jahr, das heißt der Projektbeginn, war unter diesen Voraussetzungen natürlich sehr schwer und irgendwo auch völlig chaotisch. Zu Anfang als das Projekt begann war der Wechselkurs 1:1, d.h. Ein Dollar war ein Cordoba! Aber schon nach 4 oder 5 Wochen war der Kurs bei etwa 1:60 und nach etwa 3 oder 4 Monaten belief sich das in die Hunderte und nach einem Jahr in die Tausende. Zuletzt war die Inflation bei etwa 1:60.000. Es kam soweit dass auf einen fünf Cordoba Schein einfach von Hand mit einem Stempel sechs oder sieben Nullen aufgedruckt wurden. So kam es dass das zur Verfügung stehende Geld immer sehr schnell aufgebraucht worden wäre wenn ich immer, so wie es auch gesetzlich vorgeschrieben war, nach dem offiziellen Wechselkurs eingetauscht hätte. Schon nach 5 oder 6 Wochen waren 6000 US Dollar, die einmal nach Vorschrift eingetauscht waren, nur noch 500 Dollar oder weniger wert. Und das Geld sollte, oder besser gesagt musste sozusagen als zusätzliches erschwerendes Hindernis noch bei der National-Bank in Managua und nur dort, in Cordoba zum offiziellen Kurs getauscht werden sollte sonst riskierte man bis zu 5 Jahre Gefängnis wegen illegalem Geldhandel mit Devisen!
Das zwang mich erfinderisch zu sein was das Geld anging. Ich wurde sozusagen zu einem Serienverbrecher, denn ich musste das Geld ja auf dem Schwarzmarkt tauschen sonst wäre es ja immer innerhalb weniger Tage aufgebraucht gewesen weil es nichts mehr wert war. Da ich das Geld ja so nach und nach brauchte kaufte ich immer in der Diplo-Tienda (staatliches Geschäft für Diplomaten) irgendwelche Dinge wie Goldschmuck, Kühlschränke und ähnliches, die ich dann wenn ich Geld brauchte, schnell verkaufen konnte und das meistens noch mit Gewinn. So war ich immer relativ schnell flüssig und konnte mit dem erzielten Gewinn „finanzielle Unebenheiten bei den Geldüberweisungen“ ausgleichen, die Arbeiter regelmäßig bezahlen und so das Projekt weiterführen. Den Überschuss (Gewinn) verwandte ich zum Kauf von Lebensmittel für unsere projekteigene Küche. Das half sehr! Später zahlten wir schon gar nicht mehr mit Geld sonder mit Essen, je nach dem Lohn durften dann eine oder zwei Familienmitglieder mitgebracht werden, die dann jeder ein Frühstück und ein gutes Mittagessen bekamen. Das Geld war ja absolut nichts mehr wert! Heute bekam man 300 000 000 Cordoba an Lohn ausgezahlt und am nächsten Tag bekam man schon kein Brot mehr dafür. Beim Ersten Mal als wir mit solchen Unsummen hantieren mussten um die Löhne zu zahlen, zählten wir das Geld nicht sonder wogen es! Das Geld wurde wirklich in Lastwagen geliefert! Und zu dieser Zeit hatten wir schon mehr als zweihundert Mitarbeiter beschäftigt. Die mussten ja irgendwie fair bezahlt werden und einen gerechten Gegenwert für ihre Arbeit bekommen!
Da sich mein deutscher Chef, der Projektausrüster, der offizielle Projektleiter bei der Friedrich-Ebert Stiftung in Managua die ihren Namen für das Projekt hergab und viele andere auch aus der örtlichen Bürgermeisterei und der Regierungspartei auch noch jeder seinen Teil abzwackten wollten, musste ich das Geld sehr effizient einsetzen sonst wäre das Projekt schon nach spätesten einem halben Jahr wegen Geldmangel eingegangen. So, kann man sagen als systematischer Gesetzesbrecher, hielt ich fast die drei Jahre durch und konnte die verlangten Fortschritte im Projekt auch wirklich erzielen, sogar in dem deutlich kürzeren Zeitraum der sich dann noch schlussendlich durch verschiedene Schwierigkeiten ergab. Teilweise konnte ich die vorgegebenen Ziele sogar deutlich überschreiten.
Zu dieser Zeit hatte das Projekt noch sein Büro in den Räumlichkeiten oder örtlichen Wasserbehörde INAA mitten in der Stadt. Das war einfach so nötig, da es als örtliche kriegswichtige Behörde immer vom Heer in der Nacht und tagsüber von der Polizei bewacht wurde. Zum anderen wurde die Stadt Jinotega manchmal von der CONTRA (den Rebellen) angegriffen und dann drangen diese ab und zu bis in die Nähe des Büros wo auch unser Lager, war vor. Ich war sehr froh dass das Projekt Büro so gut bewacht wurde. So konnte man mir dann auch nicht vorwerfen dass ich das Material an die reichen Leute der Stadt verschieben würde. Denn das wurde mir ja ständig von einigen örtlichen Politikern ganz gezielt vorgeworfen um mich zu Schmiergeldzahlungen zu zwingen! Durch diese Kontrollen durch die Polizei und das Heer wurde ja sozusagen mit militärischer Genauigkeit immer Buch geführt wer wann kam und wann man das Gelände verließ ob man etwas dabei hatte usw.. Denn man suchte ja damals noch immer einen Punkt an dem man wieder die politische Kontrolle, d.h. Über das verfügbare Geld des Wasserprojektes hätte erlangen können. Und wenn ich da nur mit einem Bleistift aus dem Büro rausgegangen wäre der nicht angegeben worden wäre, das hätte der örtlichen politischen Führung schon genügt um das Projekt wieder unter irgendeinem Vorwand, vorzugsweise Korruption, zu übernehmen. Der geringste Grund wäre als Rechtfertigung genug gewesen! Also musste ich mit allem was ich tat sehr vorsichtig sein. Erschwerend kam noch dazu dass ich ja noch nicht einmal richtig spanisch sprach und auch die kulturell bedingten Verhaltensweisen oft nicht einmal wahrnahm, weniger noch dass ich sie verstand.
Nun, kurz und gut, die erste Zeit war wirklich sehr sehr schwierig und kompliziert. In dieser Zeit half mir meine Frau Martha hier sehr. Ohne sie und ihre unschätzbare Hilfe wäre das Projekt schon nach zwei oder drei Monaten zu Ende gewesen. Es ist einfach wahr, ich alleine wäre in dieser Zeit der „Fallenstellerei“ gar nicht so weit gekommen. Ich wäre sang- und klanglos untergegangen und mit mir das Projekt. So fand zum Beispiel, eine aus der Bürgermeisterei kommende systematische politisch gesteuerte, Falschinformation über das Projekt und mich persönlich unter der Bevölkerung statt.
Das war so. Die Stadtverwaltung hatte einen Bürgermeister (den Alcalde). Der hatte aber, zur besseren politischen Kontrolle über die Stadt in jedem Stadtviertel, je nach Größe des Viertels, einen oder sogar zwei „Kleine Bürgermeister“ (Alcalditos) die dem Bürgermeister natürlich unterstanden. Natürlich gehörten sie alle zu der einzigen existierenden Partei, der FSLN. Also musste ich dem Bürgermeister einen Generalplan vorlegen, den ich dann mit den Kleinen-Bürgermeistern absprechen und ausführen sollte. Das waren vierundzwanzig kleine, meist geldgeile Bürgermeister denen ich nun vorgeben musste, wann was und wie es gemacht werden sollte. Denn sonst wäre ja keine Planung möglich gewesen. Diese kleinen Bürgermeister fühlten sich aber von dem „Aleman“ das war natürlich ich, übergangen. Zum einen weil ich sozusagen einfach vorgab was und wann etwas zu tun war und zum andern weil kein Geld in ihre Hände floss! Ich bezahlte kein Schmiergeld! Und das habe ich während meiner ganzen Arbeitszeit in dem lokalen Bereich des Wasserprojektes so gehalten. Egal wie hochrangig der Politiker war der Geld verlangte und ich versichre dir lieber Leser es waren einige die in der Anfangszeit auf mich zukamen, ich zahlte kein Schmiergeld, an niemanden! Der Druck der sich so aufbaute war enorm! Das ging soweit dass ich mich genötigt sah nach Managua zu fahren zu dem damaligen Innenminister Thomas Borge und nicht eher wegging bis ich ihn persönlich gesprochen hatte und ihm gesagt hatte wie es im Projekt stand und angedroht hatte das Projekt vorzeitig zu beenden. Er hatte einen Dolmetscher der in dem damaligen Ost-Deutschland studiert hatte und so gab es keine Missverständnisse. Er hörte es sich alles in Ruhe an, ohne mich auch nur einmal zu unterbrechen, was ich ihm über das Projekt und die meine Schwierigkeiten erzählte und meinte dann nur dass ich jetzt in Ruhe zurück fahren solle da er das jetzt in die Hand nehmen würde. Und wirklich, von der Stunde an war Ruhe. Selbst die höchsten örtlichen Parteibonzen kamen nie wieder um Geld zu erpressen und es wurde mir auch keine gezielten politischen Schwierigkeiten mehr gemacht. Jetzt konnte ich wirklich anfangen zu arbeiten.
Das war mit kurzen Worten beschrieben die damalige Situation und ich bin dabei nur auf einige wenige Schwierigkeiten eingegangen unter denen meine Arbeit damals stattfand. Da war auch noch der damalige Leiter der örtlichen Wasserbehörde, Don Filemon. Ich hörte immer und immer wieder Klagen von den Anwohnern dass der Wasseranschluss zu teuer sei und dass Don Filemon sie erpressen würde und dass sie ihm monatlich regelmäßig neben der Wassergeldrechnung auch noch bezahlen mussten. Und dabei hatte ich im Radio und in der örtlichen Parteizeitung überall gesagt oder besser sagen lassen dass der Wasseranschluss eine Schenkung sei und keinen Cordoba koste. Aber immer wieder kamen Menschen die sich beschwerten. Es stellte sich heraus dass dieser Don Filemon immer einen Monat später wenn eine Arbeit fertig war in die einzelnen Häuser ging und im Namen der Wasserbehörde Geld von den Leuten verlangte. Als ich dann nachprüfte ob das Geld wirklich an die Behörde bezahlt wurde stellte sich heraus dass dem nicht so war. Don Filemon sackte sich das Geld ein! Das war jetzt schwierig, denn die erste Zeit hatte ich ja in seinem Haus mit seiner Familie zusammengelebt. Er hatte sogar einige Male, natürlich ohne mein Wissen, den Projektstempel und meine gefälschte Unterschrift dafür missbraucht um seine „Rechnungen“ den Anschein der Legalität zu geben. Das ging nun wirklich nicht. Da er auf mein Ansprechen hin auf das was er da tat sogar aggressiv wurde sah ich keine andere Möglichkeit als wieder nach Managua zu fahren und wieder bei dem Innenminister vorstellig zu werden. Er ließ mir sagen dass ich mich in Zukunft mit allem was das Projekt betraf mich direkt an seinen Sekretär wenden solle. Das tat ich in Zukunft auch und wortwörtlich, am nächsten Tag war Don Filemon pensioniert! Er wurde in das Gerichtsgebäude gebeten und ihm wurden einige klare Auflagen gemacht!
Jetzt hatte ich aber einen Feind der beachtet werden sollte! Das sollte ich später noch ganz deutlich vor Augen geführt bekommen.
Aber jetzt hatte ich auch noch zusätzlich zu meiner normalen Arbeit, die örtliche Wasserbehörde die ich noch technisch verwalten musste, da sich kein Nachfolger für Filemon fand. Denn für die Regierung zu arbeiten das war ja für die „CONTRA“ ausreichen Grund jemanden als Kollaborateur mit der Regierung zu töten. Also niemand wollte den Job. So machte das Wasserprojekt, das heißt ich, noch zusätzlich fast zwei Jahre lang die technische Verwaltung des öffentlichen Wassernetzes. Ich kann dir sagen lieber Leser, soviel für sowenig Geld, habe ich nie in meinem Leben so hart gearbeitet. Sechzehn Stunden Arbeitszeit täglich waren der Normalfall! Mein Lohn für diese Arbeit waren damals sage und schreibe fünfhundert US Dollar im Monat! Damals war ich noch Idealist!
Aber jetzt bin ich eine Weile völlig vom eigentlichen Thema abgekommen. Den drei Aspirin Tabletten!
Ja das war so. Ich war wieder auf einer Tour in der Stadt um verschiedene Baustellen zu besuchen, um Anweisungen zu geben, zu kontrollieren wie der Baufortschritt war, Material kontrollieren denn sonst “verschwand“ es ja einfach usw. Halt das ganze Klein-Klein des täglichen Geschehens. Die Außenarbeit musste bis allerspätestens um fünfzehn Uhr gemacht sein denn dann begann die Sperrstunde und niemand durfte sich dann noch außerhalb der Stadt aufhalten. dann musste ich in das Büro zurück um eine Stichprobe im Lager zu machen, schauen ob unsere Sekretärin alles an Schreibarbeiten erledigt hatte, Briefe durchlesen und unterschreiben usw. Und ich wiederhole, ich sprach noch sehr ungenügend spanisch. Einen Brief lesen konnte da schon mal eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. Etwa um siebzehn oder achtzehn Uhr ging ich dann nach Hause um etwas zu essen und eine Stunde zu schlafen. Dann um neunzehn Uhr war ich wieder im Büro um mich bis tief in die Nacht mit den Abrechnungen herumzuschlagen. Es waren unglaublich anstrengende Tage! Das mit den Abrechnungen war eigentlich gar nicht nötig da mein Chef in Deutschland niemals eine einzige Abrechnung die ich gemacht hatte an einen Geldgeber vorgelegt hat. Er hat die ganzen Ausgaben alles selbst abgerechnet. Wie das wusste ich nicht! Wie er das gemacht hat, das weis ich nicht, aber eine Abrechnung von mir habe ich niemals in den Berichten die ich unterschrieben habe gesehen! Ich hatte aber auch nur einen einzigen Arbeitsbericht unterschrieben und von seiner finanziellen Abrechnung wusste ich nichts. Wie ich später feststellen musste hatte er die Abrechnungen der offiziellen Projekt Gelder auch 1:1 mit den von ihm gefundenen „Fördern“ abgerechnet die natürlich in der offiziellen Abrechnung nicht aufgeführt waren.
Aber ich schweife schon wieder ab. Nun, bei einem dieser meiner Außendienste war ich gerade mit den Maurern am herum diskutieren als eine Frau irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Jahren ganz aufgeregt auf mich zu kam. Sie unterbrach alles was gerade geschah und kam direkt zur Sache. Ihr Sohn, der angeblich eine Finca irgendwo außerhalb der Stadt hatte, so erzählte sie ganz aufgeregt habe sich schwer verletzt und dass er jetzt unbedingt in ein Krankenhaus musste. Ich verwies sie auf den Krankenwagen obwohl ich genau wusste dass der nicht einsatzbereit war und auch wenn er es wäre erst gar nicht außerhalb der weiteren Stadtgrenzen fahren würde. Die Ambulanz die das Projekt erst vor etwas einem Jahr als Schenkung für das Krankenhaus hierher gebracht hatte war auch nicht einsatzfähig da sie nämlich als LKW benutzt wurde und Sand und Steine für die Bürgermeisterei fuhr. Alles Gerät das in dem Krankenwagen eingebaut gewesen war wurde einfach heraus gerissen um Platz zu schaffen um halt um Baumaterial zu fahren! Also war das Projekt-Auto das einzige verfügbare Fahrzeug das einsatzbereit war. Ich sträubte mich so sehr ich konnte, aber schlussendlich half nichts. Ich musste fahren! Da die Frau mir gesagt hatte „alli no mas...“, es ist hier ganz nahe, dachte ich etwa so an zwei oder drei Kilometer allerhöchstens. Aber kannte noch nicht die nicaraguanische Einschätzung von Entfernungen. Ob da wo man hin will ein Kilometer weg ist oder 20, alles ist „alli no mas...“ ( hier ganz nahe)
Ich wurde langsam ungeduldig denn ich war mittlerweile fast drei Stunden unterwegs und das mitten im Kriegsgebiet, genau das hatte ich ja vermeiden wollen. Jetzt war es aber zu spät um zurück zu fahren, das Licht des Toyota hätte auf viele Kilometer gesehen werden können und jedem gesagt dass da etwas geschah was ungewöhnlich war. Also in der frühen Dämmerung, Auto aus und hinter eine Bauernhütte fahren und dort im Auto versuchen zu schlafen. Mehr konnte ich nicht tun! Als es dann hell war wollte ich sofort zurück nach Jinotega fahren. Aber man erklärte mir dass das jetzt nicht möglich war da in der Nacht Truppen der Contra hier vorbei in Richtung Jinotega gezogen waren. Es gab nur den Weg vorwärts in Richtung Estelí. Ich war vielleicht sauer und kochte vor Wut. Aber unter der kundigen Führung eines Mannes ging es weiter. Die Wege waren unvorstellbar schlecht und manchmal unglaublich schmal und gefährlich. Wir kamen an eine Stelle an der gab es wirklich kein Zurück mehr gab, es war dort einfach unmöglich zurück zu fahren und einen anderen Weg zu suchen. Am Abgrund hing der linke Vorderreifen in der Luft und hatte keinen Halt auf dem Weg. Man belud das Auto bis zur Schmerzgrenze und noch ein bisschen darüber mit Steinen die ja überall herumlagen, aber auf der dem Abgrund abgewendeten Seite. Dann setzten sich alle noch oben auf die Steine drauf und man winkte mir zu weiterzufahren. Im kleinsten Gang, mit Allrad ging es im Schneckentempo weiter. Dann hatte der Vorderreifen wieder Boden berührt und nun war es der hintere Reifen der in der Luft hing. Als wir endlich die Stelle passiert hatten war ich wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes klatschnass geschwitzt. Während ich mir eine Zigarette anmachte zitterten meine Hände so sehr dass ich mir noch nicht einmal die Zigarette anzünden konnte. Es musste mir jemand Feuer geben, so fertig war ich! Jetzt war mir selbst auch völlig klar, es gab auf diesem Weg kein Zurück mehr. Jetzt wollte ich nur so schnell als irgend möglich nach Estelí kommen.
Dann kamen wir schon bald an einem Hof an. Der verletzte Sohn der Frau kam aus dem Haus. Er hatte einen alten, stark verbluteten Verband an der Hand und an seiner Taille. Ohne auch nur auf die Einladung zum Essen der Leute einzugehen warf ich das Auto wieder an und wollte einfach wieder losfahren. Es war mir egal ob alle schon wieder aufgestiegen waren oder nicht. Ich wollte einfach zurück und das so schnell wie möglich! Mit jedem Moment der verstrich wurde mir klarer was mir passieren würde wenn ich in die Hände von irgendwelchen Soldaten fallen würde. Ich wäre ein toter Mann und das ist nicht übertrieben. Die Regierungssoldaten würden mich als Contra ansehen, denn was macht ein Ausländer schon soweit im Kriegsgebiet wenn nicht die Contra unterstützen? Und die Contra würden mich als Kollaborateur mit der Regierung einfach ohne besonderen weiteren Grund erschießen. Die gelbe Diplomaten Nummer die ich am Auto hatte wäre für sie eindeutig! Für sie war ich ein Kollaborateur.
Ich wollte nur noch weg hier in irgendeine Stadt. Und es kam wie es kommen musste, wir gerieten irgendwo zwischen die Fronten. An einem Hohlweg lagen sich auf beiden Seiten Soldaten gegenüber und beschossen sich. Es waren offensichtlich größere Einheiten der Regierungstruppen auf der einen Seite, denn sie hatten auch Mörser dabei und auf der anderen Seite waren offensichtlich die Rebellen.
Es knallte und wummerte von allen Seiten und der Verletzte wegen dem wir ja losgefahren waren blieb eigentlich ganz besonnen und meinte nur ich solle so schnell wie möglich rückwärts fahren so dass wir den kämpfenden Truppen aus den Augen kämen. Und genau das tat ich, ich fuhr auf diesem unbefestigten Weg im Rückwärtsgang Rekordgeschwindigkeit. Die Angst lies mich fliegen!
Dann irgendwo stoppe er mich und zeigte mir einen kleinen kaum erkennbaren Seitenweg im Gebüsch und bedeutet mir dahinein zu fahren. Ich konnte nicht mehr denken und folgte einfach seinen Anweisungen und fuhr in diesen kaum erkennbaren Weg hinein. In meinem Kopf ging es rund wie einer tibetanischen Gebetsmühle, „oh Scheiße Scheiße Scheiße, wo bist du da rein geraten.“ das war alles was ich denken konnte, zu mehr war ich in diesem Moment einfach nicht mehr fähig. Ich war noch nicht einmal wütend auf diese Frau die mich hier in diese Situation reingeritten hatte, ich war nur erschrocken!
Nun blieben wir irgendwo im Wald stehen und der Verletzte stieg aus und sagte mir dass ich hier warten solle. Er selbst verschwand im Gebüsch. Wie machte er das nur. Der Verband den er an der Hand und an der Taille hatte war doch völlig durch geblutet wie konnte er dann noch so gehen? Nun war er verschwunden und ich setzte mich auf den Boden an einen Reifen gelehnt und wartete einfach ab was denn nun passieren solle. Ich konnte nicht so weit weg sein vom Kampfort, denn ich hörte immer noch ganz leise zwar, aber deutlich die Knallerei der Gewehre und ab und zu das Wummern der Mörser. Ich dachte schon daran mich einfach ins Auto zu setzen und loszufahren und einfach zu versuchen irgendwie heim zu kommen, aber ich kannte mich hier in der Region überhaupt nicht aus und wäre dann irgendwann mit Sicherheit irgendwem in die Arme gelaufen ohne glaubwürdig erklären zu können wie ich überhaupt hierher gekommen war. Hier hatte ich wenigsten den Verletzten der für mich hätte reden können.
Und sowieso, viel Zeit würde man nicht mit einer Befragung verschwenden! Das Problem, also ich, würde so schnell als möglich erledigt werden! Trotz meiner Angst beschloss ich dann doch einfach hier zu bleiben und zu warten bis jemand kam. Das war das Klügste was ich machen konnte! Ja, ich hatte Angst und das nicht zu knapp! Denn da hinter mir waren ja die beiden Parteien denen ich eigentlich hatte aus dem Weg gehen wollte, mitten in ein Gefecht mit Gewehren, Handgranaten und Mörsern verwickelt. Ich dachte mir wenn der Verwundete der ja irgendwo im Gebüsch verschwunden war, diese Leute in deren Richtung er gelaufen war kannte, hatte ich eine Chance gut, das heißt lebend, hier raus zu kommen. Also war warten angesagt. Ich weis nicht wie lange ich gewartet habe bis dann dieser kleine Trupp bewaffneten Männer auftauchten. Ich schiss mir fast in die Hose vor Schreck denn sie kamen ganz leise und völlig unbemerkt von mir aus dem Unterholz und auf einmal, wie aus dem Nichts standen sie vor mir. Mein Verwundeter den ich eigentlich erwartet hatte war nicht dabei. Und wieder lief die Gebetsmühle in meinem Kopf an „oh Scheiße Scheiße Scheiße, wo bist du da rein geraten.“ Ich war wieder wie festgefahren! Einer der Männer sagte nur „komm du musst hier weg“ und schob mich in die Richtung aus der sie gekommen waren. Und meine Gebetsmühle in meinem Kopf leierte immer weiter den gleichen Spruch „oh Scheiße Scheiße Scheiße, wo bist du da rein geraten.“ So langsam wurde ich wieder klar im Kopf und dachte mir, erschießen wollen die dich nicht, das hätten sie direkt beim Auto tun können. Aber sie führten mich irgendwo hin, also wollten sie im Moment etwas von mir … und mich dann hinterher erschießen? Ich war genau das was man gemeinhin als 'ein Nervenbündel' bezeichnet.
Es war deutlich zu hören dass wir in die Richtung des Feuergefechtes gingen. Die Knallerei wurde immer lauter. Und ich im gleichen Maße wie die Knallerei lauter wurde, immer unruhiger! Ich dachte an weglaufen aber das wäre sinnlos gewesen da ich durch die Aufregung jetzt schon mein gesundheitliches Problem mit dem Herzen deutlich spürte. Ich hätte keine fünfzig Meter am Stück laufen können. Ich hatte schon genug damit zu tun den kleinen Hügel auf den wir gerade stiegen zu bewältigen. Dann schien es mir wegen der Lautstärke des Gefechtslärms als wenn ich fast mittendrin sei aber noch fehlten so etwa einhundert Meter bis zur Front, dahin wo wirklich geschossen wurde. Man bedeutete mir mich hinter einen Baum zu setzen und dort zu warten. Der Anführer lies einen Aufpasser mit mir zurück und dann verschwanden die anderen Männer in Richtung wo gekämpft wurde.
Nach einer kleinen Weile kam der Verwundete den ich eigentlich hatte abholen sollen und noch einige andere Männer zu mir. Den Anführer, ein klein gewachsener Indio, viel später bei einem zufälligen Treffen nach dem Krieg sah ich ihn wieder und wir erkannten uns. Sein Pseudonym war „el Puma“, und er war damals eigentlich mehr zufällig mit seinen Leuten in dieses Gefecht geraten denn er war gar nicht hier aus der Gegend, er war aus der Gegend von „Yali“, genauer gesagt dort aus der Gegend von „La Rica“. Er meinte nur dass er mit mir sprechen wolle und dass der Verwundete ihm Gutes über mich erzählt hatte. Allein dass ich hier sei um einen Verletzten abzuholen spräche für mich! Wenn er gewusst hätte wie gerne ich hier war hätte er bestimmt eine andere Meinung von mir gehabt! Jetzt erfuhr ich auch endlich den Namen des Verwundeten den ich hatte abholen wollen, er hieß Ricardo. Ob es nun sein Kriegsname war oder sein wirklicher Name habe ich nie erfahren.
Nun das war mir jetzt auch gleichgültig. Ich sollte hinter dem Puma hergehen und alle tun was er auch tat. Wenn er sich auf den Boden warf sollte ich es auch tun, wenn er lief sollte ich dicht hinter ihm bleiben und auch laufen, wenn er etwas sagte sollte ich es unbedingt sofort befolgen.
Ob ich erschrocken war? Nun, da ganz nahe vor mir irgendwo fand ein Gefecht statt und ich war sozusagen mittendrin. Das Knallen der Gewehre um mich herum und ab und an einen Mörsereinschlag in der Nähe. Ja, ich hatte Angst und wie! Und dieser Idiot ging ganz nach vorne an die Front. Ich kroch einfach hinter ihm her und versuchte verzweifelt einfach in jeder noch so flachen Bodenversenkung zu verschwinden und mich unsichtbar zu machen. Er fragte mich mit lautem Rufen woher ich denn sei und was ich denn für Arbeit machen würde usw. Mir fiel es gar nicht ein zu antworten denn ich wartete jeden Moment auf die Kugel die mich treffen würde oder den Mörsereinschlag der mich zerreißen sollte. Aber die kämpfenden Männer um mich herum waren alle eher gelassen und machten scheinbar sogar noch Witze, über was, das wollte ich gar nicht wissen, ich wollte nur noch hier weg.
Dann ein Mörsereinschlag ganz in meiner Nähe, der Boden zitterte und bebte und dann ein Schrei wie ich ihn noch nie gehört hatte und ihn Gott sei Dank auch nie wieder hören sollte. Ein junger Mann war von einem Splitter so unglücklich getroffen worden dass vom linken Oberschenkel an bis hoch auf die rechte Seite bis zur Brust sein ganzer Körper regelrecht aufgeschlitzt war. Der Einschnitt schien nicht besonders tief, aber die Haut war bis auf ein kleines Stück am Bauch ganz sauber aufgeschnitten, so als ob es mit einem Skalpell gemacht worden sei. Man konnte alle seine Innereien sehen. Sein Schmerzgeschrei war unglaublich laut und klang völlig abgehackt und irre.
Jetzt wollte ich weg und zwar so schnell ich konnte. Aber ich hatte den Gedanken daran noch nicht einmal ausgedacht da lag schon jemand neben mir und sagte mir ich solle den Jungen aus der Gefechtslinie bringen. Und jetzt, ich weis nicht wie oder warum, ich war jetzt auf einmal völlig klar im Kopf und ganz ruhig. Ich machte es so wie ich es einmal bei der Bundeswehr gelernt hatte . Dem Verletzten die Arme lang streckt über den Kopf legen und ihn an den Hände fassen und ihn, während ich selbst auf dem Bauch lag und rückwärts kroch zu versuchten den Verletzten über den Boden langsam nach hinten aus der Feuerzone zu schleifen.
Trotz des anhaltendem Geschrei des Jungen konnte ich ihn so bis auf etwa achtzig bis hundert Meter von der Front weg, hinter einen natürlichen Erdwall schleifen. Ich hatte aber nicht bemerkt dass wohl durch das Ziehen des Verletzten auch der Rest der Bauchdecke aufgerissen war der eigentlich von dem Splitter verschont geblieben war. Jetzt sah ich es, alle seine Gedärme lagen außerhalb des Körpers. Und der Junge schrie und schrie, es war einfach furchtbar! Ich wusste nicht was ich tun sollte und war einen Moment so völlig hilflos wie ein kleines Kind. Jetzt kam ich auf die Idee dass wenn die Gedärme alle außerhalb des Körpers waren sie doch eigentlich wieder zurück sollten dorthin wo sie herkamen. Vielleicht wäre das irgendwie gut? Aber ich konnte mich nicht überwinden die Gedärme anzufassen. Währen dessen war der Junge die ganze Zeit über am schreien, die ganze Zeit über schrie er unglaublich laut schrill und abgehackt . Und ich, ich konnte mich einfach nicht überwinden die Gedärme anzupacken und sie wieder in die Bauchhöhle zurück zu legen. Ich brachte es einfach nicht fertig! Das Blut, die offen außerhalb des Körpers liegenden Gedärme, das Schreien des Jungen, alles das war erschreckend genug aber ich konnte die Gedärme nicht anpacken. Ich konnte es einfach nicht! Und immer wieder überkam mich der Gedanke einfach abzuhauen, mich still und heimlich aus dem Staub zu machen, das alles einfach zurück zu lassen und einfach nicht mehr hier sein zu müssen. Die waren hier jetzt für eine Weile beschäftigt, ich könnte also einfach unbemerkt gehen …? Es ein unglaublicher Kampf den ich in diesem Moment mit mir selbst ausfocht. Aber da war der verletzte Junge, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt der hier vor mir auf dem Boden lag und ununterbrochen mit aller Kraft vor Schmerzen schrie. Ich weis nicht wie lange ich brauchte um mich zu überwinden und die Gedärme anzufassen. Ich legte sie ganz vorsichtig, sozusagen mit spitzen Fingern, wieder in die Bauchhöhle zurück. Beim ersten Stück musste ich kotzen und schaffte es gerade noch hinter einen Baum um mich zu übergeben ich hätte ihm fast in die offene Wunde gekotzt!. Und immer noch schrie der Junge mit aller Kraft. Das Geschrei war unerträglich. Wie war das möglich, solange, so laut und so schrill und ununterbrochen zu schreien? Als ich wieder bei dem Jungen war machte ich die Augen zu und fasste die Därme mit beiden Händen und versuchte sie wieder zurück zu legen. Ich bemerkte dass an den Gedärmen viele kleine Dinge klebten, kleine Steine, Sand, Blätter, kleine Ästchen usw. also öffnete ich die Augen und versuchte ich diese Dinge zu entfernen und dann alles was da aus dem Körper hing, so einigermaßen gesäubert zurück an seinen Platz zu legen. Aber der Platz reichte nicht aus da ich ja alles einfach so daraufgelegt hatte und nicht so hingelegt hatte wie es wohl hätte sein müssen. Woher hätte ich auch wissen sollen? Jetzt war mir alles egal, ich glaubte wirklich dass, wenn es mir gelänge alles wieder so in den Körper hinein zulegen wie es sein musste, dass dann der Junge aufhören würde zu schreien. Es interessierte mich nicht sonderlich ob er leben würde, sondern nur dass er dann endlich aufhören sollte zu schreien. Es war das schreckliche Geschrei das mich ganz nahe an einen Nervenzusammenbruch brachte. Ich hielt mir die Ohren zu, aber da ich sein von Schmerz verzerrtes Gesicht sah 'hörte' ich auch sein Schreien. Das Schießen um mich herum nahm ich gar nicht mehr so recht wahr. Nur ab und zu spürte ich überdeutlich wie der Boden bebte wenn irgendwo eine Mörsergranate einschlug. Aber das war mir jetzt gar nicht mehr so wichtig. Es war das Schreien des verletzten Jungen das mir wirklich durch Mark und Bein ging und mich zittern lies.
Jetzt war sein Geschrei für mich schwerer zu ertragen als sein Anblick mit den heraushängenden Gedärmen. Es gelang mir aber einfach nicht alles wieder so in den Körper zurück zu legen dass es ohne Platzmangel im Körper lag. Ich bemühte mich wie irre immer wieder diese Gedärme an ihren Platz zurückzulegen aber es passte sozusagen eigentlich nie. Und während der ganzen Zeit schrie der Junge, er schrie unglaublich anhaltend, schrill und laut. Ich zog mir mein Hemd aus und schob es unter dem Jungen durch zur anderen Seite. Dann versuchte ich das Hemd so zusammen zu knoten dass alle Gedärme endlich im, oder wenigstens am Körper bleiben sollten. Es gelang mir so halbwegs und ich hoffte dass der Junge jetzt etwas leiser werden würde. Aber nein, er schrie immer weiter mit unglaublicher Kraft und Lautstärke. Das Geschrei zerriss mir immer mehr die Nerven. Ich war am zittern und beben vor lauter Nervosität, die Nerven lagen mir durch das unglaubliche Geschrei wirklich blank. Und er hörte und hörte einfach nicht auf damit! Ich war jetzt selbst am heulen!
Jetzt war ich langsam am Ende. Ich war jetzt gut und gerne drei Stunden mit dem Jungen beschäftigt gewesen und während der ganzen Zeit hatte ich das unglaublich laute Geschrei des Jungen in den Ohren. Ich wünschte mir so sehr dass er endlich aufhören würde zu schreien. Es sollte doch endlich sterben und aufhören zu schreien. Ich war zu allem bereit um das Geschrei endlich zu beenden. Hätte ich in dem Moment eine Waffe gehabt ich hätte den armen Kerl wohl einfach erschossen. Ich konnte es nicht mehr aushalten! Nicht nur meine Nerven sonder im wahrsten Sinne des Wortes mein ganzer Körper der wie Espenlaub zitterte. Die Situation überforderte mich völlig! Ich wünschte mir innig und von ganzem Herzen dass er bald sterben solle und endlich Ruhe wäre. Ich wünschte mir es nicht aus Mitleid, sondern einfach weil ich es nicht mehr ertrug den Jungen schreien zu hören. Dass er im Sterben lag, oder dass ich es vielleicht gewesen war der durch falsches Tun seine Schmerzen verschlimmert hatte und seinem Tod verschuldete oder an seinem Tod schuld war, das war mir in diesem Moment völlig gleichgültig. Alles war mir recht damit er nur aufhören würde zu schreien. Ich gestehe dass ich sogar daran gedacht hatte ihn mit einem Stein zu erschlagen, einfach nur dass endlich das Geschrei endlich aufhören würde und Ruhe war. Ich wollte es wirklich tun. Und jetzt schäme ich mich es zu sagen. Einfach nur weil ich keinen Stein fand tat ich es nicht! Und ich hätte ihn in diesem Moment ohne Mitleid getötet! Er musste einfach aufhören zu schreien!
Ich weiß das ist sehr schwer zu verstehen und selbst ich erkenne mich in dieser Bereitschaft zu töten heute nicht mehr wieder. Und ich weis es nicht warum es in dieser Situation so kam. Ich war einfach körperlich und geistig völlig am Ende. Ich war nicht mehr fähig die allergeringste Belastung auszuhalten. Zudem schmerzte mich mein Herz ziemlich stark und mir war seit einer ganzen Weile sauschlecht und mein linker Arm schmerzte so dass er für mich fast unbrauchbar war. Wenn ich meine Hände sah, so völlig mit Blut verschmiert schienen sie nicht zu mir zu gehören. Das konnten einfach nicht meine Hände sein! Irgendwie begriff ich selbst die einfachsten Dinge nicht mehr. Ich stand, wie man so sagt, in diesem Moment einfach neben mir selbst. Ich stand völlig unter Schock. Selbst das Knallen der Gewehre und das Krachen des Mörsers kamen mir vor als wenn sie nicht real seien. Alles, aber wirklich alles war völlig surreal nur das Geschrei des Jungen war ganz laut und deutlich und absolut real. Sein Geschrei war allgegenwärtig und hüllte mich vollkommen darin ein. Es gab kein Entkommen vor diesem Geschrei! Ich hielt es nicht mehr aus!
Und dann so nach und nach war der Junge nach Stunden etwas leiser geworden und sein lautes Geschrei war langsam im ein lautes Wimmern übergegangen. Da erinnerte ich mich auf einmal dass ich ja noch drei von meinen Kopfschmerztabletten hatte. Drei Aspirin Tabletten! Ich war wirklich so verwirrt dass ich allen Ernstes glaubte die müssten ihm doch gegen all seine Schmerzen helfen.
Das muss man sich einmal vorstellen, der Junge hatte den ganzen Körper aufgerissen, seine Gedärme lagen teilweise außerhalb seines Körpers und und er war am streben, nein er war nicht am sterben er war am elendig verrecken und ich glaubte ernsthaft ihm mit diesen drei Tabletten helfen zu können! Die Absurdität dieses Denkens war mir einfach nicht klar! Aber ich suchte diese drei Tabletten so eifrig als ob mein Leben davon abhängen würde und dann fand ich sie auch. Alleine schon das Wissen dass ich diese drei Tabletten hatte erleichterte mich absurderweise so unglaublich dass ich fast geweint hätte. Ich hatte so das Gefühl dass ich endlich etwas tun konnte um das Geschrei abzustellen. Genauso, nicht um ihm helfen zu können, sondern nur um dieses Geschrei abstellen zu können!
Jetzt wusste ich nicht wie ich sie ihm geben sollte. Ich hatte ja keine Flüssigkeit bei mir also, wie sollte ich ihm die Tabletten verabreichen? Trotz des andauerten Gewehrfeuers, die Mörser hatten schon vor einer Weile aufgehört zu wummern, lief ich gebückt in Richtung der Front um mir von irgend jemanden dort Wasser geben zu lassen. Meine Angst vor dem Kampfgeschehen war auf einmal völlig verschwunden! Ich braucht noch nicht einmal bis ganz nach vorne zu laufen da kam mir schon jemand entgegen und ich nahm ihm seine Wasserflasche einfach ab und lief zurück. Der Junge lag noch genauso wie ich ihn verlassen hatte und und war immer noch laut am wimmern. Sein Geschrei sein Wimmern und Gejammer machte mich jetzt auf einmal rasend vor Wut. Ich bückte mich und ohne ihn allzu sehr bewegen zu müssen gab ich ihm die drei Tabletten und schüttete Wasser hinterher und hoffte dass er jetzt aufhören würde zu schreien. Der Mann der mit mir zurück gekommen war schaute mir nur zu und dann bückte er sich und gab dem Jungen eine Spritze. Ich weis nicht was es war, Morphium, Kokain, Heroin oder sonst eine Droge, jetzt wurde der Junge endlich still und redete jetzt sogar noch ganz klar. Aber jetzt hatte er ganz offensichtlich keine Schmerzen mehr. Er erzählte mir von seiner Mutter und seiner Schwester. Besondere Freude machte es ihm von seinem Onkel zu erzählen der scheinbar schon mal gerne einen über den Durst trank. Er wusste dass er jetzt im sterben lag und er bald tot sein würde. Es war ihm auch klar dass mit der Spritze die ihm der andere Mann gegeben hatte, ihm auch geholfen werden sollte schmerzlos zu sterben da die Truppe weiter ziehen musste. So jedenfalls sagte mir es der Mann der mit mir zurück zu dem Jungen gegangen war. Es seinen von den Regierungstruppen gegen die sie gerade kämpften Hubschrauber aus Managua angefordert worden, sie müssten jetzt so schnell wie möglich weg von hier da die Hubschrauber in allerspätestens in einer Stunde hier wären.. Ich sollte voraus fahren und die schwersten Dinge im Auto mitnehmen. Nun tat ich etwas , was schon richtig war, aber wie ich unter diesen Umständen zu dem Entschluss kam dafür habe ich keine Erklärung! Ich weigerte mich rundheraus mehr als Verletzte mitzunehmen, keine Munition, keine Ausrüstung, keine Waffen, nichts, nur Verletzte würde ich transportieren! Nach zwei drei Sekunden des Nachdenkens wurde das auch so akzeptiert. Dieser Verletzte und kein anderer der nicht im Stande war mitzukommen konnte lebend zurückbleiben. Also wurde er getötet.
Wenn er lebend in die Hände der Regierung gefallen wäre, hätte diese alles mögliche mit ihm angestellt nur um etwas über die Truppe bei der er gewesen war zu erfahren. Er wäre rücksichtslos gefoltert worden. Da gab es keine Gnade, niemand durfte lebend in die Hände der Regierungstruppen fallen! Und dafür war die Spritze gewesen. Um sozusagen das zu beschleunigen was ich mir die ganze Zeit über zutiefst gewünscht hatte, dass er sterben sollte! Ich schäme mich es zu sagen, aber wenn ich ehrlich sein will, in diesem Moment als der Junge starb konnte ich nichts Anderes empfinden als eine zutiefst empfundene Dankbarkeit ja fast eine Art gebändigte Riesen Freude über sein Ableben.
In diesem Moment war mir das aber gar nicht so klar gewesen. Aber im Laufe der Zeit wurde mir immer mehr die Tragik in diesem Geschehen bewusst. Der Junge war getötet worden, erstens weil er sowieso schon so gut wie tot war und Zweitens weil er nicht, selbst mit dem bisschen Leben das er noch in sich hatte, er auf keinen Fall dem Feind in die Hände fallen durfte. Er hätte etwas sagen können was den ganzen Rest der Truppe in Gefahr gebracht hätte. Ein Namen eine Beschreibung hätte genügt. Denn wenn die Staatssicherheit nur einige Namen hätte erfahren können wären diese Familien rücksichtslos und mit allen Mitteln unter Druck gesetzt worden um ihrerseits weitere Namen zu nennen.
Ich weis von einer Mutter, die als sie erfuhr dass die Staatssicherheit den Namen ihres Sohnes, der bei der Contra war, erfahren hatte, sich einfach selbst tötete. Um halt dem vorzubeugen dass sie lebend in die Hände der Staatssicherheit fiel und vielleicht unter Folter noch andere Namen genannt hätte, denn alle ihre vier anderen Söhne waren auch bei der Contra. Sie verabschiedete sich von ihrer Familie und trank am Abend zu Hause Grammoxone, ein Unkrautvernichtungsmittel. Sie starb qualvoll noch in der gleichen Nacht! Die Staatssicherheit kam wirklich, aber nur zu ihrer Beerdigung. Sie ließen sogar den Sarg öffnen um sicher zu gehen dass es auch die Frau war die sie gesucht hatten.
Jetzt heute macht mir das alles sehr zu schaffen! Denn es ist mir jetzt völlig klar dass ich getötet hätte nur weil ich nicht mehr das Schmerzensgeschrei des Jungen hatte hören können. Nur deswegen, aus einem unglaublichen Eigeninteresse heraus, war ich bereit gewesen zu morden und es gibt kein anderes Wort dafür. Nicht mehr und nicht weniger! Nicht weil ich Mitleid gehabt hätte oder ich mir vielleicht den Schmerz die der junge Mann hatte mir hätte vorstellen können. Nein ich hatte einfach das Schmerzensgeschrei nicht mehr ertragen können und deshalb hatte ich ihn töten wollen. Eine Minute länger und ich hätte es wirklich getan!
Heute erschreckt mich diese Erfahrung zutiefst. Sie trifft mich jedes mal in meinem tiefsten Inneren und schmerzt mich unglaublich. Sie macht mir einmal die Unnahbarkeit des Todes bewusst und wie wenige Möglichkeiten wir haben diesen Moment des Todes zu beeinflussen und zu steuern. Vor allem wenn er wie in einem Krieg gewalttätig und roh ist. Der zweite und wirklich noch größere Emotion erfasst mich immer wenn ich daran denke wie wenig ich doch brauchte um aus einem eigenen Interesse heraus auch zum rücksichtslosen töten bereit zu sein!
In meinen Alpträumen habe ich diesen Moment immer wieder erlebt. In diesen Träumen geht es dann nicht so sehr um den verletzten junge Mann sondern nur um meine Bereitschaft zu töten weil mich sein Geschrei stört. Das verfolgt mich dann im Schlaf immer und immer wieder. Es treten dann im Traum Situationen auf die mich vor die Wahl stellen irgendwen, ich kann nie sagen wer es ist, zu töten oder weiter ein lautes ganz erbärmliches Geschrei anhören zu müssen. Bis jetzt ist es mir immer wieder gelungen in meinem Traum dieser Entscheidung, zu töten oder nicht, im letzten Moment zu entkommen. Manchmal durch Flucht, manchmal durch meinen eigenen Tod. Meine Angst davor mich irgendwann im Traum für den Tod zu entscheiden ist aus irgendeinem Grund unendlich groß. Ich habe eine riesige unfassbare Angst davor dass es mir einmal nicht gelingen sollte, so ohne töten zu müssen aus dem Traum zu „entkommen!“ Ich glaube das würde ich nicht unbeschadet überstehen. Und der Traum endet jedes Mal so dass mir der junge Mann der damals verstarb etwas sagen will. Ich weis nicht was. Aber es scheint im Traum sehr wichtig für ihn zu sein mir das zu sagen. Aber so sehr ich mich auch anstrenge ihn zu verstehen ich kann einfach nicht aufnehmen was er mir sagen will weil ich ihn nicht verstehe.
Gut lieber Leser, das war meine Geschichte mit den Drei Tabletten. Ich will sie hier beenden und nicht weiter darüber schreiben. Es muss ja irgendwann ja mal aufhören! Ich weis ich bin manchmal sehr weit abgeschweift um zu vermeiden auf den Punkt zu kommen. Dafür bitte ich um Verzeihung, aber es ist für mich wirklich nicht leicht das alles so aufzuschreiben und so auch während ich es schreibe wieder zu erleben. Es tut mir wirklich unvorstellbar weh! Ich möchte am liebsten heulen! Ich weis es ist nicht unbedingt die Reaktion eines „Helden“, aber ich habe das ja alles nicht getan weil ich ein Held bin oder sein möchte, sondern eher weil ich mir meiner Unvollkommenheit und meine teilweise irren Verhaltens während des Geschehens heute sehr bewusst bin. Das Schlimme an diesem Geschehen ist dass es einfach immer präsent ist und ich es nicht mal eben so vergessen kann. Diese Erinnerung kommt wann und wie sie will. Und sie haut mich sozusagen jedes mal völlig um!
Ich war bereit gewesen einen wehrlosen Menschen zu töten einfach nur weil mich sein Schreien auf Grund der unvorstellbaren Schmerzen die er hatte so sehr gestört hatte! Daran werde ich den Rest meines Lebens wohl sehr „zu knabbern“ haben.



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Kommentare


Von Andrea
Am 07.02.2019 um 13:37 Uhr

Hallo alter Mann,
Deine Erzählnug hat mich sehr berührt. Für mein Buch habe ich viel über den ersten Weltkrieg gelesen und bin sehr froh, in einer Kriegszeit nicht gelebt zu Haben. Bilder die sich festsetzen wie ein ewiges Tatoo. Da reagiert jeder anders. Deshalb sind wir denkende Menschen mit Gefühlen, Gewissen und Sozialem Verhalten. Gruß Andrea

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