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Poesie => Dies und Das


feige, ... - von AlterMann, 14.10.2018
Man sagt dass man ein Leben nicht nur nach Jahren messen kann, sondern dass der eigentliche Wert eines Lebens in den Menschen liegt die man mit seinem Leben berührt hat. Wenn das so richtig ist, …ich habe in meinem Leben viele Menschen berührt und in einigen ganz Wenigen, auch etwas bewirkt.Bei den meisten aber habe ich hoffnungslos versagt weil ich dabei immer wieder an meine Grenzen gestoßen bin ,die mir oft durch mich selbst gesetzt waren und an denen ich häufig, obwohl es eigentlich oft kleine unbedeutende Dinge waren, mit Pauken und Trompeten als Mensch gescheitert bin. Es ist wahr: Immer wieder wieder empfinde ich es so dass ich bei allen diesen kleinen und großen Versagen in meinem Leben, ich schlussendlich auch immer als Mensch gescheitert bin.
Diese kleine Geschichte die ich hier erzählen werde ist die Beschreibung einer solchen Situation. Ich stieß hier an meine äußerste, menschliche Grenze, ich war, um es in einem Wort zusammenfassen, in diesem Moment in dem ich mich hätte als Mensch bewähren können, einfach beschämend feige! Zumindest empfinde ich das im Nachhinein so!
Aber feige zu sein, das ist wohl mit Sicherheit eine ganz tief menschliche Eigenschaft die irgendwo wohl in allen Menschen unerschütterlich fest beheimatet ist.
Also könnte ich gut sagen, was soll es? Keiner weiß was und außerdem sind alle Menschen wohl das eine oder andere Mal in ihrem Leben feige! Es gibt da also keinen Unterschied zwischen all den anderen Menschen und mir!
Aber das ist nicht wahr! Ich weiß es, ... und bin mir bewusst was damals geschah, ... und genau das macht den Unterschied zwischen mir und all diesen anderen Menschen! Vor allem sind es aber die Konsequenzen die meine damalige Feigheit so schrecklich, unerträglich und für mich so zutiefst beschämend und quälend machen, dass es heute noch, nach so langer Zeit, oft mein tägliches Leben beeinflusst.
Ich merke dass die damaligen Erlebnisse und mein unglaubliches menschliches Versagen damals, mich heute, vor allem nachts in meinen Träumen mit zunehmenden Alter, immer öfter heimsucht und sich mir auch oft mehr und mehr in meinem normalen Tagesverlauf aufdrängt. Dann sehe ich oft die Gesichter der Toten vor mir, höre wieder das Weinen, die Schreie der Menschen, und rieche wieder den Tod, sehe wie die Flammen wüten, und höre das knistern der brennenden Häuser.
Dann bin ich wiedereinmal in meiner ganz eigenen Hölle und in diesen Momenten fühle ich wieder körperlich und vor allem in meinem Herzen, oder wenn man so will, in meiner Seele all das Leid das sich aus der damaligen Situation ergab. Genauso als wenn ich wieder mittendrin sei.
Wenn diese Erinnerungen mich überwältigen werde ich meistens still, bin verletzlich und verliere manchmal alle Lust am Leben. Ich bin dann so tieftraurig dass ich wirklich weinen könnte. In solchen Momenten hat nichts mehr einen Wert der mich animiert einfach auf den nächsten Tag zu warten und mein Leben dann weiter zu leben.
Und doch, … irgendwie geht es immer weiter, manchmal sogar gegen meinen Willen!
Ich bitte dich nur lieber Freund/in, wenn du diese Geschichte liest, lese sie bis zum Ende und sei, wenn du damit fertig bist, nicht so hart in deinem Urteil über mich!
Und die Toten bitte ich, dass sie mir etwas von dem Frieden abgeben den sie jetzt so reichlich besitzen und dass sie mir meine Fehler und Schwächen verzeihen um derentwillen sie wohl gestorben sind.

Ich war in Nicaragua und es war Krieg! Allein schon wie ich dahin gekommen bin, das sind tausend Geschichten und noch tausend Geschichten mehr von Mut, unglaublicher Dummheit und unverdientem Glück. Wenn ich überlege was ich so im Verlauf dieser Zeit alles erlebt habe ich sage ich mir, das kannst du keinem erzählen, das kann einfach niemand glauben!. Aber das will ich mir für ein anderes Mal aufheben. Wichtig sind die Worte ganz am Anfang. Ich war in Nicaragua und es war Krieg!
Ich hatte mich in Jinotega, der Stadt im Norden Nicaraguas in der ich lebte mit der Zeit ungewollt, auch durch die Projektarbeit in der ich tätig war und die vielen Menschen die ich dort kennen lernte, in eine Art Vermittler, ein Kontaktmann, ein Ansprechpartner für alle möglichen Menschen und Gruppen mit ihren Anliegen entwickelt. Eine in der ganzen Region bekannte Persönlichkeit, die von den kriegsführenden Parteien und auch von der lokalen Regierung in jeder Hinsicht respektiert wurde.
Der Capitan (Hauptmann) Lara von den Regierungstruppen und der örtliche Rebellenführer „El Charro“ koordinierten über mich ihre Treffen im Gelände. Das heißt, man sprach sich ab und man vermied es so, sich in der Notwendigkeit zu befinden dass man gegeneinander kämpfen musste. Es war schon damals jedem klar! Der Krieg war sowie so für beide Seiten verloren, es würde keinen Gewinner geben! Es fehlte einfach auf beiden Seiten an allem, Munition, Verpflegung, Medizin, Kleidung, Geld und vor allem an Moral. Die materiellen und menschlichen Ressourcen auf beiden Seiten waren erschöpft oder kurz davor es zu sein. Die große Weltpolitik, die diesen Krieg begonnen hatte, zog sich, ganz so wie es ihre Art ist, langsam und klammheimlich Stück für Stück aus der Verantwortung für das Geschehen und ließ die betroffenen Menschen die den Krieg für sie weiterführen mussten, als unbedeutende Nebensächlichkeit hinter sich.
Es war, wenn Regierungstruppen und Rebellen unverhofft auf einander traf, oftmals nur ein gegenseitiges töten das keinen Sinn und Zweck hatte, sondern nur stattfand weil man sich mehr oder weniger zufällig irgendwo in den Bergen überraschend getroffen hatte und nicht wusste wer auf der anderen Seite war. Und um eben diese zufälligen Aufeinandertreffen zu vermeiden war mir sozusagen im Laufe der Zeit von beiden Seiten stillschweigend eine Vermittlerrolle übertragen worden. Meine Aufgabe war es beide Seiten über die Vorhaben der anderen Gruppe zu informieren und Verletzte und Kranke aus beiden Lagern aus den Bergen in die Krankenhäuser der Städte zu bringen.
Wie gesagt, ich brachte auch oft Verletzte von beiden kriegsführenden Parteien aus dem Kriegsgebiet ins Hinterland. Die Soldaten der Regierungstruppen in nahegelegene Krankenhäuser oder Gesundheitszentren, was ja kein Problem war und die Kämpfer der „Contra“, die Rebellen, irgendwo im Land in Sicherheitshäuser wo sie dann im geheimen behandelt und gepflegt wurden um dann irgendwann von ihren Verwandten nach Hause geholt zu werden. Hiervon durfte das Heer, die Polizei und die Staatssicherheitsbehörden natürlich nichts wissen.
Denn hier, im Hinterland endete jede Zusammenarbeit mit den kämpfenden Truppen in der Region VI (Jinotega) und das war so manches Mal wirklich gefährlich! Hier im Landesinnern gab es keine gegenseitige Rücksichtnahme. Hier im Hinterland herrschten die Staatssicherheit mit ihren meist bulgarischen Folterern, die Geheimpolizei, die Regierungspartei FSLN ,alle nur vorstellbaren Arten von Fanatikern und auch die feigen Abstaubern die ihre eigene Familie bereitwillig geopfert hätten um einen kleinen Vorteil zu haben.
Und es wurde nicht lange gefackelt. Wenn der diensthabende Offizier eines Militärpostens irgendwo im Land einfach nur glaubte dass du mit dem Feind zusammen arbeitest warst du so gut wie tot. Es gab niemanden der beim Tod eines „Kollaborateurs“ nachfragte. Man wurde, wenn man Glück hatte, mit zwei hinter einem Baum stramm zusammengeschnürten Fingern festgehalten bis irgendwann ein Vorgesetzter kam oder die Truppe weiter musste oder es einfach kein Essen mehr gab. Dann wurde man im besten Falle vielleicht halb verhungert so am Baum festgebunden stehen gelassen und hatte die Chance gerettet zu werden, oder man wurde der Einfachheit halber einfach gleich an Ort und Stelle erschossen. Was aber mit dir gemacht wurde das hing sehr oft einfach von der momentanen Laune des diensthabenden Offiziers ab. Der Offizier der dich festgesetzt hatte wurde auf alle Fälle belohnt und so wurden andere Diensthabende im ganzen Land angeregt weiter „die „siegreiche Revolution zu fördern und zu schützen“. Man musste also wirklich, sehr vorsichtig sein wenn man sich im Landesinnern als „Contra Revolutionär“ bewegte.
Man brauchte, wenn man sich innerhalb des Landes von einer Region in eine andere Region des Landes bewegte, unter Anderem eine spezielle Erlaubnis des örtlichen Innenministeriums, der örtlichen Bürgermeisterei und der örtlichen Sicherheitsbehörden also von der Polizei und vom Militär. Die konnte ich ja für die verletzten Rebellen die ich transportierte nicht beantragen und war somit immer für jeden Militär der mich angehalten hätte, als „Kollaborateur“ mit dem Feind verdächtig wenn ich keine entsprechende Papiere dabei hatte oder Verletzte transportierte deren Herkunft oder Art der Verletzung nicht eindeutig zivil war.
Soviel zu dem Umständen unter denen meine Geschichte sich damals abspielte. Wie ich am Anfang schon sagte, hier gäbe es noch tausend Geschichten von unverdientem Glück, Dummheit, Angst und auch großem Mut und Stärke zu erzählen. Aber wie gesagt das sind andere Geschichten!

Jetzt also zurück zu dieser, meiner Geschichte.

Es war wie schon so oft, ein Bote angekommen der wie immer den Auftrag hatte mich unauffällig bis irgendwo hin zu bringen um irgendetwas zu tun. Ich wusste nie was und wo es etwas gab das ich tun sollte. Aber es war von allen beteiligten Seiten stillschweigend respektiert worden dass ich immer unbewaffnet war und ausschließlich Verletzte transportierte und dass ich soweit als möglich, im Interesse beider Seiten, geschützt werden musste und auch dass ich, wenn ich in „meiner“ Region, dem Departement Jinotega war, sozusagen unantastbar war. Wer mich bei meinen Aufträgen auch nur im Entferntesten bedroht hätte oder mir die „Arbeit“ erschwert hätte, hätte es unweigerlich mit beiden Parteien, dem Heer und auch den Rebellen zu tun gehabt. Und die fackelten nicht lange. Einmal die Rebellen und zum Anderen die Regierungstruppen auf der anderen Seite, beide waren kurz entschlossen und hätten alles getan um unser „Abkommen“ zu verbergen und zu verhindern das es ausgesetzt würde. Wie gesagt es war Krieg, die Schwelle Gewalt zu gebrauchen und rücksichtslos für die eigenen Interessen einzusetzen war zu dieser Zeit sehr niedrig.
Ich wusste nie wohin es ging wenn ein Bote kam. Ob ich in wenigen Stunden zurück sein würde oder ob ich Tage brauchen würde bis ich zurück kommen würde, oder ob ich überhaupt wieder nach Hause käme, es war damals absolut nichts sicher.
Zu allem Überfluss wurde mir das alles noch durch meine Projektarbeit zusätzlich sehr erschwert. Ich musste die Arbeiten von manchmal bis zu zweihundert Arbeiter planen, und logistisch vorbereiten, die korrekte Ausführung der Arbeiten überwachen, Kontakt mit den Behörden halten und auch noch die Abrechnungen für bis zu zwanzig verschiedene Geldgeber machen. Ich hatte oft Arbeitstage von bis zu 20 Stunden! Ich rauchte wie ein Schlot, trank Kaffee in unvorstellbaren Mengen und war immer müde und erschöpft! Meine Familie sah mich fast nie! Ich war immer unterwegs, “zu irgendeiner Baustelle, nach Managua, zu irgendwelchen Regierungsämtern, zu Banken“ oder sonst was. Aber noch nicht einmal meine Familie wusste immer Bescheid wo ich im Moment wirklich war und vor allem, was ich so „nebenbei“ machte! Das hielt ich immer verborgen!
Es war wieder einmal ein Bote angekommen der mich irgendwohin in die Berge bringen sollte. Doch diesmal sollte es weit in die Berge gehen direkt bis „irgendwo“ an den „Rio Coco“ gehen. Hier, war die nördliche Grenze zwischen Nicaragua und Honduras wo sich auch auf der honduranischen Seite irgendwo das von den US Amerikanern geförderte Ausbildungslager „der Contra“ (Rebellen) befand.
Es gab von beiden Seiten immer wieder Einfälle in das jeweilige Feindesland auf beiden Seiten des Flusses. Die Menschen die am Fluss wohnten waren fast alle Freunde der Rebellen und waren für die Contra immer eine einträgliche Informationsquelle über alle Truppenbewegungen und politischen Geschehnisse die im nahen Hinterland stattfanden. Also waren all diese Menschen sozusagen die „geborenen“ Feinde der Regierungstruppen die ja auch ab und zu Aktionen in der Nähe des Flusses starteten.
Hier ging es dann, für beide Seiten, in der Hauptsache einfach darum so schnell wie möglich, soviel Schaden wie möglich anzurichten, Menschen auf möglich grausame und spektakuläre Art und Weise zu töten und dann zu sagen dass das der jeweilige Feind gewesen sei. Richtige, länger andauerte Gefechte gab es nur ganz ganz selten. Das Vorgehen war immer das Gleiche. Der Einfall in ein Dorf, töten und zerstören was möglich war und unverzüglich wieder zu verschwinden, das war die normale Taktik für die Regierungstruppen in dieser Region des Landes.
Dorthin sollte ich nun. Es war ganz besonders gefährlich denn ich war dort nicht mehr im Bereich in dem mich jeder zumindest vom Hörensagen her kannte. Ich sagte dass ich mindestens zwei Tage benötigen würde um hier in Jinotega im Projekt alles geregelt zu hinterlassen so dass es ein paar Tage auch ohne mich funktionieren würde. Ich plante, teilte die Arbeiten ein, schrieb bis tief in die Nacht Berichte und Abrechnungen für am Projekt beteiligten Institutionen und meinen Chef in Deutschland usw.
Dann an einem Freitag war es dann soweit. Ich stieg in den Pick-Up und fuhr mit meinem Führer los in Richtung der Berge. Ich hatte, genau wie immer, den Tank gefüllt und etwa 80 Liter Diesel in zwei Kanistern dabei. Mein persönliches Gepäck, eine kleine Notfall Apotheke, Moskitonetz und natürlich meinen Wasserfilter.
Es war auch wie immer eine unglaublich anstrengende Fahrt, da es ja keine Straßen gab sonder einfach nur unbefestigte Feldwege und manchmal einfach nur Trampelpfade, gerade mal so breit dass sich ein Mensch durchwinden konnte und so musste der Weg für das Auto oftmals mit Macheten freigemacht werden. Es standen an zwei besonders steilen Stellen Ochsengespanne mit jeweils sechs Tieren bereit die uns helfen mussten unglaubliche Steigungen zu überwinden, die für ein Fahrzeug ohne Hilfe, trotz eines hervorragenden Allradgetriebes und einer 1:1 Übersetzung, einfach unbezwingbar waren. Irgendwo in den Bergen wechselte dann zweimal der Führer. Der alte Führer verschwand einfach und ein Neuer tauchte auf, wies sich mit einem Kennwort aus das mir von dem vorherigen Führer kurz vor seinem Verschwinden gesagt wurde, und übergangslos ging es weiter. Dann, am dritten Tag, an einem Nachmittag kamen wir an. Ich hatte nicht mehr die allergeringste Ahnung wo ich mich gerade befand. Ich sah nur einen wirklich großen Fluss vor mir und hinter mir den dichten Urwald. Das Dorf, wenn man es denn so nennen wollte, bestand aus etwa 8 ganz einfachen, mit Schilf gedeckten Hütten. Ein paar frei herumlaufende Schweine und Hühnern und unglaublich viele kleine, verdreckte Kinder, die zwischen den Hütten herumliefen. Und rund um das Dorf, dichter Urwald und auf beiden Seite des Flusses ebenso! Es war wie gesagt kein einziger Erwachsener, weder Mann noch Frau, zu sehen.
Mein roter Toyota stand mitten zwischen den Hütten auf einer Art Dorfplatz und irgendwie sah er auch erschöpft aus hatte ich das Gefühl.
Ich wusste, jetzt musste ich für alle, zu jedem Moment, immer sichtbar sein. Es durfte kein Misstrauen aufkommen. Es war mir schon klar dass ich aus dem Wald um das Dorf herum genau beobachtet wurde. Hier in dieser Region hatte ich keinen Fürsprecher oder jemanden der es gut mit mir meinen würde. Ich gehörte hier einfach nicht hin und mit Sicherheit waren schon Boten unterwegs um sich über mich zu informieren. Bevor diese Information über mich verfügbar war würde ich hier mit Sicherheit auch keinen erwachsenen Menschen sehen. Ein Kind, etwa 10 Jahre alt, es hieß Jorge, kam nach einer Weile zu mir nahm mich vertrauensvoll bei der Hand und führte mich zu einer der Hütten und sagte dass ich bis morgen hier in der Hängematte schlafen könne. Ich hatte eine Hängematte, ein Moskitonetz und meinen alten Bundeswehrschlafsack dabei und richtete mich in der Hütte ein. Das offene Feuer war an und qualmte stark um die überall vorhandenen Moskitos zu verscheuchen. Der Qualm war so arg dass es einem bei jedem Atemzug die Lunge verbrannte.
Hier, nahe am Äquator ging der strahlende Tag innerhalb einer halben Stunde in die dunkelste Nacht über. Ich lag unter meinem Moskitonetz und konnte die unglaublichsten Geräusche aus der undurchdringlichen Schwärze um mich herum hören. Vor allem hörte man das unglaublich eindringliche, laut zirpende Geräusch der Grillen und das eindringlich schrille Summen der Moskitos die versuchten mich durch das Moskitonetz zu erreichen. Man glaubt nicht wie laut diese eigentlich leisen Geräusche, die man am Tag gar nicht wahrnahm, in der Nacht waren.
Irgendwann schlief ich dann ein. Ich wurde durch das laute Schreien der Kinder wach und durch ein Schwein das von unter der Hängematte gegen meinen Hintern stieß. Es war Morgen! Aber jetzt war etwas anders. Ich hörte Babygeschrei, das heißt es musste wenigstens eine erwachsene Frau da sein zu der das Baby gehörte. Aber das mit der „erwachsenen Frau“ durfte man ja auch nicht zu wörtlich nehmen. Hier war es durchaus üblich dass junge Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren selbst Kinder hatten.
Aber es war hier auch üblich, dass junge männliche Kinder von 10 Jahren ganze Familien ernährten. Diese Kinder, sie wurden hier „Hombre-Ninos“ (Mannkinder) genannt und hatten die Stelle der Väter eingenommen der vielleicht im Krieg gefallen waren oder die aus irgendeinem anderen Grund verstorben waren. Diese Kinder waren oftmals die einzigen Ernährer der Mutter und sieben oder acht ihrer Geschwister.
Gut und wieder, zurück zu meiner Geschichte! Nachdem man mir zum Frühstück einen unglaublich süßen Kaffee und gebratene Bohnen und frische, noch warmen Tortillas mit Salz gebracht hatte, wusste ich das jetzt irgendwo eine Entscheidung über mich getroffen worden war. Im schlechtesten Falle hieß das dass ich den Weg umsonst gemacht hatte und wieder nach Hause gebracht werden würde. Wenn aber nicht, kamen jetzt im Laufe des Tages und der kommenden Nacht Verletzte und Kranke hier an die ich dann zurück nach Jinotega mit nehmen sollte.
Einer der jetzt zurück gekommenen Männer fragte mich ob ich das Auto nicht weiter weg vom Dorf parken könne, denn hier direkt am Fluss würde ein knallrotes Auto mit einer gelben Diplomatennummer unnötig Aufsehen erregen und vielleicht die Aufmerksamkeit des Heeres auf die Geschehnisse im Dorf lenken. Denn das Fahrzeug war ja vom Fluss aus klar zu sehen. Alle Passagiere in den vielen Booten die auf dem Fluss verkehrten, meist rustikale Einbäume teils mit Motor, aber oft nur durch Ruder angetrieben, konnten das Auto sehen und wussten sofort dass hier etwas Ungewöhnliches im Gange war. Denn hier in dieser Region gab es wirklich Menschen die noch nie in ihrem Leben ein Auto gesehen hatte. Es würde also in der ganzen Umgebung darüber gesprochen werden das war sicher! Also erklärte ich mich bereit das Auto „etwas weiter weg“ im Urwald zu parken. Ein Führer würde mir zeigen wo. Nachdem das Auto dann irgendwo im Urwald abgestellt war und mit Zweigen abgedeckt war, liefen wir in einem strammen Schritt mehr als zweieinhalb Stunden um wieder zurück in das Dorf zu kommen. Ich hatte während der ganzen Zeit völlig die Orientierung verloren und lief nur einfach hinter meinem Führer her. Als ich jetzt in das Dorf zurück kam waren alle Menschen wieder in ihre Häuser zurück gekehrt. Ich wurde zum Essen und natürlich auch zum Vorzeigen, in alle Häuser des Ortes geführt, denn es war ja nicht alle Tage ein Gringo im Ort. Alle Familien, auch die allerärmsten bewirteten mich, mit ihren wirklich bescheidenen Mittel, auf das Allerbeste!
Und überall wo ich auch hinging folgte mir ein Schwarm Kinder, von Kindern die gerade laufen konnten bis zu den etwas Älteren die ihren Familien aber noch nicht bei der täglichen Arbeit helfen konnten. Es waren nur sehr wenige Männer im Dorf. Aber alle Männer die sich im Dorf befanden waren irgendwie kriegsgeschädigt oder sonst wie ernsthaft krank.
Unter diesen Kindern die mir folgten war eben auch Jorge! Er war, mit etwa zehn oder elf Jahren definitiv das älteste Kind aus der Kinderschar die mir anhing. Er fasste sehr schnell Vertrauen zu mir und war immer um mich herum. Mal zeigte er mir irgendwelche Tiere die ich sonst gar nicht wahrgenommen hätte, mal brachte er mir Bananen oder anderes Obst. Er erzählte von seinen Dingen und seinem Leben, erklärte mir was für Fische zum trocknen über dem Feuer hingen, er sprach von seiner Familie und es war unvermeidlich dass er dabei vom Tode seines Vaters und seinen beiden großen Brüdern erzählte. Alle waren zusammen gestorben als der Lastwagen auf dem sie reisten auf eine Landmine fuhr. Es starben außer seiner ganzen Familie noch etwa 25 andere Personen, alle hier aus der Gegend. Er erzählte alles ganz nüchtern und ohne große sichtbare Regung. Aber es war ihm, wenn man genau hinschaute deutlich anzumerken dass es nicht leicht für ihn war darüber zu reden.
Er wurde mein Freund und Helfer in allen Situationen, ein völlig verlässlicher Führer durch die kleine Welt des Dorfes und seiner näheren Umgebung. Er stellte mir alle Kinder und auch die Erwachsenen einzeln vor. Er sagte mir wer Fischer war, wer Bauer war, Händler oder Bootsführer war. Ich machte mit ihm eine unglaubliche Entdeckungsreise im Dorf und im nahen Wald um das Dorf herum. Er war geduldig und einfühlsam wenn ich etwas nicht verstand oder einfach missverstand und sein Normalzustand war dass er herzhaft lachte. Immer sah man seine herrlich weißen Zähne wenn er am lachen war und er war wie gesagt immer am lachen!
Wie ich schon sagte, wir wurden in den drei Tagen vor den tragischen Ereignissen wirklich gute Freunde. Ich nahm mir vor, dass wenn ich zurück fahren würde, ich ihm anbieten würde ihm seinen allergrößten Traum zu verwirklichen, dass er bei uns „in der Stadt“ wohnen sollte und dort zur Schule gehen könnte. Das war sein Traum! Er wollte nur zur Schule gehen, nichts weiter! Ich „hatte eh schon sieben Kinder“, da würde es auf einen mehr oder weniger auch nicht ankommen!
Aber dann, irgendwann in dieser Nacht kam er in das Haus gerannt in dem ich schlief und weckte mich ganz hektisch auf. Ich solle sofort meine Sachen packen und ihm ohne Zeit zu verlieren folgen. Ich packte schnell meine Sachen, es war ja nicht viel, nur den Schlafsack, den Wasserfilter und das Moskitonetz und folgte ihm. Er führte mich im Laufschritt irgendwo in den dunklen Urwald und sagte nur dass ich dort bleiben solle bis er oder ein Anderer aus dem Dorf mich wieder abholen würde. Ich glaube ich war nervöser als er und fragte ihn völlig verunsichert was denn los sei. Er sagte nur kurz dass das Heer (Regierungstruppen) in der Umgebung des Dorfes aufgetaucht sei und den ganzen Tag über überall in der Gegend gezielt nach mir gefragt hätte.
Jetzt bekam ich es mit der Angst und es war der kleine Jorge, dieser kleine Junge der mich beruhigte. Es würde sich sicher alles aufklären und vielleicht würden sie auch gar nicht in das Dorf kommen. Ich sollte nur hierbleiben und ruhig abwarten! „Quedate tranquilo Don Claudio“ (bleib du ganz ruhig Herr Claudio) sagte er nur noch und zeigte sein Lächeln, das ich nur an seinen weißen Zähnen die irgendwo im Dunkel schimmerten, erahnen konnte. Dann war ich alleine im Urwald! Es überkam mich eine unglaubliche Angst. Besser gesagt die Angst überwältigte mich einfach und es stieg langsam und unaufhaltsam Panik in mir auf. Ich wusste was man mit mir machen würde wenn man mich finden würde! Ich hatte Menschen gesehen die unglaublich gelitten haben mussten als sie auf der Militärbasis Apanás in Jinotega inhaftiert waren und dort von den bulgarischen Folterknechten verhört worden waren. Heute noch erscheinen mir diese armen, meist verstümmelten Menschen ab und zu in meinen allerschlimmsten Albträumen. Dann bin ich manchmal tagelang zu nichts mehr fähig weil mich dann die Erinnerung daran so furchtbar quält! Diese armen Menschen, sie waren alle furchtbar zugerichtet worden. In ihren Augen war kein Leben mehr sondern nur noch Angst Panik Not und Schmerz. Die allermeisten starben nach ihrer Entlassung, wenn sie denn lebend entlassen worden waren, oder viele sind einfach so verrückt geworden dass sie dann bis zu ihrem Tod von ihren Familien einfach an ein Bett gefesselt in einem Schuppen auf dem Hinterhof weggesperrt wurden.
Einen dieser armseligen Menschen die man ab und zu in der Stadt sah fraß sich wirklich selbst bei lebendigem Leib auf. Er biss sich selbst und riss sich das Fleisch in Stücken heraus das er dann auffraß! Es war schrecklich dem Mann auf der Straße zu begegnen. Seine großen blutenden und teilweise stark vereiterten Wunden an den Armen sahen unglaublich erschreckend aus und hätten aus irgendeinem dieser Zombie-Filme entnommen sein können die man heute sieht. Am Schlimmsten waren aber seine traurigen Augen. Die verfolgten mich heute noch manchmal Tage und Nächte lang.
All das fiel mir ein und auch viele Dinge von den unvorstellbaren Grausamkeiten an Gefangenen, die von den Menschen nur hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden und die ich so nach und nach gehört hatte. Ich zitterte und bebte am ganzen Körper, mein ganzer Körper war außer Kontrolle geraten. Ich hatte überall, am ganzen Körper unglaublich schmerzhafte Krämpfe und ich wand mich wie ein Wurm auf dem Boden hin und her weil meine Beine einfach versagt hatten. Ich weiß nicht wie lange dieser Zustand anhielt, ich weiß nur dass ich dann wohl irgendwann scheinbar für einen Augenblick ohnmächtig geworden bin. Als ich zu mir kam schmerzte mich jede Faser meines Körpers, aber ich war nun ruhiger geworden. So saß ich nun mitten im Urwald alleine, in völliger Dunkelheit und versuchte mich zu fassen und zu überlegen was ich nun tun sollte. Aber es fiel mir ungeheuer schwer mich überhaupt zu konzentrieren und meine Gedanken zu fassen und zu formen, weniger noch dass ich im Stande gewesen wäre gezielt etwas zu tun. Es war in meinem Kopf alles so “rustikal“, ein anderes Wort das passen würde finde ich einfach nicht. Alles war wie ein ganz grober Holzschnitt bei dem man die ganz groben Konturen wohl erkennen kann sich aber die Einzelheiten noch nicht vorstellen kann.
Ich war in einer Art vegetativem Zustand. Ich saß einfach da ohne richtig denken zu können oder etwas bewusst fühlen zu können. Ich hatte plötzlich noch nicht einmal mehr Angst. Ich wusste nur dass ich auf keinen Fall lebend in die Hände der Soldaten fallen durfte. Ich hörte das unbegreiflich laute Zirpen der Grillen, hörte kleines Getier das sich im Unterholz bewegte, fühlte die Insekten die an meinem Körper hoch krochen, ich hörte das Piepen der Vögel die in den Bäumen schliefen. All das war jetzt in diesem Moment für mich die Natur die mich beschützte. Denn wenn sich etwas und sei es auch noch so Geringes, an den mich umgebenden Lauten aus dem Urwald um mich herum verändert hätte, so ich hätte gewusst das sich etwas, das nicht hierhin gehörte, näherte.
Ich raffte mich vom Boden auf und stellte mich aufrecht hin und schaute mich um. Ich konnte nichts erkennen und erst als ich in die Richtung wo ich den Fluss vermutete umdrehte glaubte ich weit weg einen roten Schimmer zu erkennen der hier nicht sein sollte. Es war nicht ich der in diesem Moment zusammen zuckte und sich von dem Lichtschein abwandte. Es war einfach mein vor Angst gepeinigter Körper der sich mir verweigerte! In diesem Moment kämpfte ich einen unglaublichen inneren Kampf mit mir selbst. Ich kann es auch heute noch nicht beschreiben was alles in und mit mir passierte. Ich wusste sehr wohl dass der rote Schimmer den ich dort, weit weg zwischen den Bäumen sah, nicht natürlichen Ursprungs war. Dort mussten das Dorf und die Soldaten sein. Mein ganzer Körper weigerte sich einfach auch nur in diese Richtung zu schauen. Ich war nicht einmal imstande den Kopf in diese Richtung zu bewegen. Wieder erschienen mit Macht all diese schrecklichen Bilder in meinem Kopf und ich fühlte wie ich langsam wieder von der Panik überrannt wurde. Mein ganzer Körper fing wieder an furchtbar zu schmerzen und zu zittern. Ich weiß nicht was es war das mir die Kraft gab mich der Panik zu widersetzen und mich umzudrehen und in die Richtung des Lichtschimmers zu schauen. Es dauerte wohl eine ganze Weile bis ich soweit war, dass ich nicht mehr unkontrolliert zitterte und bebte. Ich war immer noch nahe an der Panik dran aber mein Verstand fing langsam wieder an zu arbeiten. Ich versuchte meine Situation zu analysieren, war aber einfach nicht fähig auf Grund dessen eine Entscheidung zu treffen. Ich fühlte mich so als wenn ich am Rand eines starken Strudels herum schwimmen würde. Alles zog mich in den Sog der Panik und hündischen Angst im Zentrum. Ich wusste und war mir dessen völlig klar dass, wenn ich jetzt wieder panisch werden würde das mein Tot wäre!
Auf einmal, aus irgendeinem Grund war dieses Black-Out das mich unfähig gemacht hatte zu denken und zu handeln vorbei, ich weiß nicht was der Auslöser dafür war, aber ich war jetzt wieder relativ konzentriert und ruhig. Mein stärkster Drang war mich erst einmal von diesem Lichtschimmer weg, noch tiefer in den Wald hinein zu bewegen. Es fiel mir ungeheuer schwer mich dem Drängen, mich weiter in den Urwald zurück zu ziehen, zu widersetzen und einfach nur an Ort und Stelle stehen zu bleiben.
Jetzt hörte ich von ganz weit weg Geräusche. Ich konnte nicht identifizieren welcher Art die Geräusche waren, war mir aber sicher dass sie aus dem Dorf kamen. Es schienen Schüsse zu fallen aber ich war mir dessen nicht sicher, oder besser gesagt ich wollte es auch einfach nicht wissen. Ich erfand die aller unsinnigsten Erklärungen über den Grund des Lichtscheins und der Geräusche nur um mich nicht diesem Platz nähern zu müssen.
Aber aus einem mir unerfindlichen Grund zog es mich aber zwanghaft in diese Richtung. Mein ganzer Körper schrie nein, tu das nicht. Mein Verstand gaukelte mir als ganz real all die schrecklichen Bilder vor die ich in meiner Vorstellung gesehen hatte. Ich sah wieder wie ich damals auf der Militärbasis ein Schubkarren voller Menschenteile zu einer Grube gefahren wurde und dort, wie gewöhnlicher Müll entleert worden war und mit Erde bedeckt wurden. Ich sah mich in meiner Vorstellung selbst völlig verstümmelt auf dieser Schubkarre und ich merkte dass ich wieder völlig steif und unbeweglich wurde. Es war unvorstellbar grausam das zu „sehen“. Mein Körper wollte sich mir wieder verweigern. Er wollte nicht in diese Richtung gehen! Aber irgendwie bezwang ich wieder die aufkeimende Panik und ging langsam aber stetig, mit ganz kleinen Schritten und ganz leise und vorsichtig, so wie ein uralter Mann in die Richtung aus der die Geräusche und das Licht kamen.
So muss sich eine Motte fühlen die unwiderstehlich von dem hellen Schein einer Lampe angezogen wird und genau weiß das genau dort, in dem hellen Licht der Tod wartet. Genauso fühlte ich mich!
Es war kein Mut der mich dort in diese Richtung zog, sondern es war ein ganz mechanischer Ablauf von Bewegungen die ich noch nicht einmal bewusst steuerte, der mich in diese Richtung trug. Es gab kein warum oder weshalb, mein Körper bewegte sich gegen den Willen meines Verstandes in diese Richtung, einfach so, unfreiwillig und unkontrollierbar!
Ich war so angespannt das ich alle diese winzigen, kaum hörbaren Geräusche in meiner Umgebung genau wahrnahm. Ich konnte so zusagen, die Flöhe husten hören. Je mehr ich mich dem Dorf näherte umso mehr veränderte sich diese Geräuschkulisse. Es waren jetzt andere, weniger und größere Insekten und Kleintiere die ich wahrnahm.
Dann irgendwann stand ich etwa fünfzig Meter vom Dorfrand weg im Urwald gut hinter einer Bananenstaude verborgen. Ich konnte in dem Schein der brennenden Hütten gut die Gesichter der Menschen sehen. Alle standen auf dem kleinen Dorfplatz und waren von Soldaten die mit durchgeladenen Waffen um sie herumstanden umgeben. Ich konnte Jorge nirgendwo sehen und war schon sehr erleichtert weil ich mir dachte dass er nicht zurück ins Dorf gegangen war als er mich im Urwald zurück ließ, sondern dass er sich versteckt hatte und auch irgendwo geschützt im Urwald saß. Soweit ich sehen konnte waren alle Einwohner des Dorfes, außer Jorge, auf dem Dorfplatz versammelt, acht Erwachsene und etwa 30 Kinder jeden Alters. Trotz der unmittelbaren Bedrohung dieser Menschen freute es mich unglaublich dass Jorge es scheinbar geschafft hatte im Urwald zu verschwinden. Nicht dass alle diese anderen Menschen keine Bedeutung für mich gehabt hätten, aber es war mir in diesem Moment irgendwie sehr wichtig dass eben Jorge nicht dabei war! Er war mir so sehr ans Herz gewachsen dass ich ihn fast liebte.
Ich konnte von meinem Standpunkt aus den ganzen Dorfplatz gut übersehen. Mein Herz schlug mir im wahrsten Sinne des Worte fast im Hals, meine Angst war riesengroß und ging soweit dass ich versuchte ganz flach und leise zu atmen um nicht gehört zu werden und dabei fast erstickt wäre. Das alles weil ich besorgt war das man mich hätte entdecken können. Das war natürlich Unsinn da ich dafür viel zu weit weg war und gut gedeckt hinter der Bananenstaude in der Dunkelheit des Urwaldes stand. Aber die Angst war sehr machtvoll! Ich sah, hörte und fühlte Dinge die gar nicht da waren oder die eigentlich einfach unmöglich waren wahrzunehmen. Meine unglaubliche Angst beherrschte mich wieder völlig.
Warum ich mich bis hierher vorgewagt hatte, ich weiß es nicht! Ich beschloss mich wieder in den hinter mir liegenden Urwald zurück zu ziehen um einfach einen oder zwei Tage vorbei gehen zu lassen um dann ins Dorf zurück zu kehren. Gerade als ich die ersten zehn Meter zurück in den Urwald hinter mir hatte, blieb ich wieder wie versteinert stehen. Der Schrei der nach einem Schuss aus dem Dorf durch den Urwald hallte war einfach unglaublich schmerzvoll und laut. Ich ging die paar Meter die ich schon zurück gelegt hatte um wieder im Urwald zu verschwinden, schnell zurück und näherte mich, immer in Deckung bleibend noch mehr dem Dorf um den Grund dieses Schreies zu ergründen.
Was ich sah ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Die Soldaten hatten einen Mann erschossen der am Boden lag und noch unkontrolliert am Zucken war und sie waren dabei seine Frau, die schreiend und weinend neben dem Mann auf dem Boden saß ebenso kaltblütig zu töten. Dann ein Knall und die Frau war auch tot und lag bewegungslos auf der immer noch zuckenden Leiche ihres Mannes. Dann wurden zwei wahllos heraus gegriffene Kinder, etwa sechs oder sieben Jahre alt, die kaum hörbar weinten ebenso rücksichtslos erschossen. Man machte sich nicht einmal die Mühe sie von hinten zu erschießen, sonder die Kinder mussten sozusagen in den Gewehrlauf schauen bis die tödliche Kugel kam. Die Menschen die auf dem Dorfplatz waren, waren jetzt fast alle lautlos am weinen. Aber sie waren auch näher zusammen gerückt und bildeten jetzt keine Gruppe von einzelnen Menschen mehr, sondern sie waren jetzt eher eine Einheit, ein Art Gesamt-Wesen. Alle, oder besser gesagt fast alle diese Menschen hier im Dorf die jetzt auf dem Dorfplatz standen waren irgendwie miteinander verwandt. Und das konnte man jetzt deutlich fühlen. Auch die Soldaten merkten wohl dass sie jetzt bei diesen Menschen mit reden nicht mehr weiterkommen würde.
Dann hörte ich die Frage, „donde esta este maldito Aleman?“ (Wo ist dieser verfluchte Deutsche?). Jetzt erst wurde mir schlagartig bewusst dass ich der Grund war warum die Soldaten überhaupt hier waren. Sie wollten mich! Mir wurde schummerig vor den Augen und wieder kam diese hündische Angst in mir hoch. Aber warum suchten sie mich hier, mitten im gottverlassenen Urwald, warum nicht in der Stadt in Jinotega wo ich doch viel leichter zu finden und festzunehmen war? Der Grund war wohl, weil es dort zu viele Menschen gab die mich kannten und mitbekommen hätten das ich festgenommen worden sei. Das hätte geheißen dass die Deutsche Botschaft und auch andere Botschaften informiert worden wären. Auch eine große Anzahl von Internationalen Missionen die in Nicaragua tätig waren hätte sich einmischen können. Und das hätte bedeutet dass der Geldfluss aus dem Ausland hätte eingedämmt und vielleicht zeitweilig sogar hätte gestoppt werden können. Und das konnte man gar nicht gebrauchen! Bei der galoppierenden Inflation von etwa 6.000% und der herrschenden Devisenknappheit brauchte man wirklich jeden einzelnen Dollar! Aber hier im Urwald …, das wäre in Managua noch nicht einmal als Fußnote in der staatlich kontrollierten Presse erwähnt worden! Ich wäre einfach verschwunden gewesen und die Schuld hätte man den Rebellen in die Schuhe geschoben. Also keinen politischen Ärger mit dem Ausland und kein Aufheben! Ich wäre einfach verschwunden gewesen!
Bei Gott, was hatte ich eine unbeschreibliche Angst! Wieder war ich von der beißenden und an mir, in meinem Innersten, nagenden Furcht überwältigt! Um es einmal so zu sagen, ich wurde von meiner Furcht in einer Sekunde tausendmal in Stücke zerrissen. Ich war wieder wie Espenlaub im Herbststurm am zittern. Mein Körper wollte sich wieder weigern das zu tun was ich wollte. Aber schließlich siegte diese „vernünftige“ Angst, das heißt, die unvorstellbar grausame Angst vor dem was die Soldaten mit mir machen würden wenn sie mich erwischen würden.
Es war mir schon klar, sie würden nicht warten bis ich tot war um mich erst dann bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen um jede Ermittlung über den „unbekannten“ Toten zu erschweren oder unmöglich zu machen! Nein, sie würden das tun wenn ich noch am Leben war und sie ihren „Spaß“ mit mir haben und alles so richtig „genießen“ konnten. So würde ich allen anderen Menschen als abschreckendes Beispiel dienen!
Jetzt zerrte der Fluchtreflex, mit unwiderstehlicher Gewalt an mir, ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ich wich zurück, drehte mich um und wollte so schnell wie möglich wieder in den Urwald zurück laufen. Aber irgendwie, in irgend einer Ecke meines Gehirns war mir auch klar dass ich mich dann selbst in einen Zustand versetzen würde der mir dann mein ganzes restliches Leben unerträglich sein würde. Und wieder einmal war ich zwischen meinem Verstand und meinem Instinkt festgefahren. Abermals war ich unfähig irgendeine Entscheidung zu treffen. Ich wollte eigentlich nur weg von hier, war aber jetzt wie gelähmt. Aber wieder tat ich genau das Gegenteil von dem was ich eigentlich tun wollte. Ich war einfach nicht mehr Herr meiner selbst! Ich näherte mich vorsichtig, verborgen im Gebüsch und einen großen Bogen um das Dorf schlagend, dem Dorfplatz nahe am Fluss soweit ich irgend konnte. Was ich da sah ließ mich versteinern und das Blut in den Adern abwechselnd gefrieren und dann wieder kochen. Fast alle Bewohner des Dorfes waren dort versammelt. Kinder, Frauen und Männer. Sogar eine alte Frau die nicht mehr laufen konnte war dorthin gebracht worden. Die Frauen standen auf der einen Seite, die Männer auf der Anderen, die Kinder und auch die Kleinsten und sogar 2 neugeborene Babys von wenigen Monaten, standen oder lagen in der Mitte zwischen den beiden Menschengruppen. Die Menschen die vorher erschossen worden waren lagen einfach übereinander geworfen vor den anderen auf dem Boden. Zwei Soldaten gingen um die gefangenen Männer, Frauen und und Kinder herum und schlugen ab und zu mit aller Kraft und ohne jede Hemmung mit dem Gewehrkolben auf jemanden ein. Ob Frau oder Kind oder ein alter Mensch, das war ihnen egal! Sie wollten nur Furcht verbreiten um dann die „Wahrheit“ , ihre Wahrheit zu erfahren.
Mir wurde, jetzt in diesem Moment wo ich es am wenigsten brauchen konnte, schlecht! Und wie! Ich spürte den beißenden Würgereflex und ich rannte tiefer in den Urwald zurück. Als ich glaubte weit genug weg zu sein um nicht mehr gehört zu werden, fiel ich auf die Knie und kotzte mir die Seele aus dem Leib.
Es war als ob mit der Kotze auch ein Teil meiner panischen Angst verloren gegangen sei. Ich saß auf dem Boden und war mit einem Mal klar im Kopf. Ich hatte zwar noch Angst und wie, aber es war eine andere Angst, eine die mich nüchtern und klar denken lies. Es ging jetzt nur noch um das Entkommen. Es war mir klar zurück zu gehen und weiter zu beobachten würde mir nichts bringen. Ich musste durch den Urwald zurück nach Hause kommen, aber dazu fehlten mir einfach die Ortskenntnisse und auch das Wissen um zu hier im Urwald ein paar Tage alleine zu überleben. Also brauchte ich einen Führer. Aber außer den Bewohnern des Dorfes kannte ich keinen Menschen. Ich konnte niemanden Fremden vertrauen da er mich ohne weiteres hätte denunzieren können. Die einzigen Menschen die ich kannte und denen ich offensichtlich hatte vertrauen können waren die Menschen aus dem Dorf. und die waren gerade auf dem Dorfplatz versammelt und wurden möglicherweise alle erschossen. Ich musste sehen ob da jemanden blieb der mir später hätte weiterhelfen können. Also musste ich zurück in die Nähe des Dorfes. Da ich aber, als ich mich übergeben musste in meiner Panik völlig ziellos weit in den Urwald zurück gelaufen war, hatte ich im Moment keine Orientierung mehr. Ich wusste nicht mehr wo ich war! Schon wieder wollte Panik in mir aufkommen! Aber ich wusste jetzt sehr genau, dass wenn ich den Kopf verlieren würde, meine Chancen hier aus diesem Urwald wieder lebend raus zu kommen auf Null sinken würden.
Ich musste wieder zurück zum Dorf! Den einzigsten Orientierungspunkt den ich hatte war der Fluss. Ich musste also zum Fluss zurück finden. Über den Fluss das war auch der einzige Weg um wieder relativ gefahrlos nach Hause zu kommen, ohne tagelang durch den gefährlichen Urwald zu Fuß zurück zu müssen. Es war immer noch dunkel und man konnte fast nichts erkennen. Aber meine Augen hatten sich soweit an die Dunkelheit gewöhnt dass ich einen dicken Baum ganz in meiner Nähe an dem ich vorbeigekommen und gegen den ich gerannt war, erkennen konnte. Aus dieser groben Richtung war ich also gekommen und der Fluss hatte dann links von mir gelegen. Also wenn ich jetzt, hinter dem Baum stehend, in die Richtung des Baumes schaute musste der Fluss irgendwo rechts von mir sein. Also drehte ich mich um etwa 90 Grad nach rechts und ging langsam in diese Richtung, immer angestrengt nach vorne horchend um den Fluss zu rechtzeitig hören. Denn es war durchaus eine Gefahr dass ich mich im Ufersumpf festlaufen und dort stecken bleiben würde. Und dort gab es Alligatoren von beachtlicher Größe! Also setzte ich vorsichtig Fuß vor Fuß um so wenig Geräusche als möglich zu machen und auch um rechtzeitig zu spüren wenn der Boden weicher und schlammiger werden sollte.
Dann, ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen war, konnte ich endlich den Fluss hören! Jetzt wusste ich wo ich war und bewegte mich vorsichtig am Flussufer entlang in Richtung wo das Dorf sein musste. Die Nacht erschien mir unendlich lang und es war mir in diesem Moment gar nicht so bewusst das ich, nur weil es Nacht war noch am Leben war. Wäre ich am Tag von den Soldaten im Urwald verfolgt worden hätte ich keinerlei Chancen gehabt auch nur eine Stunde zu überleben!
Dann irgendwann erreichte ich wieder den Rand des Dorfes. Ganz vorsichtig näherte ich mich soweit ich konnte dem Dorf und versuchte zu erkennen wo die Menschen und die Soldaten waren. Es war seltsam ruhig und man hörte keinen Laut mehr aus dem Dorf. So sehr ich mich auch anstrengte ich konnte nichts erkennen und auch nichts hören. Das Feuer auf dem Dorfplatz war klein heruntergebrannt und alle Häuser waren bis zum Boden abgebrannt. Man konnte nur Dinge erkennen die in unmittelbaren Nähe des Feuers waren. Und da lagen überall nur Tote herum. Von den Soldaten konnte ich nichts erkennen oder hören. Es schien so als ob sie abgezogen wären.
Aber das konnte auch eine Falle sein, vielleicht warten sie in den Häusern verborgen bis ich mich zeigte und mich dann gefangen nehmen und zu töten. Erstaunlicherweise hatte ich aber jetzt keine Angst mehr, oder besser gesagt, ich hatte keine panische Angst mehr. Jetzt hatte ich mich gut unter Kontrolle und war imstande bewusst zu beobachten und vernünftige Schlüsse aus meinen Beobachtungen zu ziehen.
Ich hatte die ganze Zeit über völlig verdrängt was mit den Menschen aus dem Dorf passiert war. Ich hatte die Hoffnung dass der Ein oder Andere den Überfall der Soldaten überlebt haben könnte oder das es vielleicht jemanden gelungen war zu fliehen.
Aber ich wusste in meinem Innern das ich keinen Einzigen finden würde der, wenn es ihm nicht gelungen war zu fliehen, am Leben geblieben war. Die Soldaten würden niemanden zurück lassen der erzählen konnte was dort passiert war. Nein es war wirklich sehr unwahrscheinlich dass jemand das Massaker überlebt hatte. Und so war es auch! Überall, wo ich auch hinschaute, als ich vorsichtig in das Dorf ging, sah ich tote Menschen herum liegen! Ich erkannte sie fast alle wieder!
Jetzt, als ich wieder vernünftig denken konnte, überkam mich urplötzlich ein zerschmetterndes Schuldgefühl das mich mit verheerender Macht urplötzlich überfiel. Dieses Gefühl wuchs von Minute zu Minute an und ich konnte es so deutlich auf mir fühlen als wenn ich mir eine schwere Last aufgeladen hätte, die mich durch ihr unglaubliches Gewicht zu Boden drücken wollte.
Denn ich war es ja gewesen den die Soldaten gesucht hatten. Ich hatte die Soldaten hergebracht! Aber die Menschen hatten zuerst mich in Sicherheit gebracht und dann erst an sich selbst gedacht. Ich konnte es mir nicht erklären warum sie das gemacht hatten. Ich war doch ein Fremder für sie gewesen den sie gerade mal 3 Tage gesehen hatten. Warum hatten sie mich dann geschützt? Warum hatten sie nicht ihre eigenen Familien geschützt? Es waren alle ganz einfache Menschen gewesen, Fischer, Bauer und Händler, die allermeisten ohne irgendeine Schulbildung, warum also dieses unglaubliche und wirklich unverständliche Verhalten? Ideologie, religiöser Glaube, oder einfach das Vertrauen dass alles nicht so schlimm werden würde? Ich weiß es heute noch nicht was es gewesen war das diese Menschen so unglaublich stark gemacht hatte um dieses fast göttliche Opfer für mich zu erbringen.
Ich hätte bloß aus dem Urwald heraus kommen müssen um mich zu stellen und all diese Menschen wären vielleicht noch am Leben.
Erst hinterher als ich durch das jetzt im wahrsten Sinne des Wortes tote, abgebrannte Dorf ging und überall die herumliegenden Leichen sah während in die verbrannten Hütten trat überfiel mich mit unglaublicher Gewalt das erschütternde Wissen dass ich das Morden möglicherweise hätte verhindern können. Denn ich war von meiner Angst gesteuert, ganz auf mich konzentriert gewesen. Wie ich den Soldaten entkommen konnte, dass ich nicht die Orientierung im Urwald verlieren durfte, wie ich mich am sichersten verstecken konnte, all das und noch unendlich viel mehr hatte ich wahrgenommen und überlegt, aber nicht dass in dem gleichen Augenblick in dem Dorf Frauen, Kinder, und alte Menschen, dass sie alle getötet wurden und weniger noch dass es vielleicht in meiner Hand gelegen hatte das alles zu beenden. Das war mir keinen Augenblick bewusst geworden. Ich hatte nur aus dem Urwald in dem ich mich versteckt hatte heraus kommen müssen. Vielleicht wären dann wirklich alle diese Menschen noch am Leben? Jetzt, bei diesem Gedanken konnte ich nicht mehr! Meine Knie gaben bei dieser Überlegung einfach nach und ich sank ganz leicht und taumelnd, so wie als wenn ich leicht angetrunken sei, zu Boden. Ich saß völlig hilflos, zitternd und verwirrt, mitten zwischen all den Toten und schämte mich über mich selbst. Es tat weh, es schmerzte unglaublich wenn ich um mich herum schaute und all die Toten sah deren Tot ich verschuldet hatte. Dann glaubte ich den kleinen Jorge zu sehen und mir blieb für einen Augenblick wirklich mein Herz stehen. Er lag auf der mir zugewandten Seite der Feuerstelle, die etwa 5 Meter von mir weg war und an der das Feuer noch immer am Glimmen war. Durch die Nähe des Feuers waren seine Haare abgesengt und die Kopfhaut schwarz verkohlt Ich raffte mich auf und ging ganz mechanisch dort hin. Sein Kopf war durch einen Kolbenhieb fast gespalten. Er war fast nicht zu erkennen. Nur durch sein rotes T-Shirt konnte ich ihn eindeutig identifizieren. Jetzt fiel ich auf die Knie und war wie gelähmt, ich konnte noch nicht einmal schreien. Ich machte nur den Mund auf um zu schreien und brachte kein Ton heraus. Ich schrie mit all meiner Kraft, ohne einen einzigen Laut von mir zu geben, lauthals aber lautlos meinen Schmerz in die Nacht. Der furchtbare Schmerz meiner Schuld wollte nicht aus mir heraus, er lies sich nicht in Tönen artikulieren, er war einfach zu groß dazu! Ich setzte mich neben den kleinen Jorge und legte seinen zertrümmerten kleinen Kopf auf meine Oberschenkel. Meine Tränen flossen in Strömen und jede einzelne schmerzte mich wie glühende Lava die aus meinen Augen tropfte.
Jede einzelne Träne die herunter fiel hallte wie ein Donnerschlag in mir nach und schrie mir meine Schuld ins Gesicht. Du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld, wir könnten noch leben, … du bist schuld! Es waren viele, viele Tränen die ich in dieser Nacht neben dem kleinen toten Jorge sitzend weinte und von denen mich bis heute jede einzelne gnadenlos verfolgt. In manchen Nächten erlebe ich diesen stummen Schmerz immer und immer wieder. Es ist dann so als wenn sich eine beschädigte Schallplatte wieder und wieder, bis zur Unendlichkeit, an der gleichen Stelle wiederholen würde. Es ist dann noch nicht einmal der eigentliche Schmerz, der daran das Grausame ist, sondern mehr die Unfähigkeit ihn laut zu machen, ihm sozusagen eine Stimme zu geben und ihn heraus zu schreien!
Dann, in diesen Träumen ist mein Leben endlos! Irgendwann wache ich dann auf und bin tränenüberströmt und, … versuche am kommenden Tag mein Leben so zu leben, dass niemand meine Schuld sieht.
Ich habe nicht mehr viele Erinnerungen an die Tage danach. Ich weiß nur noch schemenhaft dass ich in einem Boot über den Rio Coco an das Meer gebracht worden bin und dann wohl von jemanden mit einem Schiff in die Hafenstadt Bluefields gebracht worden war und dort in einen Bus nach Managua gesetzt wurde.
Während der ganzen Reise war ich etwas ruhiger geworden, aber ich konnte mich nicht freuen als ich endlich zu Hause war, dafür brachte ich zu viele Tote mit!
Es würde mir für den Rest meines Lebens wohl sehr schwer fallen wieder ein „normales Leben“ aufzunehmen. Ein paar Tage später wurde mir auch das Auto zurück nach Jinotega gebracht und alles war scheinbar wieder beim Alten. Nur ich bin, nach diesen Erlebnissen, nie wieder der gleiche Mensch gewesen der ich vorher war. Ich war während diesen Tagen, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich um vieles älter geworden
Hier will ich in die kleine Geschichte enden lassen obwohl sie eigentlich noch nicht zu Ende ist. Es folgte eine lange Zeit in der ich mich anstrengte und normal erscheinen wollte aber innerlich ungeheuer litt und keine einzige Nacht mehr in Ruhe schlafen konnte.
Ich kann dem Leser den Schmerz den ich diesen Menschen durch mein Versagen verursacht habe nur andeuten, anreißen aber nicht fühlbar oder sichtbar machen. Ebensowenig wie ich mein eigenes inneres Chaos sichtbar und vielleicht ein klein wenig verständlich machen kann.
Ich mute dem Leser also zu, sich genau das vorzustellen woran ich mich zu denken weigere. Aber je älter ich werde umso deutlicher wird mir mein menschliches Versagen in diesen Tagen und umso öfter und intensiver verfolgt es mich.



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