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Prosa => Krimi


Westernroman Cutter 4 Der geheimnisvolle Rupert Victor Teil2 - von Andrea, 22.08.2018
Über die Straße hinweg schallte ein lauter ruf.
„ Marshall“ Nick warf sich rum, den Revolver schon in der Hand, aber niemand war zu sehen. Kurze Zeit darauf erschien Murphy. In seiner Hand hielt er ein abgerissenes Seil. Erleichtert schob Nick seinen Colt zurück ins Holster und rief Murphy zu.
„ Ist er wieder weg?“
„ Dieses Miststück. Sieh dir das an. Er hat das Seil zerfressen und das Tor geöffnet. Jetzt weiß ich auch warum der vorherige Besitzer ihn so schnell loswerden wollte. Das Tier kostet mich ein Vermögen. Alleine der Heidelbeerbusch hat mich eine Tageseinnahme gekostet.“
„ Hörst du das? Da hinten flucht jemand. Ich kann mir schon Denken warum.“ Vom Bahnhof her drangen die schlimmsten Flüche durch die klare Nacht. Murphy und Nick gingen nachsehen und tatsächlich stand Hengst Marshall im Lager der Bahn und hatte schon mehrere Kisten umgestoßen und zertreten.
„ Oh, das ist nicht gut.“ Bemerkte Nick beim Anblick des Schadens. Der Rappe kaute auf einem Kleidungsstück herum, dass bei näherer Betrachtung das bestellte Hochzeitskleid der jungen Dolly Nielson war. Übermorgen sollte die Hochzeit mit dem Sohn des Großrancher Erik Dopsen sein. Sie hatte das Kleid aus Bosten bestellt. Es war eine extra Anfertigung mit vielen Perlen und Spitzen.
Murphy wurden die Knie weich. Er sank auf eine der Kisten und starrte entgeistert auf das Chaos nieder.
Der Lagerverwalter kam wütend auf ihn zu.
„ Sehen sie sich das Unheil an! Ihr Rindvieh hat hier gewütet wie der Teufel. Ich dachte eine ganze Bande wäre hier am Randalieren. Wie soll ich das Miss Nielson beibringen. Ihr zukünftiger Schwiegervater hat dieses Kleid bestellt, er wird sie dafür hängen und ihnen die Haut am lebendigen Leib abziehen. Mister Murphy!“ Der alte Stallbesitzer fuhr sich mit dem Zeigefinger durch sein Halstuch, als spüre er schon die enge Schlinge um seinen Hals.
Nick versuchte die Situation noch etwas zu retten und schlug vor“, Vielleicht kann die Frau des Chinesen Wang das Kleid noch retten. Sie ist eine sehr gute Schneiderin.“ Hengst Marshall hatte das Kleid fallen gelassen und fand neues Interesse an einer Schürze die an der Wand hing. Nick betrachtete den Schaden am Kleid. Es war ein großes Loch genau auf Gesäßhöhe. Er schmunzelte ein wenig, schob seine Hand durch das Loch und meinte.
„ Ist doch ganz praktisch. So kann die Braut ohne Probleme ihrem dringenden Bedürfnis nachgehen. Die Häuschen sind ja immer so eng.
„ Schön, dass du noch deinen Humor hast.“ Murmelte Murphy.
„ Bring dein Pferd zurück und besorge dir ein Schloss aus Metall. Ich frag bei Misses Wang nach ob es sich noch lohnt das Kleid zu nähen und ob die Flecken rausgehen.“
„ Marshall warten sie!“ rief der Lagerverwalter und wurde sofort vom Hengst angerempelt. Er stolperte Nick in die Arme und wäre sicherlich gestürzt, hätte Nick ihn nicht aufgefangen.
„ Es ist gefährlich mich zu rufen, wenn er in der Nähe ist.“ Ryder wies auf das Pferd, das wie immer freudig mit dem Kopf nickte, wenn er seinen Namen hörte und stupsen durfte.
Der Lagerverwalter zupfte seine Kleidung zu Recht. Ihm war der Zwischenfall sichtlich peinlich.
„ Wie Regeln wir das nun mit dem Schaden hier?“ wollte er wissen.“ Notieren sie, was zerstört wurde und geben sie die Liste in mein Office. Wir werden uns drum kümmern.“

Misses Wang versprach ihr bestes zu geben. Sie sah noch Hoffnung für das Kleid. Erleichtert ging Nick zum Office. Sheriff Jett Armstrong war mit einem Bericht beschäftigt.
Als er Nick sah, lehnte er sich zurück und sagte,
„ Ich habe über unseren Fall nachgedacht. Lex hatte doch zwei Finger angezeigt. Wenn wir diesen Victor verdächtigen, wer ist dann die Nummer zwei? Er läuft ganz klar als Einzelgänger hier rum. Egal wen ich gefragt habe, niemand hat ihn mit einem Anderen zusammen gesehen. Außerdem warst du dabei, als er allein in die Stadt kam.“
„ Das heißt nichts. Sein Komplize kann an einem anderen Tag gekommen sein. Da fällt mir ein, ich wollte Victor noch mal ansprechen. Der Tote hatte kurz vorher mit ihm gesprochen und Beide kommen aus Lubbock. Vielleicht ist Dillen unser zweiter Mann. Sie haben sich gestritten, Lex kam dazu und es kam zur Schießerei.“ Nick machte eine kurze Pause und fügte hinzu.“ Verdammt, das passt nicht. Dillen wurde das Genick gebrochen.“
„ Vielleicht beim Sturz?“
„ Nein. Alles weist auf brutalem überdrehen des Kopfes hin. Das kann nur jemand mit seinen Händen getan haben.“
„ Wir sollten uns nicht nur auf diesen Victor konzentrieren. Vielleicht jagen wir dem Falschen nach.“
Marshall Ryder dachte nach. Wenn nur Lex endlich wieder zu sich kam. Dann wäre das Geheimnis gelüftet.
„ Wir müssen bis Morgen warten. Edwards sendet ein Telegramm an Ranger Gilbert. Ich hoffe, dass von dort ein paar Antworten kommen. Jetzt gehe erst mal zum Hotel und überzeuge mich, ob Victor wirklich jede Nacht seiner Bettruhe nachgeht.“
In Peggy-Sues Hotel-Restaurant brannten nur noch zwei Lichter. Eine Kerosinlampe im Gästezimmer, Eine weitere im Treppenhaus. Die Eingangstür war verschlossen. Wer spät in der Nacht ein Zimmer suchte musste den schweren Türklopfer betätigen.
Ryder kannte aber die kleine unscheinbare Hintertür, die zum Schlafzimmer und in Peggy-Sues Büro führte. Sie befand sich im Hof hinter mehreren Fässern und einer Kletterpflanze in einer Nische.
Peggy-Sue brauchte diesen Ausgang für sich, wenn sie mal unbemerkt weg wollte. Manchmal wurde ihr die Arbeit in einem so großen Hotel zu viel. Dann zog sie sich in ihr Büro zurück, wollte nicht gestört werden und floh zur Hintertür hinaus ins Grüne. Sie hatte ein ganz besonderes Plätzchen am Ligasee gefunden, wo sie neue Kraft fand.
Sie wollte ihren Angestellten keine Schwäche zeigen. Gutes Personal braucht eine starke Führung. War ihr Erfolgsmotto.
Nick gehörte zu dem kleinen Kreis derjenigen, die über ihr Geheimnis bescheid wussten. Er kletterte über die Fenz, da das Hoftor ebenfalls abgeschlossen war und lugte durch das kleine Fenster der Hintertür. Vorsichtig hob er sie etwas an beim öffnen, damit die Scharniere nicht quietschten.
Dann stand er auch schon in der kleinen Hinterkammer. Hier bewarte sie ihre persönlichen Kostbarkeiten auf. Es waren Bilder die ihr Vater einst malte, und Briefe ihrer Mutter. Nick tastete sich bis zur vorderen Wand. Dort war wieder eine kleine Tür die in den Kleiderschrank des Vorzimmers führte. Hier hingen viele Kleider die die Tür in der Schrankrückwand verdeckten. Nick kam schließlich im Büro aus dem Kleiderschrank wieder raus.
Es war alles dunkel. Aus dem Nebenzimmer hörte er ihr gleichmäßiges Atmen. Peggy-Sue schien also tief und fest zu schlafen. Er schlich sich durch den Flur bis zum Treppenhaus und versuchte möglichst leise und ohne knarzende Stufen hinauf zu kommen. Vor der Zimmernummer Fünf blieb er stehen und horchte. Alles war ruhig. Der Türknauf ließ sich drehen, die Tür war also nicht verschlossen. Im Zimmer lag Rupert Victor schnarchend auf dem Bett. Seine Stiefel lagen verteilt auf dem Boden, sowie Hemd, Jackett und Hose.
Nichts war mehr zu sehen vom feinen vornehmen Mann. Nick hatte erwartet, dass das Zimmer aufgeräumt war und vor allem, dass seine Kleidung ordentlich am Haken hing, aber nichts von dem traf zu. Hier sah es aus wie nach einer ausgedehnten Feier. Eine leere Whiskeyflasche lag unter dem Bett. Auf dem Tisch lag ein umgekipptes Glas. Am Rasiermesser klebten noch die abgekratzten Bartstoppeln und ausgetrocknete Rasierseife.
„ So lebt also ein reicher Pinkel.“ Dachte Nick.“ Das ist ja ekelig.“ Dann sah er auf die Stiefel. Es waren texanische Cowboystiefel. Vorne Spitz, mit leichtem Absatz und verzierten Nähten.
Er nahm sie auf, zündete ein Streichholz an und betrachtete die Sohlen im Feuerschein.
Das Leder und die Fußsohlen waren sauber geputzt.
Er musste nach außen hin ja auch den gepflegten Geschäftsmann spielen. Er wollte sie gerade weglegen, da fiel ihm etwas auf. Es war nur winzig klein aber es war zu sehen. Das Streichholz in seiner Hand brannte ab. Nick ließ es fluchend fallen, weil die Flamme seine Finger ansenkte.
Victor machte einige unartikulierte Geräusche und wälzte sich im Bett herum. Nick hielt den Atem an. Er hatte wohl zu laut geflucht. Zum Glück schlief der Hotelgast weiter.
Er zündete ein neues Streichholz an und untersuchte die Stelle genauer. In der feinen Naht zwischen Sohle und Stiefelkappe sah er es. Der Faden mit dem der Stiefel zusammen genäht war, war in dem gleichen Braun wie das Leder. Nur an einer Stelle, genau am rechten Stiefel vorne nahe der Spitze war der Faden dunkeler. Nick hielt das Feuer näher ran und tatsächlich konnte man nun die Rotfärbung sehen. Anscheinend hatte der Faden das Blut in seine Fasern aufgesaugt und war nun verfärbt.
Draußen auf der Straße rollten die ersten Wagen wieder durch. Noch vor Sonnenaufgang erwachte die Stadt Cutter zu neuem Leben. Der Generalstore wurde beliefert mit neuer Ware. Victor drehte sich auf die andere Seite. Sein Schlaf wurde unruhiger und Nick hielt es für besser das Zimmer wieder zu verlassen. Als er sich noch einmal umdrehte sah er im leichten Schein seines Streichholzfeuers wie Victor der Sabber aus dem Mundwinkel floss. Schnell blies er die Flamme aus, hob vorher noch sein altes Hölzchen auf und verließ angeekelt das Zimmer.
Er verschwand wieder durch den Kleiderschrank und der Geheimtür. Unter freiem Himmel atmete Ryder tief durch. Immer mehr Indizien in diesem Mordfall wiesen auf Victor hin. Aber wo war der Zweite? Und wer war der Zweite?
Müde ging er zurück ins Office und legte sich auf dem Bett unter dem Fenster. Er lag nicht lange wach. Trotz der Sorge um seinen Deputy und dem unerklärlichen Mordfall fielen seine Augen zu.
Zwei Stunden später kam Deputy Benno Walker ins Office gestürmt.
„ Nick das Telegramm ist da!“ er wedelte mit dem Zettel in der Luft.
Ryder schnellte hoch. Noch halb benommen schwankte er zum Wasserkrug und goss sich das trübe Wasser ins Gesicht.
„ Gib her.“ Sagte er forsch.
„ Ich wünsche dir auch einen Guten Morgen.“ Gab Benno ebenso forsch zurück.
„ Tut mir Leid. War nicht so gemeint. Ich hatte eine lange Nacht“, entschuldigte sich Nick.
An Marshall Ryder
Werde Familie Dillen benachrichtigen.
Antworten auf Dillens fragen:
Rupert Victor hat ein Muttermal auf dem rechten Unterarm.
Ist seit vier Wochen auf Geschäftsreise.
Haben Unterlagen gefunden, die auf einen Zwillingsbruder hinweisen. Werden weiter suchen.
Ranger Gilbert
„ Ich liebe die Erfindung des Telegraphierens.“ Triumphierte Nick. „Die Schlinge um Victors Hals wird immer enger.“
Nachdem auch Jett eintraf und das Telegramm gelesen hatte waren Beide einig. Rupert Victor musste als Hauptverdächtigter festgenommen werden.
Sheriff und Marshall liefen zum Hotel. Die Eingangstür war mittlerweile geöffnet und so stürmten sie durch den Gang die Treppe rauf bis zum Zimmer mit der Nummer fünf.
Nick klopfte gar nicht erst, er riss die Tür auf und sah in einen leeren Raum. Victor hatte sie am Fenster kommen sehen. Er kletterte aus dem Fenster, sprang in den Hof und wollte hintenrum zum Stall. Aber dort war das Tor noch verschlossen. Verzweifelt rannte er durch zwei weitere Hinterhöfe bis zum Ostausgang der Stadt. Er erinnerte sich an die Worte der Big Olga vom Freudenhaus die ihm sagte es sei jeder willkommen nur der Marshall nicht. Kathy stand auf dem Balkon und sah ihn kommen.
„ Na Süßer. Plagt dich die Lust schon am frühen Morgen?“
Sie wurde von ihm in der letzten Nacht fürstlich für ihre Dienste entlohnt. Er steckte ihr Dollars zu, die sie an Big Olga vorbei schmuggeln konnte, denn es war wesentlich mehr als die vereinbarte Summe die jedes Girl an Big Olga abtreten musste. Dafür erhielten die Mädels Unterkunft, Essen und was das Wichtigste war, Schutz. Big Olga verstand da keinen Spaß. Benahm sich ein Mann daneben oder verletzte gar eines ihrer Girls, war sie ohne Gnade.
„ Da hinten gibt es eine Feuerleiter. Ich warte hier auf dich.“ Flüsterte Kathy ihm zu. Sie wollte es Geheimhalten, dann konnte sie das ganze Geld behalten. Big Olga sollte nichts davon erfahren.
Für Victor war es die beste Gelegenheit unter zu tauchen. Er hatte alles im Hotel zurück lassen müssen, sonst wäre seine Flucht nicht gelungen. Aber er wollte sein Geld nicht zurück lassen. Es waren eine menge Dollars, die er seinem Bruder gestohlen hatte. Nicht zuletzt auch dessen Wertpapiere.
Ein Pferd konnte jederzeit besorgt werden, da machte er sich keine Sorgen, es stand ja eine Menge auf der Straße herum.
Viele Fragen plagten ihn. Was wusste der Marshall bereits? Wie viel hatte er gegen ihn in der Hand? War der Deputy aufgewacht und hatte geredet? Oder gab es ein neues Telegramm aus Texas indem etwas Belastendes drin stand?
Hätte Kathy geahnt, dass Victor keinen Cent mehr in der Tasche hatte, hätte sie ihn im hohen Bogen raus geworfen. Aber sie versteckte ihn in ihrem Zimmer in der Hoffnung auf einen guten Verdienst. Und diesmal würde sie sich noch mehr bemühen ihm zu gefallen und seine lüsternen Wünsche erfüllen.
Marshall Ryder kletterte aus dem Hotelfenster und suchte nach Spuren. Im Hof waren so viele Fußspuren, dass man eine Einzelne nicht raus finden konnte.
„ Seine Sachen liegen noch hier.“ Rief Jett aus dem Fenster.
„ Die Satteltasche ist voll mit Dollarnoten und Wertpapieren. Er ist garantiert nicht weit weg. Ich würde dieses Geld nicht zurück lassen.“
„ Ja du hast Recht. Ich schau bei Murphy vorbei. Wenn sein Pferd noch da steht, soll er es gut im Auge halten.“
Nick fand den Rotfuchs im Mietstall. Laut Murphys Aussage war noch niemand dort um ihn zu holen.
Bevor Ryder den Stall verließ, sah er noch zur letzten Box und grinste.
„ Na Marshall! Hat man dich in Ketten gelegt? Das war es dann wohl mit deinen Alleingängen.“ Der Hengst schnaubte, als wolle er ihm sagen, dass auch dieses Eisenschloss kein Problem für ihn sei.
„ Bemüh dich nicht Junge. Das ist wie im Jail. Bei mir kommt auch niemand mehr raus ohne meine Zustimmung.“

Marshall Ryder, Sheriff Armstrong und Deputy Walker suchten die ganze Stadt ab. Sie durchsuchten alle Läden und Häuser, aber von Rupert Victor war keine Spur.
Nick überließ Jett die Durchsuchung des Freudenhauses. Er hatte keine Lust sich mit Big Olga rum zu streiten. Außerdem war Jett geschickter im Reden und bei ihr nicht so verhasst. Big Olga schwor den Mann nicht gesehen zu haben. Hätte sie gewusst dass der Gesuchte in ihrem Haus Schutz suchte, hätte sie ihn auch nicht verraten, und so war ihre Aussage nicht von Bedeutung.
Aber Jett besaß eine gute Freundschaft zu Marhta. Sie war die Jüngste im Haus und noch voller positiver Zukunftsträume. Sie schwärmte jede Nacht von Jett und wusste doch, dass sie ihn nie haben konnte. Sie war eine Prostituierte und er ein angesehener verheirateter Mann. Big Olga durfte das nie erfahren. Auch nicht, dass sie Informationen weitergab, die Big Olga streng Geheim hielt. Diesmal stand sie mittig auf der Treppe und lauschte dem Gespräch zwischen Sheriff Armstrong und ihrer Chefin zu.
Als Jett wieder draußen war hörte er einen leisen Ruf von einem der Balkone her. Martha winkte ihn heran und flüsterte hinunter.
„ Sie hat die Wahrheit gesagt. Der Gesuchte ist nicht hier. Jedenfalls habe ich hier heute keinen Mann gesehen. Sie war die ganze Nacht fort und kam erst vor einer Stunde wieder, allein.“
„ Danke Martha. Du hast was gut bei mir.“ Jett verabschiedete sich. Mit klopfendem Herzen sah Martha im nach. „ Wenn du wüsstest, was ich mir von dir wünsche.“ Sagte sie leise zu sich. Gegen Nachmittag saßen die drei Sternträger im Office. Es herrschte Stille. Jeder ging seinen Gedanken nach. Nick machte sich große Sorgen um Lex. Er lag noch immer im Tiefschlaf. Doktor Leonard war der Meinung, es sei normal bei so viel Blutverlust. Er sammelt Kraft, da ist Schlaf das beste Mittel.
Noch einmal gingen die Bilder des Unglücks durch Ryders Kopf. Wie Lex dalag in einer Blutlache. Wie er den leblosen Körper des Jungen zur Praxis trug. Und das Zeichen mit den Fingern weil Lex zum reden nicht mehr die kraft hatte.
Nick rieb sich mit den Händen durchs Gesicht. Er versuchte sich wieder auf die Suche nach Rupert Victor zu konzentrieren. Wenn sie ihn nicht finden konnten, dann mussten sie nach dem zweiten Mann fahnden. Dem Unbekannten, von dem jegliche Spur fehlte.
Und einen hundertprozentigen Beweis gab es auch noch nicht gegen Victor. War er der geheimnisvolle Zwillingsbruder und hatte den wahren Rupert ermordet um dessen Identität anzunehmen und sein Vermögen zu verwalten?
Wer er wirklich war, musste das Muttermal beweisen.
Aber wie konnte Nick ihn den Mord an Mister Dillen nachweisen und den Schuss auf Deputy Cooper. Ein kleines Indiz war der rot eingefärbte Nahtfaden am Stiefel. Aber das konnte vor Gericht auch als zu geringes Beweisstück angesehen werden.
Jett schien seine Gedanken lesen zu können. Er beugte sich über den Tisch, zeigte Daumen und Zeigefinger und meinte.
„ Wir sollten überlegen, wer der zweite war. Am besten fragen noch mal alle aus, die mit Victor Kontakt hatten. Vielleicht hat Peggy-Sue doch noch was gesehen, oder George kann sich noch an irgendwas erinnern.“
Nick starrte auf Jetts Finger und sah plötzlich wieder Deputy Coopers Finger vor sich. Dann kramte er in der Schublade herum und zog den Werbezettel von Victor Agrartechnik hervor.
„ Das ist es. Lex hat den Täter längst genannt. Ich Idiot, warum habe ich das nicht gleich gesehen!“
Er sprang vom Stuhl wie eine gespannte Feder, die man los ließ. „Das ist der Beweis. Rupert Victor hat Mister Dillen kaltblütig ermordet und einen Deputy Lebensgefährlich verletzt.“
„ Woher kommt deine plötzliche Erkenntnis?“ fragte Jett
„ Du hast mit Daumen und Zeigefinger die Zahl Zwei angezeigt. Lex aber benutzte Mittel und Zeigefinger. Er hat nie eine Zwei gemeint. Es sollte ein V sein. Ein V für Victor. Sieh dir sein Logo an.“
„ Da könnte was dran sein. Dann gibt es gar keinen zweiten Mann in diesem Mordfall. Bleibt nur noch die Frage wo sich unser Mann versteckt.“
„ Wir verbreiten die Nachricht, Deputy Cooper sei verstorben. Wir haben nichts in der Hand gegen ihn.
Vielleicht kommt er dann aus seinem Versteck weil er sich Sicher fühlt. Am besten geben wir noch an, dass die gefundenen Dollars und Wertpapiere mit der nächsten Kutsche zurück nach Lubbock gesendet werden, weil der Besitzer nicht auffindbar ist. Ich Wette der kommt aus seinem Loch.“
Nick und Jett wussten genau wem sie ihre Geschichte erzählen mussten, so das sie schnell weiter gegeben wurde.
Sie verkündeten ihre Botschaft im Frauenkreis.
Diese alten Ladies machten es sich zum Hobby, die Stadt mit zu regieren. Täglich gingen neue Beschwerden ein beim Bürgermeister. Sie organisierten sogar Demonstrationen mit Schildern um ihre Ideen durch zu setzen. Ihre Forderungen galten Hauptsächlich dem verbot von Alkohol in der Stadt und die Schließung des Freudenhauses. Auch ein Waffenverbot versuchten sie durchzusetzen.
Täglich versammelten sie sich zu einem Kaffeekranz und tratschten über die neusten Ereignisse und ihre nächsten Forderungen an Major Flint. Jett sprach die geschwätzigste der Runde belanglos an und erzählte ihr alles. Es dauerte tatsächlich keine ganze Stunde, da ging das Gerücht schon um. Doktor Leonard schwor Schweigsamkeit. Er zog das Papierrollo am Fenster zum Krankenzimmer runter, so das niemand einsehen konnte.
Jetzt hieß es Geduld zu haben. Nick sah aus dem Fenster und beobachtete die Straße. Bis zum Abend zogen sich die Stunden dahin. Erste Zweifel kamen ihm, ob sein Plan aufginge, doch dann geschah es.
Rupert Victor trat in voller Größe auf die Straße.
Hoch erhobenen Hauptes, so wie er vor Tagen in die Stadt kam. Nick trat aus dem Office und stellte sich ihm breitbeinig Gegenüber. Seine Arme waren vor der Brust verschränkt.
„ Guten Abend Rupert, oder sollte ich besser Levi sagen.“
Victor zuckte zusammen bei diesem Namen.
„ Was wollen sie Marshall.“
„ Ich werde sie festnehmen.“
„ Weshalb? Ihr Deputy ist tot habe ich gehört und sie haben nichts gegen mich in der Hand.“
„ Das sehe ich anders. Lex Cooper konnte mir noch sagen wer auf ihn geschossen hatte.“
„ Sie bluffen.“
„ Nein. Er hat es nicht gesagt aber angezeigt.“ Nick hob die Hand und bildete mit Zeige und Mittelfinger ein V.
„ V wie Victor. Zeigen sie mir mal ihren rechten Unterarm.“
Hämisch grinsend schob Rupert den Ärmel hoch. Auf dem Unterarm war ein brauner Fleck zu sehen.
„ Was sagen sie nun? Das mit dem Zwillingsbruder war nur ein Gerücht.“
Als Nick auf ihn zutrat verdeckte Rupert den Arm wieder.
Ryder blieb kurz vor ihm stehen. Sein stechender Blick durchbohrte Victors Augen.
„ Seien sie sich gewiss, dass Ranger Gilbert die Leiche des wahren Rupert Victor finden wird.“ Sagte er und riss dem Gegenüber so schnell den Ärmel wieder hoch, dass dieser kaum reagieren konnte. Nick zog das Taschentuch, das mit der Spitze aus Victors Jackettasche ragte hervor, spuckte darauf und scheuerte damit über das angebliche Muttermal.
Es lies sich ohne Probleme abwischen.
„ Sie sind verhaftet Levi.“ Sagte Nick im scharfen Ton.
Levi Victor lachte. „ Sie fühlen sich wohl sehr stark hinter ihrem Stern. Ich bedauere, dass ich nicht bewaffnet bin, sonst hätte ich sie hier und jetzt auf offener Straße erschossen wie einen alten Köter.“
„ Wollen sie mich zum Kampf rausfordern? Ich bin dabei. Das bin ich meinem Deputy schuldig. Es wird eine Genugtuung für mich sein ihnen die Visage einzuschlagen.“
Nick löste den Riemen der das Holster am Bein hielt und öffnete die Gürtelschnalle. Er warf den Revolvergurt seinem Freund Jett zu. Dann sagte er laut.
„ Ihr habt es gehört. Es ist ein faires Duell mit den Fäusten. Niemand mischt sich hier ein.“
Er zog den Stern vom Hemd ab und warf ihn ebenfalls Jett zu. Carol-Ann Ryder hatte alles mit angehört. Sie wollte auf Nick zu rennen und ihn aufhalten aber Jett hielt sie fest.
„ Es ist sein Kampf. Du darfst ihn nicht davon abhalten. Er tut es für Lex.“

Ein paar Sekunden standen sich beide Gegner reglos und mit erhobenen Fäusten gegenüber. Dann warf sich Levi nach vorne und landete einen rechten Haken durch Nicks Deckung hindurch. Ryder konnte nach Hinten ausweichen und steckte den abgeschwächten Treffer locker weg. Aber nun wusste er um die Gefährlichkeit seines Gegners. Er war ganz bestimmt kein einfacher Geschäftsmann. Dieser Mann hatte Kampferfahrung. Ohne sein ausweichen hätte dieser Schlag wahrscheinlich schon das Duell entschieden.
Nick konterte sofort. Im Schlagen war er mit der Linken immer gut gewesen und so konnte er auch hier einen Treffer genau auf Levis Solarplexus landen. Diese Überraschung gelang ihm nur dieses eine Mal. Denn nun wusste auch Victor um seine starke Linke. Es folgten Boxhiebe fast abwechselnd von Beiden. Einige brachen durch, andere wurden geblockt.
Nick war der Führende. Er ging Schrittweise vorwärts, während Levi nach Hinten auswich. Dann übernahm Levi die Führung und zwang Nick in die Rückwärts Bewegung.
Kurz vor Murphys Tor fielen Beide hin, weil Nick die Stufe vom Stepwalk hinter sich übersah. Sein Fuß knickte zur Seite weg, aber er unterdrückte den stechenden Schmerz und sprang Levi entgegen. Beide stürzten und wälzten sich im Straßenstaub.
Levi hatte seine Hände um Nicks Hals gekrallt und versuchte ihn zu würgen. Nick konnte dessen Arme beugen und schlug ihm den Ellbogen gegen die Schläfe, was den Würger lockerte. Victor bekam die Chance seinen Gegner ab zu werfen und sich gleich wieder drauf zu stürzen. Nun lag Nick auf dem Rücken und hatte fast einen Hebel perfekt sitzen, doch Levis Handgelenk war so verschwitzt, dass er aus dem Griff rausrutschten konnte. Sie kamen Beide wieder in den Kniestand und Nick landete einen schönen Schlag von unten Hochgezogen direkt an Levis Kinn. Aber der Mann aus Texas war hart im nehmen. Er stand auf, torkelte einen Moment und griff wieder an. Es trafen immer mehr Zuschauer ein, die dem Kampf beiwohnen wollten. Wetten wurden abgeschlossen und sie feuerten ihren Marshall an. Carol-Ann klammerte sich an Jett, und zitterte vor Angst um ihren Mann. So einen Kampf gab es noch nie in Cutter. Keiner der Beiden verschenkte auch einen Moment seiner Kraft. Unerbittlich schlugen sie auf einander ein. Beide hatten aufgeplatzte Lippen, blutende Platzwunden im Gesicht. Levis Nase war leicht schief. Aus ihr lief ebenfall Blut. Ryders letzter Schlag traf ihn mitten ins Gesicht. In den Faustknöcheln spürte Nick wie das Nasebein seines Gegners beim auftreffen brach.
Nick nutzte die Chance, dass Levi schwankte und sprang ihm entgegen. Sie fielen Beide durch das Tor des Mietstalles. Die Zuschauer blieben draußen stehen. Nun hatte nur noch eine kleine Gruppe Einsicht in das Geschehen.
Sie feuerten weiter ihren Gesetzeshüter an. Die hintere Reihe bekam nur die Jubelschreie mit, wenn Nick wieder mal die Oberhand gewann, und das ängstliche raunen wenn Levi seine Treffer landete.
„ Gib es ihm Ryder!“ rief einer. Weitere Rufe kamen aus den hinteren Reihen,
„ Mach ihn fertig. Marshall!“ In der letzten Box stand der Hengst und spitzte seine Ohren immer wenn er seinen Namen hörte. Er versuchte auszubrechen, aber das Metallschloss hielt stand. Immer wieder wurden Rufe laut,
„ Marshall, Marshall!“ Der Hengst wurde immer nervöser.
Nick gab alles. Er brachte seine härtesten Schläge an, aber Levi ging nicht zu Boden. Immer mehr Schläge durchbrachen seine eigene Deckung. Aber auch Nick gab nicht auf.
Ein mächtiger Schlag warf ihn nach Hinten. Er schlug gegen das Tor, welches krachend zuknallte. Durch die Erschütterung fiel der Riegel runter und verschloss den Eingang. Es war ein Metallarm, der sich quer über das Tor legte. Murphy hatte ihn vor Jahren angebracht nachdem ihm immer öfter Pferde gestohlen wurden. Das schwere Eichentor war nun verriegelt. Die Zuschauer standen draußen und hörten die Schläge. Das einzige Fenster im Stall war sehr klein und sehr hoch, so dass Niemand einsteigen konnte. Es half auch nichts, ein paar Kisten zu holen um hinein zu schauen, denn die Scheibe war längst Blind.
Nick spürte, dass er den Kampf nicht mehr lange durch stand. Es musste zum Ende kommen. Er nahm seine letzten Kraftreserven zusammen, wich einem Faustschlag aus und setzte alles in den so genannten Uppercut. Ein Faustschlag von unten her mit Hüfteinsatz. Er traf genau die Kinnspitze seines Gegners. Ein stechender Schmerz durchzog Ryders Arm, denn er hatte alle Energie darin gesetzt die er noch aufbringen konnte. Seine Rechte zitterte noch, als er erstaunt die Reaktion des Texaners auf diesen Schlag beobachtete. Levi blieb wie erstarrt stehen. So als hätte man einen Ausschaltknopf bedient. Dann trat das Weiße in seine Augen. Die Pupillen verdrehten sich und er kippte der Länge nach hin. Draußen wurde man unruhig, weil aus der Scheune kein Laut mehr drang. Sie klopften gegen das Tor und riefen, aber Nick brauchte eine kurze Auszeit. Er war nicht imstande den Riegel zu entfernen. Außer Atem stand er da und starrte auf den reglosen Körper. Dann endlich kam wieder Leben in ihm auf. Er wollte das Tor öffnen, aber der Riegel hatte sich etwas verkeilt. Es kostete ihm zu viel Kraft ihn anzuheben. Keuchend blieb er vor dem Tor stehen. Dann hörte er Levis Stimme hinter sich.
„ Dreh dich um. Ich will das du mir in Augen siehst, wenn ich abdrücke.“ Langsam drehte er sich um und sah in die Mündung eines fünfundvierziger Revolvers. Levi hielt ihn in der Hand. Er musste ihn aus einer der Satteltaschen genommen haben, die über dem Holm hingen.
„ Ich dachte du kannst nicht damit umgehen. Habe mich wohl geirrt. Oder sehe ich da eine zitternde Hand?“
„ Das kommt nur vom Kampf. Glaube mir ich bin ein guter Schütze.“
Nick wollte Zeit gewinnen. Er musste doch nur noch den Riegel hoch schieben, dann konnte Jett rein.
„ Ist etwas unfair. Ich hab meinen eben abgegeben.“
„ Pech für dich. Ich bin noch nie Fair gewesen. Ich will nur mein Geld und dafür habe ich auch keine Bedenken einen Sternschlepper zu erschießen.“
„ Das weiß ich. Meinem Deputy hast du auch keine Chance gegeben. Du glaubst doch nicht hier Lebend raus zu kommen. Was willst du machen nachdem du mich abgeknallt hast. Einen Hinterausgang gibt es hier nicht.“
„ Mach dir um mich keine Sorgen. Ich komme schon hier raus. Aber du wirst das leider nicht mehr miterleben. Schade eigentlich.“
Nick sah sich vorsichtig um. Es gab für ihn keine Möglichkeit der Gegenwehr. Hinter ihm war das Tor und vor ihm stand Levi Victor mit dem Revolver in der Hand.
In dieser aussichtslosen Situation musste Nick sogar etwas schmunzeln.
„ Wenigstens sterbe ich im weichen Stroh. Dann wird der Sturz nicht so hart sein.“ Dachte er.
Die Rufe von Draußen wurden immer lauter. Die Leute fingen an sich Sorgen zu machen.
Carol-Ann wurde von ihrer besten Freundin, Jetts Frau Mary in den Arm genommen. Sie versuchte sie zu trösten und machte ihr Mut.
„ Wir müssen dieses Tor doch irgendwie öffnen können!“ rief Jett, aber Murphy schüttelte den Kopf.
„ Vergiss es. Das habe ich Einbruchsicher gebaut. Da öffnest du nichts ohne entsprechendes Werkzeug.“
„ Das ist es!“ Jett pfiff Ole den Schmied heran.
„ Du hast doch sicher Werkzeug das Tor zu öffnen!“
Ole Swenson grinste. „ Natürlich, ich hole es.“
„ Hey und wer ersetzt mir dann meinen Schaden? Ich bin für die Schäden anderer auch aufgekommen“, bemerkte Murphy.
„ Was machst du dir Sorgen um dein Tor? Nick ist da drin und vielleicht ist er schon nicht mehr am Leben. Wir hören nämlich nichts mehr.“ Jett bemerkte nicht, dass Carol-Ann hinter ihm stand. Laut schluchzte sie auf und Mary schimpfte,
„ Musstest du das jetzt sagen? Ich versuche sie zu beruhigen.“
„ Dann geh mit ihr wo anders hin. Ich kann es nicht ändern. Nick und dieser Victor sind da drin und ich weiß auch nicht was da los ist.“
Carol-Ann fing an zu weinen. Nicks Sohn Jetty stand inmitten der Menschenmenge und starrte auf das Tor. Er hoffte, dass es sich nun öffnete und sein Pa herauskam. Aber nichts tat sich.
Nick suchte immer noch nach einem Ausweg. So einfach konnte er sich doch nicht hergeben. Nicht diesem Schwein, das seinen Deputy angeschossen hatte. Dem Jungen, den er wie seinen Sohn liebte.
War sein Glück nun aufgebraucht? Ihm fielen wieder seine Gedanken ein, die er vor ein paar Tagen im Office hatte. Würde ihn jetzt und hier die Kugel treffen, die sein Leben beendet? In seine Gedanken hinein brüllte Levis Stimme.
„ Fahr zu Hölle Marshall!“ knirschte Levi durch die Zähne.
Er spannte den Hahn des Revolvers, sein Finger krümmte sich und dann geschah es.
Hengst Marshall hatte sich befreit. Er hörte seinen Namen und stupste Levi von Hinten an. Der Schuss ging Meterweit über Nicks Kopf hinweg. Victor stolperte nach vorne. Er konnte sich nicht mehr fangen und fiel vor Nick auf die Knie. Marshall schlug wie immer freudig mit dem Kopf.
Nick konnte sein Glück noch gar nicht fassen. Schließlich sagte er.“ Du musst nicht gleich vor mir auf die Knie fallen. Ich gewähr dir so wie so keine Gnade.“
Draußen hörte man den Schuss. Ein Schrei ging durch die Masse. Jetty wollte zum Tor rennen, aber er kam nicht durch die Menge Erwachsener, die sich eng vor dem Stall drängten.
Carol-Ann wurden die Knie weich. Sie sank zu Boden und war einer Ohnmacht nahe.
Niemand wusste was dort im Stall vorgefallen war. Hatte Marshall Ryder einen Revolver und Levi Victor erschossen? Oder war es anders herum. Wurde überhaupt jemand verletzt?
Von Hinten zwängte sich nun Ole ran. Er hielt Brecheisen und Säge im Arm. Noch bevor er sich bis Vorne durch gearbeitet hatte öffnete sich endlich das Tor.
Alle hielten den Atem an, denn sie sahen Levi Victor. Er torkelte auf schwankenden Beinen aus dem Stall. Gleich dahinter trat Marshall Ryder heraus. Er hielt den Revolver auf Levi gerichtet. Auch ihm war es kaum möglich gerade zu gehen. Leicht humpelnd stieß er seinen Feind mit dem Revolverlauf vorwärts. Ihm folgte der Hengst Marshall.
Ein raunen der Erleichterung ging durch die Bürger von Cutter. Carol-Ann kam angerannt und fiel Nick um den Hals.
Auch Jetty umarmte seinen Pa und sagte,
„ Ich habe gewusst, dass du es schaffst. Du bist eben der Beste, Pa“
Murphy drängelte sich nach vorne durch. Fast alle Einwohner standen auf dem Platz vor dem Stall. Die Meisten waren froh über den gewonnen Kampf ihres Marshalls, aber es gab auch Einige denen das nicht schmeckte. Mürrisch standen sie inmitten der jubelnden Menschen. Einer von ihnen war Major Flint. Er konnte Nick Ryder von Anfang an nicht leiden und ließ keine Gelegenheit aus, ihm das Leben schwer zu machen. In den Jahren, die Nick den Stern für Cutter trug hatte er gelernt diesem Flint aus dem Weg zu gehen. Nicht dass er angst vor ihm hätte, nein, er wollte sich nur diese ewigen Diskussionen ersparen. Denn reden konnte der Mann. Dies brachte ihm auch jedes Mal genug Wähler ein um sein Amt weiter zu führen.
Major Flint stand Mitten drin und ließ den Kopf hängen. Erschrocken blickte er auf, als sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte.
„ Nehmen sie es nicht so schwer, Major. Sagte Ole der Schmied mit seiner dunklen Stimme.
„ So können sie ihre Intrigen weiter spielen. Wäre doch langweilig ohne einen echten Rivalen.“
Flint hatte es die Sprache verschlagen. Wenn er auch sonst nicht auf den Mund gefallen war, so wusste er in diesem Moment nichts zu sagen.
Ole ging grinsend weiter. Er war ein sehr guter Freund des Marshalls und half ihm wo er konnte. Seine Familie waren die Werkzeuge die er jeden Tag in die Hand nahm. Seine Schmiede war sein Leben, das er, aber auch ohne zu zögern für den Marshall hergeben würde. Schon oft hatte er seinen Mut bewiesen und unterstützte Nick im Kampf für das Gesetz.
Ole fand Keeper George in der Menge und ging auf ihn zu.
„ Na wie sieht es aus George. Willst du nicht langsam deinen Saloon öffnen damit wir alle feiern können?“ fragte er mit glänzenden Augen.
George sah eher die Dollars in seinen eigenen Augen, die er dabei verdienen konnte und brüllte laut.
„ Kommt Männer das muss gefeiert werden. Das erste Bier geht aufs Haus!“ Ein Jubelschrei schallte durch die Straßen und gemeinsam kehrten sie in den Saloon ein. Die Frauen blieben auf der Straße und hatten genug Stoff für eine lange Unterhaltung. Nick schleppte Levi Victor ins Jail.
Und humpelte zu Doktor Leonard in die Praxis.
Außer einer gebrochenen Rippe und vielen Blessuren, hatte er den Kampf gut überstanden. Als das Blut aus seinem Gesicht gewaschen war, sah es gar nicht mehr so schlimm aus. Es waren nur zwei Platzwunden. Eine über dem rechten Auge, die Zweite an der Unterlippe. Den Fuß hatte er sich bei dem Fehltritt an der Stepwalk Kante verknackst, aber er war nicht gebrochen.
Kaum war Doktor Leonard fertig mit seiner Behandlung, da schrie die Schwester aus dem Nebenzimmer,
„ Doktor, kommen sie schnell!“
Leonard stürmte durch die Tür ins Krankenzimmer. Nick sprang vom Behandlungsstuhl. Sein Knöchel tat dabei höllisch weh, aber dennoch humpelte er dem Doc hinter her.
In der Tür blieb er stehen und sah zu seiner Bewunderung auf das Bett indem sein Deputy Lex Cooper lag. In den letzten Tagen kam keine Regung von ihm, er lag in einem Tiefschlaf. Doch nun sah der Junge Nick an und versuchte ein lächeln raus zu bringen. Gebrochen und heiser stotterte er“, Hei Nick. Es war dieser Rupert Victor.“
Lex wusste, dass dies immer die wichtigste Information war, wenn ein Zeuge reden konnte. Wie oft schon haben er und Marshall Ryder am Krankenbett gestanden und gehofft, dass der Patient noch sagen konnte wer ihm das angetan hatte.
„ Nicht ganz richtig. Der Name ist Levi Victor. Er ist der Zwillingsbruder von Rupert. Aber das erzähl ich dir, wenn es dir besser geht.“ Lex hob die Hand und wies mit dem Finger auf Nicks Gesicht.
„ Was ist mit dir passiert?“ hauchte er.
„ Ist nicht so Tragisch. Victor sieht schlimmer.“ Lex musste Lachen, aber er unterdrückte es sofort, da ihm die Wunde dabei sehr schmerzte.
Leonard fühlte dessen Puls und nickte zufrieden.
„ Geh raus hier. Der Patient braucht noch viel schlaf um sich zu erholen.“ Sagte er erleichtert über die Diagnose nach der Pulsmessung.
„ Wozu schlafen? Meine Krankenschwester hat mir schon gesagt, dass ich hier seit drei Tagen liege.“ Der lange Satz hatte Lex viel kraft gekostet. Er schloss die Augen und schlief wieder ein. Diesmal aber in einen sanften, leichten Schlaf der Erholung.

Schon am nächsten Tag kam ein Brief an. Ranger Gilbert aus Lubbock hatte ihn geschrieben.

An Marshall Ryder
Wir haben den Fall Victor gründlich untersucht.
Rupert Victor wurde Tot aufgefunden.
Todesursache: Erstochen mit drei Messerstichen.
Bargeld und Wertpapiere wurden aus dem Safe gestohlen, und durch Fälschungen ersetzt. Sollte sich bei Ihnen in Cutter ein Mann aufhalten, unter dem Namen Rupert Victor von Victor Agrartechnik, so ist er ein Betrüger und Wahrscheinlich auch der Mörder.
Misses Lisa Dillen ist bereits auf dem Weg zu Ihnen um den Leichnam ihres Bruders zu holen. Die Familie möchte ihn in seiner Heimat beerdigen. Misses Dillen kommt in Begleitung eines Rangers Namens Allan Colby.
Händigen Sie ihm bitte die Papiere und das Geld der Familie Victor aus.
Bitte Informieren sie mich über das Gerichtsurteil zum Fall Levi Victor.
Mit freundlichem Gruß,
Ranger Gilbert

Der Richter verurteilte Levi Victor zum Tode durch den Strang. Nur durch das Geständnis des Verurteilten wurde die Strafe auf lebenslängliche Arbeit im Straflager Fort Worth abgemildert. Victor konnte genau sagen, wo die Leiche vergraben lag und nannte die Todesursache. Damit war er als Mörder identifiziert. Schon nach einer Woche im Jail von Cutter kam eine Eskorte und brachte ihn nach Fort Worth.
Die Firma Victor Agrartechnik gab es von da an nicht mehr. Im Höhepunkt der Karriere des jungen Rupert ging sein Aufgebautes Imperium zu Grunde, durch einen, von Hass und Neid getriebenen Bruder.

Lex Cooper erholte sich erstaunlich schnell und war schon bald wieder ganz der Alte. Jeden Tag nörgelte er über das Essen und das er aufstehen wolle. Doch Doktor Leonard hatte da strenge Regeln.
Er bettelte Nick an ihm zu helfen.
„ Bitte. Sag Doktor Leonard, dass du mich unbedingt im Office brauchst. Hilf mir Nick, ich will hier raus. Ich werde noch verrückt. Die Schwester behandelt mich wie ein Baby. Stell dir vor, sie füttert mich immer noch. Ich darf nicht mal alleine Essen.“
„ Genieße deine Ruhe Lex. Wenn du wieder auf den Beinen bist musste du auch wieder die blöden Aufträge ausführen, die ich dir erteile.“ Lex sah ihn verwundert an.
„ Ich hab gehört, wie du mit Benno über die blöden Aufträge gemeckert hast. Also bleib lieber noch im Bett.“
„ Nick, er will mich bis Sonntag hier halten. Das sind noch vier Tage.“
Nick hatte sich längst abgewandt und schloss die Tür hinter sich. Vor Wut warf Lex Cooper ihm sein Kopfkissen hinter her, welches aber nur die Tür traf.
„ Verdammt Marshall!“ rief er ihm nach.
Plötzlich öffnete sich das Fenster hinter ihm. Die Beiden Flügel schlugen auseinander und ein schwarzer Pferdekopf schaute herein. Schnaubend hing seine Nase über dem Gesicht des Patienten.
„ Hau ab Marshall. Dich habe ich nicht gerufen.“ Er versuchte den Kopf zurück zu schieben, aber Marshall wehrte sich.
„ Na mach schon, du alter Esel raus aus meinem Zimmer.“
Lex gab ihm einen leichten klaps auf die Nase. Marshall riss erschrocken den Kopf hoch und schnaubte wieder. Dann biss er in die Decke. Noch bevor Lex reagieren konnte, hatte der Hengst die Steppdecke aus dem Fenster gezogen und schlug freudig mit dem Kopf. Lex zog sich am Fensterbrett hoch und sah den Hengst vor sich stehen. Er versuchte nach seiner Steppdecke zu greifen, aber Marshall trabte auf die Straße und zog sie durch den Straßenstaub.
Seufzend sank Lex wieder in sein Bett zurück. Ohne Kopfkissen und Steppdecke. Laut fing er an zu fluchen,
„ Na wartet alle zusammen. Wenn ich wieder hier raus komme, dann…..“

ENDE



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