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Sieben Wege - von Rulaman11, 18.01.2018
In der Nacht des 26. April 1986, um ein Uhr vierundzwanzig, erwacht das Mädchen durch die Explosion des Kernreaktors Nr. 4 im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Auf nackten Füßen tappt es zum Fenster. Die Wohnung der Familie liegt im neunten Stock eines Hochhauses der Retortenstadt Pripyat, mit direktem Blick auf das Kraftwerk in ungefähr vier Kilometer Entfernung. Es ist kein gewöhnlicher Brand, den das Mädchen dort sieht. Eine Feuersäule ragt in den Nachthimmel und glüht in sämtlichen Farben des Regenbogens, wunderschön anzuschauen. Die Mutter des Mädchens ist auf Nachschicht in der Pforte von Reaktor Nummer eins. Der Vater ist ebenfalls aufgewacht. Er schickt das Mädchen bald darauf wieder ins Bett.

Gegen halb sieben kommt die Mutter heim und bringt Neuigkeiten. "Im Atomkraftwerk brennt es. Wir sollen ständig das Radio eingeschaltet lassen." Sie hat Jodtabletten mitgebracht und gibt dem Mädchen eine davon. Im Radio läuft Klassische Musik: Schostakowitschs 5. Sinfonie.

Um sieben Uhr fährt das Mädchen wie gewöhnlich mit dem Bus in die Grundschule. Es wird ein sonniger, heißer Tag, wie im Sommer. Über dem Kernkraftwerk steht eine drohende Rauchwolke. Sie wird für die nächsten zehn Tage dort zu sehen sein, bis die letzten Brandherde um die Turbinenhalle vollständig gelöscht sind. Der geschmolzene Reaktor selbst wird noch wochenlang weiterschwelen. Mit sich drehenden Winden wird derweil die Radionuklidmenge von 400 Hiroshima-Bomben über Europa verteilt. Noch ahnt niemand in Pripyat dieses Verhängnis. Noch lauten die Meldungen der Kraftwerksbetreiber, der Reaktorkern sei intakt, die ausgetretene Strahlungsmenge tolerabel. Der Schulbus dreht seine Runde durch die Stadt und liest die Schüler auf. Üblicherweise kommen sie dabei immer an einigen alten Bauersfrauen vorbei, Babuschkas aus den Dörfern der Umgebung, die Karotten oder Radieschen aus ihren Gärten feilbieten. An diesem Morgen ist niemand da. Statt dessen rasen Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene in Richtung Tschernobyl. Auf dem Gelände des Freizeitparkes wird ein Riesenrad für die Feiern zum Ersten Mai aufgebaut. Mit dem dazugehörigen Karussel durften die Kinder gestern schon fahren. Ihre Vorfreude ist riesig.

In der Schule fehlen bereits etliche Klassenkameraden - die Eltern haben sie entweder zuhause behalten oder sind mit ihnen über das Wochenende auf's Land gefahren. Gerüchte machen die Runde. Eine der Hausmeisterinnen der Schule stürzt kurz nach Unterrichtsbeginn in das Klassenzimmer. "Ich will meinen Sohn nach Hause holen. Es geht ihm nicht gut." In der ersten Stunde basteln die Schüler bunte Wimpel und Girlanden für die Feiern zum Ersten Mai. Zur kurzen Pause werden alle nach draußen geschickt. Die Erstklässer spielen auf dem Pausenhof, wo sie auch nach dem Ende der Pause bleiben. Eine andere Klasse hält im Freien ihren Sportunterricht ab.

Eine Stunde später werden sämtliche Fenster geschlossen. Lehrkräfte teilen Jodtabletten aus. Ein Mädchen muss sich davon übergeben, ein anderes weint, weil Mitschüler behaupten, ihr Vater wäre bei der Explosion im Atomkraftwerk um's Leben gekommen. Die Lehrerin versichert ihr eben, dass dies nicht wahr sei, als hintereinander mehrere Vögel vom Himmel taumeln und gegen die Fensterscheiben des Klassenzimmers prallen.

Um elf Uhr werden die Schüler heimgeschickt. Busse fahren nicht mehr; die Kinder müssen laufen. Auf Anweisung ihrer Lehrer sollen sie sich draußen Mund und Nase zuhalten. Ein metallischer Geschmack liegt in der Luft. Dem Mädchen ist ein bisschen schwindelig. Ihr Hals kratzt, die Augen tränen. Obwohl Flieder und Kirschen in voller Blüte stehen, kann es nichts riechen. Auf den Straßen patroulliert Miliz, teilweise in Strahlenschutzanzügen und mit Gasmasken. Die Beamten wirken bedrohlich, wie Wesen von einem anderen Stern, und das Mädchen fürchtet sich vor ihnen. Aber man sieht auch Mütter mit offenen Babywägen und Kleinkinder in den Sandkästen der Spielplätze. "Was ist los?", fragen einige Leute die Milizionäre. "Woher sollen wir das wissen?", bellen diese zurück. "Fragt die Chefs da, in den weißen Wolgas."

Die Kinder wollen den Hauptplatz von Pripyat überqueren. Er ist eingerahmt vom Kulturpalast "Energetik", einem Einkaufszentrum sowie dem Sitz der Stadtverwaltung. Doch der Platz ist weitläufig abgesperrt und von Soldaten umstellt. Auch sie tragen Masken und weichen den Fragen der Menschen aus. Vor dem benachbarten Parteisitz der KPdSU parkt neben Polizeiautos sowie etlichen ZIL-Limousinen auch ein Aufklärungsfahrzeug des Militärs. Das Mädchen erkennt den Genossen Gamanyuk, den örtlichen Parteisekretär, der erst am Vortag ihre Schule besucht hatte, um die Schüler aufzufordern, noch vor dem Ersten Mai den "Jungen Pionieren" beizutreten. Sichtbar erregt redet der Funktionär auf einen ranghohen Soldaten ein.

Als sie ihren Wohndistrikt erreicht haben, beschließen Freunde des Mädchens, sofort mit Fahrrädern zum Kraftwerk fahren, um sich den Brand aus der Nähe anzuschauen. Das Fahrrad des Mädchens hat vom Vortag einen Platten. Während seine Freunde bald darauf von einer Eisenbahnbrücke aus den Löscharbeiten zuschauen - und dabei tödlich verstrahlt werden -, geht das Mädchen heim. Sein Vater arbeitet tagsüber als Bademeister im Hallenbad "Azure". Die Mutter ist zuhause. Sie erzählt dem Mädchen, dass Mitglieder des Komsomol-Jugendverbandes vormittags Jod-Tabletten für die Kinder verteilt hätten. Außerdem würde allen Einwohnern geraten, in ihren Wohnungen zu bleiben.

Gegen Mittag gibt es eine Meldung im Radio: es habe einen Unfall mit Brandfolge im Kraftwerk gegeben. Das Feuer sei unter Kontrolle, somit bestehe kein Grund zur Beunruhigung. In Pripyat selber bleiben demnach sämtliche Geschäfte, Restaurants und Cafes geöffnet. Viele Leute genießen das schöne Wetter im Freien - sonnenbadend, kaffeetrinkend, picknickend, bootsfahrend, schwimmend, fischend. Vor dem Gebäude der Stadtverwaltung findet eine Hochzeit statt. Die Mutter des Mädchens besteht darauf, dass sie den Tag über in der geschlossenen Wohnung bleiben. Weitere Gerüchte kommen auf.

Seit vierzehn Uhr sind gepanzerte Truppentransporter in der Stadt unterwegs. Wasserwerfer spritzen Straßen und Gebäudefassaden ab. Milizionäre und Soldaten patroullieren mit Strahlenmessgeräten. Die Gerüchteküche kocht. Viele Einwohner haben die Stadt schon verlassen, um das Wochenende in ihren Datschen zu verbringen. Andere packen jetzt ihre Sachen und verschwinden. Gegen 16 Uhr kommt der Vater von der Arbeit. Den ganzen Tag über hat er die Außenanlagen des Freibades für die Sommersaison vorbereitet. Jetzt ist seine Haut stark gerötet, er hustet und ist erschöpft.

Gegen zwanzig Uhr beginnen Krankenhausmitarbeiter und lokale Freiwillige, Jod-Tabletten an alle Bewohner von Pripyat auszugeben. Von ihrer Mutter bekommt das Mädchen einen Schluck Wodka, von dem man allgemein annimmt, dass er gegen Radioaktivität hilft.

Als es dunkel wird, strömen die Leute auf die Balkone der Hochhäuser. Wer keinen hat, geht zu Freunden und Bekannten. Über dem explodierten Reaktor liegt ein himbeerfarbener Schein; er glüht förmlich von innen. Kleine Kinder werden auf den Arm genommen. Kraftwerksarbeiter, Ingenieure, Physiklehrer - sie alle bewundern das Schauspiel. Einige von ihnen sind von weit her gekommen, um sich das anzusehen.

In dieser Nacht kann die Familie kaum schlafen. Sie hören, wie über ihnen die Nachbarn hin und her laufen, Sachen schleppen, hämmern. Anscheinend packen sie. Als es hell wird, schaut sich das Mädchen um und spürt: etwas hat sich verändert, ist anders geworden, ganz anders. Schon um acht Uhr früh ziehen Soldaten in Schutzanzügen durch die Straßen. Ihr Anblick beruhigt die Eltern. Wenn die Armee zu Hilfe kommt, wird sich alles schnell wieder normalisieren, meint der Vater. Das Mädchen hat trotzdem Angst.

Auch an diesem Sonntagmorgen sieht man in Pripyat immer noch Mütter, die ihre Säuglinge spazierenfahren. Immer noch spielen Kinder im Freien. Einwohner, die die Stadt mit dem Auto verlassen wollen, werden an Straßensperren aufgehalten und zurückgeschickt. Eine Begründung dafür gibt es nicht. Manche wählen daraufhin Fußwege durch die umliegenden Wälder. Man sieht Frauen mit Kinderwägen zwischen den Bäumen. Im Radio heißt es mittlerweile, sämtliche Bewohner von Pripyat hätten sich auf eine Evakuierung vorzubereiten, nur für drei Tage, die Stadt solle durchgespült und überprüft werden. Schulkinder sollten ihre Bücher mitnehmen. Haustiere hingegen müssten zurückbleiben. Niemand dürfe die Stadt mit dem eigenen Fahrzeug verlassen, um Staus vorzubeugen. Sicherheitshalber packt der Vater wichtige Papiere sowie die Hochzeitsfotos in den Koffer. Das Mädchen besitzt eine Katze namens Katinka, die es unbedingt mitnehmen will. Es weint und bettelt, bis der Vater ihm verspricht, die Katze im Koffer zu verstecken.

Parteimitglieder werden mit Flugzetteln durch die Wohnblocks geschickt, um Nachbarn, die die Radiomeldung vielleicht nicht gehört haben, über die Evakuation zu informieren. Um Punkt 13:10h heulen Luftschutzsirenen, dann folgt eine Lautsprecherdurchsage: "Achtung, Achtung! An die Einwohner von Pripyat! Die Stadtverwaltung gibt bekannt: durch den Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl ist eine radioaktive Risikolage entstanden. Die Kommunistische Partei, ihre Vertreter sowie die Streitkräfte unternehmen alle notwendigen Schritte, um diese einzudämmen. Zum Schutz ihrer Gesundheit ist es notwendig, sämtliche Einwohner vorübergehend in die Kiewer Umgebung zu evakuieren. Zu diesem Zweck wird, beginnend am 27. April 1986, 14 Uhr, unter Aufsicht der Polizei jedem Wohnblock einen Bus zur Verfügung gestellt. Es wird dringend empfohlen, Dokumente, wichtige persönliche Besitztümer und sicherheitshalber auch etwas Nahrung mitzunehmen. Die Führungskräfte aller öffentlichen Einrichtungen und Industrieanlagen der Stadt haben eine Liste von Angestellten zusammengestellt, die in Pripyat bleiben müssen, um diese in Betrieb zu halten. Während der Evakuierungsperiode werden alle Häuser durch die Polizei bewacht. Genossen! Bitte stellen Sie sicher, dass die Lichter in Ihren Wohnungen gelöscht, die Wasserhähne zugedreht und sämtliche Elektrogeräte abgeschaltet sind. Lassen Sie bitte Ihre Wohnungstüren offen, aber schließen Sie die Fenster. Bitte bleiben Sie ruhig und besonnen."

Anschließend beginnt die Evakuierung. Die Bewohner von Pripyat versammeln sich vor ihren Wohnblocks. Militärhubschrauber fliegen tief über die Dächer der Stadt. Auf den Kreuzungen stehen tarnfarbene Schützenpanzer. Pausenlos sind Straßenreinigungsfahrzeuge unterwegs. Löschzüge fluten die Straßen und sprühen Schaum. Kinder tummeln sich in den Wasserfontänen, rennen durch die buntschillernden Pfützen am Straßenrand. Für sie ist das alles nur ein aufregendes Spiel. Sie schenken den Erwachsenen, die mit besorgten Gesichtern bei ihrem Gepäck stehen und sich mit gedämpften Stimmen unterhalten, kaum Beachtung. Eine endlose Reihe von Bussen nimmt die Menschen auf.

Als Mitarbeiterin des Lenin-Kraftwerkes wird die Mutter gesondert abtransportiert; das Mädchen soll sie begleiten, um früher aus der Stadt zu kommen. Ihr Transport geht vom Busbahnhof im Süden der Stadt, während die übrigen Bewohner direkt vor ihren jeweiligen Wohnblocks abgeholt werden. Vor dem Besteigen der Busse werden alle mit Dosimetern auf ihre Strahlenbelastung hin überprüft. Wessen Werte zu hoch sind, der wird beseite geführt und in Krankenwagen gesondert abtransportiert. Die übrigen erhalten ärztliche Atteste. Ein Offizier der Armee kontrolliert Atteste und Ausweise, bevor er die Leute einsteigen lässt. Die Strahlenbelastung von Mutter und Tochter liegen unterhalb des Grenzwertes. Allerdings gibt es gibt eine Liste, auf der sämtliche Angestellten des Kraftwerks namentlich aufgeführt sind. Das Mädchen darf den Bus daher nicht besteigen. Nach vergeblicher Diskussion mit dem zuständigen Offizier schickt die Mutter es zurück zum Wohnblock der Familie, wo der Vater es mitnehmen soll.

Der Fußweg dorthin beträgt rund einen Kilometer, wofür das Mädchen normalerweise fünfzehn bis zwanzig Minuten benötigen würde. Unweit ihres Wohnblockes aber sieht es, wie Milizionäre einer Schulkameradin, die eben ihren Bus besteigen will, ein Meerschweinchen wegnehmen. Die Freundin des Mädchens wollte das Tier unter ihrer Jacke aus der Stadt schmuggeln; jetzt wird es ihr gewaltsam weggenommen. Sie schreit und wehrt sich. Das Mädchen will ihr beistehen, aber einer der Milizionäre jagt es fort. Andere Leute mischen sich ein. Die Auseinandersetzung dauert fast eine halbe Stunde, bis sich die Ordnungskräfte durchsetzen. Der Offizier am Bus beruhigt die Menschen und versichert der Freundin des Mädchens, ihr Meerschweinchen würde in seinen Käfig zurückgebracht und gut versorgt werden, bis sie wieder zurück sei.

Heimlich beobachtet das Mädchen anschließend, wie ein Soldat um die nächste Straßenecke geht und das Tier in einen Gully fallen lässt - die Straßenabläufe wurden geöffnet, um das Spritzwasser und den Schaum der Reinigungsfahrzeuge aufzunehmen. Zutiefst erschrocken eilt es heim.

Als das Mädchen endlich ihre Wohnung erreicht, ist der ganze Block schon evakuiert worden. Auch der Vater ist fort. Eine Nachbarin, die Parteimitglied ist, wurde als Blockwartin abgestellt. Sie soll dafür sorgen, dass niemand die verlassenen Wohnungen betritt. Das Mädchen kennt die Frau und überredet sie, dass es nach seiner Katze schauen darf. Die Nachbarin lässt das Mädchen hinein, teilt ihm jedoch mit, dass sie die "Verantwortlichen" von seiner Anwesenheit unterrichten wird. Dazu aber kommt es nicht, weil die Frau kurz darauf ohnmächtig zusammenbricht. Sie hat den Tag zuvor im Freien zugebracht und eine hohe Strahlendosis abbekommen. Ohne ihr Bewusstsein wieder zu erlangen, wird sie bald darauf mit dem Krankenwagen abtransportiert.

Gemäß Anweisung sind sämtliche Türen in den Häuserblocks offen geblieben. Das Mädchen findet die Wohnung der Familie leer vor. Seine Katze, die sich nicht in den Koffer stecken lassen wollte, hat der Vater mit Futter und Wasser im Kinderzimmer eingesperrt. Bis zum Einbruch der Dunkelheit wartet das Mädchen auf ihre Eltern oder die "Verantwortlichen". Als es sieht, wie Milizionäre in Schutzmasken seinen Block betreten, versteckt es sich mit der Katze im Bettkasten der Eltern. Es hat Angst, dass die Maskenmänner seine Katze töten. Am Abend wird die Wohnung versiegelt. Das Mädchen bleibt allein zurück.

Um vier Uhr ist die Evakierung beendet. Als der Vater die Stadt verläßt, begegnet ihnen eine lange Kolonne gepanzerte Truppentransporter. Jetzt bekommt auch er Angst. Die Busse nehmen die Lenin-Allee in südöstliche Richtung und fahren über die "Straße der Enthusiasten" auf die qualmenden Ruine des vierten Reaktors von Tschernobyl zu. Während sie einen Kiefernwald direkt neben dem Kraftwerk durchqueren, der später wegen seiner immensen Verstrahlung als "Roter Wald" bekannt werden soll, lehnen sich zwei Jungen aus dem Busfenster und schießen im Spiel auf einige andere Kinder, die im Bus hinter ihm sitzen.

Nach einer mehrstündigen Irrfahrt erreicht der Bus der Mutter das Dorf Narowlja im heutigen Weissrussland. Sämtliche Insassen müssen aussteigen; sie sollen hier untergebracht werden. Dazu rufen die Milizionäre, die den Bus begleitet haben, alle Dorfbewohner auf den Hauptplatz zusammen. Jeder Hausbesitzer muss sich aus der Menge der Evakuierten eine Anzahl von 'Gästen' aussuchen. In ihrer sauberen Stadtkleidung wirken die Ausgesiedelten wie Fremdkörper. Widerstrebend treffen die Bauern ihre Wahl. Eine alte Frau nimmt die Mutter sowie zwei andere Frauen bei sich auf und bringt sie einem Nebenzimmer ihres alten Holzhauses unter, wo sie auf dem Fußboden schlafen müssen.

In Kiew erhält der Vater das erste Geld vom Staat: einhundert Rubel. Er kann sich dafür nichts kaufen. Hunderttausende sind mittlerweile unterwegs, alles ist weggekauft, weggegessen. Es gibt Schlaganfälle, Infarkte in den Bussen und auf den Bahnhöfen. Vater und Mutter treffen sich dort einige Tage später in Minsk wieder, jeder in der festen Meinung, der andere habe die Tochter bei sich. Eine verzweifelte Suche beginnt. Die Behörden versichern ihnen, dass Pripyat vollkommen geräumt sei. Niemand dürfe dorthin zurückkehren. So bleibt ihnen nur die schwache Hoffnung, dass ihre Tochter mit anderen Kindern aus der Zone in eines der Sommer-Zeltlager der Partei gekommen ist. Die meisten dieser Lager liegen in der Süd-Ukraine, es gibt aber auch welche auf der Krim und an anderen Orten der Schwarzmeerküste.

Der Vater wird bald darauf strahlenkrank und kommt in eine Klinik. Nach einigen Wochen entlässt man ihn zum Sterben nach Hause; es dauert allerdings noch fast zwei Monate, bis er tot ist. Während dieser Zeit hat die Mutter kaum Gelegenheit, nach ihrer Tochter zu suchen. Inzwischen leidet auch sie unter den Folgen der Verstrahlung. Von Verwandten und Bekannten werden die 'Tschernobyler' gemieden. Man beschimpft sie als 'Leuchtkäfer' und behandelt sie wie Aussätzige. Die Mutter erleidet einen Nervenzusammenbruch sowie eine vollständige Amnesie. Heute vegetiert sie in einem Kiewer Sanatorium.

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E R S T E R W E G

Pripyat ist verlassen. Wenige Polizisten und Soldaten durchstreifen die Wohndistrikte. Ein einsames Strahlenmeßfahrzeug erscheint von Zeit zu Zeit auf den leeren Straßen. Nur im Stadtzentrum gibt es noch etwas Leben. In der örtlichen Parteizentrale befindet sich das Operations-Hauptquartier des Krisenstabes. Regierungsmitglieder, Militärangehörige und Wissenschaftler haben sich gegenüber im Hotel "Polissya" einquartiert. Das zehnstöckige Gebäude dient auch als Kontrollstation für die Hubschraubereinsätze am havarierten Reaktor.

Diesen ersten Tag über bleibt das Mädchen daheim - die Mutter hatte ihm ja verboten, die Wohnung zu verlassen. Immer wieder schaut es aus dem Fenster oder lauscht in den Flur hinaus, halb hoffend, halb bangend, ob nicht jemand käme. Das Siegel an der Wohnungstüre hat es aufreißen müssen. Das Mädchen wünscht sich so sehr, dass jemand es abholen würde ... doch alles bleibt still, kein Mensch lässt sich sehen. Und vor den bösen Männern mit den Masken hat es schreckliche Angst. Nur bei seiner Katze findet es ein wenig Trost. Im ersten Stock ist ein Hund zurückgelassen worden, Boris, eine Dänische Dogge. Das Mädchen kennt Boris und hat trotz dessen Größe keine Angst vor ihm. In seiner Einsamkeit bellt und heult der Hund, bis das Mädchen hinunter schleicht, das Türsiegel aufbricht und Boris streichelt und ihm Futter und Wasser gibt. Es räumt den Haufen weg, den der Hund in die Wohnung gesetzt hat, und öffnet ihm die Türe zu Balkon. Es traut sich jedoch nicht, mit Boris auf die Straße zu gehen oder ihn mit in ihre eigene Wohnung zu nehmen. Katinka würde das nicht wollen.

Allerdings weiß das Mädchen, dass die Familie einer Schulfreundin im selben Flur auch eine Katze hat, einen Kater, der Vladimir heißt. Und der Junge von Stock zwei, dreizehnte Wohnung, mit dem es immer im Hof gespielt hat, besitzt zwei Landschildkröten - Olga und Sanja. Von den anderen Haustieren in ihrem Block weiß es nicht einmal, wieviel es sind, nur, dass sie bald anfangen werden, Hunger zu bekommen. Das Mädchen fängt an, zu überlegen, wie sie diesen Tieren helfen könnte.

Am Montagmorgen öffnet für wenige Stunden ein Lebensmitteladen, um die Aufräumkommandos zu versorgen, die in der Stadt zurückgeblieben sind. Die Verkäuferin Olesya S. ist die erste, die das Mädchen nach der Evakuierung zu Gesicht bekommt. Es steht plötzlich mit ein paar Büchsen Tierfutter vor ihrer Kasse. Die Verkäuferin erinnert sich, "... dass die Kleine furchtbar traurig aussah, wie ein Küken, dass aus dem Nest gefallen ist. 'Bist Du nicht mit den anderen mit?'", will sie wissen. "Nein. Ich muss meine Tiere füttern", antwortet das Mädchen. "Du bist doch nicht etwa ganz alleine zuhause?", fragt Olesya weiter. "Und da leuchtete ihr Gesicht so auf, und sie sagte 'Noch zweimal Schlafen, dann kommen Mama und Papa wieder. Haben sie versprochen.' 'Aha', sag ich, 'und wer schaut so lange nach Dir?' 'Katinka und Boris', sagt sie, und ich dachte, das wären Verwandte oder so. Dann hat sie bezahlt und ist hinaus, und ich verstehe bis heute nicht, warum ich sie einfach so gehen ließ."

Olyesa lebt mittlerweile in Zhlobin in Weißrussland. Sie macht die Buchhaltung für eine ehemalige Kolchose, die sich auf Öko-Produkte spezialisiert hat. Aber ihre Geschichte geht noch weiter. "Den Tag darauf hat eine Kollegin von mir die Kleine gesehen. Das war, als sie am Cafe 'Pripyat', unten am Fluss, wo früher die Schnellboote nach Kiew abgefahren sind, das Lager geräumt haben. Die Restaurants waren ja schon alle zu, aber die Wissenschaftler und Krisenleute und Soldaten mussten ja auch essen. Eine Menge Leute kamen da zusammen, viele in Uniform, aber eigentlich gab es kaum noch etwas. Fast nur noch Bulgar-Zigaretten. Das Mädchen wäre mit einem Korb zu ihr gekommen, hat meine Kollegin erzählt, und hätte sie gefragt, ob sie noch etwas für ihre Katze hätte. Und die Kollegin denkt sofort 'Armes Ding', und ist losgezogen. Sie hat dann wirklich noch eine Büchse Kondensmilch aufgetrieben. Draußen steht die Kleine und hört gerade einem Dosimetristen zu, der ihr erklärt, wie man am besten die Strahlung vermeidet. Das Kind hätte ganz lieb gelächelt und sich bedankt, als es die Milch bekommen hat. Und meine Kollegin ist so froh gewesen, dass sie ihr helfen konnte."

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Z W E I T E R W E G

Konstantin R. hat als einfacher Milizionär an der Evakuierung von Pripyat teilgenommen. Er ist immer noch aktiv, inzwischen als Oberleutnant bei der OMON, der russischen Staatspolizei. Demgemäß wählt er seine Worte: "Zunächst mal möchte ich sagen, dass damals alles völlig ordnungsgemäß abgelaufen ist, ganz nach Plan. Ich weiß, was man so liest, dass es Ausschreitungen gegeben hätte, dass wir die Leute mit Gewalt in die Busse gezerrt hätten, ihre Sachen auf die Straßen verstreut und ihre Haustiere vor ihren Augen erschossen. Also, ich hab' davon nichts mitbekommen. Im Gegenteil: die Leute waren sowas von diszipliniert ... das waren eben auch noch andere Zeiten. Wenn ich mir das heute vorstelle, mit den ganzen Ausländern und Asozialen, den Drogensüchtigen und dem ganzen Pack: eine Katastrophe. Damals, mit denen aus Pripyat, da lief das tadellos. Das hat man schon gemerkt, dass das größtenteils gebildete Leute waren, viele auch mit Parteibuch. Wenn die jemanden in Uniform gesehen haben, dann haben sie gespurt. Später, mit den Muschiks in den Dörfern, da lief's schon wieder anders. Da gab's jede Menge Ärger ... welche, die wollten überhaupt nicht 'raus. Hausen da immer noch ... aber egal. Nach der Durchsage hatten sie jedenfalls eine Stunde zum Packen. Nur Handgepäck war erlaubt. Sollte ja alles schnell gehen ... bloß keine Zeit geben zum Nachdenken. Außerdem war das Zeug ja komplett verstrahlt. Wir hatten mit fünfzigtausend gerechnet; wie sich dann heraustellte, waren es weniger als die Hälfte. Die Busse sind teilweise leer wieder rausgefahren. Entweder sind die Leute schon Samstagfrüh in's Wochenende gefahren oder sie haben sich auf eigene Faust vom Acker gemacht, trotz unserer Straßensperren."

"Natürlich gab's da auch welche, die wieder mal nicht hören wollten. Gibt's ja immer. Aber: zwanzig von zwanzigtausend, das sind ... ein Zehntel Prozent, oder? Egal. Hat jedenfalls einwandfrei geklappt. Um vier war alles leer, und wir haben die Blocks abgeklappert, um Nachzügler aufzupicken. Wie gesagt, nur etwa zwanzig Fälle. Manche hatten Angst um ihre Wohnung, andere wollten ihre Haustiere nicht allein zurücklassen. Gefühlsduselei ... Wir haben sie in den letzten Bus gepackt und losgeschickt. Gab eigentlich keinen Widerstand. Nur eine Oma hat ein bißchen randaliert, also mussten wir sie raustragen. Hat geschrieen wie am Spieß, wir wären schlimmer als die Deutschen und so ... Egal. Zum Schluss waren nur noch die Aufräumkommandos in der Stadt, und wir natürlich und die Leute vom Gesundheitsdienst. Welche vom Innenministerium, von der Partei, Soldaten, ein paar Wissenschaftler. Sonst waren alle weg."

"In der Hauptpost von Pripyat, da haben wir einen Arbeiter angetroffen, der war am Morgen noch in seiner Datscha gewesen. Wie er am Abend heimkommt, ist die Stadt evakuiert und er hat keine Ahnung, wo seine Leute sind. Wollte telefonieren, aber natürlich ist niemand mehr da, und Strom gibt's ja auch nicht. Hunderte von nutzlosen Telegrammen waren im ganzen Raum verstreut. Der arme Kerl hat fast geheult. Wir haben ihm zugeredet, er solle es mal im Hauptquartier versuchen, in der Parteizentrale. Das wüsst' ich doch zu gern, was aus dem geworden ist ..."

"Es war ziemlich unheimlich, so durch die leeren Straßen zu patrouillieren, mit diesen riesigen Wohnblocks ringsum. Totenstille. Kein Vogel, nichts ... nur die Hubschrauber knatterten hinten über dem Reaktor. An den ersten Tagen kam noch Musik aus den Lautsprechern, die überall auf den Plätzen angebracht waren. Sowjetische Märsche, aber auch Klassik ... mich hat das genervt, aber als die Lautsprecher dann endlich abgestellt wurden, fand ich es noch schlimmer. Die Stille drückte einem auf die Ohren. Manchmal kam ein Dekontaminationsfahrzeug durch. Die sprühten entweder Schaum oder so eine Art Öl auf Stellen, die von Spürtrupps der Armee als besonders verstrahlt markiert waren. Inzwischen durften wir auch wieder Masken tragen; am Vortag hatten wir sie ja ablegen müssen, um den armen Leutchen keine Angst einzujagen. An den Straßenrändern, die Autos, die waren alle mit Planen abgedeckt. Wertvollster Besitz! Als das Plündern losging, waren die natürlich zuerst weg ... wurden entweder auseinander montiert oder gleich am Stück weggefahren. Dabei speichert Metall die Strahlung besonders gut ... Auf den Spielplätzen, in den Sandkästen, da lag noch jede Menge Spielzeug: Förmchen, Figuren, Bagger und so ... Die Farben fingen schon an, auszubleichen. Aufgehängte Wäsche hatte sich um die Leinen geschlungen oder gleich selbstständig gemacht und in Büschen verfangen. Sah aus wie weggeworfene Menschen ..."

"Es war, als ob die Stadt irgendwie den Atem anhält ... richtig beklemmend. Anklagend. 'Wo habt ihr unsere Leute hin?' Dann wurde es allmählich dunkel, die Straßenbeleuchtung ging an, und mit den vielen Fenster auf beiden Seiten ... so ein Gefühl, als ob man beobachtet wird. Ständig drehte man sich um, ob da nicht doch jemand wäre. Fast noch schlimmer als im Spin Ghar." Während seiner Militärzeit hat Konstantin R. zwei Touren in Afghanistan mitgemacht, eine davon in den berüchtigten "Weißen Bergen" an der pakistanischen Grenze. Sein Verwundetenabzeichen liegt in der Glasvitrine. "In den Fluren der Wohnblocks, da hat es richtig gehallt, wenn wir gerufen haben. Die Pantoffeln fein säuberlich vor den Appartements aufgereiht. An vielen Türen hingen Zettel mit Nachrichten: 'Fahren zu Tante Olga nach Derevnya' oder 'Bitte die Katze nicht entwischen lassen', 'Achtung, kein Geld im Haus!' ... und drinnen, da stand teilweise noch das Essen auf dem Tisch, und die Kühlschränke waren proppenvoll, weil die Frauen ja für's Wochenende eingekauft hatten. Wodka und alles mögliche - auch für den ersten Mai ... Lachs, Kaviar und so ... Die Betten waren nicht gemacht und das Geschirr nicht gespült. Und die vollen Mülleimer fingen an zu stinken ... Wir haben dann alles ausgesteckt und die Fenster geschlossen. Das war Befehl. Später haben andere Abteilungen dieselben Fenster wieder aufgemacht, damit sich in den Wohnungen ja keine Radioaktivität ansammelt. Hieß es. Egal ..."

"Ansonsten haben wir erst Mal alles so gelassen, wie wir es vorgefunden haben. Damals war ja noch nicht klar, ob die Leute nicht doch wieder zurückkommen dürfen. Später haben ein paar von den Kollegen dann angefangen, sich zu bedienen. Ich nicht. Wegen einem verstrahlten Pelzmantel wollte ich meinen Job nicht verlieren. Wenn ein Hund in der Wohnung war, der frech wurde, haben wir ihn weggetreten ... Katzen sind ja immer abgehauen. Wellensittiche, Schildkröten, Hamster, Aquarien voller Zierfische ... da gab es alles. Später sind Jagdkommandos durch die Blöcke und haben die Tiere erledigt. Das war Befehl. Im Fell, da sammelt sich die Strahlung nämlich besonders gut. Außerdem: wer sollte denn die Viecher alle füttern? Viele sind trotzdem verhungert, vor allem auf den Dörfern."

"Das mit dem Plündern fing erst nach siebenundachtzig so richtig an, als der Sarkophag fertig war und die Reservisten heimgeschickt wurden. Die meisten von denen waren da schon verstrahlt, und das wussten die auch. Aber trotzdem blieb immer noch alles ruhig. Nicht viel zu tun. Wir standen an den Sperren oder patroullierten in der Zone. Wir hatten richtige Anzüge und Masken, und wir haben sie auch richtig getragen. Nicht wie diese Dumpfbacken aus den Provinzen. Ich bin heute noch ziemlich sauber; keine zwei REM im Jahr ... egal. Ab neunzehnneunzig ist es dann so richtig losgegangen. In Pripyat selbst haben wir nur zweimal Plünderer erwischt, gleich ganz am Anfang. Beide Male sind die schnell abgehauen, aber ganz schnell. Kein Problem. Später dann, in der Zone, da haben wir schon mal einen Warnschuss abgeben müssen. So einen tiefgezielten, wissen Sie? Egal ... also, beim ersten Mal in Pripyat - noch während der Evakuierung -, da haben sich so ein paar junge Kerle in einem Sportladen bedient ... Angelruten oder was immer sie da abgreifen wollten. Die Kollegen kommen vorbei, sehen das, die Jungs lassen alles stehen und liegen und hauen ab. Mit Fahrrädern. Zum Hinterherlaufen war's den Kollegen zu heiß. Beim zweiten Mal war ich selbst dabei."

"Da haben wir einen Block überprüft, von dem wir gehört hatten, dass da ein paar Türsiegel aufgebrochen wären. Das war ganz im Norden von Pripyat, an der Stadtgrenze, wo die großen Gewächshäuser stehen. Stehen da übrigens heute noch. In denen haben irgendwelche Botaniker nachher noch ihre Experimente gemacht. Haben anscheinend entdeckt, dass manche Pflanzen sich an Radioaktivität regelrecht aufgeilen ... Gurken, zum Beispiel, die wurden anscheinend so groß wie Kürbisse und wogen mehrere Kilo. Egal. Wie schon gesagt, die Stadt war zwar leer, aber nicht ganz leer. Vielleicht fünf-, sechshundert Leute, die noch da waren -, und von außen kamen auch immer mal welche dazu, Offiziere, Chefs und so. Später wurde die Strahlung dann so hoch, dass wirklich alle 'raus mussten. Da wurde dann auch der Prozess gegen die Kraftwerksbosse nach Tschernobyl verlegt - die Kreisstadt Tschernobyl, mein' ich."

"Auf jeden Fall: wenn ich damals auf einer dieser ewig langen, menschenleeren Alleen in Pripyat unterwegs gewesen bin, und ich hab' irgend jemanden in der Ferne gesehen, zu Fuß oder mit dem Wagen, ganz egal, dann hab' ich immer erst Mal das Bedürfnis gehabt, mich zu verstecken. Komisch, oder? Ich, als Polizist! Es lief immer so: huch, da ist einer, und dann hat man schnell geschaut, wo man unterkriechen könnte. Und ich war nicht der einzige, der so dachte. Anderen ging es auch so."

"Naja, egal ... jedenfalls waren wir mit dem Auto unterwegs, Vitali Chlopin, mein Streifenführer, und ich, vom Stadtzentrum aus, wo auch das Hauptquartier der Miliz war. Als wir in den Budivelnykiv-Prospekt einbiegen, wo der Block steht, das wir untersuchen sollen, da sehen wir so in ein-, zweihundert Meter Entfernung jemanden, der schnell im Hauseingang verschwindet. Mir kam das fast normal vor, weil, wie gesagt, das war so ein Gefühl, das viele andere auch hatten. Vitali hat dasselbe gedacht. Zufällig war das genau unser Block. Aha, sagen wir uns und checken unsere Makarovs. Erst haben wir ja gedacht, es wär' vielleicht der Hausmeister gewesen, aber den gab's da schon gar nicht mehr. Wahrscheinlich abgehauen."

"Es war die Nummer vierzehn, eines von diesen langen, niedrigen Gebäuden mit nur neun Stockwerken. Das Haus davor, Nummer acht, war noch im Bau. Die Blöcke waren riesig: auf dreihundert Metern Länge nur Fenster und Balkone. Drei Eingänge, wir waren am unteren Ende. Eine massive, zweiflügelige Tür aus Stahl und dickem Milchglas, eher ein Festungstor, wie es hinter uns ins Schloss donnert. Gleich hinter dem Eingang liegen all' die Sachen, die die Leute zurücklassen mussten, bevor sie die Busse bestiegen haben ... war ja nur ein Gepäckstück erlaubt pro Person. Ein Berg von aufgeplatzen Koffern und Taschen, aus denen alle mögliche herausquillt. Jede Menge Kleider, Bilder, Bücher, Tonbänder, Schallplatten, Radios, Photoapparate, Sportsachen, Kinderwagen ... was Sie sich vorstellen können. Und das war nur das, was aussortiert worden war. Da konnte man schon sehen, wie sie in Pripyat gelebt hatten. Lediglich der Geruch war derselbe wie in jedem anderen sowjetischen Hausflur: kalter Kohl."

"Hinter einer leeren Pförtnerloge dehnt sich der Gang endlos. Eine Monstertreppe führt nach oben; davon gab's nochmal zwei, in der Mitte und am oberen Ende des Blocks. Dazwischen nur Tür an Tür an Tür. Vom Treppenschacht oben fällt ein wenig Licht bis zu uns. Das war kein Wohnhaus, das war ein Bunker, ein Riesen-U-Boot. Wie haben die Leute nur ihre Appartements gefunden? Außer den Türnummern gibt es keinerlei Hinweise ... oder waren die Namensschilder schon entfernt worden? Ich staune noch über das Gemälde im Treppenhaus - Gagarin, wer sonst? - da stößt mich Vitali an. Er hat am mittleren Aufgang was gesehen."

"Wie ich hingucke, seh' ich wirklich noch eine Bewegung im Halbdunkel, wie wenn jemand sich hinter die Ecke zurückzieht. Wir schauen uns an. Vitali macht mir ein Zeichen: weil ich der Jüngere bin, muss ich natürlich hinterher, während er meinen A.. - mir den Rücken deckt. Ich also hin, immer tapp-tapp-tapp durch den endlosen Flur. Das hallte so ... klang wie eine ganze Abteilung. An der nächsten Treppe angekommen - schau' nach oben - nichts. Ich geb' Vitali Bescheid, dann sind wir beide hoch. Angst hatte ich schon - aber nicht wie vor irgendwelchen Gangstern." Vor was dann? "Wissen Sie, wenn ich etwas mit Pripyat verbinde, dann ist es diese ständige unsichtbare Bedrohung. Wie in Afghanistan. Die Mudschahidin hat man auch nie gesehen, in den Bergen. Erst wenn's geknallt hat, wußte man, dass sie da waren. Und später haben sie dann Frauen und kleine Kinder an die Stützpunkte geschickt, mit Bombengürteln ... na, egal. In der Zone war es jedenfalls noch schlimmer. Der Feind hier war nicht nur unsichtbar, sondern trotzdem überall. Als ob da eine Makarov was genützt hätte! Ich hab' sie trotzdem in der Hand behalten."

"Wir kommen ungefähr zur gleichen Zeit im ersten Stock an, Vitali und ich. Schauen um die Ecke, den Flur entlang, winken uns zu. Nichts zu sehen. Alles in Ordnung. Der Gang ist leer, alle Türen zu. Halt, da steht eine einen Spalt offen! In dem Moment, als ich das seh', fällt sie in's Schloss - klack! Wenn der Kerl noch hier ist, wird er wohl da drin sein. Und dann, wie wir langsam den Gang entlang gehen, sehen wir, dass links und rechts sämtliche Siegel aufgebrochen sind, eins wie das andere. Das war schon seltsam. Wir haben uns vor der Türe da getroffen. Vitali sah ziemlich nervös aus. Ich wahrscheinlich auch. Aber wir mussten ja kontrollieren ... deswegen waren wir ja hier. Wir sehen uns an, zucken mit Achseln, und los geht's."

"Die Wohnung war leer. Wir rufen - das Übliche. Es war eine hübsche Wohnung, gute Möbel, teuer. Mehrfarbentapete, feine Vorhänge. Familienwohnung, überall lagen Spielsachen 'rum. Die Leute hatten wohl ihre Koffer in aller Eile mehrmals wieder ein- und wieder ausgepackt. Der ganze Boden lag voll mit ... Klamotten, Büchern, Bildern, Papieren, allem möglichen. Oder waren das schon Plünderer gewesen? Aber die hätten doch das wertvolle Zeug mitgenommen! Plattenspieler, Fernseher - alles noch da! Wir stehen mitten in einem Wunderland des unerreichbaren Wohlstandes, Vitali und ich ... wir beide kamen ja aus Dörfern - waren Kolchosenkinder. Egal. Also, wie wir noch so da stehen, mit großen Augen, kommt so ein Riesenhund um die Ecke, ein Monsterhund, und legt seinen Kopf schief. Ungelogen, der war ungefähr auf Höhe meiner Brust. Das Vieh hätte nicht mal groß springen müssen, um mir die Nase abzubeißen. Und dann hat er geknurrt."

"Seine Zähne sahen aus wie die von einem Dinosaurier. Die Makarov in meiner Hand schien auf einmal viel zu klein. Eine RPG wäre mir lieber gewesen. Der Hund bellt - uns fallen bald die Ohren ab, so laut ist das -, und dann greift er uns an. Das heißt, ich weiß nicht, ob er uns wirklich angreifen wollte. Vielleicht wollte er uns ja nur verscheuchen. Egal. Auf jeden Fall kommt er auf uns zu, und zwar schnell. Später haben wir von Jägern gehört, dass manche Tiere in der Zone regelrecht durchgedreht hätten. Hätten sie angefallen und so, auch die Kleinen - Katzen oder Hamster! Dafür wären die Wildtiere, die Elche und Bären, auf ein Mal ganz zahm gewesen. Egal - wir wollten es jedenfalls nicht ausprobieren. Wir gehen gleichzeitig in Feuerstellung und geben jeder zwei, drei Schuss auf den Hund ab. Pang-pang-pang! In Notwehr, natürlich. Das war schon ohrenbetäubend in der geschlossenen Wohnung. Nachher ist alles voller Pulverdampf, aber das Vieh liegt zum Glück am Boden, erledigt. Unglaublich, wieviel Blut da drin ist ..."

"Uns pfeift's erst Mal gehörig im Ohr, aber nach einer Weile lässt das nach, und dann hören wir - wir sind uns erst nicht sicher -, dass da jemand schreit. Schreit oder heult oder sonstwas ... und das war jetzt wirklich unheimlich. Wir lassen also den Hund in seiner Blutlache liegen und stecken den Kopf wieder aus der Tür in den Flur hinaus. Das Geheul kommt von oben, von ziemlich weit oben. Hört sich an wie eine Frau oder ein Kind ... oder eher wie ein verwundetes Tier, um die Wahrheit zu sagen. Wieder schauen wir uns an ... Vitali ist ganz bleich und schluckt so komisch. Und ich merke, dass ich schwitze wie ein Schwein. Wir sind trotzdem hoch. Mit jedem Treppenabsatz wird es lauter. Jetzt sind wir uns sicher: das ist ein Mensch, der da schreit ... oder jammert ..."

"Wie wir 'raufgehen, sehen wir, dass überall, in jedem Stockwerk, an allen Türen, die Siegel aufgerissen sind. Da im neunten Stock auch. Das Heulen ist jetzt ziemlich laut. 'Nein, nicht ...', irgendwas in der Richtung ... Wir auf Zehenspitzen den Flur entlang, bis wir vor der Wohnung stehen, wo das Geheul herkommt. Als ich die Hand auf die Klinke lege, wird es still. Es wird so still, dass ich mir einen Moment lang wünsche, es würde wieder anfangen. Was bleibt uns übrig? Wir müssen nachschauen. Diesmal rufen wir nicht, als wir 'reingehen. Wir wissen ja, dass da jemand ist. Das ist der eine Grund. Der andere ist, dass wir uns wünschen, dass da niemand wäre, und wenn doch, dass er nicht auf uns aufmerksam wird."

"Ich hab' in meinem Leben keine solche Angst mehr gehabt, nicht mal in Afghanistan. Auch nicht beim Augustputsch einundneunzig, vor der Duma, als wir alle dachten, dass es jetzt einen Bürgerkrieg gibt. Wenn deine Feinde Menschen sind, kannst du sie besiegen, weil sie selber Angst haben. Dass hier, das wusste ich ganz bestimmt, das war kein ... also, nicht nur ... ein Mensch. Das war ... irgendwie ... wie die Zone selbst ... unsichtbar und doch gefährlich ... tödlich. Ich kann es nicht besser beschreiben. Egal. In der Wohnung selbst war es jedenfalls ziemlich aufgeräumt. Auch hier: gute Möbel - viel Lärche, massiv. Eine Stereoanlage, Farbfernseher, zwei Radios, sogar eine Acht-Millimeter-Kamera lag da 'rum. Bilder von den Leuten an der Wohnzimmerwand: Vater, Mutter, Tochter. Er hat den Arm um seine Frau gelegt, sie hat das Kind an sich gezogen. Ein süßes Ding. Sie sehen glücklich aus. Und in dem Moment, als ich das Bild betrachte, kommt ein Windstoß, ein Fenster knallt zu und es fällt 'runter. Der Rahmen zerbricht, das Foto liegt frei und - ich schwöre es - vergilbt vor meinen Augen. Wird an den Rändern schwarz und rollt sich ein. Als ob es schon zehn oder zwanzig Jahre dort liegen würde."

"Wir haben nichts angerührt. Wir hätten nichts angerührt, egal, nicht mal, wenn wir Befehl bekommen hätten. Vitali hat regelrecht gebebt. Wir sind dann schnell durch alle Zimmer durch - alles leer. Zum Glück. Ganz zuletzt: das Kinderzimmer. An der Türe hängt eine kleine Holztaube mit einem Namen darauf. Ein Mädchenname - mehr weiß ich nicht mehr, denn wie ich vor der Türe steh', fangen unsere Dosimeter an zu piepsen. Das waren so kleine Plastikkästen, die wir an einem Clip an Gürtel trugen. Da gab es nichts abzulesen, die Dinger maßen nur die Strahlungsmenge und gaben Alarm, wenn die zu hoch wurde. Die Höchstmenge waren 25 Röntgen pro Stunde, aber das gab es nur, wenn man in der Roten Zone um den Reaktor selbst arbeiten musste. Hieß es. Hier in Pripyat, hieß es, lagen wir bei maximal 150 Millirem. Wie gesagt, wir konnten das nicht kontrollieren, die Dinger hatten ja keine Anzeige. Sie wurden uns nach der Schicht abgenommen und ausgelesen und zur nächsten Schicht bekamen wir dann neue. Aber wenn sie loslegten, so wie jetzt, vor dieser Türe, dann wurd's gefährlich. Dann hieß es: ab dafür!" Hätte es nicht eine Fehlfunktion sein können? Konstantin R. scheint die Frage erwartet zu haben. "Hab' ich mich natürlich auch gefragt, hinterher. Vielleicht. Was weiß ich ... aber unsere beiden Geräte sind gleichzeitig losgegangen, da wär' ein technischer Fehler schon eher seltsam, oder?"

"Wir sind jedenfalls ganz schön zusammengefahren, als die Dinger losgingen, das kann ich Ihnen sagen ... ich stoße die Türe trotzdem auf. War fast ein Reflex. Wir schauen hinein und ich höre Vitali seufzen. Als ob er angeschossen worden wär'. Ich selber fühlte mich eiskalt, wie gefroren. Das Zimmer ist leer, und es sieht aus, als ob es schon eine Ewigkeit leer stehen würde. Es stinkt nach Fäulnis. Die Tapeten hängen in Streifen herab, völlig vermodert. In den Zimmerecken wirft sich das Linoleum auf, ist in ganzen Bahnen herausgerissen, windet sich über den Boden. Kinderschreibtisch und Stuhl sind zerschlagen. Ein leeres Regal, das nur noch an einer Schraube hängt. Auf dem Boden: Kuscheltiere, Plastikfiguren, Spielkarten, Bauklötze, alles total kaputt und vergammelt. Aufgequollene Bilderbücher ... 'Sneschnaja korolewa' - 'Die Schneekönigin' von Andersen ... mein Lieblingsbuch als Kind. Eine Puppe sitzt so auf ihrem Zwergenstuhl und starrt uns aus milchweißen Augen an. Inmitten der ganzen Verwüstung steht ein Kinderbett. Es hat nur noch drei Beine und das Bettzeug darauf ist schon ganz schwarz und mürbe, löst sich regelrecht auf. Und in einer Ecke liegt eine tote Katze, mumifiziert. Und unsere Dosimeter piepsen und piepsen ... Was ist hier passiert?"

Konstantin R. ist in seiner Erinnerung abgetaucht. Sein Blick geht tief nach innen. Lange schweigt er, und nur das leise Tackern des Rekorders ist zu hören. Schließlich spricht er weiter. "Wir wollten es gar nicht wissen. Um nichts in der Welt wollten wir das. Wir sind 'raus, aber ganz schnell. Ich will nicht sagen, dass wir gerannt sind, aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, wir hätten uns irgendwie geordnet zurückgezogen. Egal. Wir sind jedenfalls 'raus und 'runter, und erst, als wir vor der Türe waren, und das Piepsen aufgehört hatte, haben wir wieder durchatmen können. Wir haben kein Wort gewechselt, sind zurückgefahren in's Hauptquartier und haben ein Protokoll für den Genossen Kommissar aufgesetzt: Mutmaßliche Plünderung im Wohnblock 14, Distrikt fünf. Niemand angetroffen. Kein Hinweis auf Täter. Keine besonderen Vorkommnisse. Vitali hat sich nächsten Tag krankgemeldet und wurde aus der Zone abgezogen. Ich hab' ihn nie mehr wieder gesehen."

Ob sie vielleicht einer optischen Täuschung aufgesessen sind? Durch den Schreck? Und bei dem schlechten Licht? Konstantin R. hält eine Weile inne. Dann zuckt er die Achseln. "Könnte schon sein ... wär' aber verdammt komisch, dass wir beide, Vitali und ich, anscheinend dasselbe gesehen haben." Dann haben sie doch noch darüber gesprochen? Der Zeuge schüttelt den Kopf. "Das nicht. Aber vor ungefähr drei Monaten habe ich einen Brief bekommen, aus Krasnojarsk. Der war von Vitalis Frau. Lief über's Präsidium ... keine Ahnung, woher sie gewußt hat, dass ich immer noch aktiv bin. Vitali sei gestorben, schrieb sie, an Blutkrebs, und dass er ihr noch aufgetragen hätte, diesen Brief an mich zu schicken. In dem Umschlag war ein Bild. Sonst nichts ... ein Computerausdruck von einem Foto. Das Foto selbst stammte aus der Zone, aus Pripyat, und war im Sommer 2017 aufgenommen worden. Es stammte von einem Blogger, der die Zone besucht hat; einer von diesen Katastrophentouristen ... und auf dem Bild sah man einen Raum, der genauso aussah wie das Kinderzimmer in diesem verfluchten Block. Diesselbe kaputte Tapete, derselbe aufgeworfene Bodenbelag, dieselben Möbelreste, dieselbe vergammelte Puppe auf demselben fauligen Kinderstuhl mit demselben unheimlichen Blick ... sogar die tote Katze lag noch in derselben Ecke. Nach über dreißig Jahren! Seither träume ich wieder jede Nacht von dem Kindergeheul, und dass ich irgendwelche endlosen, verfallenen Flure entlanglaufe, in Pripyat, während der Dosimeter an meiner Seite piepst und piepst ..."

Konstantin R. muss zur Nachtschicht. Seit er den Brief bekommen habe, sagt er, arbeite er nur noch nachts, um seinen Alpträumen zu entgehen. Seine Tage bekämpft er mit Wodka und Sportwetten. Beides hat ihn ruiniert, finanziell und körperlich. "Tschernobyl", sagt er noch, "hat uns alle fertiggemacht ..."

+++

D R I T T E R W E G

Alexej S., seinerzeit Teilchen-Physiker an der Lomonossowa-Universität in Moskau, ist unser nächster Zeuge. Als junger Aspirant hatte er sich für sein staatliches Stipendium revanchieren wollen und freiwillig nach Tschernobyl gemeldet. "Es war Ehrensache", sagt er fast entschuldigend. "So dachten wir damals eben." Alexej war Ende Juni 1986 in die Zone gekommen und mit der Planung und Anlage von "Mogilniks" beschäftigt, riesigen Gruben, in denen verstrahlte Böden, Gebäude und Geräte isoliert wurden. "Wir haben ganze Wälder begraben", erzählt er, "und wenn wir dann ein paar Tage oder Wochen später wiederkamen, war wieder alles verseucht. Deprimierend." Während der Aufräumarbeiten lebte Alexej im ehemaligen Wohnheim der Erzieherinnen von Pripyat. "Von denen war keine mehr da, aber sie hatten uns Grüße dagelassen, Karten und Blumen." Ihm und seinen Kollegen war es gestattet, ihre knappe Freizeit im städtischen Hallenbad "Azure" zu verbringen. "Das Wasser war angeblich sauber", sagt er. "Wir gingen oft dorthin. Was sollten wir auch sonst tun?"

"Wissen Sie, das Bad war ringsum verglast. Als ich die Kleine am Fenster entdeckte, stand sie einfach nur da und schaute herein. Ihre Hände hatte sie so über den Augen verschränkt, wissen Sie, weil die Sonne blendete. Es sah aus, als suchte sie jemanden. Ich ging hin, stellte mich ganz dicht davor, und begann, Faxen zu machen. Keine Ahnung, wieso. Ich glaube, ich wollte sie aufheitern. Sie sah so ernst aus. Aber sie ging nur ein Stück zu Seite, wissen Sie, wechselte ihren Standort, um an mir vorbei sehen zu können. Aus irgend einem Grund war ich enttäuscht, und dachte noch, dass sie anscheinend keinen Spaß verstünde. So ein Blödsinn. Dann bin ich wieder ins Wasser gegangen. Keine Ahnung, was ich dachte. Als ich das nächste Mal hoch schaute, war sie weg. Aber von den anderen hatte sie sonst keiner gesehen. Da kam es mir erst seltsam vor. Was machte ein Kind wie sie ganz allein in einer verlassenen Stadt?"

Auf die Frage, was er denkt, wer das Mädchen gewesen ist, antwortet Alexej mit großer Bestimmtheit. "Ich kann ihnen sagen, wer sie nicht war. Sie war auf keinen Fall das Gruselmädchen, dass dreißig Jahre lang in Pripyat ausharrt, weil sie ihre Katze nicht alleine lassen wollte. Nein, ich denke, sie war sie eine Streunerin, die die leeren Wohnungen durchsucht hat. Nach neunzig sind doch alle möglichen Leute in die Zone gekommen: Landstreicher, Zigeuner, Flüchtlinge ... da ist so ein Kind ja wohl nichts besonderes." Und was hält er davon, dass das dasselbe Mädchen bis heute immer wieder gesehen wurde? "So ein Quatsch! Das waren eben verschiedene Mädchen, die sich einander ähnlich sahen."

"Die Leute sind dermassen abergläubisch. Wissen Sie, dass Tschernobyl übersetzt 'Bitterer Wermut' bedeutet? Und das die Leute daraus eine göttliche Warnung gemacht haben, ein Symbol für das nahende Gottesgericht? Wegen diesem Bibelvers aus der Johannes-Apokalypse, mit dem brennenden Stern, der Wermut heißt, und vom Himmel in's Wasser fällt: '... und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie so bitter wurden'. So ein Schwachsinn. Die einzigen, die von diesem Unglück profitiert haben, waren die Popen und all' die anderen Hochstapler." Alexej, der den Untergang der Sowjetunion niemals wirklich akzeptiert hat, arbeitet heute als Wachmann bei einem privaten Sicherheitsdienst.

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V I E R T E R W E G

Unser nächster Zeuge ist Liquidator in der Zone gewesen. Wie die meisten, die mit den Aufräum- und Dekontaminationsmaßnahmen um den havarierten Reaktor beschäftigt waren, wurde Juhan V. als Reservist der Roten Armee zwangsverpflichtet. Das war im Mai 1986. Und wie so viele seiner Kollegen ist auch Juhan mittlerweile Invalide. Jedes Jahr muss er für mehrere Monate ins Krankenhaus. "Die sagten uns, es wäre nur für drei bis vier Wochen. Leichte Aufräumarbeiten. Von Strahlung war nicht die Rede. Als wir ankamen - wir sind mit offenen LKW gefahren, fast dreißig Stunden von Tallin - haben die Chefs nur gelacht. 'Ihr bleibt mindestens bis Jahresende. Wer abhaut, kommt in den GuLag, nach Kolyma.' Naja, wir waren ja nichts anderes gewohnt. Das ganze Land war ja auf Lügen aufgebaut - Lügen, Drohungen und falsche Versprechungen. Die Urkunden nicht zu vergessen und der schönen Orden, mit Alpha, Beta und Gamma drauf. Als ob sie uns nachträglich noch verarschen wollten. Einer ist trotzdem abgehauen, den haben sie später in einer selbstgebauten Hütte im Wald wiedergefunden. Direkt beim Kraftwerk. Der hat's dann aber nicht mehr lange gemacht; in den Wäldern hat sich die Radioaktivität ja regelrecht festgefressen." Als Folge seiner Strahlenbelastung sind Juhan sämtliche Haare ausgefallen. Seine Kopfhaut wirkt, als wäre sie aus brüchigem Pergament. Aufgeplatzte Herpes-Bläschen wuchern um Mund und Nase. Immer wieder unterbricht er das Interview, weil er auf Toilette muss.

"Wir haben nur bekommen, was wir verdient haben", sagt er, als er wieder kommt. "Ich meine: wir alle. Was wussten wir denn von Atomkraft? Und dabei war ich gar nicht mal schlecht in Physik, in der Schule, mein' ich. Hab' sogar mal studieren sollen, an der Technika, aber ohne einen richtigen Namen und ohne Parteibuch und den richtigen Kommissar zum Bestechen und, ach ja, auch noch ohne Geld zum Bestechen - da ging das eben nicht. Aber Neutronen, Protonen, Elektronen, Ionen, Isotope: weiß ich alles noch. Oder die Thorium-Zerfallsreihe ... oder die Relativitätstheorie: Energie gleich Masse mal Geschwindigkeit zum Quadrat. Materie - Masse - ist nichts weiter als in der Zeit geronnene Energie. Und mit ein paar Gramm Uran kann man eine ganze Stadt für ein Jahr mit Strom versorgen." Juhan lacht, ein bitteres Lachen. "Gar nichts haben wir gewußt. So sicher wie ein Samowar, haben die Ingenieure gesagt, und dass sie so einen Graphit-Reaktor sogar auf dem Roten Platz bauen würden. Sowjetische Technik: unfehlbar. Die haben geglaubt, sie hätten das Inferno im Griff. Was für ein Witz." Ein Hustenanfall schüttelt den ausgemergelten Körper.

"Dann haben sie uns in den 'heißen' Streifen geschickt, den Roten Bereich um Block vier. Alles Freiwillige, offiziell, aber wer sich nicht freiwillig meldete, musste noch mal ein halbes Jahr dranhängen. Und eintausend Rubel Prämie. Das war damals noch richtig Geld. Wir kriegten einen Strahlenpass, aber den mussten wir gleich wieder abgeben. Reinschauen durften wir nie, aber die, die doch reingeschaut haben, haben gesagt, dass die eingetragene Strahlenmenge immer gerade bis zum zulässigen Grenzwert ging. Egal, wo einer gearbeitet hat. Sogar als 'Störche', als wir das Dach von Nummer drei räumen mussten: nie über der zulässigen Höchstmenge. Dabei waren da oben hunderte von REM. Übrigens wollten sie da zuerst Maschinen einsetzen, ferngesteuerte. Die haben's aber nicht lange gemacht. Sind einfach stehengeblieben. Eine hat sich angeblich sogar über das Dach in die Tiefe gestürzt - als ob sie sich umbringen wollte. Also hat man Bioroboter hoch geschickt, uns Liquidatoren. Ich bin auch oben gewesen, vierzig Sekunden lang, wie üblich. Das war wie auf einem Todesstern. Diese Stille und dann das Gefühl, als ob man sich durch Wasser bewegt. Vierzig Sekunden, das reichte eben für ein, zwei Schaufeln. Dann hatte man seine Dosis drin. Wenn sich einer krank meldete, haben sie sein Blut untersucht. Dann hieß es: Simulant, weitermachen! Oder: ab nach Hause! Die waren dann schon so gut wie tot."

Und das Mädchen? "Ja, das war wirklich seltsam ... es gab viele seltsame Dinge in der Zone, angeblich: Kühe, denen das Blut aus den Ohren lief, Maulwürfe, die zum Sterben aus der Erde krochen, Vögel, die tot vom Himmel fielen. Später hörte man von Wölfen und Elchen, die sich streicheln ließen, von verwilderten Katzen, die Menschen anfielen, von Regenwürmern, so groß wie Blindschleichen. Riesige rote Ratten, Hühner mit Drachenköpfen, Hechte mit Zähnen wie Alligatoren - alle möglichen Geschichten. Und natürlich jede Menge Gerüchte: die CIA hat das Kraftwerk sabotiert ... Ufos wurden über Tschernobyl gesichtet ... eine Satansfratze im Rauch des Reaktorbrandes ... jeder wusste alles mögliche, aber niemand, worauf es wirklich ankam. Und wir - wir Soldaten - wir taten so, als ob wir einen Feind bekämpften. Hatten unsere DShK auf die Lafetten montiert und standen nachts Wache um die Zeltlager, wo wir schliefen. Auf blankem Boden, übrigens. Ein paar Schlauberger hatten sich Stroh organisiert, aus den Scheunen drumherum, das war total verseucht. Kampfhubschrauber und Panzer: wie im Krieg. Aber der Feind war unsichtbar. Er war überall - in der Luft, im Boden, im Wasser, in der Nahrung, in uns selbst. Auch in unseren Köpfen. Wie hatten nichts verstanden."

Wie war das mit dem Mädchen? "Nicht nur die Menschen wurden verrückt, aber das mit dem Mädchen war bestimmt das seltsamste, was ich dort gesehen habe. Sie müssen sich das vorstellen: der explodierte Reaktor, der immer noch dampft, darüber Hubschrauber - dicke, fette MI-26 und S-58er - die pausenlos Sand und und Bor und Blei abwerfen. Dutzende von Bergepanzern, Baggern, Lastwagen, Raupen, Kräne, was weiß ich, alles kreuz und quer. Geschrei - hunderte von Männern. Das war, als sie angefangen hatten, den Tunnel zu graben, weil sonst alles durchgeschmolzen wäre. Hätte vielleicht das Grundwasser erreicht - Trinkwasser für dreißig, vierzig Millionen Menschen. Die wollten das irgendwie von unten kühlen. Den Tunnel haben sie in einem Monat vorgetrieben - einhundertfünfzig Meter durch massiven Sandstein. Und dann, als er fertig war, hat man ihn nicht mehr gebraucht. Typisch für unser Land, oder?"

Juhan hustet wieder, dann verschluckt er sich an seinem eigenen Speichel. Als er wieder zu Atem kommt, klingt seine Stimme gepresst. "Ein riesiges Durcheinander, und mittendrin, wie im schönsten Frieden, dieses Kind. Ich war anscheinend der einzige, dem das auffiel. Kaum einer hat aufgeschaut. Ich bin natürlich sauer geworden. Was denken sich die Eltern, hab' ich gedacht. Wo sind überhaupt die Eltern? Ich also hinterher. 'He, Kleine!' ruf' ich, 'wo willst Du denn hin?' Sie bleibt stehen, dreht sich um, schaut mich an und zeigt in Richtung Block eins. 'Zu meiner Mama', sagt sie. Ich kapier's nicht. 'Deine Mama ist da drüben?' frag' ich, ganz erstaunt. Sie nickt nur. War vielleicht acht oder neun, vielleicht auch jünger. Auf jeden Fall zu jung. 'Sie arbeitet da', sagt sie. Mir war das neu, dass wir Frauen im Roten Bereich hatten. Waren sowieso kaum Frauen in der Zone, und wenn, dann nur in den Grünen und Blauen Bereichen. Es braucht eine Weile, bis ich kapiere, dass sie wahrscheinlich die alte Belegschaft meint. 'Da ist niemand mehr', hab' ich dann gesagt, 'eins bis drei sind alle abgeschaltet.' In dem Moment, als ich das sage, merke ich schon, wie grob das klingt. Irgendwie grausam. Sie schaut mich nur an, verzieht keine Miene. Sie ist hübsch - das heißt: war hübsch -, aber sie sieht ziemlich fertig aus. Dünn wie ein Strich in der Landschaft. Und sowas von bleich, fast schon durchsichtig. Lange, blonde Haare, ganz fettig und verfilzt. Und ihre Klamotten waren zum Fürchten dreckig, außerdem viel zu groß. Schlotterten richtig um sie herum. 'Ich muss aber zu ihr', sagt sie. 'Die Katinka ist doch krank.' 'Wer ist Katinka?' 'Meine Katze.' Ach so! Die Katze ist krank! Ja dann ... 'Aber da ist niemand mehr', versuch' ich es noch ein Mal, 'die sind alle weg.' Da fängt ihr Mund an zu zucken, und ich weiß, dass sie gleich anfängt zu heulen. Hab' ja selber eine kleine Tochter gehabt. Alles, nur das nicht, denke ich. Ich will nicht derjenige sein, der sie zum Weinen bringt. Also sag' ich: 'Ich bring Dich.' Das hab' ich wirklich gesagt. Und ich hätte es auch getan."

"Ich bin dann ziemlich flott losgelaufen, um sie möglichst schnell aus dem heißen Bereich zu bringen, aber sie bleibt hinter mir zurück, und als ich mich umdrehe, steht sie da und schaut auf die Ruine von Block vier, auf diesen Krater. Ich will schon den Mund aufmachen, damit sie sich ein bißchen beeilt, da seh ich - sie hatte eine Puppe dabei, und die hatte sie so unter den Arm geklemmt und hochgehoben, damit sie in ihr Ohr flüstern konnte. Sie sprach mit ihrer Puppe und zeigt dabei auf den Krater, und der macht so aufstoßende Geräusche, immer 'Rülps, rülps', und dann stieß er wieder eine Qualmwolke aus. Ich stand da wie angewurzelt, und nach einer Weile kommt es mir vor, als rede sie gar nicht mit ihrer Puppe, sondern mit dem Reaktor, mit diesem Krater da."

Für eine ganze Weile herrscht Schweigen. Juhan atmet schwer. Er leidet unter Emphysemen. Die Erinnerung nimmt ihn sichtlich mit. Auf die Frage, ob er eine Pause braucht, schüttelt er jedoch nur den gesenkten Kopf. "Ich bin dann zu ihr hin", sagt er schließlich, ohne aufzuschauen. "Sie musste doch da raus, aus dem Roten Bereich. 'Komm', hab ich gesagt, 'komm, Kind. Komm weg da.' Aber sie sieht mich nur an, und in ihren Augen liegt so etwas ... ich weiß nicht ... wie der Schmerz der Welt." Juhan schaut auf, und jetzt es sind seine Augen, in denen der Schmerz der Welt liegt. "Sie sieht mich an, und ich denk noch 'Scheiße, was haben wir getan? Was tun wir hier?' Und da sagt sie: 'Wir müssen für immer hier bleiben'. Ich weiss nicht, spricht sie von ihrer Puppe oder dem Reaktor? Ich will ihre Hand nehmen und sie da wegziehen, aber sie weicht mir aus und dann setzt sie sich wieder in Bewegung."

Müde wedelt Juhan mit der Hand. "Kennen Sie die Halbwertszeit von Uranium 238? Viereinhalb Milliarden Jahre: das so alt wie die Erde selbst. Und das Plutonium für die Kernwaffen - das ist in den Graphit-Reaktoren quasi nebenbei angefallen -, das strahlt für vierundzwanzigtausend Jahre mit über zwei Millionen Bequerel pro Sekunde. Und dann ist erst die Hälfte davon zerfallen. Schon klar, oder, was sie mit 'für immer' meinte?"

"Jedenfalls, als wir so in Richtung Block eins stapfen, ist sie auf ein Mal nicht mehr da. Ist irgendwie hinter mir zurückgeblieben und hat sich dann wohl verdrückt. Das merk' ich aber erst, wie mich der Major anpfeift - Major Silayev, unser Regimentschef. Wo ich hinwollte, hat er mich angegebrüllt. War ja verboten, den Arbeitsbereich ohne Abmeldung zu verlassen. Man kann übrigens sagen, was man will, aber unsere Offiziere haben sich nicht gedrückt, damals. Waren überall dabei. Haben Sandsäcke geschaufelt und Schubkarren geschoben. Immer mittendrin. Richtige Robotniks. Jetzt - was? Ach so, die Kleine ... also, die war jedenfalls weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Ich will noch nach hinten zeigen, da merk' ich es erst. Ich hab' vielleicht blöd geguckt. Hab' dann dem Major gesagt, dass ich scheißen müsste - also: austreten. Hat er mich auch gehen lassen. Aber die Kleine war weg."

Was er denkt, wer das Mädchen war, und wohin sie verschwunden ist? "Woher soll ich das wissen? Ich habe später noch ein paar Mal von ihr gehört. Aber nach den ganzen Lügengeschichten und Märchen, die wir zu hören bekamen ... was soll man da noch glauben?" Zwei Wochen nach diesem Interview wird Juhan V. in einem Krankenhaus in Gomel sterben. Aber noch bringt er genügend Energie auf, um die Welt zu verfluchen. "Seit dreißig Jahren verrecken wir, und keinen interessiert's. Haben Sie mal gesehen, wie ein Strahlenkranker stirbt? Alle Sorten von Krebs gibt's da: Blutkrebs, Darmkrebs, Lungenkrebs, Schilddrüsenkrebs, Hautkrebs natürlich. Zum Schluss löst sich einfach alles auf - Leber, Lunge, der Magen, die Därme. Nur noch kotzen und scheißen. Und kein Hahn kräht danach. Eine Urkunde und hundert Rubel Rente im Monat. Das ist der Dank des Vaterlandes. Dabei haben wir halb Europa gerettet!"

+++

F Ü N F T E R W E G

In Kiew treffen wir Kostya, einen der damals geschäftsmäßigen Plünderer in der Zone. Sein richtiger Name ist natürlich nicht Kostya. "In den Neunzigern, als alles an den Arsch ging, da haben das viele gemacht", zuckt er mit den Achseln. "Und die Miliz hat damit angefangen. Die armen Schweine standen da und haben die Zone bewacht, tagelang. Mussten den Verkehr zur Baustelle regeln. Sie wurden verstrahlt und bekamen keine Kopeke extra dafür. Naja, unser Geld war ja bald sowieso nichts mehr wert. Arschwischpapier. Und Pripyat war natürlich eine Schatztruhe. Fast fünfzigtausend gutbezahlte Leute haben da gewohnt, Ingenieure, Akademiker. Die hatten alles: Elektrogeräte, Pelze, Schmuck, sogar Gold. Natürlich alles hochbelastet. Wir nachts rein, haben das Zeug anhängerweise rausgeholt - Möbel, Bilder, Teppiche, Wäsche. Zum Schluß sogar Badewannen und Klos. Einfach alles. Ein paar haben sogar die radioaktiven Proben aus dem Krankenhaus geklaut, in Röhrchen, weil sie dachten, das wär' weiß Gott was. 'Gesundheit des Volkes - Reichtum des Landes' stand da über dem Eingang. Haben sich gleich zweimal verstrahlt, die Idioten. Die Miliz kannte uns schon. Sie bekamen was ab, wenn sie uns durchwinkten; da sparten sie sich die Mühe. Die nahmen natürlich nur die besten Sachen."

Kostya zündet sich eine Papirossa an. Obwohl durch den Schmuggel wohlhabend geworden, raucht er immer noch Selbstgedrehte aus Zeitungspapier, eine alte Lagergewohnheit. Seine Hände zittern. "Es muss auf meiner siebten oder achten Tour gewesen sein. September einundneunzig oder so. Ich musste mich beeilen, weil inzwischen jede Nacht schon ein, zwei Dutzend in der Stadt unterwegs waren. In der ganzen Zone bestimmt ein paar Hundert. Wir haben uns natürlich vorher abgesprochen, Zinken hinterlassen und so ... 'Achtung, Hund!', 'Hier nichts zu holen', in der Art. Und dann gab's natürlich auch welche, die wollten nur ihre eigenen Sachen von daheim holen. Nach Pripyat kam von denen eigentlich niemand. Verrückt: nur ein Mal hab ich einen gesehen, der hatte seine Wohnungstüre hinten auf's Moped geschnallt. Hat seine eigene Wohnungstür rausgeschmuggelt. Und die Miliz hinter ihm her, hat gebrüllt und in die Luft geballert. Haben ihn aber nicht erwischt. Auf jeden Fall ... ich war da auf Tour ganz im Norden von Pripyat. Ich hab gehofft, dass da noch was zu holen wär. War aber nichts. Die Häuser in Pripyat sind ja alles Plattenbauten, mehrstöckig. Riesige Betonblöcke, keine Ahnung, wie man da leben kann. In dem einen Block, wo ich das Mädchen gesehen hab', war ich im



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