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Zwei Enden einer Straße - von Homosapiens, 09.11.2016
Zwei Enden einer Straße

Das gesetzte Ehepaar wohnte am Ende der Straße, in wohlgeordneten Verhältnissen, wie alle anderen Mieter dort auch. Die modernen Wohnungen in dem Haus haben ihren Preis, aber dafür hatte Heinz-Ottokar ja immerhin auch durch viele Jahrzehnte Dienst bei seiner Behörde geleistet. Wieviele Hemden seine Frau Lieselotte ihm gebügelt hatte, wieviele nahrhafte Abendessen sie für die Familie zubereitet hatte, stets nach deutschem Rezept, das so begann: man würfele eine mittelgroße Zwiebel und brate sie unter sparsamer Verwendung guten Speiseöls an...... es war nicht mehr zu zählen.
Daß sie ihm allerdings zwei Kinder zu rechtschaffenen Bürgern erzogen hatte, war überschaubarer, erst den Jungen, dann das kleine Mädchen, wie es sich gehört.
Jeden Morgen brachte sie die Sofakissen mit einem Handkantenschlag in Form, zwischen die Ohren, wie sie bemerkte. Wer nicht hören will, muß fühlen!
Wenn Sie über ihren Gatten sprach, mit Nachbarn etwa, im Haus oder über den Zaun der Kleingartenparzelle, nannte sie ihn stets mit vollem Namen, sie hätte sich nie erdreistet, ihm etwas vorzuenthalten, was seines war. Weder den Heinz, noch den Ottokar.
Ja, er konnte stolz sein auf sie, auf ihre kleidsamen Blusen, die sie stets mit der Brosche seiner Mutter nah unterm Kinn verschloß, wie mit einem Bilanzstrich, auf ihre stumme Loyalität, auf ihren doppelten Fleiß, mit dem sie die Schreberlaube stets genauso in Ordnung hielt wie das traute Heim.
Als guter Bürger waren Gesetze ihm heilig, auch das bundesdeutsche Kleingartengesetz, demzufolge er einen wertvollen Beitrag zum Naturschutz leistete. Der Formschnitt seiner Hecken, die geschmackvolle Anordnung der Rosen, Tulpen und Nelken waren vorbildlich, dem Kräuterbeet entnahm Lieselotte stets ein paar gesunde Stengelchen für die heimische Kost.
Leider sind nicht alle Gärtner so! Das Paar nebenan, vermutlich in wilder Ehe lebend, mußte immer wieder zur Ordnung gerufen werden.
Bäume über zwei Meter sind untersagt, nein, stutzen nützt nichts, noch nicht mal ein Bonsai ist erlaubt.
Solange zuviel Größe den Geschöpfen innewohnt, sind sie unerwünscht. Ordnung muß sein.
Und so hatte Heinz-Ottokar sogar seine teure Gold-Ulme kurzerhand exekutiert, sobald ihm die mögliche Endgröße bekannt wurde. Schade um das Geld, aber recht so!
Da mußten die Nachbarn dann aber auch ihren Apfelbaum fällen, veredelt zwar, aber eben nicht tragbar für das Ansehen der Kolonie.
Spülwasser darf auf dem Kompost entsorgt werden, jedoch nicht über ein Rohr. Heinz-Ottokar hatte den Nachbarn das Abflußrohr zuzementiert, schleppte doch seine Lieselotte auch tapfer die 20l-Kanister zum Kompost!
Ach, wenn doch alle so wären wie diese ordentlichen Leute!

Sind sie aber nicht! Schon als am anderen Ende ihrer Wohnstraße das Haus für betreutes Wohnen für psychisch Kranke gebaut wurde, waren die Nachbarn erst beunruhigt, dann alarmiert. Ja gut, die Kranken können nichts dafür, irgendwo müssen sie ja wohl hin, aber als dann die ersten Bewohner einzogen, hätten sie sich ruhig etwas anpassen können.
Einer von ihnen war Raphael, ein ängstlicher, betrübter Mann, der vom ersten Tag seines Lebens an herumgestoßen worden war, weil niemand ihn wollte.
Als er erwachsen wurde, hatten ihn dann doch welche gewollt, seine schwermütige Schönheit, seine Dienstbarkeit und seine Verzweiflung, die ihn zu allem bereit machte.
So jemand wie Raphael war ein Versehen, und er hatte lebenslang dafür bezahlt.
"Er könnte immerhin grüßen", empörte sich Heinz-Ottokar, "die leben da komfortabel von unseren Steuergeldern und sind nicht das kleinste Bißchen dankbar".
Was wurde denen alles geboten! Sogar ein Sommerfest bekamen sie, im Behinderten-Zentrum, mit Grillen im Hof.
Raphael hatte sich dort mit seinem kranken Knie, einem Überbleibsel von Gewalt im Kinderheim durch das steile, muffige Treppenhaus hochgequält, bis zum Gemeinschaftsraum, wo schon andere mit mürrischem, verlegenen Blick saßen, die Gesichter dicht über ihren Papptellern auf der Kaffeetafel aus Spendengeldern. Betreten schaufelten sie den Kuchen in sich hinein, man weiß nie, wann es wieder etwas gibt.
Ein Troß Sozialarbeiter hatte sich mit scharfem Rundblick und einer abgegriffenen Spielesammlung dazwischen platziert, die diensthabende Psychologin wuchtete sich vorsichtig in einen der brüchigen Korbsessel und meinte mit heller, munterer Stimme: ist doch richtig gemütlich hier! Sie war dienstlich verpflichtet, es so zu sagen.
Unten im Hof wurde hektisch das Grillfleisch in kleinere Portionen zerteilt, damit es für alle reichte. Aber der Betreuer bekam das Feuer in der Blechwanne gar nicht entfacht. Das Studium der Sozialpädagogik beinhaltet keine Vermittlung von Kochkenntnissen.
Betreten sitzt die Schar der Verlierer herum, sie alle kennen es nicht anders. Einige Mutige loben überschwänglich den Kaffee, vielleicht bekommt man dann noch etwas? Wenn man im Heim oder sonstwo sich dankbar zeigte, gab es manchmal Nachschlag. Oder Prügel - für vorlautes Gebaren. Mal so, mal so.
Raphael ist einer der wenigen Glücklichen, die für ihr Los entschädigt werden sollen. Seine Kinderqualen, die dauerhafte Schädigung wurden anerkannt und eine Summe zu seiner Entschädigung bereitgestellt. Aber bald fand er sich in einem Deja vu wieder. Erst mußte er Rede und Antwort stehen, wahrheitsgemäß wie bei Gericht und seine geheimen Herzensqualen vor Fremden gestehen. Die Entschädigung verwaltet ein Beamter, der ein schmallippiger Bruder von
Heinz-Ottokar sein könnte. Raphaels Wünsche werden streng begutachtet, ehe sie vielleicht Wohlwollen erregen und erfüllt werden können.
Raphaels eigenständiger Kauf eines Eimers Wandfarbe für seine Wohnung war zu voreilig. Der Beamte konnte lediglich versprechen, sich für die Bezahlung aus dem Entschädigungsfond bei der Zentrale einzusetzen. Für jemanden am Existenzminimum war es viel Geld, das Raphael eingesetzt hatte, und so zitterte er wochenlang, bis das erlösende Okay der Behörde ihn erreichte. Trotz neuer Einrichtung kann er sich nicht wirklich freuen über all das, was ihm genehmigt wurde. Der Fond ist eine freiwillige Leistung, es bestand kein Rechtsanspruch.
Wenn man Raphael fragt, was er sich wünscht, antwortet er: ich will mein Leben wiederhaben. Er hat es allerdings nie besessen.
Undankbar nennen ihn solche Leute wie Heinz-Ottokar. Lieselotte schweigt, sie hofft still, daß die unterschiedlichen Welten getrennt bleiben.
Aber der Tag, an dem sich die Welten nicht nur berühren, sondern vermischen, kommt eher als erwartet.
Während Lieselotte mit einer vollen Einkaufstüte die kleine Straße entlanggeht, kann sie den Blick nicht von Raphael wenden, der mit gesenktem Kopf vor seinem Briefkasten steht und darüber sinnt, warum ihn wohl die Welt vergessen hat und der Kasten leer bleibt. Ein wirklich stattlicher Mann, mit abgrundtiefem Blick aus grau umwölkten Augen, silberne Lockenpracht über dem mächtigen Schädel.
Lieselotte geht langsamer, als plötzlich der Henkel ihrer Tüte reißt und die Einkäufe vom Kantstein kullern. Gleichzeitig dreht Rapharel sich um und starrt zurück.
Einer Dame in Not muß man helfen, und er hat wahrlich eine Dame vor sich.
Selten hat ihn eine Frau so offen angesehen, es ist, als schaue er in ein eingegittertes Herz, seinem nicht unähnlich.
Unsicher bückt er sich und beginnt, alles einzusammeln und ihr zuzureichen. Dabei kommt er ihr unvermutet nahe, riecht schwachen Veilchenduft und bemerkt eine Unsicherheit wie seine eigene. Keiner wendet den Blick vom anderen, als alles zusammengetragen und übergeben ist.
Er hätte mehr für sie getan. Alles.
Sie würde ihm jetzt gern etwas geben. Aber Geld wäre unangebracht, sie will ihn nicht beleidigen.
Diesen schmerzgebeugten, großen, schönen Mann doch nicht!
Schließlich wählt sie den größten der rosigen Äpfel aus ihrer Einkaufstüte und reicht ihn ihm feierlich, fast bittend zu. Es ist, als trüge Eva den ersten Apfel der Welt Adam an. Ein ewiger Moment.
Später beim üblichen ehelichen Abendbrot wird Lieselotte mit ungewöhnlich weicher Stimme sagen: "Du, Heinz-Ottokar, alle da sind nicht so. Der eine ist sogar sehr nett......."
und wird damit schon zuviel gesagt haben.
Und Raphael wird einen Teller aus seinem Geschirrschrank nehmen, polieren und den großen, rosigen Apfel allein in der Mitte auf eine Serviette legen.
Er wird ihn lange sinnend betrachten wie zuvor seinen verwaisten Briefkasten.



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