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Keleitane - Kapitel 3 - von Hardrockhippie, 22.04.2016
Keleitane – Kapitel 3

Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über den Horizont des hellgrün schimmernden Himmels. Die letzte Nachtwache, ein alter Mann in verwaschener, gelber Kleidung, hielt von der Stadtmauer herab Ausschau in Richtung Südosten, der Straße nach, die aus dem nächstgelegenen Stadttor führte. Er war müde und stützte sich auf die uralte Hellebarde, die bei der Arbeit zu tragen er laut Stadtordnung verpflichtet war. Man konnte nur erahnen, ob seine Augen zu wachsamen Schlitzen verengt oder ganz geschlossen waren – einen Unterschied machte es nicht. Schon seit Generationen hatte Tektopolis und den Trabantenstädten keine Gefahr mehr gedroht, und das wusste der Mann auch. Selbst wenn er angestrengt nachdachte, wusste er nicht einmal, wonach er von der Mauer herab Ausschau halten sollte. Nach einer feindlichen Armee etwa? Es gab doch gar keinen politischen Feind, ja nicht einmal irgendein anderes Volk, soviel war sicher. Manchmal ertappte sich der alte Mann dabei, wie er sich einen neuen Bauernaufstand ausmalte, wie er die Stadt warnen würde vor einer wütenden Meute, die, bewaffnet mit Fackeln und Heugabeln, aus dem Wald gestürmt käme. Doch auch der letzte Bauernkrieg Keleitanes lag lange Zeit zurück. Die ländliche Bevölkerung hatte ihre Lektion aus der damaligen Niederlage wohl gelernt und wagte es nicht mehr, aufzubegehren gegen die hart arbeitenden, friedlichen Bewohner der Stadt. Immer wenn er sich das ins Gedächtnis rief, fühlte sich der Wachposten wieder enorm wichtig und stellte sich etwas aufrechter hin, doch nur bis ihn einige Sekunden später wieder eine angenehme Trägheit auf seine Waffe hinab drückte. Für heute war alles in bester Ordnung.
Der alte Mann schreckte hoch. Stimmen, offenbar die von zwei Menschen, welche miteinander diskutierten, waren ihm ungewöhnlich nahe gekommen.
„Aber Plinos, es kann doch nicht dein Ernst sein, das alles mitzuschleppen!“
„Es ist nur das Notwendigste. Mit weniger werde ich auf der Reise nicht auskommen. Außerdem ist der Beutel gar nicht so schwer wie er aussieht!“
„Ja, der vielleicht... aber die anderen drei?“
„Ich komme schon klar!“
„Halt!“, rief der Wächter von der Stadtmauer herunter, „Wer seid Ihr und warum stört Ihr zu solch früher Stunde meinen... meine Wache?“
Unter dem Torbogen, der sie zuletzt verdeckt hatte, traten nun die beiden Männer, augenscheinlich Wanderer, hervor. Der ältere von ihnen trug ein sorgfältig in hellbraunen Stoff verschnürtes Bündel auf dem Rücken, der jüngere hingegen war kaum auszumachen unter all den bunten Beuteln und Taschen, die ihm von den Schultern, auf dem Rücken und sogar vor dem Bauch hingen.
Plinos antwortete: „Wir sind zwei einfache Reisende und wollen nach Vytais, um von dort aus weiter in den Süden zu gelangen.“ Der Wächter musterte Plinos' Gepäck eingehend. „Wart Ihr schon beim Zollamt?“, fragte er schließlich.
„Nein, warum auch? Das ist doch nur bei fahrenden Händlern üblich.“
„Was Ihr mittragt, junger Mann, ist locker eine kleine Wagenladung voll. Es geht die Stadt immer noch etwas an, was man versucht durch ihre Tore zu schmuggeln.“ Der Wächter versuchte, seine Stimme so autoritär und offiziell wie nur möglich klingen zu lassen. Er genoss es, denn die Gelegenheiten, in denen er tatsächlich etwas zu sagen hatte, waren ohnehin selten.
„Das ist doch lächerlich! Ihr könnt doch nicht einfach -“, begann sich Plinos zu entrüsten, doch sein Begleiter fuhr dazwischen.
„Lass es gut sein. Wir tun, was er sagt. Oder willst du noch mehr Scherereien?“
„Nun gut. Inzwischen will ich nur noch raus aus dieser verdammten Stadt!“
„So etwas solltest du nicht sagen.“
„Ach, sei ruhig. Gehen wir lieber schnell aufs Zollamt, bevor wir noch mehr Zeit verlieren. Bei Sonnenuntergang will ich in Vytais sein!“
Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, machten sich die beiden auf den Weg zu einem hoch emporragenden, weiß angestrichenen Haus, das sich von den anderen in seiner Umgebung vor allem durch seine Reinheit und akribische Ordnung unterschied – von außen wie von innen.
Im ersten Stock saßen hier zwei Leiane nebeneinander an einem breiten Schreibtisch, verziert mit Lettern der alten Lei-Sprache. Auf dem Tisch stand ein kleines, weißes Schild mit der Aufschrift „ZOLL“.
„Guten Tag. Wer will denn schon so früh aus der Stadt? Weist Euch bitte zunächst aus“, begrüßte sie der größere der beiden Beamten. Obwohl sie – erkennbar an der Dienstkleidung – denselben Rang innehatten, war doch auf den ersten Blick sichtbar, dass er allein im Amt das Sagen hatte. Der kleinere Leian huschte derweil ins Nebenzimmer, um Stühle für Plinos und Perimos zu holen.
„Vielen Dank, aber die brauchen wir nicht. Wir sind eh gleich wieder weg!“, rief ihm der jüngere Forscher nach, während er dem federführenden Beamten einige Dokumente überreichte, die ihn als Bürger von Tektopolis auswiesen.
„Das hängt wohl weniger von Euch ab, Plinos Aemilianos. Nur weil Ihr den Namen eines Gründers unserer Stadt tragt, heißt das noch lange nicht, dass ihr deren Gesetze missachten könnt. Bitte öffnet Eure Taschen.“ Unter einem warnenden Blick von Perimos' Seite aus setzte sich Plinos widerwillig neben seinen Begleiter – der zweite Beamte war inzwischen wieder zurückgekommen und hatte zusätzlich zu den beiden Stühlen noch eine alte, klobige Waage hereingebracht, die er ächzend auf dem Schreibtisch abstellte. Dann wandte er sich zu Perimos, um dessen Gepäck zu kontrollieren. Daneben begann nun Plinos, all seine Bündel abzuladen und der Reihe nach zu öffnen. Verschiedene Kleidungsstücke kamen zum Vorschein, eine für einen Tagesmarsch unverhältnismäßig große Menge an Proviant sowie mancherlei skurrile Gerätschaften, die Perimos aus dem Arbeitszimmer seines Freundes kannte, deren Funktion ihm aber weitgehend unbekannt war. Der größere Beamte begann nun, mit großer Sorgfalt und nervtötend langsam, jeden einzelnen Gegenstand aus Plinos' Gepäck genau zu untersuchen, wobei er hin und wieder etwas in einem Katalog nachschlug, den er unter dem Schreibtisch hervorgezogen hatte und dem Menschen, der unterdessen auf seinem Stuhl vor und zurück wippte, Fragen stellte.
„Was ist ist das hier?“
„Es handelt sich um ein – Vorsicht! Nicht so grob anfassen! - um ein Sumiskop. Damit kann man, wenn man es richtig aufbaut, anhand des Sonnenstandes sehr genau die Himmelsrichtung feststellen, in die man gerade schaut.“
Der Beamte schob das hölzerne Gestell, an dessen Spitze eine Art hölzerner Scheibe mit verschieden großen, in sie eingelassenen Glassplittern festgeschraubt war, unter viel Geklapper zurück in die längliche Hülse, der Plinos es entnommen hatte. Dann schlug er wieder etwas nach und vermerkte eine Zahl auf einer Liste, die vor ihm auf dem Tisch lag.
„Und wozu ist das hier gut?“
„Mit diesem Wetterrohr kann man – wie der Name schon sagt – vorhersagen, wie sich das Wetter entwickelt. In der Mitte ist ein spezieller Kristall eingearbeitet, der die farbigen Strahlen des Himmels filtert, um sie auf dieser Skala“ - er zeigte dabei auf verschieden lange, schwarze Linien, die auf der Innenseite des Rohrs angezeichnet waren - „zu brauchbarer Information zu machen.“
„Humbug, sage ich. Aber sei's drum. Ein Kristall im Inneren, meintet Ihr...“
Einige weitere Posten wurden auf der Liste ergänzt.
„Und was ist das?“
„Eine Zahnbürste.“
„Oh. Ja.“
Zuletzt war nur noch das mit Abstand schwerste Bündel auf dem Tisch übrig.
„Was habt Ihr darin, wenn ich fragen darf?“
„Tausend Blatt Papier.“
Alle drei schauten ihn plötzlich verwundert an. Perimos schien etwas sagen zu wollen, hielt sich aber im letzten Moment zurück.
„Ihr seid also doch Händler?“, hakte der Beamte nach.
„Nein, ich brauche das selber.“
„Tausend Blatt?“
„Tausend Blatt.“
„Nichtsdestotrotz werde ich es Euch anrechnen müssen.“
„Tut, was Ihr nicht lassen könnt.“
Inzwischen war Plinos' Geduld beinahe ganz ausgereizt. Im Kopf hatte er während der gesamten Prozedur beständig nachgerechnet, wie viel Zeit ihm und Perimos noch bleiben würde, um Vytais zu Fuß zu erreichen. Das Ergebnis war keineswegs akzeptabel: Bei normaler Wandergeschwindigkeit würden sie erst kurz vor Mitternacht zur Trabantenstadt gelangen – Plinos' Gepäck ganz zu durchwühlen, hatte Stunden in Anspruch genommen, weil der leianische Zollbeamte einerseits schon ein pingeliger Bürokrat war, es andererseits aber auch noch augenscheinlich auf die Nerven des jungen Mannes abgesehen hatte. Jetzt, als er seine Habe mehr schlecht als recht wieder in Bündel verschnürt und umgehängt hatte, reichte ihm der Leian die Rechnung, die er angefertigt hatte. Fein säuberlich waren jedes Taschentuch und jeder Bleistift, den Plinos bei sich trug, aufgelistet und die Preise schriftlich addiert worden. Dem ohnehin schon im Überkochen begriffenen Forscher stockte der Atem, als er die Zahl las, welche ganz unten in roter Tinte vermerkt war.
Vierzig Sirad verlangte man von ihm! Plinos hätte gewiss wieder losgeschrien, hätte er sich nicht an Perimos Bitte erinnert, sich nicht in noch größere Schwierigkeiten zu begeben. Er steckte also seine Hand in die rechte Hosentasche und zog zwei schwere, silberfarbene Münzen hervor. Verkrampft lächelnd reichte er sie dem Beamten, der zur Kontrolle kräftig daraufbiss und die Gravur misstrauisch beäugte. Schließlich jedoch gab er sich zufrieden. In seinem Gesicht konnte man genau die Schadenfreude erkennen, die er über die verursachte Verspätung empfand. Ihm sollte keiner dumm kommen, schon gar kein Mensch, der noch dunkelgrün hinter den Ohren war.
Auf der Treppe nach unten kam den beiden Forschern ein großer, dicker Mann mit schwarzem Schnauzbart entgegen, der Kleidung nach ein Händler aus der Stadt. Seine durchdringende Stimme war noch im Erdgeschoss zu vernehmen, als er sich oben mit dem peniblen Leian unterhielt.
„'N Morgen, Fisitan! Hab' unten im Wagen das gleiche wie immer. Willst du kurz kommen und nachschauen? Na, dann nicht. Dachte mir's schon.“
Plinos und Perimos traten nun wieder aus dem Haus mit der auf Hochglanz polierten Fassade. Draußen standen zwei fette Brauereigäule, gespannt vor einen riesigen Wagen, der voll beladen war mit verschiedenen Stoffen und edlen Kleidungsstücken. Augenscheinlich handelte es sich um die Fuhre des Mannes, dem sie gerade eben begegnet waren. Wutentbrannt trat der junge Forscher gegen eines der beiden Wagenräder, welches seinen Kopf beinahe überragte. Während er selbst wegen seiner schweren Gepäckstücke dabei das Gleichgewicht verlor und rückwärts taumelte, nahmen die Pferde nicht einmal Notiz von seinem Ausbruch.
„Der andere Beamte war freundlicher“, begann Perimos unvermittelt zu erzählen, während die beiden Menschen zurück zum Stadttor liefen. „Er hat mir, weil ich so wenig Gepäck dabei hatte, sogar den einen Sirad Bearbeitungsgebühr erlassen, unter der Bedingung, dass sein Kollege nichts davon erfährt. Wir haben uns, als der andere dein Gepäck durchsucht hat, noch lange über unsere Reise unterhalten. Armer Kerl übrigens, er hat hat die ganze Zeit geflüstert, damit der andere Leian ja nichts mitbekommt. Scheinbar hat er richtig Angst vor seinem Kollegen.“
„Und? Findet er auch, dass die Expedition reine Zeitverschwendung ist und wir lieber etwas Vernünftiges machen sollten? Langsam habe ich genug von den vermaledeiten Politiker- und Beamtenansichten hier!“
„Nein, ganz im Gegenteil. Er konnte gar nicht genug erfahren und schien ganz neidisch zu sein. Er hat aber auch immer wieder betont, dass er sich so etwas niemals zutrauen würde und dass wir gut auf uns aufpassen sollen.“
„Das wissen wir selber.“
„He, sei nicht so hart mit ihm! Der Beamte hat dir nichts getan. Er heißt übrigens Briod.“
„Lächerlicher Name!“
Trotz allem Gezeter konnte Perimos am Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes erkennen, dass ihn die Nachricht, jemand habe ihren Plan gutgeheißen, aufmunterte. Doch zugeben, so viel wusste der ältere Forscher, würde Plinos das nicht. Im Gegenteil, der junge Mann fuhr fort: „Ich muss mich mit solchen Leuten jetzt wirklich nicht mehr herumschlagen. Legen wir einen Zahn zu! Wir haben ohnehin schon viel zu viel Zeit verloren.“
Plinos Taschen wackelten synchron nach rechts und links, als er anfing, ausladende Schritte zu machen – ein befremdlicher Anblick. Perimos beeilte sich, hinterher zu kommen. Die üble Laune seines Kollegen besserte sich erst wieder allmählich, als sie die Stadt verlassen hatten. Die Wache hatte sie, nun, da sie eine saftige Rechnung vom Zollamt präsentieren konnten, ohne weitere Fragen durchgelassen und nun umwehte die Wanderer zum ersten Mal ein frischer, kühler Wind, der beiden durch die Haare fuhr und dabei Perimos' Bart zerzauste. Zu ihrer Rechten lag in einiger Entfernung ein länglicher Streifen Wald, der parallel zur Straße nach Vytais verlief und in den in größeren Abständen Handelswege hineinführten. Linkerhand gab es deutlich mehr Abzweigungen – verschiedene große und kleine Städte, die östlich von Tektopolis erbaut waren worden, lagen dort. Vytais selbst, der Zielort dieses ersten Marsches, lag recht weit im Südosten des Gebietes um die Hauptstadt. Dort gab es keine Waldkette mehr, die die Trabantenstädte von den Alten Landen trennte, stattdessen erstreckte sich nach Süden hin eine unwirtliche Gegend, durchzogen von steinigen Hügeln, dicht bewachsenen Hainen und nur ab und an unterbrochen von schlammigen Bächen, die sich in den regenreichen Monaten jedoch zu regelrechten Sumpfgebieten ausweiteten und ein Durchkommen so gut wie unmöglich machten. Wenn sie Tonothé von Norden aus betreten wollten – so sah es Plinos' Plan vor – würden die beiden Forscher dieses Gelände wohl oder übel durchqueren müssen. Doch noch kümmerten diese Aussichten keinen von ihnen. Ganz im Gegenteil: Die Sonne, die nicht zu heiß aber dennoch angenehm spürbar auf sie herunter schien, ließ die Beine der beiden wie von selbst vorwärts schreiten. Der Himmel schillerte in unzählig vielen unterschiedlichen Grün- und Blautönen und tausendfacher Vogelsang vom Wald her erfüllte die Luft. Nicht einmal die Tatsache, dass hier, vor der Stadt, die Grabstätten für all ihre ehemaligen Bewohner angelegt waren, konnte ihre gute Laune schmälern. Zwischen den Gräbern hindurch zu laufen, gab Plinos und Perimos seltsamerweise sogar das Gefühl, noch lebendiger und kräftiger als sonst zu sein. Doch weder darüber noch über irgendetwas anderes dachten die beiden jetzt nach. Es genügte ihnen vollkommen, einfach nur geradeaus der Straße zu folgen und immer wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, in der Gewissheit, schon sehr bald am Ziel angekommen zu sein. Genau so schön hatte sich Plinos ihre Reise ausgemalt – es war alles unglaublich einfach, man fühlte sich befreit und unberührt von allen Sorgen, die das anstrengende und monotone Stadtleben mit sich brachte. Außerdem erhob den jungen Mann noch zusätzlich das Gefühl, in ein Abenteuer aufzubrechen, wie es noch nie zuvor jemand gewagt hatte, ungemein. Er schwebte in den höchsten Sphären. Seine Wut auf die Bürokratie der Hauptstadt war längst verraucht und die Erinnerung an die Geschehnisse vor ihrer Abreise kamen ihm sogar, obwohl er sich keine Stunde zuvor furchtbar aufgeregt hatte, seltsam unwirklich vor, als wäre alles einem völlig anderen Menschen widerfahren.
Eine ähnliche Anwandlung hatte auch Perimos ergriffen. Gerade in den letzten Jahren hatte er die schützenden Mauern von Tektopolis kaum mehr verlassen. Er hatte völlig vergessen, in welch einengendem Umfeld er sich Tag für Tag aufgehalten und wie vielen alltäglichen Zwängen er sich immer wieder, als ob es nicht anders möglich wäre, ergeben hatte! Auch sein ziemlich hohes Alter, über das sich Perimos in letzter Zeit immer mehr Gedanken gemacht hatte, schien gar keinen Einfluss mehr auf ihn zu besitzen. Er fühlte sich so jung wie sein Begleiter und konnte auch problemlos mit Plinos Schritt halten, obwohl dieser ein durchaus zügiges Tempo vorlegte.
Auf diese Weise euphorisiert und voller ungeahnter Kräfte legten Plinos und Perimos noch bevor der Sonnenstand den Zenit erreicht hatte, ein gutes Drittel der Strecke nach Vytais zurück. Nach und nach wich die anfängliche Ekstase einer gemäßigten, doch fast ebenso wohltuenden grundsätzlichen Zufriedenheit. Die Wanderer verspürten nun erstmals ein wenig Anstrengung beim Laufen, die Riemen ihrer Taschen scheuerten etwas an ihren Gelenken und beide Forscher fingen an zu schwitzen, weil die Sonne ihnen vom wolkenlosen Himmel herab auf den Kopf brannte und auch der frische Luftzug aufgehört hatte, sie abzukühlen. Aber das war nun einmal so auf Reisen – dass sie sich anstrengen müssen würden, hatte ja von Beginn an keiner der Männer bezweifelt. Während sie also allmählich hörbar zu schnaufen begannen, wurde die Straße nach und nach stärker befahren. Aus verschiedenen Richtungen begegneten den Forschern Leiane, Menschen und Arcide, manche ebenfalls schwer beladen, andere ganz ohne Gepäck. Die einen, reiche Händler aus den nördlichen Trabantenstädten wie Farbanda und Thenke, führten tausende Phiolen mit seltenen Essenzen oder meterlange Bahnen aus feiner Seide mit sich, die anderen, allem Anschein nach heimatlose Arcide, die ihren Unterhalt als Gelegenheitsarbeiter verdienten, besaßen kaum mehr als die Lumpen, in die sie gekleidet waren. Wieder andere, hauptsächlich Paare mit Kindern, kreuzten Plinos' und Perimos' Weg in Richtung Süden. Sie waren in Kutschen mit ausladenden Sonnendächern, wie sie sich nicht jeder leisten konnte, unterwegs, und besuchten wohl die Künstler- und Kurstadt Mesa Radun für einen Sommerurlaub.
Auch die Reaktionen der Reisenden auf den Anblick der Forscherkollegen, die dadurch auffielen, dass sie, obwohl sie nicht arm wirkten, zu Fuß und nicht zu Pferd oder in einer Kutsche unterwegs waren, fielen unterschiedlich aus: Manche, vornehmlich diejenigen, die ebenfalls liefen, begrüßten Plinos und Perimos freundlich, erkundigten sich auch bisweilen nach ihrem Ziel und schienen insgesamt sehr aufgeschlossen zu sein. Andere wiederum – namentlich die, die in den protzigsten Kutschen und Wägen saßen – taten oft so, als hätten sie die beiden Wanderer gar nicht gesehen.
So verstrich einige Zeit. Plinos und Perimos waren inzwischen reichlich verschwitzt und ausgelaugt. Ihre Hemden klebten an Brust und Armen und ihr Gepäck – Perimos hatte seinem deutlich überforderten jungen Begleiter gerade überzeugen können, eine seiner Taschen an ihn abzugeben – drückte schwer auf Rücken und Schultern. Hatte noch vor einer Stunde mal der eine, mal der andere der zwei Wanderer ein Lied gepfiffen oder eine lustige Geschichte erzählt, so gingen sie jetzt bereits eine ganze Weile schweigend nebeneinander her. Plinos, noch immer überladen mit Gepäckstücken, hielt sich krampfhaft damit zurück, zu keuchen oder anderweitig zu zeigen , wie erschöpft er schon war. Er konnte dem um Jahrzehnte älteren Perimos nicht zugestehen, die bessere Kondition zu haben, obwohl er wusste, dass der graubärtige Forscher im Gegensatz zu Plinos selbst regelmäßig Sport trieb. Immer wieder richtete sich der schweißüberströmte junge Mann, dessen Gesicht vor Anstrengung inzwischen hochrot angelaufen war, auf, streckte die Brust nach vorn und überholte seinen Kollegen um einige Schritte. Doch jedes Mal musste er sich schon nach Sekunden wieder zurückfallen lassen, noch erschöpfter als vorher. Die Sonne, die den höchsten Punkt ihrer Bahn inzwischen schon deutlich überschritten hatte, brannte noch immer so erbarmungslos und unerbittlich heiß vom Himmel wie zur Mittagszeit. Damit, dass das Wetter ausgerechnet heute so untypisch werden würde – Tektopolis und sein Umland lagen weit im Norden und Hitzeerscheinungen wie diese waren die absolute Ausnahme – hatte keiner der beiden gerechnet.
Schließlich, als es augenscheinlich wurde, dass Plinos eher besinnungslos umfallen als freiwillig stehen bleiben würden, entschloss Perimos, selbst zwar auch erschöpft, aber noch bedingt leistungsfähig, dessen misslicher Lage ein Ende zu setzen.
„Ich glaube, wir sollten eine Pause machen.“
Eigentlich hatte er jetzt mit einer vorlauten Antwort von Plinos gerechnet, doch der war, mürbe gemacht von Sonne und Gepäck, sofort einverstanden.
„Da vorne, rechts von der Straße, sind zwei große Steine am Wegrand. Setzen wir uns dort hin.“
„In Ordnung.“
Mit einem lauten Ächzen ließ Plinos alle Taschen in gebückter Haltung von seinen Schulter auf die Erde fallen. Auch Perimos nahm sein Gepäck ab und legte die Bündel vorsichtig neben einen der Steine. Beide Forscher setzten sich und sahen sich kurz um. Die Gegend, die sie aktuell durchquerten, war äußerst karg. Vor den beiden lag eine dürre, ebene Landschaft, nur spärlich bewachsen von Moosflächen und vereinzelten Grasbüscheln. Zur Rechten der Straße war am Horizont noch ein dunkelgrüner Streifen auf Bodenhöhe zu erkennen – der längliche Wald, hinter dem die Alten Lande lagen.
„Warum haben wir uns eigentlich keine Pferde zugelegt, Plinos? Wir können doch beide reiten und die kosten nicht die Welt.“
„Im Moment wären Pferde praktisch, das gebe ich zu. Aber sobald wir von Vytais aus aufbrechen, wären sie mehr hinderlich als nützlich. Durch das Gebiet nördlich von Tonothé müssten wir sie führen, denn reiten kann man dort kaum. Und im Wald selbst wäre es noch viel komplizierter. Du musst bedenken, dass es dort keinen einzigen befestigten Weg gibt.“
Plinos kniff die Augen zusammen und schaute von der Karte, die er auf seinen Knien entfaltet hatte, auf. Er blickte in die Ferne, in die Richtung, wo Vytais liegen musste, doch obwohl es dort fast keine Erhebungen gab, war noch nicht die Spur einer Stadt auszumachen. Nun wandte er sein Gesicht in Richtung Sonne. Mit Schrecken musste er feststellen, dass es inzwischen beinahe Abend geworden war. Den beiden Wanderern blieb noch höchstens eine Stunde, oder sie mussten im Dunkeln weiterlaufen. Das hatte er sich anders vorgestellt! Perimos, der, obwohl er ebenso gut wie sein junger Freund wusste, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war, Vytais innerhalb der geplanten Zeit zu erreichen, die Pause sichtlich genoss, hatte zwei belegte Brote aus seiner Reisetasche gezogen. Während er schon genüsslich am ersten kaute – seit ihrem Aufbruch hatten beide keinen Bissen gegessen – hielt er Plinos freundlich auffordernd das zweite hin.
„Danke, ich habe selber genug dabei. Außerdem habe ich keinen Hunger.“
„Aber du musst doch irgendetwas essen, wenn du weiterlaufen willst. Und schau, hier an dem Bach kannst du deine Trinkflasche wieder auffüllen. Du klingst ja schon ganz heiser!“
„Und du klingst wie meine Mutter, Perimos. Ich sagte, ich brauche nichts!“ Plinos war schon wieder sehr gereizt. Sein schöner Zeitplan für die gesamte Reise kam bereits am ersten Tag furchtbar durcheinander! Perimos tat ihm leid. Er war ohne Widerwillen mit ihm gekommen, hatte darauf vertraut, dass er, Plinos, alles regeln würde. Und jetzt hatte er sofort bewiesen, wie gut er tatsächlich war im Organisieren und Durchführen. Himmel, er besaß wahrscheinlich als einziger in der Stadt ein Gerät, mit dem man das Wetter vorhersagen konnte und hatte einfach vergessen, diese bedeutende Voraussetzung zu überprüfen! Perimos' anfängliche Bedenken waren mehr als begründet gewesen. Aber Schluss damit! Er konnte nicht in Selbstmitleid ertrinken, nicht jetzt, wo Handeln gefragt war! Seine Reue über den Beschluss allein half weder ihm noch seinem Freund aus der Patsche.
Am nördlichen Horizont zogen aus der Ferne dunkle Wolken auf. Plinos und Perimos nahmen das als gutes Zeichen, vielleicht würde die Luft endlich etwas abkühlen. Plötzlich hörten sie hinter sich Hufgetrappel.
Als der Wagen, der die Straße in dieselbe Richtung befuhr, in die Plinos und Perimos wanderten, langsam näherkam, erkannten sie ihn als den, der bei ihrer Abreise vor dem Zollamt gestanden hatte. Und tatsächlich saß obenauf der dicke Händler mit dem fettigen, schwarzen Schnauzbart. Auch er schien die beiden wiederzuerkennen, denn als er nahe genug gekommen war, um sie genau zu sehen, winkte er den Wanderern mit einem breiten Lächeln zu. Seine Goldzähne glänzten in der Abendsonne mit den Wertgegenständen um die Wette, die die weiße Plane über dem Wagen nicht vollständig verdecken konnte. Der Mann hatte offensichtlich in der Zwischenzeit eine andere Stadt besucht und dort seine ursprüngliche Ladung gewinnbringend gegen goldenes und silbernes Besteck, reich verzierte Kerzenständer und anderen Luxus-Hausrat eingetauscht. Man konnte also schließen, dass sein Gespann schnell genug war, um ihn bis Sonnenuntergang in eine gemütliche Herberge in Vytais zu bringen.
Und Perimos schloss. Er sprang von seinem Stein auf und rief dem Händler entgegen, er möge doch bitte anhalten. Unter blechernem Geklapper blieb der Wagen stehen, direkt an der Stelle, wo die beiden Forscher erst fünf Minuten vorher ihre Pause begonnen hatten. Der Händler sah Plinos und Perimos mit einem befremdlichen Blick an. Seine Mimik verriet, dass er wenig Anteil an der augenblicklichen Notlage der beiden erschöpften Männer am Wegrand nahm.
„Was gibt’s?“, grunzte er.
„Guten Abend, werter Herr“, begann Perimos, der sich aus gutem Grund für diplomatisch begabter als Plinos hielt, „Wir sind – Ihr erinnert Euch vielleicht, wir haben uns ja schon gesehen – zwei Forschungsreisende aus Tektopolis auf dem Weg nach Vytais, um von dort aus eine Expedition nach Süden zu starten.“
„Nach Tonothé?“
„Exakt.“
„Wahnsinnige“, entgegnete der Dicke unverblümt.
Perimos beschloss, erfreut, dass sich der junge Hitzkopf zu seiner Rechten trotzdem zurückhielt, diesen Kommentar hinzunehmen, um den Händler nicht zu verärgern.
„Wir haben nun“, fuhr er fort, „ein kleines Problem. Wir Ihr seht, sind wir noch zu weit von der Stadt entfernt, um sie vor Einbruch der Dunkelheit zu Fuß zu erreichen.“
„Ich weiß, worauf Ihr hinaus wollt. Ich soll den Kutscher für Euch und den Jungspund spielen! Wisst Ihr überhaupt, wer ich bin?“
„Nein, aber wir würden es natürlich gerne erfahren“, antwortete Perimos gequält, doch noch immer um einen freundlichen Ton bemüht.
„Ihr sprecht mit niemand Geringerem als Matros Virtus!“
Den Namen hatte Perimos tatsächlich schon ein paar Mal gehört. Über diesen Mann und seine Halsabschneiderei erzählte man in ganz Tektopolis. Kleinere Händler behandelte er wie seine Untergebenen, hielt sie oft in Knebelverträgen und verlangte Rechenschaft über jeden Lumpen und jeden Scheit Holz, der in Tektopolis und den umliegenden Städten verkauft wurde. Selbst Erpressung und Diebstahl im großen Stil waren Matros Virtus schon mehrmals vorgeworfen worden, doch zu einem Urteil gegen den sogenannten „König der Händler“ war es nie gekommen – eine große Summe Geld war an wichtige Beamte des Gerichts geflossen, munkelte man. Da Matros' Kunden ausschließlich der wohlhabenden Oberschicht angehörten, war es umso erstaunlicher, dass er Gerüchten zufolge regelmäßig tief in die Alten Lande fuhr – viel zu holen gab es bei den Bauern bestimmt nicht.
„Im Moment bin ich tatsächlich auf dem Weg nach Vytais“, überlegte der dicke Matros, „Aber, wie Ihr seht, transportiere ich wertvolle Fracht. Ihr müsst mir beide versprechen, absolut nichts anzurühren, während Ihr dort hinten sitzt! Steigt auf! Ich bin schließlich kein Unmensch...“
„Tausend Dank! Was würden wir nur ohne Euch machen?“, entgegnete Perimos. Ihm kam der plötzliche Sinneswandel zwar verdächtig vor, doch welche Wahl hatten die beiden schon? Er lud also zusammen mit Plinos unter weiteren Dankesworten an den Händler ihr Gepäck vorsichtig auf den Wagen, an dessen Spitze Matros Virtus mit Zügeln und Peitsche saß. Direkt hinter ihm, bemüht, sich nicht auf etwas Zerbrechlichem niederzulassen, setzten sich die beiden Forscher auf die Plane. Der Händler peitschte laut in die Luft und das Gespann setzte sich zügig in Bewegung. Plinos war sehr erleichtert. Glück musste man haben!
Doch die drei waren kaum ein paar hundert Meter weit gefahren, als Matros den Wagen abrupt wieder zum Stehen brachte. Mit hochrotem Gesicht – Plinos und Perimos fuhren vor Schreck zusammen – drehte er sich zu ihnen um und brüllte: „Ich habe etwas knirschen gehört! Hab' ich nicht gerade gesagt, ihr sollt vorsichtig sein, hä?“
„Wir haben nichts gehört...“, stammelte Plinos kleinlaut und warf einen beunruhigten Blick zu seinem älteren Begleiter, der genauso perplex war wie er selbst.
„Versucht nicht, mich anzulügen! Ihr habt irgendwas kaputt gemacht!“, schnauzte sie er Händler an. Rabiat drängte er die beiden vom Wagen herunter und fuhr mit seiner riesigen, schwarz behaarten Pranke unter die Plane. Schon nach Sekunden zog er unter großen Lärm einen Kerzenständer heraus und warf ihn vor Plinos und Perimos auf die Erde.
„Ihr habt also nichts kaputt gemacht, hä? Dann schaut euch das hier mal genau an!“
Plinos hob das metallene Zierstück auf. Es war in der Mitte rechtwinklig abgebogen!
„Wisst ihr, wie viel mich das gekostet hat, ihr Idioten?“, tobte Matros Virtus weiter. „Mindestens hundert Sirad war das mal wert! Ich verlange Schadenersatz von euch!“
Hastig ließ der junge Mann der Kerzenständer wieder zu Boden fallen und kramte ein paar Münzen aus der Brusttasche seiner Weste.
„Mehr habe ich nicht bei mir“, gab er kleinlaut zu. Wie hatte das nur passieren können? Er war vorsichtig dort oben gesessen, hatte sogar in einer schmerzhaften Haltung gekniet, um ja keinen der Wertgegenstände aus Matros' Besitz zu berühren!
„Na, wenn das so ist“, polterte der Händler, noch immer krebsrot, doch nun mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht, nachdem er die fünfzig Sirad aus Plinos' Tasche nachgezählt hatte, „könnt ihr selbst schauen, wo ihr bleibt!“
Mit einem kräftigen Tritt beförderte er alle Taschen und Bündel der Wanderer auf die Straße. Und noch bevor einer der beiden sich irgendwie entschuldigend oder entrüstet äußern konnte, war Matros Virtus unter Hufgetrappel und Peitschengeknall davon gefahren.
„Verdammt nochmal!“, schrie Plinos und trat mit dem Fuß so stark gegen den massiven Kerzenständer, dass es schmerzte. „Ich habe das Ding nicht verbogen, ich schwöre es dir!“
„Das glaube ich dir auch“, sagte Perimos, während er das Corpus Delicti aufhob und prüfend begutachtete.
„Warst es du etwa?“
„Nein, ich war es auch nicht. Schau dir einmal das Ende dieses Kerzenhalters an. Das stellt man gar nicht auf den Tisch! Den Löchern an diesem Ende nach zu urteilen, hängt man es so herum“ - Perimos hob das metallene Zierteil demonstrativ in die Luft - „an die Wand!“
„Das ist also gar nicht kaputt, sondern gehört so?“
„Mhm.“
„Und Matros Virtus hat das nicht gewusst?“
„Doch, ich denke schon. Aber was ich ihm nicht glaube, ist der horrende Preis, den er uns genannt hat.“
„Er hat uns also einfach beschissen und wollte uns nie nach Vytais bringen?“
„Exakt.“
Wortlos drehte sich Plinos auf dem Absatz um, sammelte sein auf dem Weg verstreutes Gepäck auf, schulterte alles mit Gewalt und stapfte, getrieben von Wut und Enttäuschung, weiter in Richtung Vytais. Perimos brauchte einige Zeit, um seinen jungen Freund einzuholen. Auch sein Gepäck kam ihm mit einem Mal ungeheuer schwer vor, während er versuchte, mit Plinos Schritt zu halten, der keine Silbe mehr sprechen wollte und auf dessen knochigem Gesicht sich die Verzweiflung in tiefen, starren Falten eingekerbt hatte. Der traurige Anblick wurde noch dadurch verstärkt, dass es inzwischen bedeutend dunkler geworden war und die schwarzen Wolken, die noch vor kurzer Zeit weit entfernt gehangen hatten, sich bedrohlich schnell näherten.
„Na, zumindest ist es jetzt nicht mehr heiß“, versuchte Perimos die Stille zu brechen, doch er erntete nur einen strafenden Blick.
Durstig, müde, ausgelaugt und nun auch immer stärker frierend, wanderten die beiden weiter durch die Einöde. Vom Wald war zwar keine Spur mehr zu sehen, was dafür sprach, dass ihr Ziel nicht mehr weit entfernt sein konnte, doch das konnte auch an der fast völligen Finsternis liegen, die jetzt, eine Stunde nach der Begegnung mit Matros Virtus, über der Gegend lag.
Da erblickten die Wanderer – sie hatten es selbst schon nicht mehr für möglich gehalten – in der Ferne ein schwaches Leuchten, das mit jedem Schritt vorwärts klarer zu erkennen war. Trotz allem, was ihnen widerfahren war, fassten Plinos und Perimos noch einmal etwas Hoffnung. Sie beschleunigten unter Einsatz ihrer letzten Kraftreserven noch einmal ihren Lauf. Tatsächlich konnte man nun trotz der Dunkelheit am Ende der Straße die Mauern von Vytais erkennen, hinter denen Fackeln und Laternen hervor leuchteten. Rot und gelb schimmerte die Stadt gegen den Nachthimmel, an dem der winzige Mond, der jede Nacht über Keleitane schien, nicht zu sehen war: Die Gewitterwolken verdeckten nun den ganzen Himmel. Aber das war egal! Endlich hatten sie es geschafft! Noch einmal heiterte der Blick des jungen Forschers sich etwas auf. Schon in einer halben Stunde würden Perimos und er in einer Herberge liegen – schließlich war er so reaktionsschnell gewesen, Matros Virtus nicht tatsächlich seine gesamte Barschaft zu überlassen und Perimos hatte gewiss noch mehr Geld dabei. Kurze Zeit später standen er und sein älterer Kollege dann endlich vor dem großen, hölzernen Tor der Trabantenstadt Vytais. Die Riemen ihrer Taschen schnitten mittlerweile ins Fleisch der beiden Menschen und sie waren völlig durchgefroren.
„Wache, bitte öffnet das Tor!“, keuchte Plinos nach oben.
Hinter den Zinnen der Mauer steckte ein junger Leian den Kopf hervor, sichtlich verwundert über den späten Besuch.
„Das darf ich nicht“, war seine knappe Antwort, „Anordnung der Stadtältesten!“
„Warum denn das?“
„Nach Sonnenuntergang darf niemand herein, das ist zu gefährlich!“
„Warum? Sehen wir etwa aus wie eine bewaffnete Armee?“, keifte Plinos, nun außer sich vor Wut – Wie viel konnte eigentlich an einem Tag schief gehen?
„Ich habe meine Anweisungen, tut mir leid“, wiederholte der Leian und verschwand wieder auf dem Wehrgang der Stadtmauer.
„He! Komm zurück und lass uns rein!“, schrie Plinos, doch es hatte keinen Zweck. Kraftlos und zitternd sank er auf die Knie. Perimos, ebenso erschöpft und ungläubig über dieses harsche Vorgehen, schlug schließlich, während sein Freund noch immer nicht aufgestanden war und leise vor sich hin fluchte, ein behelfsmäßiges Nachtlager am Fuße der Mauer auf. Doch als er fertig war, ließ sich Plinos mit einem Ausdruck tiefster Dankbarkeit im Gesicht auf die Decke fallen, die Perimos auf dem Boden für ihn ausgebreitet hatte.
„Du musst verrückt sein, wenn du mit einem Pechvogel wie mir weiterreisen willst“, stellte der junge Mann traurig fest, „Morgen früh darfst du umkehren, ich kann ja kaum für mich selbst sorgen.“
„Sag so etwas nicht! Wir suchen uns morgen erst einmal einen Gasthof in der Stadt und dann sehen wir weiter.“
„Wenn du meinst.“
Plinos drehte sich auf die Seite und versuchte einzuschlafen, aber schon nach einer Minute erreichte die der Regenschauer, der sich schon seit Nachmittag angekündigt hatte, den Schlafplatz der Forscher. Als die ersten, schweren Tropfen auf das unüberdachte Nachtlager fielen, tastete er in der Dunkelheit mit der rechten Hand nach einer seiner Taschen und zog sie unter seinen Körper.
Perimos wunderte sich: „Ist das bequemer?“
„Nein, aber das Papier da drin darf nicht nass werden.“
„Bis jetzt habe ich meine Neugierde zurückgehalten, aber die Frage musst du mir gestatten: Wozu um Himmels Willen trägst du tausend Blatt Papier mit dir herum?“
„Ich möchte unsere Reise dokumentieren.“
„Alles?“
„Ja. Von heute an bis zu dem Tag, an dem ich nach Tektopolis zurückkehre.“
„Da hast du dir ja etwas vorgenommen. Ich verstehe ja, wie wichtig es für dich ist, alles festzuhalten, was du erfährst. Wenn die Reise so verlaufen wird, wie du sie geplant hast, werden wir ohne Zweifel einiges entdecken, was erstaunlich genug ist, um ein Buch darüber zu schreiben. Aber gerade, dass du diese Last mit dir herumträgst, könnte verhindern, dass wir Erfolg haben mit diesem Vorhaben. Überleg dir gut, ob du das Risiko eingehen willst. Und schlaf gut.“
„Gute Nacht.“
So sehr Perimos die Unvernunft seines Freundes auch missfiel, hin und wieder bewunderte er Plinos für sein Vermögen, durchzuhalten und sich einer Sache ganz und gar hinzugeben. Hoffentlich würde ihm das niemals zum Verhängnis werden. Mit diesen schweren Gedanken im Kopf fiel Perimos schließlich vor Erschöpfung in einen unruhigen, regendurchnässten Schlaf.



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