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Prosa => Liebe


Stahlbetonzeit - von HERBERT, 02.01.2015
Stahlbetonzeit - Neonlicht

Ich erwachte. Der Boden dröhnte, Benzingeruch reizte die Nase. Der Körper schmerzte. Ich lag im Dunkeln, suchte vergeblich Erinnerungsfetzen. Undurchdringliche Schwärze herrschte. Kein Licht, keine Ahnung, keine Peilung. Im Gehirn kämpfte der Drang aufsteigender Tränen um ein Fetzen Bewusstsein. Zwei Minuten vergingen, ich kam zu mir.

„Komm mit, ich kenne einen Laden in der Rue Montmartre.“ Marie lachte. Sie beugte den Kopf, küsste meinen Mund. Die Berührung schien Ewigkeit. Sie verlangte die Rechnung, darauf verließen wir das Café Les Deux Magots im Saint Germain. Der Morgen im Quartier roch nach schwarzem Kaffee und frischen Croissants. Das Herz klopfte mir bis zum Hals, sobald ich Maries Hand fühlte. Wir alberten durch Kleingassen und Hinterhöfe. Mir fiel auf, dass die Abfallsäcke vor dem tunesischen Gemischtwarenladen Charme versprühten. Der Morgenhimmel entfaltete ein zartes Rot über den Dächern von Paris.
„Ich muss im Hotel anrufen“, sagte ich zu Marie. „Der Schulfreund wird Fragen stellen. Unser Zug fährt um elf Richtung Straßburg.“
Ich fütterte einen Telefonautomaten mit Münzen, Marie streichelte meinen Handrücken. „Mach du dir keine Sorgen“, flüsterte sie. „Ihr seid erwachsene Jungs. Ihr müsst auf euch aufpassen.“
Ich hinterließ eine Nachricht für Matthias an der Rezeption. Die Begleiterin hatte Recht. Ich beunruhigte mich grundlos.
„Der ist Tag zauberhaft gewesen, fahr mit mir nach Hause. Bitte.“ Marie hauchte mir die Worte ins Ohr. Wir tanzten umschlungen. Die Diskothek Scala vibrierte im Spiel der Laserstrahlen. Mitternacht zog vorbei. Die Nebel aus Trockeneis trugen Erinnerungsschwaden. Sie hatte mich vor zwei Morgen bei einem Café in den Tuilerien angesprochen. In der kommenden Nacht strichen wir durch die Clubs im Saint-Denise. Tagsüber reihten wir die Shoppingtour an. Ich verlor mich mit Marie. Ich hatte den Freund Matthias verdrängt, das Rückreiseticket, die Schule, die in ein paar Stunden auf meine Person wartete. Fünfhundert Kilometer entfernt. Ich hatte alles vergessen.
Im Taxi fuhren wir in ein Banlieu von Paris. Nichts schien von Bedeutung. Wir hielten uns umarmt, überdeckten uns mit Küssen. Die Fahrt geriet zu einem Traum von Liebe.

Den Abschied gestalteten wir kurz. Ich stieg die Treppe zu einer Metrostation hinab und folgte in der Tiefe den Gängen zur Haltestelle. Das Neonlicht verscheuchte den Film im Kopf. Das Jammern aus dem Saxophon eines Straßenmusikanten erfüllte die Betonhöhlenwelten. Ich heulte gleich einem Schlosshund. Das Elend umschloss die Gefühle.
Das Hotelzimmer war geräumt, mein Freund längstens abgereist. Ich verließ Paris per Anhalter. Das Geld reichte nicht mehr für ein Bahnticket.
Die Reise führte stockend von Autobahnraststätte zu Autobahnausfahrt, von Tankstelle zu Lastwagenrastplatz. Nach Stunden war alles zu viel. Ich musste schlafen. Unter einem Stahlbetonträger legte ich mich mit dem Gesicht zur Wand und umhüllte den Kopf mit der Jacke.
Beim Erwachen herrschte Dunkelheit. Die Erinnerung setzte ein. Tränen tropften vor mir auf den Boden. Die Abwesenheit von Marie schmerzte.

Ich dachte trotz Kummer, ich sei der glücklichste Mensch auf der Welt.



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