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Tom und die andere Seite I/III - von Larry-Palmer, 17.08.2014
Tom und die andere Seite
-Sirhan-


I/III


In Die andere Seite lernt Tom mehr von den Dingen, die für viele Menschen unsichtbar und verborgen sind. Tom entdeckt seine seherischen Fähigkeiten und beginnt zu verstehen, dass da mehr zwischen Himmel und Erde ist, als er mit bloßem Auge sehen kann.

Für Tom ist diese Bewusstseinserweiterung ein schmerzhafter Prozess, denn es gibt niemanden dem er sich anvertrauen könnte.
Wer würde ihm glauben?


Sirhan


Eine unsichtbare Stimme bohrte sich mit großer Macht in Toms Unterbewusstsein. Sirhan, Sirhan, Sirhan!!!
Tom fuhr gerade mit hoher Geschwindigkeit auf der alten Kirchberger Straße, die hinunter nach Sohren führte. Er trat wie wild in die Pedale seines Fahrrades und der Fahrtwind zerrte an seinen Haaren.
Sirhan!! Sirhan!! Sirhan!!! Die Stimme wurde lauter, drängender. Tom bemerkte nicht, dass er langsam das Bewusstsein verlor. Sirhan!!! Sirhan!!! Sirhan!!! Die scharfe Rechtskurve kam rasend schnell näher doch Tom sah und hörte nichts mehr. Wie von Geisterhand geführt, legte er sich jedoch rechtzeitig auf die Seite und folgte dem Verlauf der Kurve, ohne das er geradeaus gegen die mächtige Birke am Straßenrand knallte.
Am Kurvenausgang musste sich Tom den Gesetzen der Physik allerdings beugen. Noch immer in starker Schräglage, unternahm er nichts mehr sein Fahrrad aufzurichten. Tom stürzte um, schlug heftig auf dem Teer der Straße auf und rutschte, unter seinem Fahrrad liegend, circa 30 Meter über die Straße. Schlidderte in den Graben neben der Straße und kam schließlich, nur wenige Zentimeter vor dem Ortsschild, zum liegen. Der Sohrener Friedhof lag 20 Meter zu seiner rechten. Tom spürte nichts von dem was geschah, er hörte nur immer wieder diese fremde Stimme. Sirhan!!! Sirhan!!!
Immer wieder Sirhan.
Er blieb einige Minuten benommen liegen und kam nur allmählich wieder zu sich. In den schwarzen Mantel der Ohnmacht drang der erste schwache Lichtstrahl und die Erkenntnis, schwer gestürzt zu sein. Geräusche drangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Tom verstand nicht was mit ihm geschehen war und hatte die Orientierung verloren. Sirhan! Sirhan! Sirhan!! Raunte es noch immer in seinem Kopf und er schloss seine Augen, um Kraft zu schöpfen.
„Hey, are you okay?“ Ein 1965er Ford Mercury hatte neben Tom gehalten. Die Fahrerin des Wagens hatte Toms Sturz mit angesehen und erschrocken sofort auf die Bremse getreten, als Tom an ihrem Wagen vorbei geschliddert war. Im Fond des Wagens drückten sich zwei Kinder an den Seitenscheiben die Nasen platt. Sirhan! Sirhan! Sirhan!!! . Erneut bildete sich in Toms Kopf ein Strudel, der ihn in die Tiefe reißen wollte. Tom aber widersetzte sich diesem Sog nun vehement. „ARE YOU ALRIGHT!?“ Wie durch Watte drang diese Stimme laut und doch warm und fürsorglich an sein Ohr. Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter. Debbie, so hieß die Amerikanerin, war besorgt aus ihrem Wagen ausgestiegen als Tom nach dem Sturz wie tot liegen geblieben war. „Yes Madam.“ Toms Stimme versagte. Nachdem er ein paar Mal tief durchgeatmet hatte antwortete er: „ I think so, thank you.“ Die Konversation mit Debbie half ihm den Bann zu brechen, die Stimme in seinem Kopfe verhallte.
Tom lag unter seinem Fahrrad und konnte sich kaum bewegen. Debbie stieg in den Graben und hob das Rad etwas an, so dass er darunter hervor klettern konnte.
Toms Bewusstsein klärte sich endgültig, als er wieder auf seinen Beinen stand. Er führte seine allseits bekannte Prozedur durch,
„Arme?“ „OK!“ „Beine?“ „OK!“ „Kopf.., noch dran.“ „Autsch, das tut weh!“
Tom griff an seine rechte Hüfte und ein messerscharfer Schmerz durchfuhr seinen Unterkörper. „Verdammt, dieses Mal habe ich tatsächlich was abgekriegt!“ Doch der Schmerz begann bereits wieder etwas nachzulassen.
„Das hätte schlimm enden können.“ Debbie sprach hervorragend Deutsch. Sie hatte schnell bemerkt, dass Toms Englischkenntnisse nicht die besten waren. Tom erfuhr, dass Debbies Mann auf der Air-Base im Tower als Fluglotse beschäftigt war. Sie war gerade auf dem Weg ihn abzuholen. „Du kamst angerauscht wie ein Starfighter im Low Level Flight“, sagte sie und lachte auf eine Art und Weise die Tom sehr gefiel.
„So, Tom ich muss weiterfahren. Bist du sicher, dass es Dir gut geht oder soll ich Dich nach Hause bringen?“
Sie kümmerte sich rührend um Tom, dem das alles schrecklich peinlich war. Ihm gefiel Debbies Art. „Ich bin okay, Debbie. Vielen Dank für ihre Hilfe.“
„Na gut mein Lieber, vielleicht sehen wir uns mal wieder.“
„Oh ja, Debbie das währe schön.“ Die beiden verabschiedeten sich und Tom setzte seinen Weg ins Dorf fort, es war nicht mehr weit.
„Was wollte ich hier eigentlich?“, fragte sich Tom, als er den zentralen Platz des Dorfes, der Backes genannt wird, erreicht hatte. Er wusste es nicht mehr, und es sollte ihm auch nicht mehr einfallen.
Tom hielt an und machte sich daran sein Fahrrad zu überprüfen. Irgendetwas stimmte nicht mit den Pedalen.
„Hupe... Okay, Tacho?... Okay, Licht?....Okay.“ Soweit so gut, „aber das Pedal kann ich nicht allein reparieren.“ Erst jetzt realisierte Tom, mit welcher Wucht er auf der Straße aufgeschlagen war. Das rechte Pedal, immerhin aus massivem Stahl gefertigt, wurde durch den Aufprall so verbogen, dass es am hinteren Rahmen des Fahrrades anschlug. Bei jeder Umdrehung der Kurbel machte es Tack. „Das Ding brauch ich neu.“
Seine rechte Körperhälfte schmerzte und Tom zog den Pulli hoch, um nachzuschauen was da los war. „Verdammt, das gibt Ärger!“
Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Ab dem rechten Rippenbogen abwärts bis zum Hüftknochen, war die Haut großflächig aufgerissen und blutete sehr stark. „Wie soll ich das meiner Mutter erklären?“ Nun kam auch der Schmerz wieder zurück. Heiß und brennend strahlte er vom Bauch bis in die Beine. Und, wer oder was war Sirhan? Tom verstand nicht was dass soeben passierte zu bedeuten hatte.
Warum er, aus heiterem Himmel, ohnmächtig wurde. Und dann diese Stimme, die sich zunächst leise flüsternd, kurz vor seinem Sturz jedoch regelrecht brüllend, heimtückisch in seine Gedanken bohrte. Tom versuchte den Ablauf der Geschehnisse zurück zu verfolgen, aber sein Erinnerungsvermögen ließ ihn im Stich. Er konnte sich nicht mehr an die vergangen zehn Minuten erinnern, alles lag im Dunkeln. Tom war intelligent, und er konnte manchmal unheimliche Fragen stellen. So brachte er einmal den Rektor seiner Schule, Herrn Göbel in arge Bedrängnis als er ihn fragte, warum Pfürze stinken. Er bekam keine Antwort.
„Gut, also von vorne“, dachte er und konzentrierte sich. In seinen Gedanken formten sich Bilder. Er sah das Haus in dem er wohnte und sein Fahrrad stand davor. In der nächsten Szene sah er sich die Holztreppe vom ersten Stockwerk nach unten ins Erdgeschoß laufen.
Er erreichte die Haustür, öffnete sie und verließ das Haus.
Dann sah er sich zu seinem Fahrrad laufen, stieg auf und fuhr los. Die Erinnerung an die folgende Minute fehlte gänzlich. Tom konnte sich lediglich an die verhängnisvolle Stimme in seinem Kopf erinnern und daran, dass er im Straßengraben wieder aufwachte.
Jetzt, da er darüber nachdachte viel Tom allerdings etwas sehr sonderbares auf.
Als er losgefahren war, hatte sich etwas verändert. Das Gras der Wiesen war nicht grün gewesen, alles hatte die Farbe verloren. Merkwürdig milchig sahen die Bäume aus ja, sogar der Teer Straße hatte seine Farbe verloren. Alles hatte ausgesehen wie in Nebel gehüllt.
„Das glaubt mir kein Mensch“. Jetzt wurde Tom ärgerlich. Er wusste nicht wie er seine Verletzung und das demolierte Fahrrad seiner Mutter erklären sollte. Sie hatte ihm verboten zu lügen. „Wer einmal lügt dem glaubt man nicht, auch wenn er mal die Wahrheit spricht“, hatte sie zu ihm gesagt. Er befand sich in einer echten Zwickmühle. „Wie war das noch mit Recht und Unrecht gewesen!?“, dachte Tom. Und dann war da noch dieser Vorfall mit dem Mond gewesen. Da hatte Tom auch die Wahrheit gesagt, aber niemand hatte ihm geglaubt.
Dieses Erlebnis lag zwei Jahre zurück. Es war ein Tag im Herbst gewesen.
Sein Vater musste an diesem Tag nicht zur Arbeit und spielte mit Pascha, ihrem Schäferhund unten vor dem Haus auf der Wiese. Tom war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt, und befand sich bei seiner Mutter in der Küche die ihm ein riesiges Brötchen mit Salami zubereitete. Tom liebte riesige Brötchen mit Salami.
„So, Tom hier ist dein Brötchen. Papa ist unten.“
Tom schnappte sich das Brötchen und rannte, wie immer, die Treppe nach unten um seinen Vater zu suchen. Kaum hatte Tom das Haus verlassen wurde er bereits von Pascha entdeckt und überschwänglich begrüßt. Pascha sprang an Tom hoch und leckte ihm erst einmal kräftig durch das Gesicht. Die beiden hüpften herum, Tom lachte laut und Pascha jaulte vor lauter Freude.
Doch plötzlich blieb Tom wie angewurzelt stehen. Pascha ließ sofort von ihm ab, zog den Schwanz ein und rannte zu Toms Vater der sich Tom von hinten näherte, aber noch einige Meter entfernt war.
Tom rührte sich nicht mehr.
Tom sah Etwas. Etwas so phantastisches wie er es nie zuvor gesehen hatte. Er befand sich in einer anderen Welt. In dieser Welt gab es keine Wiesen und Bäume mehr, auch sein Vater und Pascha, das Haus, alles war verschwunden. In dieser Welt stand Tom auf einem kleinen Hügel, und um ihn herum war nur milchiges Weiß. Hier gab es keine Konturen und auch keine Farben mehr. Bis zum Horizont reichte dieses unheimliche, milchige Weiß. Die Topographie allerdings hatte sich nicht verändert. Die sanften Hügel die Tom kannte, waren nicht verschwunden, aber sie sahen alle so trostlos und nackt aus. Und dann sah Tom den Mond. Der Mond war riesig, bestimmt zwanzigmal größer als der Vollmond den er kannte. Und dieser Mond glühte, seine Oberfläche kochte. Tom konnte riesige Krater auf der Oberfläche dieses Mondes erkennen. Ein Meteorit stürzte auf den Mond, und glühendes Gestein spritzte weit in den Weltraum. Tom drehte sich zu seinem Vater um. „Hast du das gesehen!?“, fragte er seinen Vater. „Was gesehen, Tom?“ „Na, den Mond!“ Tom deutete auf die Stelle am Himmel. „Weg?“ Alles war wie vorher. Der glühende Mond, der Nebel, alles war verschwunden. Tom erklärte seinem Vater bis ins Detail was er gesehen hatte. Der hatte den glühenden Mond jedoch nicht gesehen, und schaute Tom verständnislos an. Tom war traurig, weil sein Vater offensichtlich nicht verstand wovon er sprach. Es gab allerdings einen unumstößlichen Beweis dafür, dass er die Wahrheit gesagt hatte: Pascha traute sich auch mehrere Stunden nach diesem Vorfall nicht in Toms Nähe und wirkte nervös.
Tja, Tom hatte ein Problem. In dieser Situation die Wahrheit zu sagen wäre nicht klug gewesen. Seine Mutter würde ihn wohl sofort in eine Nervenklinik einweisen lassen, so absurd musste sich Toms Erlebnis für Sie anhören.
Tom konnte Sie schon sagen hören „Herr Doktor, mein Sohn hört Stimmen...!“
„Nein!“, sagte Tom wütend, „so geht das nicht!“ Also musste er sich eine Geschichte einfallen lassen.
„Ich sage einfach, ein Lastwagen hätte mich so erschreckt, dass ich in den Graben gefahren bin.“ Tom war nun zufrieden, diese erfundene Begründung für seine Verletzung und das defekte Fahrrad, würden ihren Fragen standhalten.
„Aber was wollte ich im Dorf?“ Es viel Tom nicht mehr ein, außerdem hatte er Schmerzen. Also machte Tom sich auf den Rückweg nach Hause. Tom musste nun sein Fahrrad schieben, und jeder Schritt tat Ihm weh. Er benutzte den Alten Weg, einen Feldweg, auf dem nur Traktoren fuhren. Während er so marschierte dachte er immer wieder über Sirhan nach. Tom hatte diesem Namen noch nie gehört, und konnte ihn nirgendwo in seiner Erinnerung einordnen. Wenig später war Tom zu Hause angekommen.
Nachdem er sein Fahrrad abgestellt hatte, ging er sofort zu seiner Mutter, um ihr seine Verletzung zu zeigen. „Du Mama, ich bin hingefallen“ sagte er völlig ohne Emotionen.
„Was ist denn passiert, Tom?“ Wollte sie postwendend von ihrem Sohn wissen.
„Vorhin, als ich ins Dorf gefahren bin, war so ein großer Laster hinter mir. Ich habe mich so erschrocken, dass ich in den Graben gefahren bin“
„Hast du dir wehgetan?“
Statt zu antworten zog Tom seinen Pulli hoch und zeigte Linda seine Verletzung.
„Um Gottes Willen, Tom. Das sieht schlimm aus, du gehst am besten sofort zu Doktor Harmstorf!“ Sie war wirklich erschrocken und wurde aschfahl im Gesicht.
„Nein, Mama. Das ist nicht so schlimm!“ versuchte Tom abzuwiegeln. Er hatte keine Lust erneut ins Dorf gehen zu müssen. „Ich bestehe darauf!“ Linda blieb dabei, es gab keine weitere Diskussion. Sie ging zum Schreibtisch und zückte einen Krankenschein in dem sie Toms Daten eintrug. „So, hier ist der Krankenschein. Du gehst jetzt zu Doktor Harmstorf, und lässt dich untersuchen. Bitte, Tom geh zum Arzt, und halte dich nicht unnötig woanders auf!“ Linda war besorgt. „Ja, ja Mama, ich gehe ja schon.“ Tom rollte mit den Augen. „Ach übrigens, Mama das Fahrrad ist kaputt. Ich brauche ein neues Pedal.“ „Hier hast du zwanzig Mark, Tom. Kauf dir die Teile, die du zur Reparatur benötigst, aber gehe zuerst zum Doktor!“ „Versprochen“, erwiderte Tom, der sich freute, dass Linda keine große Diskussion wegen des Geldes mit ihm begann. „Du musst los, Tom, der Doktor beendet seine Sprechstunde in dreißig Minuten!“ „Bin schon weg!“
Tom setzte sich auf sein Fahrrad und fuhr langsam los. „Tack... Tack...Tack...“ „Gleich geht es bergab, dann hört das nervige Tacken auf.“ Tom dachte bereits an die bevorstehende Reparatur seines Rades und überlegte was er alles kaufen musste.
Zehn Minuten später erreichte er die Praxis und ging in das leere Wartezimmer. „Na, Tom was machst du denn hier?“, wurde er von Frau Pöhl, der Sprechstundenhilfe gefragt. „Ich bin mit dem Fahrrad gestürzt und Mama hat gesagt, dass der Doktor sich das mal anschauen soll“ sagte Tom, nachdem er Frau Pöhl den Krankenschein übergeben hatte. „In Ordnung, Tom. Der Doktor hat gleich Zeit für dich. Ah, da kommt er schon.“ „Hallo, Tom was machst du denn hier, du bist doch nicht etwa krank?“ „Nein, ich bin mit dem Fahrrad gestürzt und habe mir wehgetan.“ Na komm, lass uns in das Behandlungszimmer gehen.“ „Es riecht hier so komisch“, bemerkte Tom. „Das ist das Desinfektionsmittel, Tom. Das riecht so. So, lass mal sehen was dir fehlt.“ Tom wollte wiederum seinen Pulli nach oben ziehen, aber das ging nicht mehr, der Stoff hatte sich mittlerweile in der Wunde verklebt. „Geht nicht mehr!“ sagte Tom trocken. „Das haben wir gleich“, sagte Doktor Harmstorf und holte destilliertes Wasser.
Nachdem der Doktor die verklebte Stelle des Pullis angefeuchtet hatte, zog er den Stoff vorsichtig aus der Wunde. Tom presste die Luft aus den Lungen, und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Weiß traten die Knöchel aus der Haut hervor. „AUAAA!“, stöhnte er. „Ich weiß mein Junge, das tut weh, aber es muss sein. Du hältst dich ganz tapfer!“ Tom fühlte sich, als würde Ihm die Haut abgezogen. „So geschafft. Du hast es überstanden, Tom. Sag mal, wie ist denn das passiert? Du hast dich ganz schön verletzt!“ Tom überlegte ob er Doktor Harmstorf die Sache mit Sirhan erzählen sollte. Immerhin war er eine Person, der man Vertrauen konnte. Auf der anderen Seite konnte ein Arzt wie er, Toms Weg ins Irrenhaus ganz erheblich verkürzen. Tom entschied sich die Geschichte mit dem Lastwagen zu erzählen.
„Hast du das Nummernschild erkennen können?“ „Nein, ich lag doch im Graben und der Laster fuhr einfach weiter“ Doktor Harmstorf reinigte Toms Wunde und legte einen Verband an. „Fährt einfach weiter, gibt’s denn so etwas!“
„So fertig, Tom der Verband hält erst einmal. Und jetzt..., wann wurdest du denn zuletzt gegen Wundstarrkrampf geimpft?“ „Das weiß ich nicht, warum?“ Tom ahnte bereits, worauf der Doktor hinaus wollte. „Nun, weil bestimmt Schmutz in deine Wunde gekommen ist, und weil du dadurch sehr, sehr krank werden kannst!“ „Also eine Spritze!“ Tom bekam weiche Knie. „Ja mein Lieber, aber Ich verspreche dir, dass es nicht weh tun wird“ Doktor Harmstorf zog bereits die Spritze auf. „Tom, bitte zieh die Hose runter!“ Tom tat wie Ihm geheißen und im nächsten Moment pikste es auf seiner rechten Po-Hälfte. „So fertig, Tom das war es schon. Hat doch nicht wehgetan oder?“ „Nein!“ sagte Tom und zog sich die Hose wieder hoch.
Tom bekam noch einige Tipps vom Doktor wie er mit dem Verband umzugehen hatte, und konnte dann gehen. Sein Po schmerzte. „Tut bestimmt nicht weh!“ äffte er den Doktor nach. „Und wie das weh tut, jetzt schmerzt nicht nur Mein Bauch, jetzt brennt auch noch mein Arsch wie Feuer!“ Tom brummelte verstimmt vor sich hin.
Sein nächster Weg führte ihn zum Fahrradgeschäft, wo er sich ein neues Pedal für sein Fahrrad besorgen wollte. Tom betrat den kleinen Laden und wurde freundlich von Herrn Schmeckebier, dem Inhaber begrüßt. „Hallo, Tom. Na wie geht’s? Du humpelst ja, ist was passiert?“ „Ich brauche ein neues Pedal, das alte ist verbogen.“ „Bist hingefallen was, na lass mal sehen. Wo steht dein Rad?“ „Der riecht wieder wie ein Schnapsladen.“ Tom verzog die Nase, als ihm der Alkoholgeruch, den Herr Schmeckebier ausdünstete, entgegenfuhr. Herr Schmeckebier, der Name war reiner Zufall, trank viel und gerne. Meistens Schnäpse, im Prinzip jedoch jedes Getränk welches Alkohol enthielt.
Die beiden verließen den Laden und Tom zeigte Herrn Schmeckebier sein Fahrrad. „Mein lieber Freund, wie hast Du denn das hingekriegt?“ Tom erzählte seine Geschichte nun zum dritten Mal. „Na, das haben wir gleich!“ Herr Schmeckebier griff sich Toms Rad und schob es in seinen Laden um das Pedal auszuwechseln.
Tom freute sich über diese Geste, denn Werkzeug hatte Herr Schmeckebier in Massen. Hätte Tom geahnt, in welchem Fiasko diese Reparatur endete, hätte er schleunigst das Weite gesucht. So aber...
„So, mal sehen, ah Sechser Maulschlüssel!“ Herr Schmeckebier kniete vor Toms Fahrrad um sich anzusehen, welches Werkzeug er brauchen würde. „Und einen Dorn, um den Splint raus zuschlagen!“ Er stand unsicher auf und ging in den hinteren Teil des Ladens um das Werkzeug zu holen. Tom schaute Herrn Schmeckebier interessiert zu. Es rappelte und klapperte als Herr Schmeckebier diverse Kisten und Kartons nach dem Werkzeug durchsuchte. Schließlich kam er zurück und kniete sich erneut vor Toms Rad. Herr Schmeckebier setzte den Maulschlüssel an und drehte kräftig an der Schraube. „Herr Schmeckebier, das ist Falschrum..“ warnte Tom noch. Aber es war bereits zu spät. Die Schraube, die den Splint hielt, wurde von Herrn Schmeckebier schonungslos abgerissen. „Und jetzt?“ fragte Tom zweifelnd. „Haben wir gleich!“ sagte Herr Schmeckebier von sich überzeugt und setzte den Dorn an den Splint, um diesen aus der Pedalhalterung zu schlagen. Herr Schmeckebier griff sich den Hammer und schlug auf den Dorn. „Peng!“ Toms Fahrrad erzitterte, doch der Splint rührte sich nicht. „Aha, Zicken machen willst Du.“ Herr Schmeckebier sprach mit Toms Rad. „Na warte!“ zornig setzte Herr Schmeckebier den Dorn erneut an den Splint und schlug, diesmal mit roher Gewalt, zu. „Peng!!!“ Der Splint flog davon und der Hammer knallte ungebremst auf Herrn Schmeckebiers rechtes Knie. Der fiel vor Schreck auf seinen Hintern. „Ah, verdammt, du und dein blödes Fahrrad. Hier mach es selbst!“ Er reichte Tom den Hammer. „Haben Sie sich sehr weh getan Herr Schmeckebier?“ fragte Tom besorgt. „Es geht schon mein Junge, ist nicht so schlimm“ Herr Schmeckebier versuchte mühsam auf die Beine zu kommen. Dabei hielt er sich an Toms Fahrrad fest, das prompt umschlug, und ihn unter sich begrub. Durch den Aufschlag verklemmte sich der Schalter der elektrischen Hupe die Tom montiert hatte, und trötete los.
Herr Schmeckebier verlor nun endgültig die Fassung, „...Herrgott..., zum Teufel noch eins..., Ahhhhh! Tom, bitte hilf mir. Zieh das Fahrrad hoch und bitte..., stell diese gottverdammte Hupe ab!“ Tom zog das Fahrrad hoch und stellte es wieder auf den Ständer. Dann löste er den verklemmten Schalter der Hupe, und es wurde still in dem kleinen Laden, nur Herr Schmeckebier stöhnte leise. „Ich brauche jetzt einen Schluck. Tom, bitte geh hinter den Tresen, gleich vorne steht eine braune Flasche, bring sie mir.“ Tom holte die Flasche. „Schinkenhäger“ stand auf dem Etikett. Nachdem Herr Schmeckebier einen tiefen Schluck aus der Flasche genommen hatte, rappelte er sich auf und stellte sich schwankend vor Toms Rad.
„So, Tom komm wir machen weiter“ Tom wäre am liebsten abgehauen, aber er blieb, ohne sein Fahrrad wollte er nicht gehen. Erneut setzte Herr Schmeckebier den Hammer ein. Diesmal jedoch langsam und sehr, sehr vorsichtig. Das Pedal löste sich leicht von der Kurbel und Herr Schmeckebier nickte zufrieden. „So, Tom gleich kannst du wieder losfahren.“ Und tatsächlich, die Montage des neuen Pedals dauerte nur wenige Minuten. „Na, wie habe ich das gemacht, Tom?“ fragte er und rieb sich das schmerzende Knie. „Gut!“ bestätigte Tom ehrlich. Aber Tom wollte jetzt so schnell wie möglich raus aus dem Laden, er hatte genug.
„Was kostet das, Herr Schmeckebier?“ „Tja, mal sehen, Tom. Ein Pedal..., achtmarkdreißig und der Splint.., dreißig Pfennig. Das macht achtmarksechzig Tom.“ Tom zahlte und versäumte nicht sich für Herrn Schmeckebiers Hilfe zu bedanken. Dann verließ er das Geschäft und schwang sich auf sein Rad. „Autsch!“ Seinen schmerzenden Po hatte er ganz vergessen. Sein Fahrrad jedenfalls, war wieder ganz in Ordnung. Zufrieden machte er sich auf den Heimweg.

„Na Tom, wie war es bei Doktor Harmstorf?“ Tom war gerade zu Hause angekommen und Linda wollte natürlich sofort wissen, wie schlimm seine Verletzung wirklich war. „Der Doktor hat mir eine Megastuss..., äh..., Tetanusspritze gegeben Mama, und er hat mich verbunden, war nicht so schlimm.“ „Und dein Fahrrad?“ „Ist auch wieder in Ordnung, Herr Schmeckebier hat mir bei der Reparatur geholfen.“ „So, Herr Schmeckebier half Dir also. Hat er sich dabei verletzt?“ „Kaum, Mama. Hier ist das restliche Geld. Was gibt es denn zu essen?“ Tom hatte Hunger, immerhin war es schon 17.30 Uhr geworden. „Wie wäre es mit Ravioli, Tom?“ „Oh ja, gerne“, sagte Tom und schaltete den Fernseher ein.
„Die Wahlkampagne von Senator Robert F. Kennedy ist in vollem Gang. Gestern besuchte Senator Kennedy die Bundesstaaten Massechusets und Oregon. Die Wahlveranstaltungen verliefen ohne Zwischenfälle“
Nachrichten interessierten Tom nicht sehr, er schaltete daher um auf das zweite Programm. „Ah, Flipper, sehr gut!“ Tom liebte den Delphin, der gerade übermütig aus dem Wasser sprang und sich zurück fallen ließ.
Tom machte es sich auf der Couch bequem. „Autsch!“ Seine Verletzung hatte er bereits total vergessen. Mit dem Schmerz kam die Erinnerung. „Wer oder was ist Sirhan?“, fragte sich Tom erneut. „Vielleicht...“
Tom stand vorsichtig auf und ging zum Bücherregal. Er suchte das große Lexikon, möglicherweise hatte das Buch eine Antwort parat. „Okay, mal sehen..., Siamesische Zwillinge..., Sinan..., Sirene..., Sirius...?“
Tom konnte den Begriff Sirhan im Lexikon nicht finden. „Was suchst du denn Tom?“ „Ach nichts Mama, mir ist langweilig und ich wollte etwas lesen aber das Lexikon ist schon zu alt“
Tom legte sich wieder auf die Couch. „Wie finde ich heraus, was oder wer Sirhan ist?“ Tom vielen die Augen zu, dieser Tag war sehr anstrengend für ihn geworden. Tief in seinem inneren spürte er dass sich etwas unheimliches, unbegreifliches auf ihn zu bewegte. Tom aber war noch viel zu jung um zu erkennen dass sich sein Leben von diesem Tage an grundlegend ändern sollte.
Er viel in einen unruhigen Schlaf und träumte lebhaft. Immer wieder erschien ein Gesicht in seinem Traum. Ein Mann schaute ihn aus traurigen Augen vorwurfsvoll an.
Die geheimnisvolle Person streckte die Hand nach Tom aus, berührte ihn an der Wange. Tom schreckte hoch „Nein...!“ Noch benommen erkannte Tom, dass er aus einem Alptraum aufgewacht war. „Oh Mann“, stöhnte er gequält. Tom erhob sich. Er fühlte sich unruhig, und wollte irgendetwas tun, dass ihn ablenken würde. „Mama, ist das Essen fertig?“ „Schon eine ganze Weile, Tom. Aber du hast so tief geschlafen, dass ich nicht wecken wollte.“ Wieder sah Tom das Gesicht aus seinem Traum. „Das Gesicht kenne ich... aber woher nur?“ Er setzte sich an den Küchentisch und Linda servierte ihm eine beeindruckende Portion Ravioli. „Was ist mit dir, Tom. Hast du Schmerzen? Du bist so still“ „Ach nichts, Mama mir geht es gut“ sagte Tom nachdenklich. Er hatte selbst keine Ahnung was mit ihm los war, aber er spürte deutlich das ein schreckliches Ereignis seine Schatten voraus warf.
Er aß ohne Appetit. Linda sah Tom besorgt an und begann sich nun ernsthaft Sorgen zu machen. „Junge, was ist mit Dir? Hast du etwas angestellt und jetzt Angst darüber zu sprechen...?“ „Nein, Mama ist alles Okay. Ich weiß auch nicht was los ist. Ich gehe spielen.“ Tom wollte Ruhe haben. In seinem Kopf lief alles durcheinander. Wie gerne hätte er seiner Mutter von Sirhan erzählt. Aber er traute sich nicht.
Tom griff sich sein kleines Transistorradio, und wandte sich zum gehen. „Bleib nicht so lange weg, Tom, es wird um 21.00 Uhr schon dunkel!“ „Alles klar, Mama! Komm, Pascha wir gehen in den Wald!“ Pascha ließ sich das nicht zweimal sagen. Laut bellend raste er die Treppe runter und wartete vor der Haustür, wild mit dem Schwanz wedelnd, auf Tom. Auch Pascha spürte dass sein Tom nicht in Ordnung war. Er hielt sich dicht bei ihm und gehorchte aufs Wort.
Tom verließ das Haus, schaute sich um und erneut fiel ihm auf wie schön es hier war. Tom liebte Bäume und davon gab es hier viele. Apfel, Kirsche, Sauerkirsche, Mirabelle, Pfirsich und Birnbäume. Und am alten Weg, nur 50 Meter entfernt, stand die alte Weide in deren Krone sich Tom und Wolli ein kleines Baumhaus eingerichtet hatten. Es roch intensiv nach frischem Heu, die Bauern hatten die Wiesen frisch gemäht. Tief sog Tom den Geruch des Heus durch die Nase ein. „Autsch! Pascha ist ja gut, wir gehen ja schon!“ Pascha hatte sich in Toms linken Schuh verbissen und knurrte verspielt. Paschas ganz spezielle Aufforderung an Tom, endlich los zu marschieren.
Er hatte sich vorgenommen in den Wald zu gehen. Dort hoffte er die Ruhe und Geborgenheit zu finden die er jetzt brauchte. Er wollte auf seine Lieblingstanne steigen und sich den Wind durch die Haare fahren lassen. Die Einsamkeit, dort oben in der höchsten Spitze des Baumes, würde seine Gedanken klären. Dass hoffte er jedenfalls. „Na, Pascha alles klar?“ „Wuff!“ „Na dann los!“ Die beiden machten sich auf den Weg. Ein Weg von ungefähr zwei Kilometern. Tom beeilte sich den kleinen Hügel hoch zu gehen und konnte schon fünf Minuten später den Wald sehen. Hier bot sich eine tolle Sicht. Ein sanftes Tal lag nun vor Ihm, auf dessen gegenüber liegenden Seite der Wald lag. Weit hinten am Horizont konnte er die höchste Erhebung des Hunsrücks, den Erbeskopf, erkennen.
Bis zum Wald hatte er noch ein gutes Stück zu gehen und um sich die Zeit, während des Marsches zu vertreiben, schaltete er sein kleines Radio ein. „... are you trying, to blow my mind. One way wind, one way wind is this all that I hope to find?“ Als Tom dieses Lied hörte, musste er anfangen zu weinen. Tom konnte nicht sehr gut Englisch aber er verstand sofort, was dieser Text für ihn bedeutete. Tom beschleunigte seine Schritte und ging immer schneller. Dieses Lied trieb ihn an.
Einen Schritt vor den anderen, immer schneller und schneller ging Tom. Noch schneller. Schließlich rannte Tom so schnell er konnte. Er sah und hörte nichts mehr -, nur dieses Lied das aus seinem kleinen Radio klang. „One way wind...“ Pascha spürte Toms plötzliche Veränderung und hielt sich ganz dicht bei Tom. Sichernd schaute er sich um und begann leise zu knurren. Auf eine geheimnisvolle Art und Weise, verstand Pascha was in Tom vorging. Tom weinte - dicke Tränen liefen an seinen Wangen hinunter. Er schluchzte ohne Hemmungen. Er fühlte sich einsam und allein. Dennoch spürte er tief in seiner Seele, eine starke Kraft aufsteigen. Eine Kraft, die wild und gefährlich war. Eine unbekannte Macht bereitete sich darauf vor, hervorzubrechen.

II/III




©2014 by Larry-Palmer. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

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