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Die nervige Rolltreppe des Glücks - von Roland, 11.07.2012
Die nervige Rolltreppe des Glücks.

Langeweile ist eine Krankheit der Selbstverliebten. Ich bin wohl die egozentrischste, narzisstischste Person auf der ganzen Welt und werde mit Sicherheit irgendwann an dieser Krankheit sterben. Lebensmüdigkeit ist eine Akzidenzie der Arroganz und ich bin furchtbar lebensmüde. Diejenigen, die sich andauernd nach dem Sinn für dies oder jenes fragen, obwohl sie wissen was der Sinn für dies oder jenes ist, sind zum Untergang geweiht. Ich gehe unter, schon so lange. Ich glaube ich sehe bereits den sterilen Boden des Seins auf dem ich aufschlagen werde. Doch ich falle nicht allein. Ich bin ein Terrorist. Ein Selbstmordattentäter. Ich nehme euch alle mit. Ihr alle, die ihr mich liebt. Meine Freunde, meine Geliebten, selbst meine Mutter. Sie wird am heftigsten aufschlagen. Sie wird neben mir liegen auf dem Boden der Kausalität und in mein totes Gesicht blicken. Sie wird weinen, sehr lange, sehr laut, sehr ehrlich. Ich werde lachen, sehr lange, sehr laut, hysterisch. Ich werde lachen, weil ich bereits unzählige Male auf dem sterilen Boden der unausweichlichen Logik lag und weinte und fragte. Alle antworteten, alle wussten wieso und ich auch. Langeweile, die mich auffrisst, Lebensmüdigkeit. Oh Gott, bin ich müde, körperlich müde, seelisch müde, verstandesmüde. Hoffentlich ist irgendwann richtig Schluss, vernünftig vorbei. Hoffentlich werden wir zum Nichts. Eine Hoffnung, eine ganz kleine, eine dumme. Ich werde vom sterilen Boden der Realität aufstehen, meine Knochen werden wieder zusammenwachsen, ein Paar Narben werden bleiben – nicht schlimm. Sie werden nur nach Außen gekehrt. Sind schon lange da, lange gespeichert auf der Festplatte meiner Phantasie. Ich werde mich aufrichten und zum Rand gehen. Ich werde hinunterschauen und bemerken, dass es weiter geht, und weiter und weiter und ich werde lächeln und vorwärtsschreiten um zu fallen, weiter zu fallen und meine Mutter springt hinterher. Sie springt hinterher. Sie kann nicht anders. Viele werden auf dem ersten Boden des Lebens bleiben. Sie werden sich aufrichten und die Wand hochklettern, langsam hochklettern, sich ständig umdrehend. Sie werden mich rufen, werden mir sagen, dass man doch immer noch klettern könne. Doch ich bin schon lange taub. Ich falle. Ich falle zusammen mit meiner Mutter, die still neben mir ist. Sie hält meine Hand. Sie Weint nicht mehr. Sie hofft, dass der nächste Boden, der letzte ist. Sie irrt sich. Der letzte ist weit. Ich sehne mich nach ihm. Ich suche ihn schon so lange. Neben mir fliegt ein Bier, ich trinke es, neben mir fliegt Brot, ich esse es, neben mir fliegt Geld, ich nehme es. Meine Mutter verdurstet, meine Mutter verhungert, meine Mutter verarmt. Ich falle satt. Die Langeweile überwältigt mich. Ich wünsche mir Gesellschaft. Ich schreie hoch. Ich erschrecke eine Geliebte und schon fällt sie wieder. Schon fällt sie wieder neben mir. Sie will, dass ich klettere. Ich wirble mit meinen Armen und Beinen in der Luft. Sie glaubt, ich versuche zu klettern. Ihr reicht das. Es ist genug für sie. Weil ich lache, weil singe, weil ich erzähle, dass alles gut wird. Ich lüge. Ich sollte sie klettern lassen, doch sie ist so schön im freien Fall. Wir alle sehen besser aus, wenn wir fallen. Fallen ist leicht. Wenn wir klettern, schwitzen wir, krächzten und stöhnen, scheißen uns andauernd voll, wir stinken. Wenn wir fallen, sind wir schön. Die Haare tanzen im Wind. Wir weinen gelegentlich wegen des Luftstroms, der ständig in unsere Augen bläst, doch die Augen kann man ja auch zumachen und weiter fallen. Man kann auch ans klettern denken, einfach daran denken. Wie einfach es wäre zu klettern und ohne sich anzustrengen Oben ankommen. Es gibt nur ein Oben, die sterile decke des Glücks. Sie gibt dir Ruhe. Sie ist gepflastert mit Häusern und Kindern, mit Gärten und Schaukelstühlen, mit Beförderungen und Renten, mit Enkelkindern und Urlaub, mir Rasenmähern und Bausparverträgen. Ich will nicht dahin. Oder doch? Es ist noch nicht zu spät. Ich müsste auch nicht klettern, denn neben mir fliegt die Rolltreppe des Glücks, die Rolltreppe der Ruhe. Ich müsste nur eine Weile stehen. Ich falle lieber. Stehen ist langweilig. Ich will, dass meine Mutter zur Treppe geht, doch sie sieht sie nicht. Die Treppe ist nur für mich, nur ich kann sie sehen. Nur für mich fällt von der Treppe Bier, Brot und Geld herunter. Sie lockt mich. Sie ist dumm. Ich trinke das Bier, ich esse das Brot und ich nehme das Geld, um betrunken, satt und reich weiterzufallen. Die Treppe flüstert. Sie flüstert mir zu. Sie kann nicht mehr schweigen. Sie erzählt mir vom Glück meiner Mutter, sie erzählt mir von der Ruhe meiner Mutter. Sie sagt, es wäre zwar gegen die Regeln, doch sie könnte sich meiner Mutter offenbaren. Ich müsste sie nur huckepack nehmen und zusammen könnten wir dann nach Oben fahren. Ich müsste nur eine Weile die Last meiner Mutter tragen, nur eine Weile Die Treppe sagt, dass sie, wenn ich das täte, sogar schneller fahren würde. Wieso verfolgt sie mich und wer hat sie gebaut, frage ich sie. Sie sei meine Zwillingsschwester, sagt sie. Sie sei mit mir zusammen auf die Welt gekommen. Sie fragt mich, wieso ich das vergessen habe, obwohl ich doch so lange als ein kleiner Junge auf ihr stand. Wieso ich vergessen habe, wie sie mich zur Pubertät fuhr. Wieso ich anfing herunterzulaufen, mich gegen sie zu wehren, als mein Verstand Pickel und Achselhaare bekam. Wir waren zu hoch, antworte ich. Ich konnte die Decke sehen und bekam Angst, furchtbare Angst vor dem Ende, Angst vor der Ruhe. Die Treppe verstummt. Sie versteht mich nicht. Sie fuhr mich damals zur Pubertät und ich sprang herunter.

Als ich vierzehn war, bemerkte ich, dass ich alles werden konnte. Alles und jedermann. Das frustrierte mich und ich blieb ich.



©2012 by Roland. Jegliche Wiedergabe, Vervielfaeltigung oder sonstige Nutzung, ganz oder teilweise, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Autors unzulaessig und rechtswidrig.

Kommentare


Von ichbinich365
Am 08.04.2014 um 12:35 Uhr

Der Text ist sehr düster, das ist nicht schlecht. Ich denke gerade dadurch transportierst er die Verzweiflung des Ich-Erzählers. Hin und wieder war es etwas wirr, etwas zu "schnell" und "hektisch", so habe ich es empfunden. An manchen Stellen habe ich nicht immer verstanden, was du ausdrücken wolltest. Für mich bleibt ein dunkles Gefühl zurück. Der fade Geschmack von Vorstadidylle, dem der abenteuerliche Reiz der Selbstverwirklichung gegenüber steht. Mir gefällt der Text.

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Es gibt 1 Kommentar


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